Kompositorische Herausforderung vs. Chaos - Schritt für Schritt zum endgültigen Bild

Zugegeben, Fotos durch die Kabinenfenster eines Flugzeuges sind vermutlich eines der inflationärsten Motive überhaupt. Und es scheint auch ganz klar, warum das so ist: Was sollen denn über Stunden auf engem Raum „eingesperrte“ Menschen ohne WLAN oder Netzanbindung mit ihren smarten Mobiltelefonen tun?

Jedenfalls erliege auch ich immer wieder der Versuchung, durch das "Tor zur freien Welt da draussen" ein vernünftiges Bild zu machen. So vor einigen Tagen in Stockholm Arlanda nach dem Boarding und kurz vor dem Abflug gen Polarkreis. Aus organisatorischen Gründen dieses Mal mit SAS nach Skellefteå und nicht direkt nach Arvidsjaur.

Nach einem kurzen Smalltalk mit dem Sitznachbarn schweifte mein Blick in der proppenvollen Boing umher. Die Aussicht durch das "fliegende Bullauge" fing unbewusst meine Aufmerksamkeit. Da ging kompositorisch etwas vor sich. Viele Linien und schöne Formen; dazu noch reizvoller Fahrverkehr von Bodenfahrzeugen im Hintergrund. Aber irgendwie ein "Overkill" an Farben und Formen. Also habe ich etwas beobachtet, und kurz vor dem "Rolling back" einen Klick gemacht (und das Bild dann schnell wieder vergessen, um mich in eine interessante Diskussion mit dem schwedischen Sitznachbarn zu vertiefen).

Bei der Sichtung der Aufnahmen aus Stockholm ist mit das gute Stück dann wieder in die Hände gefallen.

Ein sehr gutes Beispielbild dafür, wie eine Aufnahme in der Nachbearbeitung "reift" durch Beschneiden ("Cropping") und Farbe vs. schwarz/weiss. Da mich immer wieder Fragen erreichen, möchte ich das anhand dieses Beispiels einmal Schritt für Schritt zeigen.

Warnung: Dieser Blogeintrag enthält viele Bilder.

Warnung 2: Bildwahrnehmung ist eine sehr subjektive Geschmacksfrage. Was mir gefällt, muss anderen überhaupt nicht gefallen. Es geht mir um den Ansatz und die Fragen, die zur subjektiv besten Version führen.

Beginnen wir mit der Originalaufnahme, wie sie aus dem iPhone kam.

original


Erste Überlegung: Ist die Wirkung des Bildes als schwarz/weiss Bild besser? Stören die Farben, indem sie von der Geometrie der Formen ablenken? Also wandeln wir das Bild (im Beispiel mit dem DXO FilmPack als Kodak T-Max 100 ohne Filmkörnung) in schwarz/weiss um.

original_s_w


Der untere Teil der Aufnahme profitiert, der obere Teil leidet. Denn die fahrbare Rampe in rot setzt einen interessanten Akzent und leitet den Blick des Betrachters.

Das ganze Bild ist aber überladen und Bilder im Hochformat gefallen mir generell nicht so gut (wahrscheinlich ein Relikt aus der Zeit, als ich viel für Zeitungen fotografiert habe). Ausserdem ist das Bild viel zu überladen und verwirrend. Einzelne Teile sind aber sehr reizvoll. Also werden wir das virtuelle Skalpell ansetzen, und nach dem besten Crop suchen.

crop_1_s_w


Gefällig, aber wie sieht es horizontal, bzw. vertikal gespiegelt aus?

crop_1_s_w_horz

Horizontal gespiegelt.

crop_1_s_w_horz_vert

Und zusätzlich noch vertikal. Diese Version gefällt mir nicht so gut. Der Favorit ist eindeutig die nur horizontal gespiegelte Version.

Dann hätten wir da noch die obere (vorhin weggeschnittene) Bildhälfte. Die sieht im Originalcrop so aus:

crop_2_color

Das Thema hier wäre „Ankommen und Abfliegen“. Auch hier wieder der Test mit schwarz/weiss:

crop_2_s_w

Schwer zu sagen, aber die rote Rampe setzt einen feinen Akzent. Hier wäre der Originalcrop mein klarer Favorit.