Trendforschung und ein persönliches Aha-Erlebnis

Fotografische Trendforschung und ein persönliches Aha-Erlebnis

Eine Bestandsaufnahme, Fragen und Schlussfolgerungen

Ich bin schwerpunktmässig in Sachen Tourismus-, Reportage- und Travel-Fotografie in Lappland tätig. Die Tourismusbranche ist sehr kurzlebig und ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Konzepten. Immer besser, immer schöner und - vor allem - immer spektakulärer muss es sein. Up-to-date zu sein, ist also ein "Muss". Dazu ist Stockholm mein ganz persönlicher Tourismus-Barometer. Deswegen bin ich üblicherweise mehrere Male im Jahr dort um Kontakte zu pflegen, und aktuelle Trends und Entwicklungen zu verfolgen.

So war diese Woche wieder einmal Stockholm angesagt. Den touristischen Teil lasse ich hier einmal weg, aber die aktuellen Fototrends waren überdeutlich.

Vorab ein Disclaimer: Die Fakten, die ich nun schildere, sind meine eigene Wahrnehmung und die Prozentsätze sind mit Strichlisten an verschiedenen touristischen Brennpunkten in Stockholm von mir ermittelt worden. Ich nehme nicht in Anspruch, dass es sich um hundertprozentig repräsentative und statistisch belastbare Ziffern handelt, doch die Trends sind sehr deutlich und die Schlussfolgerungen mehr als naheliegend. Jetzt aber Butter bei die Fische.

Der klassische Tourist hat immer eine Kamera dabei. Ich rechne dabei mit (mindestens) einer Kamera "pro Familie". Familie kann sein ein (verheiratetes oder unverheiratetes) Paar oder eine grössere Familie mit Kindern.

Noch im vergangenen Jahr hat es sich überwiegend um Kompaktkameras aller möglicher Marken gehandelt. Dieses Jahr ist der Trend zu "grösseren Kameras" evident. Meine aktuelle Zählung in Stockholm diese Woche hat folgende Werte ergeben:

- ca. 50% der Kameras waren DSLRs;
- ca. 10% der Kameras waren spiegellose Systemkameras;
- ca. 40% der Kameras waren Kompaktkameras.

Von den DSLRs waren

- ca. 70% Einsteigergehäuse;
- ca. 20% "Prosumer"-Gehäuse;
- ca. 10% Profigehäuse.

Übrigens: Immerhin eine gute alte Analogkamera wurde gesichtet :)

Auch das touristische Fotoverhalten hat sich verändert. Früher, d.h. als noch mehr Touristen mit Kompaktkameras unterwegs waren, wurde weniger fotografiert (von den analogen Zeiten, als Filme noch richtig Geld gekostet haben, reden wir jetzt gar nicht). Die Nutzer von DSLRs und spiegellosen Kameras "knipsen" deutlich mehr. Selbst bei "einfachen Szenen", wie z. B. der Wachparade vor dem Königspalast hat sich die Szenerie - will sagen: das Kameragewitter - angehört, als ob ein Superstar über den Roten Teppich gehen würde. Mir wurde geradezu schummerig. Schwer zu sagen, wie viele zigtausend Bilder von Touristen während der Saison in Stockholm täglich geknipst werden. Das anfallende Datenvolumen ist unvorstellbar.

Zum Spass habe ich in Foto- und Elektronikgeschäften vor Ort nachgefragt und dort die Bestätigung erhalten: Nach Aussagen der Verkäufer hat sich der Verkauf von Speicherkarten an Touristen im Laufe der letzten Jahre vervielfacht.

Ich kann mir beim besten Willen partout nicht vorstellen, dass alle diese Millionen Bilder katalogisiert, archiviert oder gar ausgedruckt werden (an zeitintensive Nachbearbeitung will ich erst gar nicht denken).

Auch die Betrachtbarkeit "auf der Kamera" unterscheidet sich bei DSLRs und spiegellosen Systemkameras von der bei Kompaktkameras: Letztere werden gerne einmal herumgereicht, um die Bilder vom letzten Urlaub oder der besuchten Hochzeit herum zu zeigen. Bei einer grösseren und sperrigeren Kamera dürfte das nicht ohne weiteres so der Fall sein.

Anders herum gesagt: Es wird nicht mehr "gesehen", "wahrgenommen" und "erlebt", sondern schlicht "drauflosgeknipst". Der unbewusste Hintergedanke dabei ist wohl "Hauptsache geknipst", denn dann kann ja alles später noch "in Ruhe" betrachtet werden.

"Es kostet ja nichts, lieber einige Bilder zu viel zu machen", wie ein deutscher Tourist mir auf meine Nachfrage zu seinem Fotoverhalten wörtlich sagte.

Dazu kommt dann noch der Trend der mobilen Fotografie. Smartphones sind allgegenwärtig. Ohne Strichliste gezählt, wandeln in Stockholm ca. 50% der Menschen (Touristen wie Einheimische) mit einem iPhone umher; ca. 35% mit einem Androiden. Einige wenige (bedauernswerte) Menschen scheinen bislang (noch?) nicht im Besitz dieser technischen Errungenschaft zu sein.

Die Wortwahl "wandeln" ist übrigens mit Absicht gewählt. Früher einmal gingen Menschen umher und haben um sich geschaut. Manchmal haben sich sogar spontane Unterhaltungen ergeben. Heutzutage ist das nicht mehr der Fall. Die Mehrzahl der Menschen geht über das Smartphone gebeugt umher. Da werden Emails und SMS geschrieben, oder die lieben Tierchen im virtuellen "Pet Shop" gepflegt und gefüttert. ES IST NICHT AUSZUHALTEN! (oder vielleicht werde ich auch nur alt...).

Ja, und geknipst wird mit den Smartphones natürlich auch. In rauhen Mengen und im Snapshot-Party-Stil (und die Bilder landen in der überwiegenden Mehrzahl höchstwahrscheinlich direkt auf Facebook & Co.)

Hand aufs Herz: Ich bekenne mich auch schuldig, knipse ich doch auch ab und an mit dem iPhone. Ja, ich habe auch schon iPhone-Aufnahmen an Kunden verkauft und die Kunden waren sogar sehr zufrieden. Denn das Mobiltelefon ist fast immer zur Hand und bei Reportagen oft deutlich unverfänglicher als eine grössere Kamera. Denn wer hat schon etwas gegen ein Bild mit einem Mobiltelefon einzuwenden? Aber zurück zum Thema.

Was folgt aus alle dem?

- Weite Teile der klassischen Tourismusfotografie sind "tot". Vieles von dem, was vor 20 Jahren noch im "Merian" zu sehen war, gibt es heutzutage zehntausendfach auf Festplatten. Das haut keinen mehr vom Sockel.

- Die kreative Tourismusfotografie boomt nach wie vor. Denn Reiseanbieter, Agenturen und all die anderen Kunden im Bereich Tourismus wollen (jetzt erst recht) ihre Destinationen "bezaubernd" fotografiert wissen. Auf eine Art und Weise, die sich von den Knipsebildern der Touristen selbst deutlich abhebt. Schlüssige Konzepte und Storytelling stehen hoch im Kurs.

- Die klassischen "Hotel-", "Flugzeugaussteige-" und "Partyfotografen" werden überleben. Denn sie bieten Papierbilder an. Und die haben einen unschlagbaren Vorteil gegenüber den virtuellen Snapshots für Facebook. Tangibilität schlägt, denn Papierbilder sind anfassbar und vermitteln dadurch einen Wert in sich (in dieser Fallgruppe meistens völlig unabhängig von der fotografischen Qualität).

- Schliesslich, und auch wenn es mittlerweile schon beinahe "ausgeleiert" klingt:

Anders sein ist definitiv besser, als nur den allgegenwärtigen Mainstream perfektionieren zu wollen. Letzteres sieht sich grosser Konkurrenz ausgesetzt. Ersteres ist unnachahmlich, wenn es authentisch geschieht.


Mein Aha-Erlebnis dazu war ein Graffiti, das ich am letzten Tag in Stockholm auf dem Weg zu einem Termin im Vorbeigehen aus dem Augenwinkel entdeckt habe. Irgendein Sprayer hatte auf einer Baustellenwand den Satz "FIND YOUR OWN WAY" verewigt. Weil gerade in Eile, habe ich auf dem Absatz kehrt gemacht und zum iPhone gegriffen. Später habe ich realisiert, dass das quasi die Bestätigung der Antwort auf meine Fragen und Überlegungen war.

Die Sprayerei mit dem tiefen Wahrheitsgehalt hat mir übrigens so gut gefallen, dass ich das Bild auch gerade zum Startbild auf meiner Homepage erhoben habe :-)

Find your own way
„Writing on the wall - Graffiti aus Stockholm“