Warum Instagram für Fotografen „tot“ ist

In der guten alten Zeit des Internets hatte alles noch so gut angefangen. Das war vor vielen Jahren, in der „guten alten Zeit“

Idealistische Menschen (meist vom Typ des „Weltveränderers“) entdeckten das WWW und sahen darin eine Chance, dem allgemeinen Bewusstseinswandel näher zu kommen. Es sei nur an das 1994 erschienene Buch „Cyberia“ von Duoglas Rushkoff erinnert (link zum PDF). 
Die Lektüre lohnt sich übrigens auch heute noch, denn plötzlich erscheinen die Anfänge des WWW in einem geradezu romantisch-verklärten Schein. Aber es kam, was kommen musste: Die Wirtschaft erkannte den ungeheuren Wert der Onlinewelt und übernahm diese in der Folge. Anfangs in kleinen Schritten, schliesslich mit Siebenmeilenstiefeln. 

Gary Vayerchuk - als exemplarischer Vertreter eines Marktwirtschaftlers - hat es in einem seiner Talks geradezu perfekt auf den Punkt gebracht:

„When I first saw the internet I suddenly realized, sh*t I can make money with this thing“.

Die sozialen Medien haben - auch wenn sie erst viel später als das WWW in die Gänge kamen - dieselbe Entwicklung durchgemacht. Zum Beginn ging es um echte soziale Netzwerke (im Stil von „power to the people“) und die Neuigkeitenströme waren chronologisch. Dann kamen immer mehr Werbeanzeigen ins Spiel und schliesslich wurden die Algorithmen „optimiert“, sodass dem User nur noch die Nachrichten präsentiert wurden von denen das System annahm, sie würden ihn interessieren und ihm gefallen. Quasi nebenbei wurden über die Jahre riesige Datenmengen über die User angehäuft, aus denen sich mittlerweile fast alles über das jeweilige Individuum ableiten lässt. Das Beste an diesem Geschäftsmodell ist, dass die User sich aller dieser Daten freiwillig und völlig kostenlos begeben haben. Je tiefer man in dieser Materie gräbt, desto schauderhafter wird es.

Nun soll es hier ja um Instagram und Fotografen gehen. Instagram begann als eine spektakuläre Foto-Sharing-Plattform, der allerdings das zündende Geschäftsmodell gefehlt hatte. Nach der Übernahme durch das beinahe allmächtige Facebook wurde das von dort bewährte Geschäftsmodell dann schnell implementiert und Instagram dadurch aus künstlerischer Perspektive ruiniert.

Mit den vielen Werbeeinblendungen könnte man ja noch leben. Schliesslich muss eine Plattform ja irgendwie auch Geld verdienen. Seit Instagram aber im vergangenen Jahr seinen Algorithmus für die Anzeige der Postings im Stil von Facebook „optimiert“ hat, ist die Plattform was gute Fotografie angeht schlichtweg „tot“. Ich will hier nicht in alle Details eintauchen, sondern stattdessen auf einen echten Augenöffner hinweisen, der gerade bei Petapixel erschienen ist: 

„Instagram Created a Monster: A No B.S. Guide to What’s Really Going On“.

Hier berichtet endlich mal ein Fotograf der selbst auf die dunkle Seite der Macht geraten war um sichtbar zu bleiben, offen und ehrlich mit welchen Tricks mittlerweile gearbeitet wird um auf der Instagram-Erfolgskurve zu klettern. Und natürlich geht es dabei auch darum eine Menge Geld zu investieren, um „sichtbar“ zu bleiben.

Was ist die Alternative? Wer fotografiert möchte damit (hoffentlich) etwas zum Ausdruck bringen und seine Bilder deswegen auch zeigen. Dabei sollte die eigene „Hoheit“ erhalten bleiben. Ich möchte selbst entscheiden, was ich wann und wie zeige und möchte auch die Möglichkeit haben, wieder zu löschen. Diese Chance habe ich mittlerweile praktisch nur noch auf einer eigenem Webpräsenz und auf dem eigenen Blog. Hier schlägt kein Algorithmus zu der bestimmt, wer was zu sehen bekommt. Und ich habe auch die Möglichkeit, so lange Texte zu schreiben wie ich möchte.

Zusammenfasung: Wer relevant bleiben möchte, sollte das - aus künstlerischer Perspektive - sinkende Schiff der sozialen Medien verlassen und stattdessen unbedingt eine eigene Webpräsenz haben. Ich bin übrigens gerade dabei, meine Präsenz in den meisten sozialen Medien abzuwickeln.


PS: Wer guten Input zum Nachdenken sucht, der sei in diesem Zusammenhang auf CJ Chilvers hingewiesen.

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