Das Jantelagen und die sozialistische Einheitssprunggrube

Manchmal ist ein einziges Bild, eine einzige Einstellung der Schlüssel zum Verständnis komplexer Geschehen und Handlungsabläufe. So geschehen bei einem abendlichen Spaziergang durch Malå diese Woche.

Zuerst aber etwas Hintergrund. Der Hintergrund besteht aus zwei Teilen, einem mehr soziologisch-psychologischen und einem regionalen Anteil.

In den skandinavischen Ländern gibt es ein kulturelles und soziologisches Kuriosum, das weitreichende Auswirkungen auf fast alle Bereiche der Gesellschaft hat. 

Das Phänomen hört auf den Namen „Jantelagen“ - „Das Gesetz von Jante“.

Es geht zurück auf einen Roman des dänischen Autors Aksel Sandemose. In „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ beschreibt der Autor  Sandemose das kleingeistige Milieu einer fiktiven dänischen Kleinstadt namens „Jante“. Die ungeschriebenen Gesetze von Jante setzen alle Einwohner einem unglaublichen Druck zur Gleichmacherei und  Anpassung aus. 

In den skandinavischen Ländern wird dieses soziologische Horrorszenario erstaunlicherweise ambivalent betrachtet. Es sei positiv, dass die Begrenzung des Individualismus zu Ordnung und Struktur führten. Andererseits beinhalten die sozialen Normen eine Eingrenzung und Unterdrückung der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten. 

Kurz: Das „Jantelagen“ ist die kodifizierte, typische „Selbstzügelung“, die auswärtige Besucher in Skandinavien sofort wahrnehmen (wenn sie denn nicht völlig abgestumpft sind). 

Das Gesetz von Jante besteht - wohl in Anlehnung an die biblischen Weisungen - aus folgenden 10 Geboten:

Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist.
Du sollst nicht glauben, dass du uns ebenbürtig bist.
Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.
Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du mehr wert bist als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
Du sollst nicht über uns lachen.
Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert.
Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

Auch in Schweden ist das mehr als überdeutlich. Alle sind an der Oberfläche und nach aussen hin äusserst nett zueinander, auch wenn sie sich eigentlich lieber gegenseitig an die Gurgel gehen würden. Alle wirken nach aussen hin selbstlos und bescheiden. 

Der „Erfolg der Gemeinschaft und des Kollektivs“ stehen nach aussen hin im Vordergrund (weswegen in Schweden auch über Jahrzehnte sozialdemokratische [besser: sozialistische] Regierungen regiert haben). 

Das Jantelagen ist auch Grund für die mitunter verzweifelte Suche nach einem Konsens mit dem alle leben können (welcher dann aber inhaltlich in der Regel nichts mehr wert ist). Echte inhaltliche Werte, die Entscheidungsprozessen Richtung geben würden und könnten, sind sehr selten. Und wer solche Werte hat, traut sich nicht, diese zu äussern oder offen zu zeigen (sic).

Im Innern sind die Menschen in Schweden und den anderen skandinavischen Ländern aber genau so wie alle anderen menschlichen Lebewesen: 

Egoistisch und auf den eigenen Vorteil bedacht. 

Aber im „kuscheligen gesellschaftlichen Miteinander“ darf das eben nicht gezeigt werden. Aus psychologischer Sicht sind die Folgen klar: 

Resignation, ja Depression, Verlust des Selbstwertgefühls und im schlimmsten Fall zur ernsten Autoaggressionen machen sich im einzelnen Menschen breit und nehmen Raum ein. Es ist kein Wunder, dass Alkoholismus und andere Abhängigkeitsprobleme in den skandinavischen Ländern weite Verbreitung haben. 

Soweit der soziologisch-psychologische Hintergrund. 

Teil zwei der Hintergrundinformation ist regionaler und politischer Natur.

Bei einem Spaziergang durch Malå vergangene Woche standen Frau Lapplandblog und ich plötzlich wie elektrisiert vor einem Bauwerk. Ein Bauwerk, das auf einer Methode basiert, die beileibe nicht besonders ist und wahrscheinlich in allen europäischen Ländern vorkommt. Jedenfalls ist mir das hier zu schildernde Geschehnis aus verschiedenen kleineren und grösseren Gemeinden und Städten in Deutschland von den Grundlagen her nur zu gut vertraut. Das ist zwar schon einige lange Jahre her, aber in der Sache dürfte sich da nichts geändert haben.

Politische Parteien und Fraktionen sind stets auf Machterhalt bedacht (worum sollte es denn sonst auch in die Politik gehen?). Was bietet sich Besseres an, als den Bürgerinnen und Bürgern nette Geschenke zu machen um diese davon zu überzeugen, dass sie „richtig“ gewählt haben (uns das bitte auch zukünftig tun mögen)? 

Ein besonders attraktives Feld für diese Art von - nennen wir es einmal - Bestechung ist der sog. Breitensport. Gegen Ende einer Mandatsperiode und in zeitlicher Nähe zu Wahlterminen werden da gerne einmal, als Beispiel, neue Sportplätze gebaut. Dass es derer schon mehrere gibt, ist dabei völlig belanglos. Sportanlagen verkaufen sich in der öffentlichen Meinung immer gut und sind zudem über die Aspekte der Gesundheitsförderung und der Förderung des sozialen Zusammenhalts im Verein stets "trendy" zu rechtfertigen. 

Kratzt man etwas an der Oberfläche - ohne dem Ding gleich ganz auf den Grund zu gehen - wird noch ein weiterer sehr netter Nebeneffekt sichtbar. Auf den „alten“ Sportplätzen dürfen sich nach der Einweihung des Neubaus die „schlechteren“ Spieler (oder gar nicht dem Verein zugehörige Kinder und Jugendliche) vergnügen. 

Strukturen und Hierarchien werden modelliert und perpetuiert.

Zurück nach Malå und zur sozialistischen Einheitssprunggrube. 

In Malå regieren die Sozialdemokraten. Deswegen darf sich Malå auch mit dem schmucken Titel „arbetarkommun“ („Werktätigenkommun““) schmücken. Die letzten Wahlen waren heiss umkämpft (so heiss, wie es für schwedische Verhältnisse eben sein darf). Was lag da also näher, als nach der Wahl ein neues Sportfeld zu bauen und mit viel Pomp und Getöse einzuweihen (bislang gab es schliesslich nur zwei solche Plätze). Sogar für einen richtigen Kunstrasen (ob beheizt, ist uns unbekannt) hat die Finanzierung ausgereicht. 

Alles für den Breitensport, denn der ist wichtig bei den Sozialdemokraten in Malå. 

Eigenartigerweise fehlen Sitz- und Tribünenplätze rund um den Platz. Vielleicht wurde bei den Planungen ja erst gar nicht mit dem späteren Interesse der Allgemeinheit gerechnet? Oder ist das gar eine Folge des Jantelagen, denn den Sportlern soll doch keine Gelegenheit gegeben werden, sich etwa in ihrem Erfolg zu suhlen. 

Neben dem Kunstrasenplatz gibt es sogar eine kurze Aschenbahn (für eine Bahn, die rund um den Platz geht haben die baulichen Gegebenheiten und / oder das Geld nicht gereicht). Die Aschenbahn ist genau genommen keine Aschenbahn, ist doch auch sie mit Kunstbelag versehen. Und am Ende der Aschenbahn gibt es einen kleineren Abschnitt mit einer Sprunggrube für den Weitsprung. 

Ein eigentlich unwichtiges sportliches Detail. 

Wir sahen in die Grube, dann sahen Frau Lapplandblog und ich uns an, und dachten spontan dasselbe. Normalerweise entspricht die Tiefe der Spuren in der Sandgrube ziemlich genau einer Gaußschen Normalverteilung. 

Einige wenige Sportler springen nicht so weit, die Mehrheit der Springer landet in der Mitte und einige wenige zeigen eine herausragende Sprungleistung und landen ganz weit weg vom Begrenzungsbalken.

Nicht so in Malå. 

Allem Anschein nach sind fast 100% der Springer in exakt derselben Vertiefung gelandet. Die Kuhle glich an dieser Stelle mehr einem Krater. Kaum zu glauben, aber der Jantelagen schlägt auch im Sport voll durch. Deswegen haben wir die Sandgrube feierlich auf den Namen „sozialistische Einheitssprunggrube“ getauft. 

Oft sind es die scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten, welche die tiefen soziologischen und psychologischen Aspekte einer Gesellschaft zum Vorschein bringen.

Die „sozialistische Einheitssprunggrube“ in Malå
Die „sozialistische Einheitssprunggrube“ in Malå