Der Fotograf und die Kunst des Wartens: Kairos - der "Decisive Moment" in der Zeit

Der Fotograf und die Kunst des Wartens: Kairos - der "Decisive Moment" in der Zeit

Ein Plädoyer

Alles kommt zu dem, der warten kann...

- Chilenisches Sprichwort -

Mit zunehmendem Alter stellt sich Geduld ein. Wie habe ich es in jungen Jahren gehasst, diesen Satz  zu hören. Mittlerweile hat mich ein Stück der Weisheit wohl selbst erwischt: Vergangene Woche habe ich ein Bild aufgenommen, auf das ich geschlagene vier Jahre gewartet habe. Ein guter Anlass, einige Gedanken über die Kunst des Wartens in der Fotografie aufzuschreiben.


Lange genug warten können, ist das Geheimnis jeden Erfolges...
Nicht zu lange warten, das andere...

- Rainer Haak -

Ich höre innerlich schon das "Ja, aber...". Und um es zu Beginn schon klar und deutlich zu sagen: Das Warten ist - zumindest in der Fotografie -  nicht immer eine Tugend. Manchmal zählen Schnelligkeit und Intuition. Etwa bei Reportagen über Unglücksfälle. In der überwiegenden Zahl der Fälle aber, zahlt sich das Warten aus.

Führen wir also keine Scheindiskussionen um den heissen Brei, sondern kommen wir zur Sache. Das eigentlich schockierende in Sachen Warten liegt für mich darin, dass es in Diskussionen und Workshops häufig gar nicht vorkommt. Fotografen sind bekanntlich viel lieber technikverliebt und lesen gerne Rezensionen über die neuesten technischen Errungenschaften. Der mehr "philosophische" Teil des Handwerks und der Kunst ist viel weniger beliebt.


Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann.

- Leo N. Tolstoi -

Dann gibt es da auch noch die gelegentlich geäusserte Ansicht, man solle vorsorglich immer mal auf den Auslöser drücken (habe ich sinngemäss so kürzlich beim allseits bekannten und hass-geliebten Ken gelesen). Aus Sorge um das gute Motiv. Denn schliesslich sei es ja durchaus möglich, dass das perfekte Motiv verschwindet oder sich unwiederbringlich verändert, bevor das Licht und die Umstände stimmig und passend sind.

So eine Phase habe ich auch durchlaufen, und die hausinterne Bildbank mit allerlei unterdurchschnittlichen Bildern gefüttert. Beim Scouting, der Suche nach guten Motiven, hat das seine Berechtigung. Woanders indes nicht. Vom Motiv des bereits erwähnten "4-Jahres-Bildes" hatte ich so etwa 50 verschiedenen Variationen aus 4 Jahren auf der Festplatte. Das hat mir geholfen, die innere Visualisierung der idealen Bedingungen zu verfeinern. Nachdem aber die endgültige Version im Kasten war, ist der Ordner mit den Scouting-Bildern in den Papierkorb und ins Daten-Nirvana gewandert.

Ich höre den Einwand: Was wäre geschehen, wenn die bezaubernde kleine Scheune in der Zwischenzeit abgebrannt wäre? Klare Ansage: Pech gehabt. In diesem Falle wären die Scouting-Bilder ebenfalls in den Papierkorb gewandert. Hätte mich das frustriert? Ganz gewiss, aber das ist ein Teil des Lebens. Was uns zum wichtigsten Punkt führt.


Alles Warten ist Warten auf den Tod.
- Franz Werfel -

Worin liegt eigentlich die Kraft des Wartens? Ich denke, Franz Werfel bringt es in seinem Zitat auf den Punkt. Im Lichte des Wartens, enthüllt sich die Bedeutung des zum Bild werdenden Motives. Denn erst in der existenzialistischen Spannung auf ein Ende oder das Ende hin, beginnen Menschen und Dinge ihr wahres Sein zu offenbaren.


Am Schluss ist das Leben nur eine Summe aus wenigen Stunden, auf die man zulebte. Sie sind; alles andere ist nur ein langes Warten gewesen.
- Erhart Kästner -

Im Altgriechischen gibt es zwei Begriffe für die Zeit: "Chronos" und "Kairos". "Chronos" ist der Begriff für die permanent vergehende Zeit (daher der Begriff der Chronologie). "Kairos" hingegen meint den "richtigen Zeitpunkt".

Die Frucht des Wartens liegt demnach im Kairos, dem Zeitpunkt, in dem alles "perfekt zusammen läuft".

Fotografisch gesprochen: Der Kairos ist  der "Decisive Moment" der Zeit, die Gunst der Stunde, der besondere, entscheidende und kritische Augenblick.

Und danach streben wir, oder?  Auch wenn es dauert.

Der Fotograf und die Kunst des Wartens: Kairos - der
„Fenster mit Aussicht - Die Kunst des Wartens“