Jahresrückblick und Ausblick aus Lappland - Willkommen in der Zukunft

In unserer Jugend haben wir Filme wie Mad Max, Die Klapperschlange und Terminator geschaut. Allesamt in den 80ern gedreht und mit einem Ausblick auf eine düstere Zukunft irgendwann um die Jahrtausendwende.

Die Klassiker "Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley und „1984“ von George Orwell durften wir sogar schon in der Schulzeit studieren.

Tja, und im zurückliegenden Jahr hat sich die Erkenntnis verfestigt, dass sich die grössten Anteile dieser düsteren Zukunftsvisionen aus dem vorigen Jahrtausend mittlerweile verwirklicht haben. Nicht die plakativen Szenen, sondern die Schilderung von Chaos, Anarchie und verkommenen, maroden und abgewirtschafteten Systemen.

Lappland ist ja ein bisschen wie Ostfriesland. Vielleicht erinnern sich Teile der Leserschaft noch an den alten Witz:

„Was würden Sie tun, wenn plötzlich die Welt untergehen würde?
Schnell nach Ostfriesland umziehen, denn da geschieht alles immer erst 50 Jahre später.“


Auch hier unterm Polarkreis haben wir manchmal diesen Eindruck. Die Kleidermode z. B. befindet sich gerade im Umbruch von den 70ern zu den 80ern Jahren. Gleiches gilt für die Technikgläubigkeit (im Sinne einer Abwendung vom Glauben), die Umweltzerstörung und die angewendeten Management-Methoden.

Hat ja auch seine gute Seiten, denn oft denken wir einfach nur „Aha“ und erinnern uns, wie wir das aus früheren Zeiten schon so kennen. Andererseits ist das gleichzeitig auch ziemlich bedrückend, denn wir wissen ja, wo es mit grösster Wahrscheinlichkeit hinführen wird. Ein anderer Auswanderer hat die Region Lappland neulich als ein „grosses lebendes Museum“ bezeichnet.

Aber die globalen Trends (siehe Einleitung) erstrecken sich auch bis nach Nordschweden. Durch den Abstand zur pulsierenden Gesellschaft in den südlicher gelegenen Ballungszentren, nehmen wir sie - wie systemfremde Beobachter - vielleicht einfach nur viel deutlicher wahr. In diesem Sinne ist der Rückblick auf das vergangene Jahr sehr von dem Eindruck „Willkommen in der - bereits bekannten - Zukunft geprägt“.

In der näheren Umwelt erleben wir Mittelkürzungen allerorten. Die Finanzierung der öffentlichen Hand ist nicht mehr ausreichend vorhanden und das was noch da ist, wird für die falschen Sachen ausgegeben. Die Kommunen legen einen Bereich nach dem anderen still. Das Gesundheitssystem befindet sich in einer Dauerkrise, die Zustände in Alten- und Pflegeheimen sind katastrophal. Und in diesem Jahr hat das „grosse Sparen“ auch bei den Schulen angefangen. Die Verwaltungen werden „durchdigitalisiert“, was a) nicht funktioniert und b) zur weiteren völligen zwischenmenschlichen Erkaltung führt.

Bodenschätze und Rohstoffe werden weiter und in zunehmendem Umfang weiter rücksichtslos ausgebeutet.

Für „Otto-Normalverbraucher“ wird es immer schwerer, einen - wenn auch kleinen - Raum der „Normalität“ zu bewahren, denn die Tentakel einer gefühlten und erlebten Krake dringen bereits in fast alle Lebensbereiche vor.

Kurz: Nach altbewährtem - und uns bekanntem (siehe oben) Schema - wird bei denen gespart, die sich nur am schwersten wehren können oder die bei der nächsten Wahl noch nicht oder nicht mehr werden mitwählen können. Die Solidarisierung in der Bevölkerung und der Gesellschaft werden verhindert, wie und wo es nur geht.

Tipp: Wer immer sich mit dem Gedanken ans Auswandern nach Nordschweden (oder irgendwo anders hin) trägt, möge bitte die rosarote Brille abnehmen und der Realität ins Auge sehen.

Beispiel gefällig?

Wenn du einen Hund oder Katze deinen Mitbewohner nennst und das Tier erkrankt, so konsultierst du einen Veterinär. Dieser "heilt" dein Tier und du weisst, schon beim Kauf des Tieres, dass solch eine Situation auf dich zukommen kann. Du hälst somit die finanziellen Mittel bereit. Zumindest teilweise.

Hier in Schweden wird der Tierarzt aufgesucht, wenn du kein Geld für die Therapie hast. Der Arzt ist nicht mehr der Helfer gegen die Krankheit des Tieres, damit Mensch und Tier noch weiterhin gemeinsam den Lebensweg beschreiten können, sondern wird zum "Erlöser" - für den Geldbeutel des Menschen.

Denn zu 99% ist eine Behandlung zwar machbar, aber der Tierbesitzer nicht einsichtig genug. Für ihn muss ein Tier gesund sein („funktionieren“). Erfüllt es diese Forderung nicht, wird es eingeschläfert. Für diesen Akt hat der Halter das Geld - für ein paar Tabletten oder Spritzen, die dem Tier wieder ins Leben helfen, nicht.

Funktionalität auf allen Ebenen ist gefordert! Na! Immer noch rosarot blickend?

Möglicherweise ist das alles aber nicht nur eine Zustandsbeschreibung Nordschwedens, sondern eine Zustandsbeschreibung der gesamten zivilisierten Welt.

Auf der persönlichen Seite gab es im abgelaufenen Jahr bei uns durchaus auch einige schöne und auferbauende Geschehnisse. Unsere Freunde wissen, wovon ich schreibe, und ich muss das hier gar nicht weiter ausbreiten.

Zusammenfassend war das Jahr 2019 eigentlich „wie zu erwarten“, wenngleich zum Jahresbeginn die Hoffnung bestanden hatte, die negativen Entwicklungen könnten teilweise sich wenden, oder sich zumindest verlangsamen.

Aber - wie heisst es so schön - die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, also hoffen und wünschen wir uns für 2020, dass sich die Entwicklungen teilweise wenden, oder zumindest verlangsamen.

Kommt alle gut in das neue Jahr!

Digitales Feuerwerk in Lappland zum Jahreswechsel 2019-2020
Bitte, bitte: Ein rein digitales Feuerwerk reicht völlig!
Lasst den Quatsch mit Raketen und Böllern: Denkt an die Tiere!
(Und wenn Euch das egal ist, dann denkt insoweit meinetwegen ans Klima...)
Aber lasst das Feuerwerk bleiben!