On the streets of Arvidsjaur, der Kungsleden und ein starkes Team

Neulich in Arvidsjaur.

Ein schneller Einkauf zur Mittagszeit. Da springt mir schon aus dem Auto heraus ein flauschiger weisser Schneeball ins Auge, sprich ein Samojede. Ein schöner Anblick. Auf dem Weg vom Parkplatz zum ICA (Supermarkt) führt mich der Weg an Hund und Herrchen vorbei und ich beginne ein lockeres Gespräch. Das sichtlich zusammengeschweisste Team aus Hund und Halter kommt gerade von Ammarnäs zurück. Dort liegt der südlichste Teil des Kungsleden.

Der Kungsleden ist eine der wohl bekanntesten Wanderrouten der Welt und führt über 450 Kilometer von Hemavan nach Abisko. Das Problem unseres Teams war nur, dass auf dem Kungsleden vor zwei Wochen noch ein guter Meter Schnee lag, was das Aus für den Beginn der geplanten Tour bedeutet hat. Also mussten Sie zuerst einmal zurück zu Bekannten nach Piteå um dort einige Wochen abzuwarten, bis der Kungsleden schneefrei ist. Alle Reisen selbstverständlich mit dem Bus.

Als ich mich nach dem Ziel der geplanten Wanderung erkundigte, kam ich des Pudels Kern (falsche Metapher, ich weiss) langsam näher. Es gehe darum zu entspannen und in aller Ruhe einige neue Songs zu schreiben. Langsam dämmerte es mir, um wen es sich bei dem Gesprächspartner handelte. Sagen wir es so: Ein schwedischer Musiker und Nachwuchssongwriter, der wohl eine grosse Zukunft vor sich hat. Mehr verrate ich nicht; der geneigte Leser mag selbst recherchieren :)

Besonders fasziniert hat mich an der Begegnung die innige Beziehung von Mensch und Hund. Ein eingespieltes Team, in dem sich beide aufeinander verlassen können.

Dass mir der Hund das Liebste sei, sagst du, o Mensch, sei Sünde? Der Hund blieb mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.


Franz von Assisi


on_the_streets_of_arvidsjaur
Ein starkes Team

Midsommar und so

„Gut gebrüllt, Löwe!“


Shakespeare, Ein Sommernachtstraum, 1. Szene des 5. Akts

Über Midsommar („Mittsommer“, „Fest zur Sommersonnenwende“) haben wir hier im Blog schon verschiedentlich berichtet (z. B. hier und hier).

Die Sommersonnenwende nach dem Sonnenjahr war dieses Jahr am 21. Juni, 6 Uhr 24.

Hier in Schweden wird Midsommar kalendarisch an dem Freitag („Midsommarafton“) und Samstag („Midsommardagen“), die in den Zeitraum vom 19. bis 25. Juni fallen, begangen.

Heute ist es dann also wieder einmal soweit. Die Städte und Dörfer sind wie ausgestorben. Schweden ist kollektiv in den Sommerstugas oder mit dem Wohnwagen unterwegs um - meist sehr feucht-fröhlich, zu feiern.

Es ist bezeichnend, dass das schwedische Systembolaget seinen umsatzstärksten Tag am Donnerstag vor dem Midsommarafton hat. Nach aktuellen Daten kaufen 1,2 Millionen Schweden an diesem Tag alkoholhaltige Getränke für die Mittsommerfeiern ein. Der Anteil an Hochprozentigem am Umsatz ist an diesem Tag ebenfalls am grössten. Die Statistik für 2016 spricht von satten 150.000 Litern (Quelle: svt nyheter vom 22. Juni 2017)

Dieses Jahr gibt es mit Midsommar aber ein kleines Poblem. Es hört auf den Namen „Wetter“. In der zurückliegenden Woche sanken die Nachttemperaturen in Norrland auf knapp über dem Gefrierpunkt. Heute am Midsommarafton war das Wetter noch erträglich (bewölkt, 13 Grad). Am Samstag und am Sonntag sollen die Tageshöchsttemperaturen aber nur um die 8-10 Grad liegen und es soll den ganzen Tag über wie aus Kübeln schütten. Nicht gerade das Beste Wetter für Sommarstuga und Campingwagen. Viele werden deshalb versuchen, das Wochenende mit besonders viel Hochprozentigem zu bewältigen.

Aber wie wir schon immer gesagt haben: Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung und Ausrüstung.

Für den echten Hardcore-Outdoorler spielt das Wetter daher keine Rolle und er grillt auch bei Starkregen, dann eben mit dem Regenschirm :-)

Midsommar 2017 - Grillen mit Regenschirm
Midsommar 2017 - Grillen mit Regenschirm


Photojournalismus - quo vadis? Die Masken fallen!

Sonntagsreflexionen: Es schmerzt mich in der Seele zu sehen (und macht mich gleichzeitig geradezu aggressiv), welche Auswüchse im Photojournalismus zur Zeit sichtbar werden. Ich schreibe bewusst „sichtbar werden“, denn gegeben hat es sie vermutlich chon viel länger.

Die Seriosität, Objektivität und Ernsthaftigkeit sind verloren gegangen. Jetzt wird nach den Methoden des Marktes gearbeitet. Schummeln und Betrügen gehören genauso dazu, wie der eigentliche Skandal des aktuellen Souvid Detta Falles. Warum es geht, dazu mehr im ersten verlinkten Artikel, um den - meiner Meinung nach - noch viel schlimmeren Skandal geht es im zweiten Artikel.

Link 1: F**k Photojournalism: It’s Time for the Industry to Change Before It Dies

Link 2: Two Scorpions Crossing a Stream

Neue Serie "Kitchen Sink" - Essenskultur und Kultur in Schweden

Als ich kurz vor Weihnachten in einer echt schwedischen Küche stand, wurde mein Blick geradezu magisch vom Spülbecken abgezogen. Mein Blick schweifte dorthin und dieser Augenblick war geradezu eine Offenbarung.

Was sagt ein Abfluss im Spülbecken über die Essenskultur und überhaupt über die Kultur eines ganzen Landes aus? Sehr viel! Drei Monate lang habe regelmässig diese schwedische Küche besucht. Dabei sind jede Menge Bilder entstanden.

Vor einigen Tagen habe ich nun mein neues Projekt "Kitchen Sink" abgeschlossen. Eine Serie in der es um die Essenskultur und generell die Kultur in Schweden aus der Perspektive eines Ausgusses im Küchenwaschbecken geht.

-> Zur Serie "Kitchen sink"



Eines der Bilder aus der neuen Serie „Kitchen Sink“

Die Schweden und der Alkohol

Alkohol in Schweden - Balsam für die schwedische Seele?

Vorbemerkung: Dieser Artikel basiert auf allgemein zugänglichen Quellen, Statistiken sowie eigenen Wahrnehmungen aus den zurückliegenden zehn Jahren, in denen wir hier leben.  Wie bei allen empirischen und evidenzbasierten Aussagen kann kein Rückschluss auf einzelne Individuen gezogen werden. Es geht hier vielmehr um die Beschreibung des Zustandes der schwedischen Gesellschaft und die Tendenzen innerhalb derselben im Allgemeinen.

Das schwedische statistische Zentralbüro (SCB) hat kürzlich die Ergebnisse einer grossen Studie zum allgemeinen Gesundheitszustand der Einwohner Schwedens veröffentlicht. Die Studie wurde von 2013 bis 2016 in der Altersgruppe von 16 bis 84 Jahren durchgeführt. 

Ein Teil der Ergebnisse ist schockierend: 

Jeder fünfte Mann und jede achte Frau in Schweden sind Alkoholiker. In Västerbotten z. B. sind 14% der Männer und 12% der Frauen, in Norrbotten 18% der Männer und 12% der Frauen betroffen. Die meisten Alkoholiker gibt es - der Studie zufolge - in Stockholm und Uppsala.


I. Anlas genug, sich der Thematik hier einmal anzunehmen. Ausgangspunkt soll eine geschichtliche Betrachtung des Verhältnisses der Schweden zum Alkohol sein.

Probleme mit dem Alkohol gab es in Schweden bereits vor Jahrhunderten.

Nach langen und leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um das Pro und Contra erfolgte im Jahre 1766 durch König Adolf Fredrik ein Erlass, nach dem alle Beschränkungen im Zusammenhang mit der Produktion und dem Konsum alkoholhaltiger Getränke aufgehoben wurden. 

Ein Ergebnis der königlichen Verfügung war, dass schlagartig beinahe alle schwedischen Haushalte mit der Herstellung alkoholhaltiger Getränke begannen. Die Folgen zeigten sich u. a. in der Landwirtschaft, denn grosse Mengen an Getreide und Kartoffeln, die eigentlich als Viehfutter  gedacht waren, flossen jetzt in die Produktion der hochprozentigen Getränke.

Schätzungen zufolge gab es zum Beginn des 18. Jahrhunderts in Schweden ungefähr 175.000 private Schnapsbrennereien.  

Staatliche Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. 

Fünfzig Jahre später entstand in der Stadt Falun, in Darlana gelegen, eine erste Beschränkung. Es wurde das erste Alkhoholmonopol gegründet und war ganz im Sinne der staatlichen Interessenlage.

Die Stadtverwaltung hatte nämlich beschlossen, dass der Alkoholverkauf in der Stadt reguliert werden und „verantwortungsvoll“ erfolgen sollte.

Auf Reichsebene wurde es dann 1860 illegal, alkoholhaltige Getränke an Personen unter 18 Jahren zu verkaufen und eine neue Herstellungsverordnung verbot die seit 1766 legale Heimbrennerei.

Ebenfalls im Jahre 1860 öffnete in Göteborg die erste staatlich zugelassene Bar, die den Namen „AB Göteborgssystemet“ hatte. Die Regelungen sahen vor, dass angetrunkenen Personen die Bedienung verweigert und gekaufte Spirituosen nicht mitgenommen werden durften, sondern an Ort und Stelle verkonsumiert werden mussten. 

Dieses System setzte sich auf breiter Front durch und bald war das gesamte Land mit solchen staatlich reglementierten Bars überzogen. Nachdem das Konzept sich so schnell durchgesetzt hatte wurde 1870 beschlossen, dass die Gewinne aus den Bars an den Staat zu fallen hatten.

Während des ersten Weltkrieges war Alkohol in Schweden strikt rationiert. 

Seit  Beginn des 19. Jahrhunderts gab es zudem eine neue sund tarke gesellschaftlichen Kraft: Die so genannte „Nüchternheitsbewegung“ („Nykterhetsrörelsen“). 

Zahlreiche Vereine, Gemeinden und andere Organisationen engagierten sich gegen die Trunksucht in Schweden. Dadurch entstand eine breite Front, die zu einer der stärksten Einflüsse in der zeitgenössischen Politik wurde.

Um die gesellschaftlichen und individuellen Probleme mit dem Alkohol von staatlicher Seite aus in den Griff zu bekommen, wurde - zunächst in einigen Landesteilen lokal ab dem Jahre 1914 und landesweit ab 1917 - das System der „Alkoholbezugsbücher“ („Motbokskontrollen“) eingeführt. Das nun neu geborene System hörte auf den Namen „Brattsystemet“, benannt nach einem der Erfinder, dem Arzt Ivan Bratt.

Die Idee war einfach, aber effektiv: 

Ein individuelles Bezugsheft berechtigte zum Einkauf alkoholischer Produkte. Jeder Einkauf wurde im Heft mit Datum, sowie Art und Anzahl der gekauften Produkte vermerkt. Nicht alle Schweden hatten Zugang zu einem solchen Bezugsheft. Wer unter 21 Jahren alt war, oder bereits bekanntermassen Alkoholprobleme hatte, blieb beim Einkauf aussen vor. 

Im gleichen Jahr, 1917, wurde auch das „Aktiebolaget Spritcentralen“ gegründet (umgangssprachlich als „Vin & Sprit“ bezeichnet), das ein staatliches Monopol auf den Verkauf aller alkoholhaltigen Getränke erhielt.

Der Kampf um den Alkohol und die Trunksucht in Schweden hatte dann seinen Höhepunkt im Jahre 1922. 

Es kam zu einer landesweiten Volksabstimmung mit der Frage, ob der Verkauf alkoholhaltiger Getränke in Schweden generell verboten werden sollte. Das Ergebnis war so knapp, wie man es sich nur vorstellen kann.

Von insgesamt 3.302.483 Wahlberechtigten nahmen 1.820.452 (d.h, 55,1 %) an der Abstimmung teil (mehr Personen, als an der Reichstagswahl 1921 teilgenommen hatten, nämlich nur 54,2 %). 

Das Wahlergebnis über das Verbot vom Verkauf des Alkohols lautete:  
925.097 Nein-Stimmen (51 %) und 889.132 Ja- Stimmen (49 %). Insgesamt 6.223 Stimmen waren aus formellen Gründen ungültig. 

Die Gegner eines generelles Verbotes konnten sich also nur um Haaresbreite nicht durchsetzen. Nach der Volksabstimmung beschloss der Reichstag somit kein generelles Verbot, setzte aber die äusserst restriktive Alkoholpolitik fort. 

Die Alkoholbezugsbücher blieben infolge der restriktiven Politik bis 1955 erhalten. Ebenfalls 1955 wurde das staatliche Alkoholmonopol auf das heute immer noch existierende „Systembolaget“ übertragen. 

Die Anforderungen an das Recht zum Kauf alkoholhaltiger Getränke wurden verändert und hinzu kam, dass der Verkauf nicht erfolgen durfte, wenn damit zu rechnen sei, dass der Käufer die gekauften Waren an Dritte weiterverkaufen oder weitergeben würde.

Die Abschaffung der Bezugsbücher zeigte dennoch spontanen Erfolg: 

Der Verkauf von alkoholhaltigen Getränken stieg bereits im ersten Jahr nach der Abschaffung um 25 %. Um diesem neuen Trend entgegen steuern zu können wurden kurze Zeit später Steuererhöhungen auf alkoholhaltige Getränke und eine Ausweispflicht beim Kauf eingeführt.

1969 wurde das Mindestalter für den Einkauf auf 20 Jahre gesenkt.

Das Systembolaget ist noch heute die exklusive Bezugsquelle für alkoholhaltige Getränke (mit Ausnahme des sog. „Leichtbiers“ („Lättöl“), das maximal 2,25 Volumenprozent Alkohol enthalten darf). Sogar die Öffnungszeiten des Systembolaget sind staatlich geregelt. 

Sonntags ist stets geschlossen und an Samstagen ist nur bis zwischen 13 und 15 Uhr geöffnet (je nach der Grösse der Filiale).

1979 wurden neue, verschärfte Regeln für die Werbung für alkoholhaltige Getränke erlassen. Werbeanzeigen durften ab diesem Zeitpunkt nur noch in besonderen Fachzeitschriften veröffentlicht werden.

1995 wurde Schweden Mitglied der EU. 

Im Zuge dessen wurden auch die Regeln um den Alkoholverkauf angepasst. Nach einer Entscheidung des EuGH durfte das Monopol des Systembolagets beibehalten werden. Der  Direktimport alkoholhaltiger Getränke aus anderen EU-Staaten ist seitdem aber zulässig, weil sonst die unmittelbar aus dem EU-Vertrag folgende Waren- und Dienstleistungsfreiheit beeinträchtigt würde. 

Dasselbe gilt nach Ablauf der siebenjährigen Übergangsfrist im Jahre 2002 auch für die private Einfuhr alkoholhaltiger Getränke aus anderen EU-Ländern.

Soweit der geschichtliche Hintergrund.


II. Nun zu Empirie und Statistik.

1. Die Begrenzungen in Sachen Alkohol gelten u. a. auch in der Apotheke und bei Koch- und Backwaren. Der Hustensaft in Schweden ist alkoholfrei (was die interessierten Fragen einiger schwedischen Besucher erklärt, ob wir denn „deutschen Hustensaft“ für sie hätten). Gleiches gilt für eingelegte Kirschen oder Backaromen.

2. Die Anonymen Alkoholiker gibt es natürlich auch in Schweden. Sie hören hier auf den Namen „Länkarna“ und machen eine durchweg grundsolide Arbeit. Leider wird das meist segensreiche Wirken nicht allerorts erkannt. In einer Kommune ganz in der Nähe wurde z. B. im vergangenen Jahr der subventionierte Mietvertrag der kommunalen Grundstücks- und Wohnungsbaugesellschaft über das Vereinshaus der Länkarna mit der Begründung gekündigt, dass sich alle Betroffenen mit Alkoholproblemen doch einfach direkt an die Kommune wenden könnten. Unklar ist, an wen sie sich wenden sollen und welche Hilfe sie dort erhalten können. Von der Frage, dass die Betroffenen dann gleich kommunal aktenkundig sind einmal ganz abgesehen. So kann kein Vertrauen aufgebaut werden, dass die Grundlage jeder Veränderungsmöglichkeit ist.

3. Früher waren in Deutschland die „Butterfahrten“ populär. In Schweden geht es eher um „Alkoholfahrten“, will sagen: Günstige Städtereisen ins europäische Ausland erfreuen sich mit dem primären Ziel des preisgünstigen Alkoholkonsums äusserst grosser Beliebtheit. Drei Tage Berlin für 79 Euro (Busreise) sind an der Tagesordnung.

4. Das seit 1860 bestehende Verbot der Heimbrennerei wird noch heute systematisch unterlaufen. In vielen Dörfern weiss jeder Einwohner sehr genau, wer eine eigene Brennerei betreibt und unter der Hand Hochprozentiges feilhält.

5. Deutlich wird, dass Probleme mit dem Alkoholkonsum in Schweden seit Jahrhunderten bestehen. Die Erklärungsversuche, warum das so ist, sind mannigfaltig. Oft wird auf die langen Winter mit der ausgedehnten Dunkelheit verwiesen. Diese würden dazu führen, dass die Menschen eine Möglichkeit zur „Realitätsflucht“ benötigen würden. Ein Körnchen Wahrheit mag sich in dieser Theorie verbergen, aber andere Länder haben auch ihre spezifischen Probleme, die sie nicht systematisch „im Alkohol ertränken“. Zudem erhellt ein Blick auf die Landkarte, dass es die ausgeprägten Probleme mit der Dunkelheit eigentlich nur ab Sundsvall nordwärts geben dürfte.

Neue Studien zeigen zudem, dass der Alkoholkonsum in Schweden weiterhin stetig steigt (während er in vielen südeuropäischen Ländern sinkt).
Der Alkohol in Schweden ist also eine Art Mysterium. 

6. Eigene Ursachenforschungen und Befragungen in unserem Freundes- und Bekanntenkreis aus den zurückliegenden 10 Jahren ergeben ein interessantes Bild. 

Fast alle der befragten Schweden geben ein aufschlussreiches Trinkschema an: Getrunken wird meist in Gemeinschaft mit anderen. 

Das läuft so ab, dass bewusst ein Rahmen zum Trinken geschaffen und organisiert (Materialbeschaffung!) wird, innerhalb dessen dann in der Regel getrunken („gesoffen“ wäre wohl hier das treffendere Wort) wird bis zum sprichwörtlichen Abwinken. In der Gemeinschaft fällt die Hemmschwelle des ansonsten allgegenwärtigen gesellschaftlichen Tabus und wenn Schweden etwas tun, dann stets systematisch, wohl geordnet und bis zum bitteren Ende. 

Besonders problematisch ist es, dass das Durchschnittsalter dieser Trinkgelage statistisch gesehen fällt. Es ist heutzutage durchaus üblich, dass die Abgänger des Gymnasiums (Altersdurchschnitt: 16 Jahre) sich regelmässig ins Koma saufen -  und das gewiss nicht mit der Flasche aus dem Leichtbierregal!

Die Schweden und der Alkohol

Angekündigte Obsoleszenz, Vergänglichkeit und der Kult des Konsumismus

Dem Thema der sog. „geplanten Obsoleszenz“ habe ich bereits zwei Artikel gewidmet: „Geplante Obsoleszenz - Kompaktkamera fails? Ein Erfahrungsbericht“ und „Geplante Obsoleszenz, Teil 2: Die kommende Europäische Produktnachkaufverordnung (EPNVO)“.

Heute kann das Repertoire der geplanten Obsoleszenz um eine neue Spielart erweitert werden, die der „angekündigten Obsoleszenz“.

In Schweden gilt bekanntlich, dass alle Fahrzeuge auch bei Tag mit Licht fahren müssen. Zugelassen sind dabei das klassische Abblendlicht und das modernere „Tagfahrlicht“ (nicht zu verwechseln mit dem klassischen Standlicht).

Das ist eine feine Sache für die Hersteller von Ersatzglühbirnen, deren Lebensdauer schliesslich endlich ist. Das das Licht ständig eingeschaltet ist, verschleissen folglich auch die Glühlampen schneller. Die vergangenen Jahre ist mir aufgefallen, dass das Wechselintervall der Birnen subjektiv irgendwie immer kürzer geworden ist. Nachdem vergangene Woche wieder einmal eine H7-Lampe auszuwechseln war, habe ich mir die Verpackung derselben genauer unter die Lupe genommen.

h7_lifetime


Dort ist die angekündigte Obsoleszenz sogar ganz deutlich aufgedruckt. Die Lebensdauer der neuen Birne eines namhaften Herstellers liegt - laut Beschreibung - bei ungefähr 500 Stunden. Das klingt nach viel, aber ein einfaches Rechenbeispiel bringt Licht ins Dunkel. Hier in Nordschweden sind lange Strecken zurück zu legen. Zwei bis vier Stunden Fahrzeit pro Tag sind an der Tagesordnung. Legen wir zwei Stunden zugrunde, so beträgt die Lebensdauer der Birne - basierend auf der Herstellerangabe - ungefähr 250 Tage. Kommen noch einige richtige Langstrecken hinzu, verkürzt sich die Lebensdauer in Tagen entsprechen.

Bereits eine schnelle Recherche lüftet den Schleier und führt zum sog. Phoebuskartell. Bekannt wurde das Kartell durch die Absprache zur Begrenzung der Lebensdauer von Glühlampen auf 1.000 Stunden. Es ist umstritten, ob es sich hierbei um eine legitime Normung oder eine illegitime Kartellabsprache handelte. Von Seiten der Beteiligten heisst es, dass Absprachen zur Lebensdauer von Glühbirnen heute nicht mehr existieren würden.

Ich habe also einfach einen alten Bekannten angerufen, der in der Branche tätig ist und mich nach den theoretischen Möglichkeiten erkundigt. Die Antwort hat mich in eine Art Schockstarre versetzt. Theoretisch wäre es nämlich kein Problem, Halogenbirnen für den Gebrauch im PKW mit einer Lebensdauer von 15.000 Stunden herzustellen (vergleichbare Birnen gibt es sogar auf dem Markt, z. B. für die Verwendung in Verkehrsampeln).

Aber was beklage ich mich. Geplante oder angekündigte Obsoleszenz sind doch bereits Schnee von gestern. Heutzutage haben Unternehmen solche technischen Regulierungen doch gar nicht mehr nötig. Es reicht völlig, wenn kurz nach dem Verkaufsstart eines Produktes etwas Neues auf den Markt geworfen wird. Die vor einem Jahr noch brandaktuelle Ware wird vom Konsumenten dann selbst freiwillig als überholt oder gar überflüssig eingestuft und durch die aktuelle Ware ersetzt. Die geplante Obsoleszenz wird so zur geplanten Vergänglichkeit der Ware. Die gesamte Elektronikbranche lebt davon, denn so gut wie kein Mensch braucht die ständig neuen Produktgenerationen. Ich nenne das den „Kult des Konsumismus“.

Das Problem dabei ist, dass mittlerweile unser gesamtes Wirtschaftssystem auf dieser Weltanschauung beruht.

Der Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman hat das ironisch zum Ausdruck gebracht. In seiner ethischen Richtschnur für das Konsumleben rät er, „es tunlichst zu vermeiden, dauerhaft zufrieden zu sein. Für eine Gesellschaft, die die Zufriedenheit der Kunden zu ihrem einigen Motiv und wichtigsten Ziel erklärt, ist ein wunschlos glücklicher Kunde weder ein Motiv noch das Ziel, sondern die furchteinflössendste aller Bedrohungen.“

Der Konsumismus ist also im Kern ein Kult der Unzufriedenheit, des Unglücks und der Undankbarkeit. Die Folgen sind Dauerstress, Selbstzweifel, Depressionen und Beziehungsprobleme.

In diesem Zusammenhang gewinnt auch der neue Begriff der „Stuffocation“ an Bedeutung. Das Kunstwort ist aus den Worten „stuff“ (Zeug) und „suffocate“ (ersticken) zusammen gesetzt: Der Mensch droht am gehorteten Zeug zu ersticken (die Alternative dazu ist die durch die „schmutzige“ Entsorgung der alten Produktgenerationen entstehende Umweltkatastrophe).

Der einzige Ausweg scheint mir ein bewusst einfacher Lebensstil, der sich auf das wirklich Notwendige beschränkt und mit einem klugen Umgang mit den begrenzten Ressourcen einher geht, zu sein. Gerade die Vorweihnachtszeit bietet sich an, darüber nachzudenken und Verzicht zu üben.

h7_obsoleszenz_mit_ansage


Über Künstler, Kunst und Skalierbarkeit [Nachtrag / Update 2016-11-13 und 2016-11-26]

Künstler erkennst du daran, dass sie etwas erschaffen das nicht skalierbar ist.

Henning Wüst, meinem lieben Freund Thomas S. gewidmet


Nachtrag / Update 2016-11-13:

Zu diesem Artikel kam - auf verschiedenen Kanälen - erstaunlich viel Feedback rein. Martin hat in den Kommentaren geschrieben und seinen Mut möchte ich „belohnen“ indem ich seine Frage hier hinein kopiere und zum Anlass nehme, das Thema noch etwas tiefer und breiter zu illustrieren.

Martin schrieb:

Hallo Henning,
inwiefern ist Kunst denn nicht skalierbar? Und klappt dann auch das konsequente Weiterdenken, wonach alles nicht Skalierbare zugleich Kunst wäre?
BG, Martin



Ausgangspunkt war meine Aussage: „Künstler erkennst du daran, dass sie etwas erschaffen das nicht skalierbar ist.“

Nähern wir uns dem Begriff der Skalierbarkeit. Ganz allgemein beschreibt beschreibt Skalierung eine Größenveränderung. Der Begriff wird von dem italienischen Wort „scalae“, was Treppe bedeutet, abgeleitet. Allgemein beschreibt Skalierung eine Größenveränderung. Im betriebswirtschaftlichen Sinne steht die Skalierbarkeit für eine spezielle Eigenschaft einer Geschäftsidee bzw. eines Geschäftsmodells. Die Definitionen des Begriffs ausserhalb der IT-Welt (wo er in einem rein technischen Sinne verwendet wird) sind nicht völlig einheitlich.
Im Kern geht es bei der Skalierbarkeit aber immer um die Expansionsfähigkeit eines Modells (oft eines Geschäftsmodells). Kann bei einem Geschäftsmodell z. B. der Umsatz signifikant gesteigert werden, ohne dass die Kosten überproportional mitwachsen, oder gar grössere Investitionen notwendig sind, dann ist es gut skalierbar. Die mittlerweile klassischen Beispiele aus der Betriebswirtschaft sind fast alle im Internethandel - insbesondere im Softwarevertrieb - zu finden.

Der Grundgedanke lässt sich aber ohne weiteres auch auf Bereiche ausserhalb der reinen Geschäftswelt übertragen.

Was bedeutet das für den Bereich der Kunst, insbesondere der Fotografie?


1. In der Fotografie spielt die Skalierbarkeit bereits bei der Auswahl der Fotomotive eine grosse Rolle. Skalierbar sind Allerweltsmotive. Oder etwas präziser formuliert: Alle Motive, die eine längere zeitliche Beständigkeit und Dauer haben. Der legendäre Half Dome im Yosemite Park zum Beispiel. Er ist zweifellos eine sehr hübsche Location. Aber eben eine der am meisten Fotografierten weltweit. Die Anzahl der möglichen Bilder vom Half Dome ist im Prinzip unbegrenzt. Das führt aber nicht dazu, dass irgendein künstlerischer „Return“ grösser würde. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Anzahl der Bilder sinkt der künstlerische „Return“ und die Masse der Bilder stechen künstlerisch nicht heraus. Anders mit nicht skalierbaren, vergänglichen Motiven, die es nur eine sehr kurze und begrenzte Zeit gibt.

Das stützt die von Martin als Frage aufgeworfene These, dass fehlende Skalierbarkeit ein Indiz für Kunst ist.


2. Das gilt übrigens ganz allgemein für alle Tätigkeiten. Nehmen wir einen begnadeten Frisör als Beispiel, der seinen Weg vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister absolviert hat. Die meisten Frisöre, die es so weit geschafft haben, bleiben auf dieser Stufe stehen. Ganz wenigen gelingt der Sprung über die nächste Klippe, d. h. zum Künstler. Worauf das genau beruht, ist eine andere Fragen. Die berühmten 10.000 Stunden von Malcolm Gladwell spielen bestimmt eine wichtige Rolle, aber auch andere Faktoren haben Einfluss. Der Künstler ist im Beispiel der einzelne Frisör selbst. Ganz praktisch am Beispiel des Frisörsalons heisst das: Da gibt es einen Menschen, einen Frisör, und der ist Künstler in seinem Fach. Alle die anderen Angestellten im Salon spiegeln nur seinen / ihren Abglanz und leben von seinem / ihrem Renommee. Da lässt sich auf der künstlerischen Seite nichts skalieren. Nimm den Künstler aus der Gleichung und der Salon bricht zusammen. Was auf der Kundenseite zieht ist die Möglichkeit zu eben diesem Salon zu gehen und sich so auch im Abglanz des Künstlers zu sonnen, ohne diesen oder diese dort aber auch nur jemals zu Gesicht bekommen zu haben.

Auch das stützt die von Martin als Frage aufgeworfene These, dass fehlende Skalierbarkeit ein Indiz für Kunst ist.

Nota bene: Das Beispiel des Frisörs ist ein geschäftliches Grunddilemma, das für alle Freiberufler gilt, einerlei ob Anwalt, Arzt, Dozent, usw.


3. Viele Medien in der Kunst sind als solche nicht skalierbar. Das ist eine der Erklärungen, warum viele Fotografen von der Renaissance der Analogfotografie so begeistert sind. Die fehlende (oder besser: systemimmanent begrenzte) Skalierbarkeit übt eine künstlerische Faszination aus. Denn sie rückt die Fotografie in die Ecke der Malerei. Ein gemaltes Bild ist ein Unikat. Ein Polaroidfoto ist ein Unikat. Das Negativ eines analogen Bildes ist ein Unikat, das zumindest in der Möglichkeit Abzüge zu erstellen so eingeschränkt ist, dass die Abzüge den Hauch der Nichtskalierbarkeit haben (deswegen auch die i. d. R. limitierte Anzahl an Abzügen).

Auch das stützt die von Martin als Frage aufgeworfene These, dass fehlende Skalierbarkeit ein Indiz für Kunst ist.

Für den Massenmarkt gibt es hier - analog zu dem oben als Beispiel angeführten Frisörsalon - den Abglanz des Künstlers in Form von Kunstdrucken und Reproduktionen. Aber selbst wenn diese qualitativ extrem hochwertig sind, so sind sie an und für sich eben eines nicht: Echte Kunst, denn die analoge Kunst ist eben nicht skalierbar.

So ist es mit dem Bildkünstler wie mit dem Frisörkünstler: Man kann eine eigene Welt um sie herum bauen um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, mit ihrem Abglanz in Kontakt zu kommen. Mehr aber eben auch nicht. Das macht auch den bezaubernden und beinahe unwiderstehlichen Charme der Kunstausstellung aus: Werden echte, d.h. nicht skalierbare Originale ausgestellt, ist die Ausstellung die einzige Möglichkeit dem Abglanz der Künstlers so nahe zu kommen, wie es eben geht.


4. Was uns zur finalen Frage führt: Wie sieht es mit der Digitalfotografie aus?

Was die Skalierbarkeit angeht, so sieht es ausgesprochen schlecht aus. Denn die Möglichkeit der unbegrenzten digitalen Kopierbarkeit des Endergebnisses stellt die künstlerische Natur per se in Frage. Warum gibt es viele Camera-Apps, die versuchen die Nichtskalierbarkeit nachzuahmen. Da muss geschüttelt werden, da ist das aufgenommene Bild erst nach Minuten oder gar Stunden, oder wenn ein virtueller Film vollgeknipst ist, sichtbar. Von manchen Apps wird auch der virtuelle „Kommissar Zufall“ in Form „zufällig“ hinein gerechneter Bildstörungen und Effekte bemüht. Alles vergeblich, denn selbst wenn man diesen „Krücken“ ihre Berechtigung im Erstellungsprozess zusprechen würde, so bleibt das digitale Endprodukt, das Bild, doch kopierbare Massenware (sprich im allerbesten Fall meisterhafte Gebrauchsfotografie aber keine Kunst).

Vielleicht müssen wir sogar den Schluss ziehen, dass die digitale Fotografie generell einfach bestenfalls nur meisterhaft, aber eben niemals wirklich künstlerisch sein kann?

Ich freue mich auf eine breitere Diskussion.


Nachtrag / Update 2016-11-26:

Eine Leserzuschrift, die mich sehr bewegt hat, möchte ich hier noch als Nachtrag anhängen. Don, seines Zeichens Pastor, schreibt mir (leicht gekürzt):

Du darfst die Vergänglichkeit als Kriterium nicht vergessen. Du hast das unter Punkt 1 schon angesprochen. Schliesslich geht es um eine ganz grunssätzliche Frage.

Die Bibel bringt das für mich am besten auf den Punkt. In Psalm 90 Vers 12 heisst es:

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Und genau darum geht es. Das der Vergänglichkeit unterworfen sein ist der Knackpunkt. Was machst Du, wenn Du Bilder machst? Du versucht, die Vergänglichkeit aufzuhalten. Den Augenblick "festzuhalten" und "einzufrieren". Das entspricht einem menschlichen Grundbedürfnis. Denn der Mensch weiss, dass er der Vergänglichkeit, d.h. dem Tod, anheim gegeben ist.

Warum werden Denkmäler errichtet, Potraits gemalt, Pyramiden gebaut und Familiendynastien gegründet? Um den Hauch der Unsterblichkeit zu erreichen. Um etwas zu schaffen, das über den Tod hinaus reicht. Um sich selbst, oder jemanden oder etwas, das man verehrt, zu "verewigen". Der Versuch ist aber von vornherein zum scheitern verurteilt, denn die Schöpfung und der Mensch sind der Vergänglichkeit unterworfen und da beisst keine Maus einen Faden ab. Die eigentliche Frage ist eine solche geistlicher Natur und härt auf den Namen "ewiges Leben". Und das gibt es nur bei Gott und nicht durch Denkmäler, Portraits, Dynastien oder Fotografien.


Eis - nicht skalierbare Kunst

Literarischer Nachttopf

Der literarische Nachttopf


Was kümmert es die stolze Eiche, wenn sich ein Borstenvieh dran wetzt?

Aus: Tadellöser & Wolff , Walter Kempowski, 1971

Aufmerksamkeits-Defizit-Kultur

Aufmerksamkeits-Defizit-Kultur


Eine Betrachtung aus vier Perspektiven.

Kürzlich in einer schwedischen Metropole. Eine grosse Konferenz mit Vorträgen bekannter Redner. Mitten in einem der Hauptvorträge nehme ich plötzlich die im Bild gezeigte Situation wahr, die mich tief erschüttert und sehr nachdenklich gemacht hat.

In den Rängen sitzen ungefähr 600 Konferenzteilnehmer, die alle einen ziemlich hohen Preis für die Teilnahme gezahlt haben. Keine Kinder oder Teenager, sondern erwachsene Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden ihrer jeweiligen beruflichen Karriere stehen.

Perpektive 1:

Auf der Bühne steht ein in Schweden sehr bekannter Redner. Seine Rhetorik ist gut und er zeigt wirklich Einsatz. Zugegeben, das Thema ist auch für mich nicht wirklich „prickelnd“. Dafür kann der arme Mensch auf der Bühne aber nichts, denn die Themen waren vorgegeben und er hat das akzeptiert und zugesagt. Seine Verantwortung ist also, zu „liefern“. (Nota bene am Rande für alle Referenten: Wirklich nur Anfragen zu Themen annehmen die „Dein Ding“ sind, sonst sind Katastrophen und Frust vorprogrammiert).

Andererseits war die Agenda auch allen Konferenzteilnehmern bekannt und niemand war gezwungen worden, diesen Vortrag zu besuchen. Es ist ja ganz normal und üblich, sich diejenigen Vorträge aus dem Programm heraus zu suchen, für die man sich interessiert und die entstehende freie Zeit fürs Networking zu nutzen. Merke: Abseits von Vorträgen die man selbst als weniger interessant empfindet und deswegen auslässt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, auf Gleichgesinnte zu treffen. Perfekt, um neue Kontakte zu knüpfen.

Der Redner jedenfalls wird gerade dafür bestraft, dass er einen guten Vortrag zu einem Thema hält, das grössere Teile des Publikums schlicht nicht interessiert. Und das nur, weil die entsprechenden Teilnehmer die Agenda entweder gar nicht studiert haben, oder ihnen das Rückgrat fehlt, einem für sie uninteressanten Vortrag fern zu bleiben und die Zeit stattdessen für Sinnvolleres zu verwenden.

Von den oberen Rängen des Auditoriums scheinen hell die Schirme der Mobiltelefone, welche die Flucht aus der Realität in eine andere Welt ermöglichen. Besonders perfide ist es, dass das für den Redner von der gut ausgeleuchteten Bühne aus auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen ist. Der hart arbeitende und schwitzende Vortragende gibt alles in der Hoffnung, dass bei den Zuhörern etwas ankommt (oder gar hängen bleibt), während diese sich sinnloser Zeitverschwendung hingeben. Es wäre ehrlicher sich selbst und dem Redner gegenüber fairer, einfach still den Saal zu verlassen.

Perspektive 2:

Respekt und Aufmerksamkeit sind immer ein Geschenk. Ich meine, wir sollten grosszügig geben und schenken. Der gesellschaftliche Trend geht klar in die entgegen gesetzte Richtung und deswegen wird diese geschenkte Aufmerksamkeit immer seltener und wertvoller. Das gilt umso mehr, je mehr verfügbare Alternativen sich dem jeweiligen Publikum bieten. Das Pardoxe dabei ist, dass alle sich gerne beschenken lassen. Fast alle Menschen stehen gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aber nur sehr wenige Menschen schenken anderen gerne die so kostbare Aufmerksamkeit.

Dazu kommt noch: Aufmerksames, ja gar aktives Zuhören ist anstrengende Arbeit. Schwere Arbeit. Die meisten Menschen ziehen anstrengender Arbeit eine weniger anstrengende Alternative vor, wenn eine solche in Reichweite ist. Und das stets mit dem Internet verbundene „Fluchttelefon“ ist immer und überall dabei und stets zur Hand. Irgendwie pervers wenn man bedenkt, was die Kosten dieser Veranstaltung waren. Und noch perverser ist, dass sich im nachhinein fast alle Teilnehmer mit dem Umstand schmücken werden, dass sie diesem und jenen Redner zugehört haben.

Perspektive 3:

Wie würde ich mit dieser Situation umgehen? Bisweilen stehe ich selbst dort oben und präsentiere oder gebe eine „Keynote Speech“. Ich stelle mir vor, wie dieses konkrete Auditorium mit dem gegebenen Thema zu begeistern sein könnte. Ein herausforderndes Gedankenspiel, aber ich mag Herausforderungen. Sie sind der einzige Weg zum Wachstum. Und sie sind immer mit Arbeit und Schmerzen verbunden. Der Kollege auf dem Podium tut mir gerade aufrichtig leid.

Perspektive 4:

Ein einfacher Ausweg wäre es zu darauf abzustellen, dass früher sowieso alles besser war. Das Publikum hatte keine leicht verfügbaren Ablenkungsmöglichkeiten. Sicher, schon immer gab es die kleinen architektonischen Details und die Frisuren anderer Menschen als Objekte gelangweilter Betrachtung. Von der möglichen multimedialer Ablenkung „at your fingertips“ aber wagte noch vor einigen Jahren niemand auch nur zu träumen. Wenn ich heute einen Konferenzsaal zu bauen hätte, würde ich ihn vorsorglich mit geerdeter Kupferfolie auskleiden lassen, um jede Chance einer Internetverbindung über mobile Daten zunichte zu machen.

Im Ernst: Noch vor 10 Jahren habe ich Vorträge mit Folien auf dem Overhead-Projektor gehalten. Heute ist bereits allein der Gedanke, ohne multimediale Powerpoint-Präsentation auf die Bühne zu gehen, geradezu unanständig (obwohl sich alle Experten einig sind, dass eine textorientierte Standardpräsentation in 99% der Fälle völlig sinnlos und sogar kontraproduktiv ist). Was für eine verkehrte Welt.

Neulich sah ich in Stockholm einen Transporter eines Entsorgungsbetriebes mit einem Anhänger vor einem der grösseren und bekannteren Hotels. Mitarbeiter trugen gut und gerne 10 Overhead-Projektoren nach draussen und warfen diese zur Entsorgung auf den Hänger. Ein Stich ging mir durchs Herz.

Ich denke übrigens nicht, dass man jedem neuen Trend „blind“ folgen sollte (und schon gar nicht muss). Das gilt besonders für die technische Entwicklung. Bei jeder neuen „Welle“ an Technik (und insbesondere Präsentationstechnik), die auf uns zurollt, ist eine differenzierte Abwägung erforderlich. Aber das ist mit Arbeit verbunden (-> Denken / Nachdenken). Einfach in der Herde der Masse mit zu trotteln und jedem neuen technischen wie gesellschaftlichen Trend bereitwillig zu folgen und hinterher zu jagen ist viel einfacher, als erst einmal selbst das Gehirn zu benutzen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt: Manche Herdentiere merken wenigstens kurz vor dem Schlachthaus wohin die Reise geht. Leider ist es dann in aller Regel zu spät. Aber jedenfalls war es einfacher und bequemer Weg. Aber zurück zum Thema. Hand aufs Herz: Denken sie einmal über die Vorträge und Präsentationen nach, die ihnen „unter die Haut gegangen“ sind und die sie verändert haben. Die Chancen stehen gut, dass das Vorträge ohne jeglichen technischen Schnickschnack waren.


Schlussfolgerungen:

Für Teilnehmer - Auch auf Konferenzen vorher das Gehirn einschalten, die Agenda studieren und nachdenken, auch wenn es anstrengend ist. Schenken sie den Referenten, denen Sie zuhören, ihre Aufmerksamkeit. Es könnte sich auszahlen.

Für Referenten - Lasst uns unsere Zuhörer mit wichtigen Themen beschenken und um ihre Aufmerksamkeit kämpfen!

Irgendwie freue ich mich auf die nächste eigene Präsentation.

Monotonie

Monotonie in der Südsee,
Melancholie bei dreißig Grad.
Monotonie unter Palmen,
Campari auf Tahiti, Bitter Lemon auf Hawaii.

- Ideal 1982 NDW (Neue Deutsche Welle) -


Nicht ganz so, aber ganz ähnlich.

Monotonie

About the future

What does the future look like? The answer to the question about the relation between technology and humanity is going to be very important within the next few years. While meditating about that topic a single quote became very important to me:

“Magic technologies corrupt. Exponential technology corrupts exponentially.”


Gerd Leonhard, Futurist

Barbed wire


Alter Zeitgenosse


William Shakespeare, König Heinrich IV, Zweiter Aufzug, Erste Szene
...
GADSHILL Ja wohl, ja wohl, die Gerichte haben sie selbst geschmiert. Wir stehlen, wie in einer Festung, schußfrei; wir haben das Rezept vom Farrnsamen, wir gehen unsichtbar umher.

...
GADSHILL She will, she will; justice hath liquored her. We steal as in a castle, cocksure; we have the receipt of fern-seed, we walk invisible.


alter_zeitgenosse

Kurze Durchsage zur Zukunft von Windows [Achtung: Satire]

In der FAZ hat Frau Lapplandblog beim sonntäglichen Frühstück gerade einen interessanten Artikel ausgegraben, der Auskunft über den neuen Fünfjahresplan von Microsoft gibt: „Microsoft wagt sich ins heikle Marihuanageschäft“

Dass die Kunden - zumindest die, bei denen noch ein Rest an so antiquierten Werten wie Privatsphäre und Datenschutz vorhanden sind - mit Windows 10 alles andere als zufrieden sind, ist allgemein bekannt. Sogar Microsoft hat das jetzt bemerkt und begonnen, seine Geschäftspolitik neu auszurichten. Der Artikel in der FAZ ist der deutliche Beweis für das Rebranding - ja sogar Total Business Reengineering - von Microsoft. Der Einstieg ins Drogengeschäft wird sich auch auf Windows 11 auswirken.

- Wie von Apple schon seit langen Jahren vorgemacht, wird Microsoft Windows 11 einen „richtigen“ Namen haben. Windows 11 wird „Dope“ heissen.

- Die in Windows 11 enthaltene Chatfunktion wird auf den Namen „Hasch-mich“ umgetauft werden.

- Den Startscreen beim Hochfahren wird die Botschaft „Kurbel mir einen“ zieren (genug Zeit dafür dürfte der Startvorgang allemal bieten).

- Ist das Betriebssystem mit irgend etwas beschäftigt, werden keine Sanduhren oder drehende Rädchen, sondern stattdessen die Botschaft „Stopf mich“ angezeigt.


Wie der Standardbildschirmhintergrund aussehen wird, muss ich nicht weiter ausführen. Nur soviel: Microsoft hat einen weltweiten Wettbewerb ausgeschrieben, mit dem das schönste und ansprechendste Blatt einer Cannabis sativa Pflanze gesucht wird. Dem Gewinner winken Ruhm, Ehre, Hausdurchsuchungen und eine Familienlizenz. Mit der Neuausrichtung will Microsoft vor allem ältere Nutzer ansprechen.

Symbolbild
Symbolbild

Das Jantelagen und die sozialistische Einheitssprunggrube

Manchmal ist ein einziges Bild, eine einzige Einstellung der Schlüssel zum Verständnis komplexer Geschehen und Handlungsabläufe. So geschehen bei einem abendlichen Spaziergang durch Malå diese Woche.

Zuerst aber etwas Hintergrund. Der Hintergrund besteht aus zwei Teilen, einem mehr soziologisch-psychologischen und einem regionalen Anteil.

In den skandinavischen Ländern gibt es ein kulturelles und soziologisches Kuriosum, das weitreichende Auswirkungen auf fast alle Bereiche der Gesellschaft hat. 

Das Phänomen hört auf den Namen „Jantelagen“ - „Das Gesetz von Jante“.

Es geht zurück auf einen Roman des dänischen Autors Aksel Sandemose. In „Ein Flüchtling kreuzt seine Spur“ beschreibt der Autor  Sandemose das kleingeistige Milieu einer fiktiven dänischen Kleinstadt namens „Jante“. Die ungeschriebenen Gesetze von Jante setzen alle Einwohner einem unglaublichen Druck zur Gleichmacherei und  Anpassung aus. 

In den skandinavischen Ländern wird dieses soziologische Horrorszenario erstaunlicherweise ambivalent betrachtet. Es sei positiv, dass die Begrenzung des Individualismus zu Ordnung und Struktur führten. Andererseits beinhalten die sozialen Normen eine Eingrenzung und Unterdrückung der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten. 

Kurz: Das „Jantelagen“ ist die kodifizierte, typische „Selbstzügelung“, die auswärtige Besucher in Skandinavien sofort wahrnehmen (wenn sie denn nicht völlig abgestumpft sind). 

Das Gesetz von Jante besteht - wohl in Anlehnung an die biblischen Weisungen - aus folgenden 10 Geboten:

Du sollst nicht glauben, dass du etwas Besonderes bist.
Du sollst nicht glauben, dass du uns ebenbürtig bist.
Du sollst nicht glauben, dass du klüger bist als wir.
Du sollst dir nicht einbilden, dass du besser bist als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du mehr weißt als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du mehr wert bist als wir.
Du sollst nicht glauben, dass du zu etwas taugst.
Du sollst nicht über uns lachen.
Du sollst nicht glauben, dass sich irgendjemand um dich kümmert.
Du sollst nicht glauben, dass du uns etwas beibringen kannst.

Auch in Schweden ist das mehr als überdeutlich. Alle sind an der Oberfläche und nach aussen hin äusserst nett zueinander, auch wenn sie sich eigentlich lieber gegenseitig an die Gurgel gehen würden. Alle wirken nach aussen hin selbstlos und bescheiden. 

Der „Erfolg der Gemeinschaft und des Kollektivs“ stehen nach aussen hin im Vordergrund (weswegen in Schweden auch über Jahrzehnte sozialdemokratische [besser: sozialistische] Regierungen regiert haben). 

Das Jantelagen ist auch Grund für die mitunter verzweifelte Suche nach einem Konsens mit dem alle leben können (welcher dann aber inhaltlich in der Regel nichts mehr wert ist). Echte inhaltliche Werte, die Entscheidungsprozessen Richtung geben würden und könnten, sind sehr selten. Und wer solche Werte hat, traut sich nicht, diese zu äussern oder offen zu zeigen (sic).

Im Innern sind die Menschen in Schweden und den anderen skandinavischen Ländern aber genau so wie alle anderen menschlichen Lebewesen: 

Egoistisch und auf den eigenen Vorteil bedacht. 

Aber im „kuscheligen gesellschaftlichen Miteinander“ darf das eben nicht gezeigt werden. Aus psychologischer Sicht sind die Folgen klar: 

Resignation, ja Depression, Verlust des Selbstwertgefühls und im schlimmsten Fall zur ernsten Autoaggressionen machen sich im einzelnen Menschen breit und nehmen Raum ein. Es ist kein Wunder, dass Alkoholismus und andere Abhängigkeitsprobleme in den skandinavischen Ländern weite Verbreitung haben. 

Soweit der soziologisch-psychologische Hintergrund. 

Teil zwei der Hintergrundinformation ist regionaler und politischer Natur.

Bei einem Spaziergang durch Malå vergangene Woche standen Frau Lapplandblog und ich plötzlich wie elektrisiert vor einem Bauwerk. Ein Bauwerk, das auf einer Methode basiert, die beileibe nicht besonders ist und wahrscheinlich in allen europäischen Ländern vorkommt. Jedenfalls ist mir das hier zu schildernde Geschehnis aus verschiedenen kleineren und grösseren Gemeinden und Städten in Deutschland von den Grundlagen her nur zu gut vertraut. Das ist zwar schon einige lange Jahre her, aber in der Sache dürfte sich da nichts geändert haben.

Politische Parteien und Fraktionen sind stets auf Machterhalt bedacht (worum sollte es denn sonst auch in die Politik gehen?). Was bietet sich Besseres an, als den Bürgerinnen und Bürgern nette Geschenke zu machen um diese davon zu überzeugen, dass sie „richtig“ gewählt haben (uns das bitte auch zukünftig tun mögen)? 

Ein besonders attraktives Feld für diese Art von - nennen wir es einmal - Bestechung ist der sog. Breitensport. Gegen Ende einer Mandatsperiode und in zeitlicher Nähe zu Wahlterminen werden da gerne einmal, als Beispiel, neue Sportplätze gebaut. Dass es derer schon mehrere gibt, ist dabei völlig belanglos. Sportanlagen verkaufen sich in der öffentlichen Meinung immer gut und sind zudem über die Aspekte der Gesundheitsförderung und der Förderung des sozialen Zusammenhalts im Verein stets "trendy" zu rechtfertigen. 

Kratzt man etwas an der Oberfläche - ohne dem Ding gleich ganz auf den Grund zu gehen - wird noch ein weiterer sehr netter Nebeneffekt sichtbar. Auf den „alten“ Sportplätzen dürfen sich nach der Einweihung des Neubaus die „schlechteren“ Spieler (oder gar nicht dem Verein zugehörige Kinder und Jugendliche) vergnügen. 

Strukturen und Hierarchien werden modelliert und perpetuiert.

Zurück nach Malå und zur sozialistischen Einheitssprunggrube. 

In Malå regieren die Sozialdemokraten. Deswegen darf sich Malå auch mit dem schmucken Titel „arbetarkommun“ („Werktätigenkommun““) schmücken. Die letzten Wahlen waren heiss umkämpft (so heiss, wie es für schwedische Verhältnisse eben sein darf). Was lag da also näher, als nach der Wahl ein neues Sportfeld zu bauen und mit viel Pomp und Getöse einzuweihen (bislang gab es schliesslich nur zwei solche Plätze). Sogar für einen richtigen Kunstrasen (ob beheizt, ist uns unbekannt) hat die Finanzierung ausgereicht. 

Alles für den Breitensport, denn der ist wichtig bei den Sozialdemokraten in Malå. 

Eigenartigerweise fehlen Sitz- und Tribünenplätze rund um den Platz. Vielleicht wurde bei den Planungen ja erst gar nicht mit dem späteren Interesse der Allgemeinheit gerechnet? Oder ist das gar eine Folge des Jantelagen, denn den Sportlern soll doch keine Gelegenheit gegeben werden, sich etwa in ihrem Erfolg zu suhlen. 

Neben dem Kunstrasenplatz gibt es sogar eine kurze Aschenbahn (für eine Bahn, die rund um den Platz geht haben die baulichen Gegebenheiten und / oder das Geld nicht gereicht). Die Aschenbahn ist genau genommen keine Aschenbahn, ist doch auch sie mit Kunstbelag versehen. Und am Ende der Aschenbahn gibt es einen kleineren Abschnitt mit einer Sprunggrube für den Weitsprung. 

Ein eigentlich unwichtiges sportliches Detail. 

Wir sahen in die Grube, dann sahen Frau Lapplandblog und ich uns an, und dachten spontan dasselbe. Normalerweise entspricht die Tiefe der Spuren in der Sandgrube ziemlich genau einer Gaußschen Normalverteilung. 

Einige wenige Sportler springen nicht so weit, die Mehrheit der Springer landet in der Mitte und einige wenige zeigen eine herausragende Sprungleistung und landen ganz weit weg vom Begrenzungsbalken.

Nicht so in Malå. 

Allem Anschein nach sind fast 100% der Springer in exakt derselben Vertiefung gelandet. Die Kuhle glich an dieser Stelle mehr einem Krater. Kaum zu glauben, aber der Jantelagen schlägt auch im Sport voll durch. Deswegen haben wir die Sandgrube feierlich auf den Namen „sozialistische Einheitssprunggrube“ getauft. 

Oft sind es die scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten, welche die tiefen soziologischen und psychologischen Aspekte einer Gesellschaft zum Vorschein bringen.

Die „sozialistische Einheitssprunggrube“ in Malå
Die „sozialistische Einheitssprunggrube“ in Malå

Osterrituale in Lappland 2016

Kleine Zeitreise in die Vergangenheit: Ich erinnere mich gerne so um die 40 Jahre zurück. Oma hatte sich vor Ostern richtig viel Arbeit gemacht, und in der Woche vor Ostern schöne, flauschiges Moos von einer ganz bestimmten Wiese in der Nähe der alten Burg geholt. Damit hatte sie dann die Osternester für uns Kinder ausgelegt. Und beim obligatorischen Osterbesuch durften wir die Nester am Ostersonntag im Garten und rund um das Haus suchen. Selbstverständlich nach dem - ebenfalls obligatorischen - Kirchgang. Das ist lange her und die Zeiten haben sich geändert.

Zurück ins Heute. Schon 2011 hatten wir eine Serie über Ostern in Schweden gepostet (Teil 1, Teil 2, Teil 3).

Als ich am Gründonnerstag gegen Mittag  durch Arvidsjaur fuhr, hat mich die heutige österliche Realität erschreckend deutlich eingeholt.

Wie sieht es heute, 2016, mit Osterritualen in Lappland aus?

Eine Karawane aus hoch bepackten Autos mit grossen Anhängern wälzt sich aus allen Richtungen ins schwedische Fjäll. In den Autos sind Mann und Maus, will sagen, alle Familienmitglieder nebst Hund(en) dicht gedrängt zwischen grossen Reisetaschen und allerlei Wintersportausrüstung. Ich habe mir das Treiben eine längere Weile angesehen. Die Kinder tief versunken in ihre Mobiltelefone und Tablets, die Eltern (oder sagen wir - im Hinblick auf die vorherrschenden Familienstrukturen in Schweden - die mitreisenden erwachsenen Menschen) in tiefes Schweigen gehüllt. Der Reisestress steckt allen offensichtlich in den Knochen, denn schliesslich ist Hektik angesagt, um möglichst schnell ins begehrte schwedische Fjäll zu kommen.

Auf den Anhängern die vergötterten Statussymbole der norrländischen Einwohner: Schneemobile. Je neuer und PS-stärker, desto besser. Die Nordschweden sind völlig vernarrt in die nicht gerade umweltfreundlichen Monster. Ein Bekannter berichtete mir vergangene Woche ganz stolz er sei mit seinem besten Freund das Wochenende über 500 Km durch das Gebirge gegondelt und alle Knochen täten im weh (mein Mitgefühl hielt sich durchaus in Grenzen).

„Die moderne Osterliturgie: Schneemobile“
„Die moderne Osterliturgie: Schneemobile“

Ostern? Ostern in Nordschweden!

Eigentlich nur folgerichtig. So sieht das Resultat einer seit Jahrzehnten konsequent betriebenen Entkirchlichung einer Gesellschaft aus. Der Lackmustest beweist das. Die Kirchengemeinde der Svenskakyrkan (die ehemalige Staatskirche Schwedens) in Malå, die wegen akuten Mitgliederschwundes mit anderen Pfarreien zusammengelegt wurde, verzeichnet im Schnitt nicht mehr als eine Handvoll Gottesdienstbesucher. Tendenz abnehmend und Altersdurchschnitt zunehmend. Irgendetwas muss ja aber die innere Leere der Menschen füllen. Kein Wunder, dass die Rate an psychischen Erkrankungen hier in Nordschweden in die Höhe schiesst.

Die Lösung des Systems: der Konsum wird es schon richten.

Deswegen werden massenhaft Dinge angeschafft, die kein Mensch wirklich braucht, und die Schneemobile müssen immer vom Feinsten sein und immer mehr Pferdestärken haben. Das hilft aber nicht. Die Menschen fühlen sich in ihrem Inneren doch wie ein leerer Kringel, den sie zu füllen versuchen. Der - in der Regel kreditfinanzierte - Kauf- und Konsumrausch löst das Problem aber nicht (die gerne und schnell verschriebenen Pillen auch nicht).

Manche greifen auch auf altbekannte Bordmittel zurück. In vielen Kofferräumen, neben dem Stapeln Koffern und Taschen, habe ich das hier entdeckt.

Seelentröster vom Systembolaget, die doch nicht helfen...
Seelentröster vom Systembolaget, die doch nicht helfen...


Kein Wunder, dass der Alkoholverkauf in Schweden über die Kette des Systembolaget unter staatlicher Kontrolle reglementiert wird. Helfen tut das freilich auch nicht.

Ostern 2016 - Quo vadis, Schweden?

Leben im Jetzt oder in der Vergangenheit?

Classic Car / Oldtimer in den Wäldern Lapplands


In Lappland wird vielerorten von der „guten alten Zeit“ geschwärmt. Der Glanz vergangener Epochen scheint wie der letzte Abglanz der untergehenden Sonne am Horizont.

Vielleicht ist es ungerecht und falsch, dieses Phänomen in besonderer Weise auf Nordschweden zu beziehen, wenngleich es gewichtige Argumente dafür gibt.

Möglicherweise handelt es sich um eine allgemeine Entwicklung, aber uns fällt sie seit einigen Jahren rund um den Polarkreis ganz besonders auf.

Lappland ist ja ein wahres Paradies der Vergangenheit. Ein Beispiel: In den Wäldern finden sich Massen bildhübscher Oldtimer und die Forgotten Places sind reich gesät.

Das spiegelt sich in den Menschen, die hier leben, wider. In vielen Gesprächen erleben wird, dass Menschen, ja ganze Gruppen krampfhaft an Geschichten und Begebenheiten aus der „glorreichen, guten alten Zeit“ festhalten. Daran, wie gross und bedeutsam z. B. eine Siedlung in den 50er Jahren einstmals war, obwohl dort heute nur noch eine handvoll Menschen leben. Oder dass das Folkets Hus (Dorfgemeinschaftshaus, vergleichbar mit einer Stadthalle im Kleinformat) eines Ortes in den 60ern einmal der Veranstaltungsort grosser Tanzveran-
staltungen war, obwohl das Haus heute nur noch ein baufälliger Trümmerhaufen ist.

Viele Menschen hier - ab dem Mittelalter aufwärts - leben in der Vergangenheit und sind dort geistig und emotional stehen geblieben. Paradoxerweise werden die scheinbaren „Segnungen“ der modernen Technik gerne angenommen (meist in äusserst unguter Art und Weise, Stichwort z. B. Windkraft, aber das würde einen eigenen Blogartikel füllen). Dennoch gleichen aber der inneren Einstellung nach ganze Landstriche einem grossen Museum.

„History is more or less bunk“ hat Henry Ford bekanntlich gesagt. Und damit wollte er wohl zu einem Leben im Jetzt statt in der Vergangenheit aufrufen. Ein bemerkenswerter Gedanke. Keine Frage: Es ist wichtig, aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen. Wir sind nicht gezwungen, die gleichen Fehler immer wieder machen zu müssen. Wo die Beschäftigung mit der Vergangenheit aber nur der Glorifizierung vergangener Zeiten dient, läuft psychologisch gewaltig etwas schief.

Leider leben die meisten Menschen bekanntlich entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Die allerwenigsten in der Gegenwart.

Wer in der Gegenwart lebt, ist präsent und hat Freude am Leben.

Wer demgegenüber in der Vergangenheit lebt, hat diese in aller Regel nicht aufgearbeitet und sucht in ihr das ihm Vertraute und Bekannte. Er hat Angst im Jetzt zu versagen und Angst davor, was ihn in der Zukunft erwarten könnte.

Hinzu kommt, dass der Schwede meisterhaft in der Kunst des „sopa under mattan“ (die Kunst des unter den Teppich kehrens) ist. Der Hügel wächst mit der Zeit, bis man irgendwann - absehbar - kräftig darüber stolpert.

Wer sich mit dem Thema akustisch und literarisch vertiefend befassen möchte, dem sei folgender Klassiker (hier eine Aufnahme von 1969) ans Herz gelegt:



Die Lyrics zum Song gibt es hier.

Besser könnte ich es nicht zusammenfassen...

Klara Nordin: Septemberschuld - Der nächste Lappland-Krimi ist erschienen

Klara Nordin: Septemberschuld - Der nächste Lappland-Krimi ist erschienen


Die langen und kalten Winternächte um den Polarkreis in Lappland sind die geeignete Zeit, um in aller Ruhe Bücher zu lesen. Denn was gibt es schöneres, als bei klirrenden minus 30 Grad vor dem knisternden Ofen auf dem kuscheligen Sofa zu liegen, Beine und Füsse in eine Decke eingehüllt, eine schnurrende Katze auf den Oberschenkeln zu haben, und in die Welt eines Buches einzutauchen?

Welche Lektüre kann ich heute empfehlen?

Nach Ihrem Erstlingswerk "Totenleuchten" hat Klara Nordin vor drei Monaten "Septemberschuld", das zweite Werk Ihrer Reihe von Lappland-Krimis veröffentlicht.

Diesmal taucht Sie tief in die Welt der samischen Ursprungsbevölkerung ein. Das Buch beginnt mit einer sehr blutigen Leiche, die unter sehr mysteriösen Umständen ums Leben gekommen zu sein scheint. Ihrem in Totenleuchten begonnenen Leitthema, dass die Tatausführung einen Bezug zur Schlachtung von Rentieren hat, führt Sie gekonnt weiter. Mehr sei nicht verraten.

Auch in Septemberschuld ist Klaras Gabe, ganz unterschiedliche Handlungsstränge gekonnt zu verflechten, faszinierend. Viele Charaktere sind uns dabei bereits aus Totenleuchten bekannt. Ihre Personenbeschreibungen zeichnen Psychogramme der Beteiligten (und Unbeteiligten), die wiederum geradezu erschreckend zutreffende, tiefe Einblicke in die (nord-)schwedische Seele zeigen. Und die Handlung ist, wie sie bei einem richtig guten Krimi sein soll. Am Anfang undurchsichtig. Dann gibt es verschiedene Spuren, denen der Leser gedanklich folgt, und im letzten Viertel des Buches entfaltet sich eine ungeheure Geschichte (die eine der "Heiligen Kühe" der Wirtschaft in Nordschweden berührt). Mehr sei auch dazu nicht verraten. Nur so viel: Die Spannung hält von der ersten bis zur letzten Seite.

Ihre Hausaufgaben hat Klara Nordin auch dieses Mal wieder gelungen gemacht. Die detailreichen Schilderungen der Locations sind besser als jeder Reiseführer.

Prädikat: Auch Septemberschuld ist Pflichtlektüre für Krimiliebhaber, die Ihr Herz an Nordschweden verloren haben. Und auch alle anderen Krimibegeisterten kommen voll auf ihre Kosten.

Septemberschuld ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch und hat 336 Seiten. Das Buch kostet 9,99 Euro und ist auch als Ebook erhältlich. Bei Audible gibt es Septemberschuld auch als Hörbuch.

-> Mehr Infos und eine Bestellmöglichkeit gibt es auf der Homepage der Autorin: www.klaranordin.de

Gänsehaut, der kalte Krieg und die Zukunft

Eine Reise in die Vergangenheit: Auf einer Fahrt in Richtung Finnland vor einigen Tagen hatte uns eine kurze Pause abseits der E4 wieder einmal eine Gänsehaut beschert. Nur einige Kilometer von der E4 entfernt, auf der sich im Sommer Scharen von Touristen bewegen, sind wir auf einen idyllischen Platz gestossen. Ein kleiner Waldspaziergang hat uns jedoch abrupt in die Abgründe vergangener Realitäten geführt. 

In den heissen Zeiten des kalten Krieges (nach Lehrbuch die Zeit von 1947 bis 1989) war Schweden von den westlichen Bündnispartnern als eines der Hauptaufmarschgebiete (zutreffender wäre wohl der Begriff „Schlachtfelder“) eines möglichen Ost-West-Konfliktes, sprich einer Invasion aus dem Osten, ausersehen worden (und das obwohl Schweden zu keiner Zeit Mitglied der NATO war). Das Wettrüsten in unvorstellbarem Ausmass hatte seine Spuren auch in Schweden hinterlassen.

Unser kleiner Waldspaziergang führte uns somit mitten in ein Feld aus Panzersperren und Bunkeranlagen, die uns eine Gefühl von Gänsehaut beschert haben. Den Überresten geheimer Flugfelder sind wir im Inland schon häufiger begegnet, aber so grossflächige und massive Verteidigungsanlagen waren sogar für uns neu. 

Unsere journalistische Ader erwachte und wir begannen, uns im nächsten Dorf bei Anwohnern etwas näher über die jüngere Geschichte zu erkundigen. Bereitwillig wurde uns von grossen und weitläufigen Bunkeranlagen mit meterdicken Betonwänden und Armierungseisen in Unterarmstärke berichtet, die auch direkten Angriffen mit Kernwaffen standhalten sollten. Die meisten Anlagen sind seit dreissig Jahren verwaist, die Eingänge wurden verschlossen. Einige Objekte aber werden von Vereinen gepflegt und können besichtigt werden.

Die Stimmung an diesen Orten ist eigenartig. Die Natur hat sich ihren Teil zurückgeholt und Rentiere weiden zwischen tonnenschweren Betonklötzen; Kraniche ziehen friedlich ihre Bahnen am Himmel. Die Anmutung von Chaos und Zerstörung scheint aber dennoch atmosphärisch konserviert und bedrückt die Stimmung des Besuchers.

Der rüstige Rentner, mit dem wir uns angeregt unterhalten haben, war in Gesprächslaune. Nennen wir ihn Lars. 

Lars zeichnete in groben Zügen das grosse Bild der vergangenen Zeiten.

Bekanntlich hatte Schweden in den 70er-Jahren geradezu aberwitzig hohe Steuersätze durch die Kombination von Ertrags- und Substanzsteuern. Der schwedenkundige Leser erinnert sich an populäre Beispiele wie Astrid Lindgren oder ABBA. Die zu zahlende Steuerlast hatte dazu geführt, dass die Steuern und Abgaben mehr als 100 Prozent der Einnahmen ausmachten. Normalerweise wird das als Teil der wirtschaftlichen Blütezeit Schwedens in den Nachkriegsjahren bis zum Ende der 70-er Jahre gesehen und in diesem Kontext bewertet: Der Lebensstandard und das Wohlfahrtssystem waren europaweit legendär, was die sprudelnden Steuereinnahmen verschlang. 

Lars war kritischer und zeichnete ein anderes Bild. „Was meinst Du“, fragte er, „wo ein Grossteil der ganzen Steuermillarden hin gegangen sind?“. Und er berichtete uns von den geheimen Grossbaustellen unvorstellbaren Ausmasses. „Das hat alles unglaublich viel Geld gekostet, und seit dreissig Jahren gammelt alles vor sich hin“, fuhr er fort, um uns dann zu belehren, „dass Schweden zu dieser Zeit an der Weltspitze mit den Pro-Kopf-Rüstungsausgaben gelegen hatte“. Wir fragten nicht nach, woher er die gute Kenntnis der Zusammenhänge besitzt.  

Er rundete seinen kleinen Vortrag ab: „Die in Schweden sehr schwere Finanz- und Bankenkrise der späten 80-er und frühen 90-er Jahre hatte dann das Geld versiegen lassen, und die Entspannung zwischen Ost und West gegen Ende der 80-er Jahre hatte das alles hier obsolet werden lassen. Die Ruinen bleiben uns als Erinnerung erhalten.“  

Wir packten zusammen und setzten unsere Reise gen Finnland fort. Die Gedanken kreisten nun Kilometer für Kilometer um die eindrücklichen Bilder und die Berichte von Lars.

Uns verbindet die Hoffnung, dass die Ruinen weiter verfallen und die Zeiten des kalten Krieges gezählt sind.

Möge Schweden weitere 200 Jahre in Frieden leben. 

Panzersperren: Die Natur erobert sich das Gebiet zurück
Panzersperren: Die Natur erobert sich das Gebiet zurück


Diese tonnenschweren Kolosse wären im Ernstfall <br />mit einem Handgriff auf die Strasse zu rollen gewesen.
Diese tonnenschweren Kolosse wären im Ernstfall
mit einem Handgriff auf die Strasse zu rollen gewesen.


Können Laternenpfähle im Sommer frieren?

Wir unterbrechen unsere Sommerpause heute mit einem kurzen Beitrag und widmen uns der Frage: Können Laternenpfähle im Sommer frieren?

Können Laternenpfähle denn im Winter frieren und wenn ja, wie ist das im Sommer? Bei einer kühlen Brise Seeluft vielleicht, oder bei einem plötzlichen Kälteeinbruch?

Und heisst es eigentlich Laternenpfahl oder Laternenpfosten?

Der verwunderte Leser mag sich jetzt vielleicht fragen, wie wir eigentlich auf diese - doch zunächst eher peripheren - Frage gekommen sind.

Sie merken schon, entweder geht es um Satire oder um Kunst. Letzteres ist der Fall.

Und damit wären wir mittendrin in einem neuen Beitrag aus der Serie: Achtung Kunst.

Bei einem Spaziergang an der "Uferpromenade" in der beschaulichen Kleinstadt Malå in Schwedisch-Lappland sind wir kürzlich auf eine interessante und sehr kreative Kunstinstallation gestossen.

Pfostenwärmer - Kunst am Laternenpfahl - 1
„Pfostenwärmer“


Der Uferweg, der einen schönen Blick auf die gegenüberliegende Seite des Malåträsk gewährt und stark frequentiert ist, wurde in einen meditativen Pfad verwandelt. Der Kern des Gesamtkunstwerkes sind bekleidete Laternenpfähle. Gehäkelt, gestrickt und in Patchwork haben die Laternenpfosten wärmende Bekleidung bekommen: Zahlreiche "Handschuhe" oder "Wärmesocken" zieren die Reihe der Laternenpfosten.

Frau Lapplandblog bezeichnet die handgefertigten Kunstwerke, welche an den Laternen angebracht sind, schlicht und ergreifend als Pfostenwärmer.

Pfostenwärmer - Kunst am Laternenpfahl - 2
„Pfostenwärmer II“

Am Wegesrand des meditativen Pfades sind im Abstand von 10-20 Metern Schilder mit besinnlichen Zitaten angebracht. Mehrere Bänke laden zum Verweilen ein.

Bank am Wegesrand - Kunst am Laternenpfahl
„Besinnliche Parkbank - oder Parkbank der Besinnung?“


Eine innovative Installation, wir wir finden. Vom philosophischen Hintergrund, der sich in den Eingangsfragen andeutungsweise spiegelt, einmal ganz zu Schweigen.

Im beschaulichen Malå ist die Frage nach der Kälteempfindlichkeit von Laternenpfählen also, entgegen landläufiger Ansicht, nicht nur rein philosophischer Natur.

Pfostenwärmer - Kunst am Laternenpfahl mit Panorama
„Pfostenwärmer in Nationalfarben mit Panorama“


Sommarlov

"Sommarlov" ist die Bezeichnung für die schwedischen Sommerferien.

Von kleineren regionalen Unterschieden abgesehen, gehen die Sommerferien von der Woche vor Midsommar bis Mitte August (10 Wochen).

Für uns heisst das: Mitte August geht es dann hier im Blog wieder weiter.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern eine schöne und erholsame Sommerzeit!

Und wenn Sie Urlaub in Schweden machen dann passen Sie bitte auf, dass Ihnen kein Elch und kein Rentier vor das Auto oder Womo laufen!

Arktischer Sommer 2015
Arktischer Sommer 2015

Das Jedermannsrecht ("Allemansrätten") - aber so bitte nicht!

"Das kann doch nicht wahr sein", so fuhr es mir durch den Sinn. Und meine Palette der Emotionen ging von ungläubigem Staunen über Fassungslosigkeit bis hin zu richtigem Ärger.

Was war geschehen? Es geht um das schwedische Jedermannsrecht , das sog. "Allemansrätten". Das Allemansrätten, eine alte Tradition in vielen nordischen Ländern, hat in Schweden seine Grundlage in der Regeringsformen (Link zum Gesetzestext der Regeringsformen), einem der schwedischen Grundgesetze.

Die geltende Regeringsformen, in der u. a. die staatsrechtliche Organisation des schwedischen Staates geregelt ist, ist am 1.1.1975 in Kraft getreten. Seit 1994 findet sich dort im zweiten Kapitel § 15 die Regelung

"Alle haben Zugang zur Natur nach Massgabe des Jedermannsrechtes".


Bereits von Alters her war das Allemansrätten aber bereits ein ungeschriebener schwedischer Rechtsgrundsatz, der durch die Neuregelung aus dem Jahre 1994 lediglich gesetzlich kodifiziert wurde.

Der genaue Umfang des Jedermannrechtes ergibt sich allerdings nicht aus der Regeringsformen, aber im schwedischen Umweltgesetzbuch, dem sog. "Miljöbalken" (Link zum Gesetzestext des Miljöbalken) finden sich einige detailliertere Regelungen, insbesondere in den Kapiteln zwei und sieben. Dort ist im siebten Kapitel § 1 die Regelung

"Jedermann, der das Jedermannsrecht in Anspruch nimmt oder sich sonst in der Natur aufhält, soll Rücksicht und Achtsamkeit im Umgang mit der Natur zeigen"



zu finden.

Die Detailauslegung des Jedermannsrechts wird vom schwedischen Amt für Naturschutz, dem sog. "Naturvårdsverket" vorgenommen. Der Obersatz lautet dabei

"Nicht stören und nicht zerstören".



Ausgangspunkt für die Auslegung des Inhalts sind zunächst alle in anderen Gesetzen ausdrücklich untersagten Tatbestände. Der dann verbleibende Freiraum wird vom Naturvårdsverket ausführlich beschrieben und ausgeformt.

Über den Umfang des Allemansrätten wird in den letzten 15 Jahren lebhaft diskutiert denn es gestattet viele Nutzungen, die von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung sind. So z. B. das kommerzielle Beerenpflücken. Jedes Jahr arbeiten sich Heerscharen von kommerziellen Beerenpflückern, die i. d. R. unter völlig unakzeptablen Bedingungen arbeiten, durch die Wälder Norrlands auf der Suche nach Preiselbeeren, Blaubeeren, Moltebeeren und vielen anderen Leckereien.

Über die bemitleidenswerten Beerenpflücker, die mit einem zeitlich begrenzten Arbeitsvisum oft aus Thailand und sogar China nach Schweden kommen, wäre noch viel zu sagen. Aber darum soll es heute nicht gehen.

Also zurück zum Allemannsrätten. Dieses ist auch bei vielen Touristen sehr beliebt - ermöglicht es doch z. B. das wilde Campen in der Natur.

Das Natutvårdverket sagt dazu:

Für eine Nacht darf man in der freien Natur zelten, vorausgesetzt, dass man den Grundbesitzer nicht stört oder Schaden in der Natur anrichtet. ... Es ist wichtig, das Zelt nicht in Sichtweite eines Wohnhauses oder auf landwirtschaftlich genutzten Flächen aufzuschlagen. ... Das Jedermannsrecht erlaubt, für eine Nacht zwei bis drei Zelte aufzuschlagen. Da bei größeren Gruppen die Gefahr für Bodenschäden und sanitäre Probleme besteht, muss die Erlaubnis des Grundbesitzers eingeholt werden.



Für Nationalparks und Naturschutzgebiete gibt es Sondervorschriften.

Und wer würde es nicht lieben, in der freien Natur am Lagerfeuer zu sitzen?

Das Naturvårdsverket dazu:

Unter sicheren Bedingungen ist es erlaubt in freier Natur offene Feuer zu zünden. Doch so stimmungsvoll ein offenes Feuer auch ist, es birgt Risiken, denn jährlich werden große Waldbrände durch Fahrlässigkeit mit offenen Feuern verursacht. ... Es ist wichtig, einen geeigneten Platz für das Feuer zu wählen. Das Feuer darf sich weder ausbreiten noch Boden oder Pflanzen beschädigen. Kies oder Sandboden eignen sich gut als Bodengrundlage.Moos, Torfboden oder erdiger Waldboden eignen sich nicht so gut. Hier besteht nicht nur die Gefahr, dass sich das Feuer ausbreitet, es kann auch lange im Boden schwelen, um später aufzuflammen.Machen Sie auch nie Feuer auf oder direkt neben Felsen oder Klippen. Diese bersten durch die Hitze und es entstehen unwiderrufliche Schäden.Heruntergefallene Tannenzapfen und Zweige dürfen als Brennmaterial benutzt werden. Es ist nicht erlaubt, Bäume oder Büsche zu fällen oder Reisig, Zweige und Baumrinde von lebenden Bäumen zu schneiden. Auch die Wurzeln umgekippter Bäume (Sturmholz) dürfen nicht als Brennholz verwendet werden.



Für Nationalparks und Naturschutzgebiete gibt es auch hier wieder Sondervorschriften.

Zurück zum Ausgangspunkt meines Erlebnisses. Ort des Geschehens ist ein bezaubernder "wilder" Campingplatz, der bei vielen Norrlandurlaubern sehr beliebt ist. Einige übereifrige Touristen hatten für ein Lagerfeuer einen der wertvollen Bäume, die zur Uferbefestigung dienen, gefällt und zu Feuerholz verarbeitet. Und das war nicht der erste Baum, der an diesem Ort rücksichtslosen Touristen zum Opfer gefallen ist. Das zu sehen und zu verfolgen regt mich - ehrlich gesagt - unglaublich auf.

Deswegen liebe Urlauber:

Nicht stören und nicht zerstören. Und im Zweifel bitte den Ball bewusst flach halten! Denkt daran: Ihr seid auch Botschafter Eurer Kultur und Eures Heimatlandes. Und speziell alle Deutschen seien hier ermahnt, denn der Ruf von Deutschen leidet in unseren Breiten derzeit aus guten Gründen leider zunehmend.



Das Jedermannsrecht (
Ich traue meinen Augen nicht:
Hier wurden die Grenzen des Allemansrätten weit überschritten!

The city never sleeps - ein persönliches Projekt

Heute ein Beitrag der sich nicht unmittelbar den arktischen Regionen Schwedens, sondern der bezaubernden Hauptstadt Stockholm widmet. Meine ganz persönliche Hommage an diese liebenswerte Stadt.

Stockholm, die Hauptstadt Schwedens, hat mich schon immer fasziniert. Einerseits eine pulsierende Weltstadt, andererseits ist da dieser besondere Charme, der Stockholm auszeichnet. Die schwedische "Lugn och ro" (lässt sich hier am besten mit "Ruhe und Beschaulichkeit" übersetzen) durchsäuern das ansonsten hektische Leben und geben der Stadt die besondere und liebenswerte Atmosphäre.

Über die vergangenen sechs Monate war ich immer wieder in Stockholm, um diese spezielle Stimmung der Stadt einzufangen. Und so ist im Rahmen dieses Projektes, das ich auf den Namen "The city never sleeps" getauft habe, eine Bilderserie in klassischem schwarz/weiss entstanden, die ich ich vor einigen Tagen veröffentlicht habe (Link).

Stockholm - “The city never sleeps“ - In the shadows
“The city never sleeps“ - In the shadows

Teflon Menschen - "en passant" in Stockholm

Hat der Mensch des dritten Jahrtausends eine eingebaute Antihaft-Beschichtung? Eine Hülle, an der alles abprallt, was eigentlich Gefühle der Empathie wecken sollte? Können Menschen im einundzwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch innerlich berührt werden?

Ich bin mir nicht mehr sicher. 

Die Tage war ich in Stockholm und nahm eine kleine Promenade auf dem Kungsgatan. An der Ecke Kungsgatan / Drottninggatan ist mir eine Strassenszene begegnet, die mich erschüttert hat.

Teflon Menschen -
Eilende Menschen im Strassenbild verdecken die Dramatik der Szene


Schweden wird seit einiger Zeit gerade von einer bislang unbekannten Welle erfasst:

Auf den Strassen sind seit einigen Monaten sehr viele Bettler zu sehen. Meist aus südeuropäischen Ländern stammend, versuchen diese Menschen ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im schwedischen Strassenbild ist das ungewohnt und es fällt mir schwer, mir das Betteln bei eisigen Temperaturen vorzustellen. Das Strassenbild hat sich nicht nur in den grösseren Städten in Südschweden verändert. Mittlerweile sind die Bettler auch in kleinen Orten in Nordschweden angekommen. Betteln vor einem Supermarkt bei minus 20 Grad ist keine angenehme Tätigkeit. Und die zu Beginn grosszügige Mildtätigkeit der einheimischen Bevölkerung scheint - meinen Beobachtungen nach - mehr und mehr zurück zu gehen. Ich möchte bewusst keine Pro und Contra Diskussion zum Geschäftsmodell des Bettelns führen. Für mich geht es vielmehr um einen Indikator dafür, wie sich die emotionale Rezeptivität der Menschen im Allgemeinen verändert hat.

Eine Seite ist die veränderte Wahrnehmung. Ich würde sagen, dass ca. 80% der Menschen im Strassenbild in Stockholm ein modernes Mobiltelefon benutzen, während sie sich eilends fortbewegen. Das führt natürlich dazu, dass diese Menschen die bettelnden Menschen am Strassenrand überhaupt nicht mehr bewusst wahrnehmen.

Diejenigen, die es dennoch tun (oder sich gerade einmal nicht mit ihrem Mobiltelefon beschäftigen) weisen eine zunehmende Gefühlskälte auf. Die Gebewilligkeit ist nur noch äusserst gering. Ob das ein Sieg des vermeintlich Rationalen oder der Abgebrühtheit ist? Ich vermute letzteres. Der "Homo technicus", bzw. "Homo digitalicus" ist ein "Teflon-Mensch" geworden, an dem alles einfach abperlt, was nicht in das Muster des zum eigenen Vorteil Gereichenden passt.

Kurz und prägnant: Der Gedanke der Humanisierung des Lebens duch den technischen Fortschritt führt sich fortwährend selbst ad absurdum und der in die virtuelle Welt transzendierende Mensch verliert jeglichen Bezug zum eigentlich Menschlichen. 

Anders ist mir das Verhalten der Passanten, die ich über einen langen Zeitraum hinweg beobachtet habe, einfach nicht zu erklären.

Es möge der Kelch, der sich mehr und mehr abzeichnet, an uns vorüber gehen. 

Teflon Menschen -
Die erschütternde Szene des stundenlang knienden Bettlers
wird von den Vorbeieilenden kaum wahrgenommen


PS: Als ergänzende und weiterführende Lektüre empfehle ich den kürzlich im Guardian erschienenen Artikel "Why the modern world is bad for your brain".

Klara Nordin: Totenleuchten - Ein Lappland-Krimi

Einige Todesfälle, die zunächst und oberflächlich betrachtet in keinem Zusammenhang stehen, gipfeln in einem Mord der in seiner Ausführung einer traditionellen Rentierschlachtung ähnelt. Und das noch zur Zeit des Wintermarktes in Jokkmokk. Die örtliche Polizei steht vor einem grossen Rätsel. Trotz der eisigen Kälte, in welcher der jüngste Krimi von Klara Nordin spielt, entwickelt sich eine "heisse" Story.

Hauptkommissarin Linda Lundin, die sich selbst in einem recht turbulenten Lebensabschnitt befindet, muss mit allerlei Widrigkeiten kämpfen, bis sich die Lösung des Falles (und für die akuten Probleme ihres eigenen Lebens) auf den letzten Seiten des Buches vor ihr entfaltet.

Klara Nordin gelingt es, eine subtile Spannung aufzubauen, die faszinierend in ihren Bann zieht. Ein handwerklich äusserst gelungener Kriminalroman. Klara Nordin ist eine geübte und professionelle Autorin, die übrigens auch Kurse für angehende Autoren anbietet.

Aber das Buch geht über einen durch und durch gelungenen Krimi weit hinaus. Er ist nicht nur fesselnd, sondern zugleich ein brillantes Lehrstück der schwedischen Mentalität. Die Autorin hat sich tief in das Nordschwedische Wesen versenkt und gibt dem Leser wertvolle Einblicke in die Denkstrukturen der Norrländer. Eine beachtliche Leistung wenn man bedenkt, dass die Autorin selbst eine Einwandererin ist. Seien es die unterschwelligen Spannungen und Animositäten zwischen der schwedischen und der samischen Kultur und Lebensweise, oder die Einstellung zu Leben und Beruf: der Krimi ist ein wahres Lehrbuch über die nordschwedische Seele. Und in Kombination mit der spannenden Story wird all das beinahe unbewusst "mit vermittelt". 

Zudem ist es der Autorin gelungen, ein realistisches Abbild der gestreiften Region zu geben. Der ortskundige Leser kann sich manches Lächeln und Grinsen nicht verkneifen, wenn z. B. manche Details aus Jokkmokk geschildert werden.

Ich habe den Krimi am Stück verschlungen auf einem Flug von und nach Stockholm. Geschätzte Lesedauer für einen geübten Leser: ca. 3 bis 4 Stunden. Die Pointe am Schluss hat mich übrigens so laut auflachen lassen, dass sich viele verschlafene Passagiere der Abendmaschine von Stockholm nach Arvidsjaur befremdet zu mir umgedreht haben. Danke, Klara!

Prädikat: Äusserst empfehlenswert! Pflichtlektüre für alle Krimiliebhaber und selbstverständlich auch für alle, die tiefere Einblicke in die nordschwedische Denk- und Lebensweise haben sollen.

Totenleuchten ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch und hat 316 Seiten. Das Buch kostet 9,99 Euro und ist auch als Ebook erhältlich.

-> Mehr Infos und eine Bestellmöglichkeit gibt es auf der Homepage der Autorin: www.klaranordin.de


Klara Nordin: Totenleuchten - Ein Lappland-Krimi
Nach nur drei Stunden völlig „zerlesen“: Totenleuchten von Klara Nordin

Gedankensplitter aus Stockholm und der St.-Knuts-Tag / Knutdagen

Den berühmten IKEA-Werbespot zum St.-Knuts-Tag haben bestimmt die meisten der hiesigen Leser schon gesehen.

Der St.-Knuts-Tag ("tjugondedag jul", "tjugondag Knut" oder "Knutdagen") schliesst die Weihnachtszeit in Schweden ab. Er ist der 20. und letzte Tag der Weihnachtszeit und wird am 13. Januar gefeiert.

Am St.-Knuts-Tag werden nach alter schwedischer Tradition die Kerzen und der Schmuck von den Weihnachtsbäumen entfernt. Für die Kinder ist der traditionelle Abschluss der Weihnachtszeit auch deshalb besonders attraktiv, weil dann die verbleibenden Süssigkeiten, mit denen die Bäume geschmückt waren, "geplündert" werden dürfen. Daher heisst diese Tradition "julgransplundring".

Und danach kommt das, was im IKEA-Werbespot so eindrücklich zu sehen ist: Die Bäume werden aus der Wohnung entfernt und entsorgt.

Wie aber sieht das tatsächlich in einer schwedischen Grossstadt aus? Um der Sache auf den Grund zu gehen hat es sich gut ergeben, dass ich am 12./13. Januar in Stockholm war und die Sache selbst in Augenschein nehmen konnte. Und ich kann Entwarnung geben: Aus Fenstern auf die Strasse fliegende Bäume konnte ich keine erspähen.


Christbaumfriedhof in Stockholm am Knutdagen
Christbaumfriedhof in Stockholm am Knutdagen



Die Tradition lebt allerdings weiter. Am Zwölften und am Dreizehnten schleppten viele Bewohner ihre - für die Saison ausgedienten - Bäume auf die Strasse, wo sich an einer Stelle in jedem Viertel ein grosser Christbaumhaufen bildete. Ein ungewohntes Strassenbild. In Gebieten mit Hochhausbebauung ist der Weg zum Christbaumfriedhof länger und manche Anwohner haben sich einen Einkaufswagen "geborgt", um den geplünderten Weihnachtsbaum damit zur Entsorgung zu karren.


Clevere Entsorgungslösung
Clevere Entsorgungslösung



Auf der Rolltreppe in Stockholm

Stockholm pulsiert in einem hektischen Takt. Das verwundert mich immer wieder, denn Schweden ist ja eigentlich ein eher geruhsames Land. Trotzdem geht es im Nahverkehr oft geradezu chaotisch zu. Die langen Rolltreppen zu den U-Bahn-Stationen haben bereits eine hohe Geschwindigkeit. Trotzdem macht man sich überhaupt keine Freunde und wird beständig unfreundlich ermahnt, doch bitte rechts auf der Rolltreppe zu stehen, wenn man - unkonzentriert - etwas zu mittig auf einer Stufe steht. Denn die linke Hälfte der Rolltreppe ist für diejenigen Pendler reserviert, die im Laufschritt nach unten oder oben eilen wollen. Und das sind recht viele.


Mehr Steckdosen bitte!

Schweden ist bekanntlich eines der internetaffinsten Länder. Am Flughafen in Arlanda - wo die Umbauarbeiten an der Sky-City weitgehend abgeschlossen zu sein scheinen - gibt es jetzt bei fast allen Sitzgelegenheiten die mittlerweile geradezu obligatorischen Steckdosenleisten zum Aufladen von Smartphones. Auch ein anderer Trend ist mir aufgefallen: Brillenträger kennen das gute alte Brillenputztuch. Das scheint gerade wieder hoch im Kurs zu stehen. Allerdings nicht für die Brille, denn ein neues Ritual hat sich etabliert. Smartphone-Nutzer setzen sich an einen Warteplatz und packen zuerst das Smartphone und dann ein Brillenputztuch aus, um zunächst den Bildschirm zu polieren, bevor sie mit gebanntem Blick auf den Screen in die Datenwelt entschwinden.


“Out of order“ - fragt sich nur wie lange?
“Out of order“ - fragt sich nur wie lange?



Alles hat seine Zeit

Ein letztes Fundstück handelt von "interkultureller Kompetenz". Es geht um internationale Datumsformate. Am 14. Januar erspähte ich eine Rolltreppe, auf deren Hinweisschild zu lesen war (übersetzt): "Renovierung - fertig am 15-01-16". Da stellt sich die Frage, ob damit der darauf folgende Tag gemeint war, oder ob die Rolltreppe ein ganzes Jahr ausser Betrieb sein würde. Ersteres war wohl der Fall.

Wahlmysterien in Schweden [Update: 27.12.2014]

Das Jahr 2014 war wieder ein "Superwahljahr" in Schweden. Am 14. September 2014 fanden die Wahlen zum Reichstag ("Riksdag"), den Landesparlamenten ("Landsting") und die Kommunalwahlen statt. Und vorab sei sogleich angemerkt: In diesem Artikel wird es nicht um politische Fragen gehen, sondern um die praktischen Besonderheiten des schwedischen Wahlsystems.

Wie nicht anders zu erwarten, sieht die „Regeringsformen“, eines der im Verfassungsrang stehenden vier schwedischen Grundgesetze in Kapitel 3, § 1 vor, dass die Reichstagswahl frei, geheim und direkt ist. Dennoch ist die praktische Durchführung für Wähler, die schon einmal an Wahlen in Deutschland teilgenommen haben, ungewohnt. Insbesondere die "geheime" Wahl wird in Schweden anders praktiziert, wie z. B. in Deutschland.

Das lässt sich am besten mit einem Gang zur Wahlurne erklären. Einige Zeit vor der Wahl kommt von der zentralen Wahlbehörde ein Brief an jeden Wahlberechtigten, der eine sog. "Röstkort" (Wahlkarte) enthält. Mit dieser Wahlkarte und einem gültigen Ausweisdokument kann man nun entweder vorab, oder am eigentlichen Wahltag abstimmen.

Vor der Wahl landet natürlich auch allerlei Wahlwerbung im Briefkasten. Das Besondere ist, dass sich bei den Werbeschriften der Parteien meistens auch schon Wahlzettel (einheitliche Farbe und im Format DIN A 6) mit im Kuvert befinden. Und das ist eine echte schwedische Besonderheit. Denn nach Kap 6, §§ 6ff des schwedischen Wahlgesetzes ("Vallagen") haben alle an der Wahl teilnehmenden Parteien einen Anspruch auf Bereitstellung von Wahlzetteln auf Kosten des Staates. Und diese Wahlzettel werden im Vorfeld der Wahlen grossflächig an potentielle Wähler verteilt. Soweit so gut.

Schwedische Wahlzettel unterscheiden sich grundlegend von den aus Deutschland bekannten. Ist man aus Deutschland einen grossen Zettel gewohnt auf dem man seine Kreuze setzen kann, so gibt es in Schweden für jede Partei einen eigenen Wahlzettel und es wird nur der Wahlzettel der favorisierten Partei ins Kuvert gesteckt.

Am Wahltag dürfen sowohl die im Vorhinein von den Parteien mit der Wahlwerbung gelieferten, wie auch die im Wahllokal bereit gehaltenen Wahlzettel verwendet werden. In der Wahlkabine wird also in das Wahlkuvert ein von zuhause mitgebrachter, oder im Wahllokal ausgewählter Wahlzettel eingelegt.

Und hier liegt der Knackpunkt. Wer den passenden Wahlzettel von zuhause mitgebracht hat, kann diesen verdeckt, z. B. in einer Innentasche oder zusammengefaltet mit sich tragen. Wer aber keinen Wahlzettel mitbringt, muss sich den Wahlzettel der gewünschten Partei aus einem grossen Ständer nehmen. Und dieses Display steht im Vorraum zum Wahllokal in aller Öffentlichkeit. Für die umstehenden Personen ist also ohne weiteres erkennbar, den Wahlzettel welcher Partei ein Wähler aussucht. Das unterscheidet sich deutlich von der bundesdeutschen Wahlpraxis, bei welcher der Wähler einen einheitlichen Wahlzettel zum Ankreuzen zusammen mit seinem Wahlkuvert erhält.

Schwedische Wahlzettel im Vorraum eines Wahllokales
Schwedische Wahlzettel im Vorraum eines Wahllokales


Noch ein anderer Umstand fällt auf: Die Wahllokale sind in öffentlichen Gebäuden, doch schon bei der Annäherung an das Wahllokal reibt sich der aus Deutschland geprägte Wähler die Augen. Wahlkampfhelfer, Stände und die Reklame von Parteien, begleiten einen bis an die Tür zum Wahllokal. Sperrbereichsvorschriften? Fehlanzeige.

Schweden ist übrigens gerade in einer Krise. Nach einer politischen Niederlage für die nach der Wahl im Jahre 2014 neu gebildeten Regierung wurde die Entscheidung für eine Neuwahl getroffen , die im - ansonsten sehr stabilen - Schweden den Namen "Extra Wahl" trägt und extrem selten vorkommt (das letzte Mal im Jahre 1958). Am 22. März 2015 wird also wieder ein Urnengang fällig. Auch dann wird wieder gelten: Wer auf eine "ganz geheime" Wahl Wert legt, sollte "seinen" Wahlzettel am besten schon gefaltet zur Wahl mitbringen.

[Update: 27.12.2014]: Mehr oder weniger überraschend haben sich nun Regierung und Opposition in Schweden auf eine langfristige Zusammenarbeit geeinigt, um vorgezogene Parlamentswahlen abzuwenden. Die auf den Namen "Dezemberabkommen" getaufte Vereinbarung stellt sicher, dass künftig eine Minderheitskoalition in Schweden regieren kann.

Konstruktive Gespräche zwischen Rot-Grün und der Allianz aus vier bürgerlichen Parteien haben dies möglich gemacht. Die Minderheitsregierung aus Sozialdemokraten und Grünen bleibt damit zunächst am Ruder und die Neuwahl am 22. März 2015 wird nicht stattfinden.

Nach der Vereinbarung soll künftig der Kandidat, der die meisten Stimmen im Parlament auf sich vereinen kann, Ministerpräsident werden. Dessen Haushaltsplan sollen dann auch den Reichstag dann passieren, indem sich das oppositionelle Lager bei der Abstimmung enthält.

Ausserdem haben sich Rot-Grün und die bürgerlichen Parteien – Konservative, Christdemokraten, Zentrumspartei und liberale Volkspartei - auf eine Zusammenarbeit in verschiedenen Politikbereichen, u. a. Verteidigung, Energie und Pensionsregelungen geeinigt.

Husmannskost: Echte schwedische Köttsoppa (mit Rezept)

Nebelschaden im Kochtopf: Die Köttsoppa gart
Nebelschwaden im Kochtopf: Die Köttsoppa gart

Im Kochtopf dampft es. Gerade waren liebe schwedische Freunde zu Besuch und haben einen grossen Topf mit einer regionalen Spezialität vorbei gebracht. Nun gart im Kochtopf eine „Köttsoppa“, eine echte schwedische "Fleischsuppe", und es liegen dichte Nebelschwaden über der Suppenoberfläche.

Eine Köttsoppa ist hier in Lappland ein fester Bestandteil der sog. „Husmannskost“ („Hausmannskost“). Wie auch in Deutschland zählen dazu traditionell schnell zubereitete Gerichte, die vor allem eines sind: nahrhaft.

Die Husmannskost in Schweden ist regional unterschiedlich, denn sie beruht auf dem jeweiligen lokalen Nahrungsangebot. Hier in Lappland ist die Köttsoppa mit Elchfleisch ein solcher Klassiker, besonders im Herbst.

Gegen Mitte September ist der erste Durchgang der Elchjagd in Lappland abgeschlossen und die Tiefkühltruhen vieler Jäger sind prall gefüllt. Da bietet es sich an, eine kräftige und herzhafte Köttsoppa mit Elchfleisch auf den Tisch zu bringen.

Und hier gibt es gleich das Originalrezept dazu:

Zutaten

- 500 gr. Elchfleisch (alternativ: alles, was "gulaschtauglich" ist)
- Drei Karotten
- Eine Pastinake
- Ein Stück Sellerie
- Zwei Zwiebeln
- Drei Kartoffeln
- Ein Würfel Fleischbrühe (Brühwürfel)
- Schwarzer Pfeffer
- Salz
- Ein Lorberblatt
- Etwas Thymian
- Petersilie

Zubereitung

Das Fleisch in gulaschgrosse Stücke schneiden und in den Topf geben. Wasser zugeben, sodass das Fleisch bedeckt ist. Salz zugeben und aufkochen. Dann die übrigen Gewürze und den Brühwürfel zugeben. Etwa 20 Minuten bei mittlerer Wärme kochen lassen. Dann das geschälte und klein geschnittene Gemüse zugeben. Gegebenenfalls noch etwas Wasser nachfüllen. Kochen lassen, bis sich die Fleischstücke leicht braun färben. Mit der Petersilie garniert servieren. Dazu schmeckt frisches Butterbrot.

Guten Appetit, oder: Smaklig måltid!

Der "Kölapp" - des Schwedens liebster Zettel

Üblicherweise wird den Briten die beinahe unendliche Geduld nachgesagt. Nach einigen Jahren in Schweden bin ich allerdings davon überzeugt, dass das nicht stimmt. In Wahrheit übertreffen die Schweden die Briten bei weitem.

Provokativ formuliert: Schweden warten gerne. Und wie so vieles in Schweden ist auch das Warten sehr strukturiert und gut durchorganisiert.

Ich erinnere mich gut an eine Begebenheit vor etlichen Jahren. Erst einige Wochen in Schweden, ging ich als Kunde in ein Elektronikfachgeschäft. Artig erzogen stellte ich mich an der Schlange an, und nach einer Viertelstunde war ich an der Reihe. Die freundliche Verkäuferin blickte auf meine leeren Hände und fragte mich vorwurfsvoll nach meiner Nummer. Die Fragezeichen waren mir offenbar ins Gesicht geschrieben und sie nahm sich die Zeit, mich in das schwedische System des "Kölapp", des "Wartezettels" einzuweisen.

Und das funktioniert so: An viel frequentierten Orten, d.h. Geschäften oder Behörden mit grösserem Besucher- oder Kundenandrang gibt es in der Nähe des Eingangs einen Kasten mit einem grossen Knopf darauf. Heutzutage sind das meistens Thermodrucker. Auf Knopfdruck spuckt der Kasten einen kleinen Zettel aus, auf dem in grossen Lettern eine Zahl steht. Der Zettel enthält die eigene Nummer in der Warteschlange. Irgendwo über den Schaltern oder der Theke hängt dann eine Anzeigetafel (meistens mit roten LEDs), auf denen eine Nummer angezeigt wird. Nach jedem abgefertigten Kunden wird eine neue Nummer auf der Anzeigetafel sichtbar. So weiss man, wann man an der Reihe ist.

Das System hat verschiedene Vorteile: 

- Das Warten wird deutlich entspannter. Zwar bilden sich mancherorts noch Schlangen, aber in der Regel können die Kunden "frei" warten und dabei im Geschäft umhergehen. Das dürfte gut für den Umsatz sein, denn - je länger die Wartezeit - desto mehr Spontankäufe.

- Das System vermittelt dem Wartenden Sicherheit, denn der Kunde muss "seinen" Platz in der Warteschlange nicht hüten und verteidigen. Alles geht geruhsamer und entspannter zu. 

Natürlich macht die moderne Technik auch vor dem altbewährten Kölapp nicht Halt. Mittlerweile gibt es auch digitale "Warteschlangenlösungen". 

SMS-System: Das bereits zu Anfang des neuen Jahrtausends erprobte SMS-System beruht auf dem SMS-Dienst. Der Kunde schickt eine SMS an eine spezielle Nummer des Geschäftes oder der Behörde, die er besuchen möchte. Dann erhält er eine SMS mit seiner Wartenummer und der aktuellen Nummer in der Schlange zurück. Damit lässt sich bereits "auf Distanz" die Wartezeit abschätzen. Oft sind die digitalen Systeme auch so eingerichtet, dass eine weitere Erinnerungs-SMS gesendet wird, wenn nur noch fünf oder zehn Nummern vor der eigenen Nummer sind. 

Apps und cloudbasierte Lösungen: Mittlerweile gibt es aber auch ganz moderne Systeme (z. B. q-channel), die eigene Apps und Clouddienste nutzen. Das bietet für den Kunden den Vorteil, dass er die Warteschlange und den Fortschritt in Echtzeit verfolgen kann. Sehr modern, sehr charmant, aber für mich geht nichts über den kleinen Zettel mit der Nummer darauf.

Der
Ein klassischer Kölapp - hier ein Beispiel aus der Apotheke

Ett fyrfaldigt leve för H.K.H. Kronprinsessan Victoria! Hipp, hipp - Hurra!, Hurra!, Hurra! Hurra!

Ihre Königliche Hoheit Kronprinzessin Victoria, Herzogin von Västergötland, begeht heute Ihren 37. Geburtstag

Die besten Glückwünsche von uns!

Der feierliche Tag, der in Schweden mit allgemeiner Beflaggung begangen wird gibt Anlass, schwedische Geburtstagsbräuche zu betrachten.

Wer sich das erste Mal auf eine schwedische Feier (z. B. Geburtstag, Hochzeit, Jubiläum) verirrt, ist möglicherweise verwundert. Denn irgendwann erhebt sich einer der Beteiligten - für den neuen Besucher meist völlig unerwartet - und stimmt ein "Hipp hipp" an. 

Das klingt dann - am Beispiel der Kronprinzessin - so: "Ett fyrfaldigt leve för H.K.H. Kronprinsessan Victoria! Hipp, hipp.", woraufhin alle übrigen Beteiligten mit "Hurra!, Hurra!, Hurra! Hurra!" antworten. 

Die schwedische Besonderheit bei der Sache sind die vier "Hurra!". Im Rest der Welt, z. B. in der angelsächsischen Welt - wird mit drei "Hurray!" geantwortet. Wo kommt der Unterschied her?

Dazu müssen wir etwas in die Geschichte abtauchen. In der spätmittelalterlichen Militärwelt gab es Kennungen. Mit diesen gaben sich verschiedene Truppenteile - hauptsächlich zur See - untereinander zu erkennen. Seit 1635 verwendeten die schwedischen Streitkräfte eine Kennung, die aus zwei schnell aufeinander folgenden Kanonenschüssen besteht. Diese Kennung wird als "Svensk lösen" bezeichnet. 

Befand sich der König an Bord, wurde eine doppelte Kennung, also vier Kanonenschüsse in schneller Abfolge, gegeben. Diese besondere Ehrerbietung wurde in der folgenden Zeit die Grundlage für allgemeine Ehrerbietungen, zunächst für aus- und inländische Repräsentanten und Hoheiten, dann auch für bürgerliche Feierlichkeiten, wie z. B. Geburts- und Namenstage.

Die erste Anwendung des vierfachen Saluts wird aus dem Jahre 1672 berichtet, als König Karl XI mündig wurde. Soweit es die Quellen belegen waren es Studenten in Uppsala, die - ausgehend von der militärischen Salutpraxis - als Erste den vierfachen Salut in der Form des "Hurra!, Hurra!, Hurra! Hurra!" verwendet haben sollen. In der Zeit davor, gab es für Normalsterbliche (lies: Bürgerliche) auch in Schweden nur ein dreifaches "Hurra!". 

Wie es in der Geschichtsforschung so ist, gibt es aber auch hier eine abweichende Lesart. Die verweist auf eine andere Entstehungsgeschichte. Die Universität in Lund soll 1863 Besuch polnischer Abgesandter gehabt haben. Die Verantwortlichen sollen nun befürchtet haben, dass die Polen ein dreifaches "Hurra!" als russische Kennung missverstehen würden, denn der russische Salut bestand aus drei schnellen Kanonenschüssen. Daher habe man sich kurzerhand dazu entschlossen, statt drei "Hurra!" eben vier "Hurra!" zu verwenden. Diese Version wird allerdings als recht unwahrscheinlicher Ursprung des heutigen Brauches angesehen. 

Jedenfalls ist in Schweden heute das vierfache "Hurra!" die gängige Praxis. In ganz Schweden? Nein. Ein kleiner Teil der Region Skåne ist bis heute abtrünnig und hält am dreifachen "Hurra!" fest. Das soll seinen Grund in der geschichtlichen Verbundenheit zwischen Skåne und Dänemark haben. Denn in Dänemark gilt seit Alters her die militärische Kennung aus drei schnellfolgenden Kanonenschüssen. Alles nicht so einfach...

Ihre Königliche Hoheit Kronprinzessin Victoria - unübliche Perspektive - Outtake aus einer Reportage über das Königshaus
Ihre Königliche Hoheit Kronprinzessin Victoria
(unübliche Perspektive - Outtake aus einer Reportage über das Königshaus)


"Smygstart" - Ist denn schon 2015?

"Smygstart" würde man auf Schwedisch sagen. "Langsam starten" ist die hier wohl beste Übersetzung.

Moment. Befinden wir uns nicht noch mitten in der angekündigten Auszeit? Irgendwie schon, aber es gab so viele Gelegenheiten die letzten Monate über die es sich zu schreiben gelohnt hätte, dass wir uns zum "Smygstart" entschlossen haben. Nicht mit voller Blogfrequenz, aber eben so, wie wir Lust und Laune haben. Das verbinden wir übrigens gerne wieder einmal mit der Aufforderung, uns Eure"Wunschthemen" mitzuteilen (gerne in den Kommentaren oder per Mail). Was wir in vielen Gesprächen in den vergangenen Monaten gehört haben ist, dass Auwandern und Unternehmensgründung in Schweden von grossem Interesse sind. Das nehmen wir uns gerne thematisch zu Herzen.

Redesign? Wir hatten uns überlegt, die Auszeit über ein grosses Redesign zu überdenken. Das stellen wir erst einmal zurück, denn Form folgt Funktion. Einige kleine Änderungen sind aber "unter der Haube" geschehen. U.a. gibt es jetzt auf Anregung verschiedener Leserinnen und Leser bei allen Bildern einen Pin-It Button, um Bilder direkt auf Pinterest posten zu können.


Feierstunde zum schwedischen Nationaltag 2014


Nationaldag 2014:
Und so hat Schweden gerade wieder seinen Nationaltag gefeiert. Erstaunlich spät, erst im Jahre 2005, wurde der 6. Juni zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Auf den 6. Juni fiel die Wahl, weil Gustav Wasa an eben diesem Tage 1523 zum König gewählt wurde. Ebenfalls am 6. Juni - dieses Mal 1809 - ist die alte schwedische Verfassung in Kraft getreten, die bis zum Jahre 1974 galt.

Kurzer Exkurs zur schwedischen Verfassung: In der ersten Verfassung aus dem Jahre 1809 hiess es noch "Alle Staatsgewalt geht vom König aus".

In der seit 1.1.1975 geltenden, neuen Verfassung heisst es nun in § 1: "All offentlig makt i Sverige utgår från folket.", d.h. alle öffentliche Gewalt geht vom Volk aus. Die Rechte des Monarchen wurden im gleichen Zuge auf verschiedene repräsentative und formelle Aufgaben beschnitten. Die neue Verfassung war übrigens nicht unumstritten und wurde in den ersten Jahren nach dem Inkrafttreten mehrfach geändert und ergänzt. Ende des Exkurses und zurück zum Nationalfeiertag.

Trotz der beiden denkwürdigen Ereignisse (Wahl von Gustav Wasa zum König 1523 und Inkrafttreten der ersten Verfassung 1809), die auf denselben Tag des Jahres (6. Juni) fielen, wurde der Gedenktag (der früher "Svenska Flaggans Dag" hiess) erst 1983 formell zum Nationaltag.

Interessant ist übrigens auch der volkswirtschaftliche Rahmen der Einführung des Nationaltages. Auf Druck der Wirtschaftsverbände (vor allem "Svensk Näringsliv") sollte im Zuge der Einführung des Nationaltages als allgemeiner gesetzlicher Feiertag ein anderer gesetzlicher Feiertag gestrichen werden, um die Wirtschaft nicht zu belasten. Die Wahl fiel schliesslich auf den Pfingstmontag, der seitdem in Schweden ein normaler Arbeitstag ist.

Ein interessantes Detail am Rande: Aus den Gesetzesmaterialien zur Einführung des Nationaltages geht ein weiterer wichtiger Grund für die Einführung des Feiertages hervor. Mehr und mehr Einwanderer hätten sich verwundert darüber gezeigt warum Schweden, im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern, keinen Nationalfeiertag habe.

Lasst Blumen sprechen - Sonnenblume zum Nationalfeiertag mit schwedischer Flagge im Hintergrund
Ein sonniger Nationalfeiertag dieses Jahr - noch ohne allzu viele Mücken in der Luft

Övik Big Band, Triumphant Gospel Choir, Ekumeniska kören i Norsjö, Solisten Diamond Sneed und Karin Öberg

Gospel, Jazz und Weihnachten

Vergangenen Samstag gab es in Norsjö einen musikalischen Leckerbissen in Form eines gemeinschaftlichen Auftritts der Övik Big Band, des Triumphant Gospel Choir, des Ekumeniska kören i Norsjö und der Solisten Diamond Sneed und Karin Öberg. Wir waren für eine lokale Tageszeitung vor Ort und teilen hier einige Bilder.

Das Weihnachtskozert stand im Zeichen von Whitney Houston und die begnadete Stimme von Karin Öberg ist mehr als geeignet, um die Songs von Whitney Houston angemessen zu interpretieren. Einen  hervorragenden Akzent setzte die Gospelsängerin Diamond Sneed aus Chicago. Wer die Chance hat, diese Starbesetzung nochmals hören zu können: Zugreifen! 

-> Zur Bildstrecke: Weihnachtskonzert mit der Övik Big Band, dem Triumphant Gospel Choir, dem Ekumeniska kören i Norsjö und den Solisten Diamond Sneed und Karin Öberg am 14.12.2013 im Medan in Norsjö

Övik Big Band, Triumphant Gospel Choir, Ekumeniska kören i Norsjö, Solisten Diamond Sneed und Karin Öberg

Endspurt

Um den ersten Advent herum geschieht ein für Aussenstehende merkwürdiges Phänomen in Nordschweden. Überall sind plötzlich Autos mit Weihnachtsbäumen auf dem Dach zu sehen. Wie die Pilze förmlich aus dem Boden schiessen so tauchen sie auf, um einige Tage später wieder von der Bildfläche zu verschwinden. 

Woran liegt das? Ganz einfach. Werden Weihnachtsbäume im deutlich wärmeren Deutschland gewöhnlicherweise erst einige Tage vor Weihnachten gekauft ist es hier Tradition, sie bereits zum ersten Advent nach Hause zu holen. Ich schreibe absichtlich "sie zu holen" und nicht "sie zu kaufen", denn die meisten Menschen hier - zumindest im Inland - wählen sie direkt im Wald aus und fällen sie selbst. Dann stehen die Weihnachtsbäume - oft mit bunten Lichterketten geschmückt - vor den Häusern, um kurz vor Weihnachten nach innen transportiert zu werden. Bei den weit unter null liegenden Durchschnittstemperaturen im Dezember ist die Haltbarkeit des Baumes kein Problem.  

Und pünktlich zum ersten Advent erstrahlt auch in den meisten Häusern hier eine lichterfrohe Weihnachtsbeleuchtung, die einen alle Gedanken ans Energiesparen und den Klimawandel ganz elegant vergessen lässt. 

Und die Weihnachtsmänner - eigentlich diskriminierend, denn warum gibt es denn bitteschön noch keine Weihnachtsfrauen? - laufen sich auch überall warm. Adventszeit in Lappland...

Schwedische Weihnachtsmänner

Mikael Andersson

Er bewegt sich souverän auf der Bühne und versteht es, seine Zuhörer durch seinen fesselnden und zugleich unterhaltsamen Vortrag in seinen Bann zu ziehen. Vergangenen Montag hatte Malå einen besonderen Stargast: Mikael Andersson.
 
Mikael Andersson ist eine Ausnahmeerscheinung. Leider. Er wurde 1962 geboren. Ohne Arme und Beine. Die Ärzte gaben ihm zunächst keine Überlebenschance und seine eigenen Eltern mussten erst jahrelang um das Recht kämpfen, ihren Sohn nach Hause holen zu dürfen.

Heute meistert er seinen Alltag selbstständig und ohne fremde Hilfe. Auch auf seinen Vortragstourneen reist er ohne Assistent durch die skandinavischen Länder. Das fasziniert und zieht die Aufmerksamkeit nach sich. Doch Michaels Vorlesungen beinhalten viel mehr als seine – fesselnde und spannende – Lebensgeschichte. Frau Lapplandblog hatte vor einiger Zeit bereits eine sechsteilige Doku über Mikael gepostet  (Schwedisch mit englischen Untertiteln). Unbedingt ansehen!

Mikael Andersson in Malå, Oktober 2013
Mikael Andersson bei seiner Vorlesung in Malå

„Stugsista“ – Das Ende des Sommers in Lappland

Eine relativ neue Tradition in Schweden ist das sog. „Stugsista“. Das Wort ist zusammen gesetzt aus dem Wort „Stuga“ und „Sista“.

Das Wort Stuga (oft auch als Sommerstuga oder Fritidshus bezeichnet) steht für das bekannte Ferienhaus (Sommerhaus) der Schweden. Schweden lieben es, den Sommer über jede freie Minute in ihren Ferienhäusern zu verbringen. Nach Zahlen des Schwedischen Statistischen Zentralbüros (SCB) gab es im Jahr 2007 insgesamt 680.000 Sommarstugas. Die Statistik zeigt auch, dass 55% der schwedischen Bevölkerung eine Sommarstuga nutzen können und 20% der Bevölkerung selbst eine Sommarstuga ihr eigen nennen.

Faszinierend ist übrigens auch der Trend zur Einfachheit in den Sommerhäusern. Viele haben kein fliessendes Wasser und keinen Stromanschluss, sind dafür aber in äusserst malerischer Umgebung belegen. Die bevorzugten Lagen sind entweder an entlegenen Seen oder im Fjäll (so heissen die schwedischen Bergregionen).

Die Einstellung vieler Schweden zeigt sich auch im Preisniveau: Ein „normales“ wohntaugliches Haus auf dem Lande ist, i.d.R. voll eingerichtet, in unseren Regionen für wenig Geld (Grössenordnung umgerechnet 15.000-20.000 Euro) zu haben. In diesem Zusammenhang möchte ich dann  auch gleich nochmals an unsere Tipps zum Immobilienkauf in Nordschweden erinnern. Eine Fjällstuga kann demgegenüber gut und gerne das zehn- bis zwanzigfache kosten (Ausnahmen noch oben bestätigen nur die Regel). Und das ohne Wasser- und Stromanschluss!

Interessant ist auch der Umstand, dass die „normale“ (Winter-)Wohnung oft nur eine Mietwohnung in der Stadt ist (natürlich mit allen Segnungen der modernen Elektronik). Der Kontrast zwischen dem „Stugaliv“ (dem Leben in der Sommarstuga) und dem Alltag im Rest des Jahres ist beachtlich.

So sehr das einfache und naturverbundene Leben in den Stugas geliebt wird, irgendwann ist die Sommersaison vorüber. Und hier kommt das „Stugsista“ ins Spiel. Das „Sista“ steht nämlich für „Letzte“. Das Stugsista bezeichnet demnach das Ende des Sommers in der Stuga.

Die Tradition kam Anfang der 90er Jahre aus Finnland nach Schweden. In Nordschweden wird das Stugsista am letzten Augustwochenende begangen. Den finnischen Wurzeln der Tradition nach werden dann alle übrigen Vorräte verspeist, der Müll der Saison verbrannt und danach geht es schweren Herzens zurück in die normale (Winter-)Wohnung.

In grösseren Ferienhausgebieten wird das Stugsista auch als „Ljuskväll“, d.h. Lichterabend, gefeiert. Vor allen Stugas werden sog. „Marschaller“ (überdimensionale Teelichter) angezündet, was eine wehmütige „Sommersaisonabschlusstimmung“ ergibt. Das Stugsista auch als Lichterabend zu feiern, ist allerdings eher in Mittel- und Südschweden verbreitet.

So ist also der Zeiger an der Jahreszeitenuhr weiter gerückt. Das Wetter hat sich ja schon seit gut zwei Wochen wieder herbstlich gezeigt. Gestern hatten wir z. B. null Grad gegen Mitternacht und bis zum ersten Schneefall wird es nicht mehr allzu lange dauern.

Ein
Ein „Marschall“ wie er für die stimmungsvolle Beleuchtung verwendet wird.

Dann eben mit Popcorn – Regisseur Lars Persson - Reportagerückblick auf den Sommer, Teil 2

Teil zwei vom Sagabiografens Filmfestival in Adak (Teil 1 gab es hier).

Hintergrund: Heute geht es um die beiden Ehrengäste, die das diesjährige Filmfestival eingeweiht haben. Da war zunächst der junge Regisseur Lars Persson (23) aus der Filmmetropole Luleå. Er wird unter Kennern der skandinavischen Filmszene als echter Geheimtipp gehandelt. Der Tipp ist so heiss, dass Lars derzeit noch nicht einmal in der schwedischen Wikipedia zu finden ist. Durch seinen Kurzfilm „Renoveringen“ (Die Renovierung) hat er die Basis seiner Karriere gelegt.

Im Film spielt übrigens auch die bekannte schwedische Serienschauspielerin Anki Larsson mit, die der zweite Einweihungsgast des Filmfestivals war.

Die Reportage: Die Redaktion hat uns selbstverständlich mitgegeben, Portraits von den Ehrengästen zu liefern. Authentisch sollten sie sein. Natürlich hätten wir auch ohne speziellen Auftrag Portraits für unser eigenes Bildarchiv gemacht. Soweit so gut.

Anki Larsson ist ein routinierter Profi und erwies sich als wahrer Publikumsmagnet. Sie ist erfahren und sehr geschmeidig im Umgang mit Medien und Presse. Alles völlig problemlos.

Lars Persson allerding ist ein „junger Wilder“. In einem langen, olivgrünen, legeren Regenmantel und mit einem Wollkäppi schlenderte er völlig entspannt durch die Menge. Etwas schlaksig wirkend, und niemals ernst ist er gerade dabei, sich ein eigenes Image aufzubauen.
 
Ihn an einen ruhigen Platz für ein Portrait mit „schönem“ Hintergrund zu bugsieren: unmöglich. Schliesslich konnten wir ihn am kalten Büffet unter einem grossen Partyzelt abpassen, während er am laufenden Meter eine Schüssel Popcorn leerte. Er genoss es sichtlich, seine „unernste“ Rolle auszuspielen. Und so fasste ich den Entschluss „Dann eben mit Popcorn“. Portraits von essenden Menschen sind immer eine sehr heikle Sache. Aber das gezeigte Bild ist „im Rahmen“ und überzeugte auch die Redaktion. Ich freue mich darauf, Lars einmal in einigen Jahren wieder vor der Linse zu haben. Dann vielleicht sogar ohne Popcorn ;)

 Regisseur Lars Persson Luleå
„Junger Wilder“: Der Nachwuchsregisseur Lars Persson

Zeitreise im Kino - Reportagerückblick auf den Sommer, Teil 1

Der Hintergrund: Eine Attraktion mit spannender Geschichte steht irgendwo in einem kleinen Wald in der Nähe von Adak. Ein beschaulicher und ruhiger Ort in Nordschweden mit noch 180 Einwohnern, zwischen Malå und Slagnäs belegen.

Im Jahre 1921 wurde bei Wegarbeiten in der Umgebung des Ortes ein merkwürdig glänzender Stein gefunden. Die Analysen ergaben einen hohen Gehalt an Kupfer und Zink. Bereits einige Jahre später wurde mit dem Tagebau begonnen, und 1942 nahmen insgesamt vier Gruben den Betrieb auf.

Ein eigener Ort mit Schule, Bibliothek, Geschäften und sogar einer eigenen Feuerwehr entstand rund um das Abbaugebiet im Wald. Er hiess „Adakgruvan“. Menschenmassen wurden von den Arbeitsplätzen angezogen und der Ort erlebte seine Blüte.

Ein schlauer Kopf auf der Durchreise entdeckte, was dem Ort noch fehlte: Ein Kino. Und so wurde 1943 zwischen dem heutigen Adak und dem damaligen Adakgruvan ein Kino erbaut. Es wurde auch für Hochzeiten und Feiern genutzt. 1965 schlug dann der Zahn der Zeit zu: Das Fernsehen hatte seine Verbreitung gefunden. Damit ging es für die Kinos immer schlechter. Und so schloss der Kinobesitzer sprichwörtlich die Tür hinter sich zu. Das Gebäude mit aller seiner Einrichtung verfiel in einen Dornröschenschlaf. Auch der um die Grube entstandene Ort verschwand nach einem tragischen Grossbrand im Jahre 1978. Der Abbau wurde eingestellt. Heute sind dort nur noch Wald und Wiesen zu sehen. Nur noch wenige Spuren deuten heute auf die Geschichte hin.

Das verlassene Kino im Wald jedoch erwachte wieder zu neuem Leben, als es Anfang der 90er Jahre wieder entdeckt wurde. Ein Förderverein wurde gebildet, der sich der Renovierung verschrieb und 1993 wurde das Kino im Originalzustand unter dem Namen „Sagabiografen“ wieder eröffnet.  Seitdem findet dort jährlich ein sommerliches Filmfestival statt, das unter Kennern sehr beliebt ist. Ein echter Geheimtipp.

Die Reportage: Für eine schwedische Tageszeitung war die Berichterstattung vom 31. Sagabiografen Filmfestival angesagt. Vieles wurde über das Festival schon geschrieben, viele Bilder schon gemacht. Hausaufgaben machen war also angesagt, um eine gute Story zu finden.

Einer mein Aufhänger für die Reportage war die im Winter erfolgte Installation moderner Digitaltechnik mit allen ihren Folgen. Im kleinen Vorführraum des Kinosaales – ungefähr so dunkel wie ein Kohlenkeller bei Nacht und nur durch mutiges Klettern über eine Aussentreppe aus Holz erreichbar – steht seit einem halben Jahr neben dem Originalprojektor aus dem Jahre 1934 eine digitale Vorführanlage.

Eine bizarre Zeitreise auf kleinstem Raum. Moderne Filme sind praktisch nur noch in digitalem Format vom Filmverleih zu beziehen. Deswegen war die technische Aufrüstung nur eine Frage der Zeit. Alte Filmrollen sind aber dennoch hin und wieder im Einsatz. Die Unterschiede sind beachtlich: Moderne Filme im Digitalformat haben ca. 200 GB und kommen auf portablen Festplatten daher. Im Gegensatz dazu bestehen klassische Kinofilme aus bis zu 8 grossen Filmrollen. Dass Filme bei der Vorführung reissen, kommt häufig vor.

Dann dürfen die Zuschauer eine ausserordentliche Pause geniessen, während der Vorführer im Technikraum den Film leimen darf. Keine leichte Aufgabe. Auch das nahtlose Wechseln zwischen den Rollen ist eine Kunst für sich. Es gibt in ganz Schweden nur noch eine Handvoll Spezialisten, die sich darauf verstehen. Gleich mehrere davon gibt es in Adak.

David Abramsson und die digitale Technik bei Sagabiografen in Adak
Der Aufmacher zur Story: David Abramsson und die technische Zeitreise


David Abramsson (20) ist einer der Vorführspezialisten, der in Adak im Ehrenamt das Festival mit ermöglicht. Er wirkt etwas menschenscheu und verlegen. Aber zwischen antikem Projektor und moderner Digitaltechnik blüht er sichtlich auf, und erzählt von den Höhen und Tiefen des Daseins in der „Dunkelkammer“ hinter dem Kino. Er ist angespannt vor der Premiere für die neue Technik. Filmvorführer sind spezielle Menschen.

Und dann gab es da noch die besonderen Einweihungsgäste. Aber das ist der Stoff für den nächsten Blogartikel.

Vorgartenidylle - Arktischer Sommer in Lappland 2013

Vorgartenidylle - Arktischer Sommer in Lappland 2013

Behind the scenes: Nein, das ist kein deutscher Vorgarten. Auch wenn alles dafür spricht. Es ist tatsächlich ein schwedischer Vorgarten, irgendwo in Lappland. Klarer Befund: Schweden und Deutsche scheinen - zumindest teilweise - auf ein gemeinsames „Kulturerbe“ zurück zu blicken. Hat-Tip an Petra Fuelbert für das Entdecken des Motives!

Der Snöskoter – das liebste Kind des Schweden

Spätestens zu Ostern geschieht in Nordschweden um den Polarkreis in Lappland eine merkwürdige Veränderung der ansonsten unberührten Landschaft: Wo sich den Winter über bezaubernde Schneelandschaften gebildet haben, ist diese plötzlich von schachbrettartigen Linien durchpflügt. Die Snöskotersaison hat ihren Höhepunkt erreicht.

Der Snöskoter ist ein Schneemobil. Und Schneemobilfahren ist eine Leidenschaft der Schweden in unseren Breitengraden. Die freien Tage über Ostern werden zu ausgiebigen Spazier- und Ausfahrten genutzt. Wer es sich leisten kann, fährt dazu ins Fjäll. Auf den Zufahrtsstrassen in die Gebirge gibt es regelrechte Staus vor Ostern. Ein gänzlich unalltägliches Bild. Kolonnen vom Autos und alle mit bepackten Anhängern auf denen die gepflegten Schneemobile stehen.

Gross und Klein sind mit von der Partie, gibt es doch sogar spezielle „Kindersnöskoter“. Ganze Familien fahren, Karawanen gleich, kilometerlange Schneemobiltouren, auf denen natürlich auch ein Stopp zum Grillen oder zum Eisfischen eingelegt wird.

Für Landschaftsfotografen ist Ostern damit auch ein wichtiger Wendepunkt. Schöne Schneelandschaften sollten vor Ostern fotografiert werden, denn nach Ostern ist manch Idylle gar nicht mehr so schön anzusehen.

Allein ein bitterer Beigeschmack bleibt: Schweden liegt mit seinen Bemühungen zur Klimafreundlichkeit weltweit in der Spitzengruppe. Elektrohybridautos sind der grosse Renner und der umfängliche Windkraftausbau wird ebenfalls mit Klimaaspekten forciert (was freilich ein anderes Thema ist).  Schneemobile, grösstenteils noch mit Zweitaktmotoren ausgestattet, die jede Menge Lärm, Qualm und andere Emissionen verursachen, passen da nicht recht ins Bild. Aber die Schneeskoter sind eben das liebste Kind der Schweden. Offenbar wichtiger, als alle Bemühungen um die Rettung des Klimas in der Welt.


Nachösterliche Spuren der Liebhaberei

Entkirchlichung in Schweden - Ein Zustandsbericht am Beispiel Kristineberg

Ein verhangener, grauer Wintertag. Irgendwie angemessen und passend zum heutigen "Highligt" des Tages. Es geht um den Abriss einer Kirche.
 
Kristineberg ist der Ort des Geschehens. Bloglesern dürfte der Name bekannt vorkommen. Beheimatet Kristineberg doch einen der touristischen Magneten in unserer Gegend: Die in einem Bergwerk in fast einhundert Metern Tiefe gelegene unterirdische Kirche.
 
Die "Untergrundkirche" geht auf eine Begebenheit zurück, die sich im Jahre 1946 ereignet hat. Nach einer Sprengung zeigte sich damals in einer Tiefe von 107 Metern eine über 2 Meter hohe Christusgestalt an einer der Grubenwände. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde von dem Ereignis und Menschenmassen wagten den seinerzeit sehr beschwerlichen Abstieg, um das Bildnis sehen zu können. Unweit der damaligen Fundstelle wurde 1990 eine unterirdische ökumenische Kapelle in einem ehemaligen Werkstattraum des Bergwerkes eingerichtet. Die Kapelle kann noch heute besucht werden.
 
Doch damit nicht genug. Interessanterweise gibt es zu diesem Ereignis eine überlieferte lokale Prophezeiung in der es heisst, dass sich Christus in Kristineberg mehrere Male zeigen werde.
 
Das geschah u.a. 1968. In diesem Jahr wurde beim Umbau eines Geschäftslokales in Kristineberg eine Marmorplatte gefunden, auf der dieselbe Gestalt, wie sie seinerzeit in der Grube zu sehen war, deutlich zu erkennen ist. 
 
Alles in allem dürfte zu erwarten gewesen sein, dass die Gegend um Kristineberg von einer besonderen Frömmigkeit geprägt ist. In der Praxis hat nun aber ein landesweiter schwedischer Trend auf besonders drastische Weise gerade in Kristineberg seine Auswirkungen gezeigt. Nachdem die Bevölkerung (Stichwort: Urbanisierung) in Kristineberg von einst noch knapp eintausend Einwohnern im Jahre 1960 auf nur noch gut zweihundertfünfzig im Jahre 2010 zurück gegangen ist, ist der Kirchenbesuch im Gleichklang mit der negativen Bevölkerungsentwicklung eingebrochen. Die Kirche aber für eine blosse handvoll Gottesdienstbesucher zu heizen, war für die Kirchengemeinde wirtschaftlich schlicht nicht mehr tragbar.
 
Und so kam es zu einem in Västerbotten bislang einmaligen Beschluss: Nach 56 Dienstjahren wurde der Abriss der Kirche beschlossen. Vergangenen Dienstag war es schliesslich soweit und binnen eines Tages war, wo einst die Kirche stand, nur noch blanker Erdboden zu sehen. Lediglich der separat stehende kleine hölzerne Glockenturm steht - wie ein Mahnmal - noch an alter Stelle. Die Stimmung war gespenstisch. Zu Beginn der Abrissarbeiten hatte sich eine grössere Menge an schaulustigen Zuschauern versammelt. Am späteren Nachmittag war in düsterer und geradezu bedrohlicher Atmosphäre nur noch der Abrissbagger am Werk. Zu dieser Zeit entstand auch die gezeigte Aufnahme. Sie ist symbolisch. Symbolisch für einen Trend: Die Entkirchlichung der schwedischen Gesellschaft.
 

Abriss der Kirche in Kristineberg Västerbotten Lycksele kommun
13.02.2013 - Abriss der Kirche in Kristineberg

 

Kleine Schwedische Kaffeekunde

Rein statistisch haben die Finnen den größten Kaffeekonsum der Welt, dicht gefolgt von den Norwegern und den Schweden (Quelle: Wikipedia).
 
Im Jahr 2011 entfielen auf jeden Schweden 6.329,2 Gramm Kaffee. Das gibt so etwa 3 Tassen pro Tag (Quelle: Euromonitor - PDF).
 
Zieht man Kinder, Jugendliche und ältere Menschen ab, dürfte die tatsächliche Zahl bei den "aktiven Kaffeetrinkern" deutlich höher liegen. Nach meinen eigenen Erfahrungen dürfte der Praxiswert bei ca. 6 Tassen liegen. Das hat auch mit der schwedischen Eigenart der Fikapausen zu tun.
 
Interessanterweise gibt es in der schwedischen Kaffeekultur einige Besonderheiten, die dem Tourist oder Einwanderer vielleicht nicht bekannt sind. Deswegen hier einige Erklärungen.
 
Die Verwirrung fängt bereits beim Einkauf an. In Schweden gibt es nämlich zwei unterschiedliche Kaffearten. Dem ungeübten Auge fällt das vielleicht nicht auf. Quillt dann aber später der Kaffee aus dem Filter der Kaffeemaschine sind Ärger und Verwirrung gross.

Schwedische Kaffeekunde: Bryggkaffee und Kokkaffee
Zum Verwechseln ähnlich: Bryggkaffee und Kokkaffee

 
Die unterschiedlichen Sorten hören auf den Namen "Brygg", bzw. "Kok".

Der Bryggkaffee ist für die aus Mitteleuropa bekannte Kaffeemaschine bestimmt.

Der Kokkaffee hingegen ist für die Zubereitung im Perkolator bestimmt. In Deutschland ist die Kaffeezubereitung durch Perkolation heutzutage nahezu völlig in Vergessenheit geraten. Bekannt ist es vielleicht durch die kleinen Espresso-Perkolatoren, die ein beliebtes Mitbringsel aus dem Urlaub in südeuropäische Länder sind.

Ein schwedischer Perkolator aktueller Bauart mit Zubehör
Ein schwedischer Perkolator aktueller Bauart mit Zubehör

Die in Schweden gebräuchlichen Perkolatoren arbeiten nach demselben Prinzip, sind aber einige Nummern grösser. Der "Kokkaffee" ist nun für die Zubereitung im Perkolator bestimmt. Der Geschmack des durch Perkolation hergestellten Kaffees ist speziell. Er ist sehr stark und enthält normalerweise viel "Kaffeesatz". Der gröbere Kokkaffe der beim Kontakt mit dem kochenden Wasser stark aufquillt kann auch in normalen Kaffeemaschinen verwendet werden, wenn die Dosierung auf etwa die Hälfte verringert wird.
 
Beim Einkauf deswegen bitte auf die Bezeichnung und die Symbole auf den Kaffeepaketen achten. Das Symbol mit der stilisierten Kanne steht für den Kokkaffe, das Symbol mit dem stilisierten Porzellanfilter für Bryggkaffee.

Und welche Kaffeesorte ist nun die Beste? Die Geschmäcker gehen auseinander. Ein schwedischer Klassiker ist der "Löfbergs Lila". Vom Geschmack her ist er allerdings nicht mit mitteleuropäischem Kaffee zu vergleichen. Und noch eine Besonderheit: Schweden trinken ihren Kaffee gerne stark. Was in Mitteleuropa am oberen Ende der Stärkeskala liegt, ist hier gerade einmal knapp unter dem Durchschnitt. Dafür werden die Tassen in Schweden normalerweise nur ungefähr halb- bis zweidrittelvoll gemacht. Und wer es perfekt machen möchte, serviert seinen Gästen Würfelzucker und keinen Streuzucker.

 Ein schwedischer Kaffee-Klassiker: „Löfbergs Lila“
Ein schwedischer Kaffee-Klassiker: „Löfbergs Lila“
Achten Sie auf die eingekreisten Symbole


Was uns zu der alten schwedischen Weisheit führt: Alles darf geschehen. Aber dass kein Kaffe im Haus ist, wenn ein Besucher vor der Tür steht, ist eine Katastrophe. In diesem Sinne.
 
 

Nachlese: Samehelg 2012 im Lappstan in Malå

Vor vier Wochen war wieder einmal das jährliche „Samehelg“ („Samisches Wochenende“) in Malå angesagt. Unser Bericht kommt wegen hoher Arbeitsbelastung in den zurückliegenden Wochen leider etwas verspätet.

Eingeladen war wieder in den „Lappstan“ (grammatikalisch richtig und auf Hochschwedisch heisst es „Lappstad“) in Malå. Eine „Lappstad“ ist das Gegenstück zur „Kyrkstad“. Über die Gammelstads kyrkstad in Luleå – und deren Geschichte - hatten wir vor einiger Zeit hier schon einmal berichtet.

Richtete sich die Kyrkstad an die bäuerlichen Bewohner der ländlichen Gebiete, war die Lappstad das Gegenstück dazu für die Sami, die Angehörigen der nativen Bevölkerung Lapplands (Sapmis).

Der Besuch dort lohnt sich. Besonders die Lappstad in Malå ist sehr idyllisch. Die majestätische Bewaldung taucht die ganze Anlage ist ein faszinierendes diffuses Licht und die Hütten und Kåtas sind durchweg in sehr gutem Zustand.

Beim samischen Wochenende wurde wieder ein Potpourri aus Kultur, Kulinarischem und Aktivitäten angeboten, einschliesslich eines musikalischen Abendprogrammes. Wir laden Sie mit einer Bilderstrecke zu einem Rundgang ein.

-> Zur Galerie: Samehelg 2012 im Lappstan in Malå

-> Till bildspelet: Samehelgen 2012 på Lappstan i Malå



Samehelg 2012 im Lappstan in Malå
„Samehelg 2012 in Malå“
 
 

Colors of Sapmi – Ein persönliches Projekt über faszinierende Farben

Die wunderbaren Farben der samischen Trachten haben mich schon immer fasziniert. So ist über die vergangenen Monate ein Projekt entstanden.

-> Auf meinem englischsprachigen Blog gibt es die Details und eine Bildergalerie dazu.

Colors of Sapmi – Ein persönliches Projekt über faszinierende Farben
„Colors of Sapmi“

Forgotten places and lost families: Ein persönliches Projekt über die Urbanisierung in Schweden

Auf meinem englischsprachigen Blog habe ich gerade ein persönliches Projekt vorgestellt, dass mich die letzten Monate sehr beschäftigt hat.

Es geht um die seit mehr als 100 Jahren fortschreitende Urbanisierung in Schweden (insbesondere Nordschweden, bzw. Lappland). 

Die Landflucht hat ihre Spuren hinterlassen: Massen verlassener Häuser und Gehöfte. Oft sehen diese so aus, als hätten die früheren Bewohner ihre alte Heimat "Hals über Kopf" verlassen (müssen?). Manchmal stehen die jahrzehntealten Marmeladengläser noch im Schrank, oder der Tisch ist noch gedeckt. Gespenstisch und zugleich unglaublich faszinierend. 

-> Mehr Details (auf Englisch) und eine Galerie mit einigen Bildern gibt es hier.

Die ganze Bilderserie wird demnächst als Teil einer Wanderausstellung unterwegs sein. Sobald ich die genauen Daten dazu habe, gibt es hier ein Update.

Forgotten places and lost families: Ein persönliches Projekt über die Urbanisierung in Schweden
„Forgotten places and lost families“


Schwedischer Fika-Kult: Kalles Kaviar aus der Tube

Heute widmen wir uns einem echten Highlight der schwedischen Essenskultur: Kalles Kaviar aus der Tube.

Die charakteristischen blauen Tuben (die es mit diversen Geschmacksrichtungen auch in anderen Farben gibt), dürfen auf keinem "Fikabord" (Pausentisch) in Schweden fehlen. Wer mit dem Begriff der Fika (noch) nichts anfangen kann, bitte zuerst den Artikel dazu lesen.

Der kultige Tubenkaviar wird seit 1954 von Abba Seafood hergestellt und vertrieben. Die Firma mit dem guten Riecher für die schwedischen Geschmacksnerven hatte das Rezept 1954 von einem reisenden Händler erworben. Kalles enthält Rogen vom Kabeljau und vom Dorsch (vom Köhlerfisch, einer Dorschart, um ganz genau zu sein), Zucker, Salz, Kartoffelmehl und Tomatenpüree. Die genauen Anteile und eventuelle weitere Inhaltsstoffe sind gut gehütetes Betriebsgeheimnis. Jedenfalls erwies sich der Brotaufstrich aus der Tube von Anfang an als Verkaufsschlager, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. 

Schwedischer Fika-Kult: Kalles Kaviar aus der Tube
„Hier die seltene Kalles-Minitube“


Kalles Kaviar hat übrigens auch eine fotografische Komponente: Zu Beginn des Vertriebs hatten die Tuben nur eine nüchterne Aufschrift. Ein Werbefachmann bestand 1955 darauf, dass ein Logo auf die Tube müsse. Ein blonder und blauäugiger Junge müsse es sein. Der damalige Geschäftsführer von Abba Seafood, Christian Ameln, hatte einen Sohn, der dem Wunschbild recht nahe kam. Also wurden kurzerhand die Familienalben gewälzt und so gelangte das Bild von Sohn Carl auf die Tube. Und bis zum heutigen Tage prangt es dort. Das Bild war übrigens von der Frau Mama aufgenommen worden. Fotografisches Fazit: Bilder sammeln. Man weiss ja nie...

Zurück zum Kaviar: Der Verkauf lief so gut, dass bereits im ersten Vertriebsjahr über eine Million Tuben verkauft wurden. Heute beläuft sich die verkaufte Menge auf ca. 2.600 Tonnen pro Jahr. 

Kalles hat übrigens auch eine sehr nette Homepage auf der man sich u.a. aus einem eigenen Passbild einen sog. "Kaviatar" (einen etwas anderen Avatar) erstellen kann. 

Im Laufe der Zeit hat Kalles auch in feineren Restaurants und Hotels Einzug gehalten. So staunte ich nicht schlecht, als ich vor einigen Tagen eine luxuriöse Ausführung des Tubenkaviars auf dem Frühstücksbuffet eines Hotels der - sagen wir mal - "gehobenen Kategorie" entdeckt habe.

Schwedischer Fika-Kult: Kalles Kaviar aus der Tube
„Die Luxusausführung für Hotels und Restaurants“


Schliesslich zum Geschmack. Was soll ich sagen? Er ist schwer zu beschreiben und ist - wie der Name schon sagt - eben eine Geschmackssache. Aus Einwandererperspektive würde ich - höflich formuliert - sagen: Die interkulturelle Kompetenz stösst bisweilen an ihre Grenzen, wenn es um die Geschmacksnerven geht. Zu lange wurden diese an bestimmte Geschmacksrichtungen gewöhnt. Aber ich möchte Sie trotzdem ermutigen: Wenn Sie die Gelegenheit haben, greifen Sie zu und probieren Sie selbst. Und als typisch schwedisches Reisemitbringsel ist Kalles auch ideal geeignet!

15. Mai 2012 - A day in the World - Expressions of Humankind

Der 15. Mai ist ein fotografisch bedeutsamer Tag, soll heute doch ein weltweiter fotografischer "Snapshot" des universalen Geschehens aufgenommen werden. Nicht weniger als eine Scheibe "Digitales Weltkulturerbe" soll in einer weltumspannenden Kollaboration heute entstehen. 

Das Projekt "A day in the World - Expressions of Humankind" wird von einer schwedischen Stiftung getragen. 

Bereits 2003 hatte Jeppe Wikström, "Masterbrain" hinter der Stiftung, zu einem schwedenweiten Projekt unter dem Titel "Ein Tag in Schweden" aufgerufen, bei dem 3.000 Fotografen teilgenommen haben. Dieses Jahr liegt die Messlatte bedeutend höher, sind doch alle Menschgen weltweit aufgerufen, ihr Leben, ihre Arbeit und ihr Umfeld am 15. Mai zu dokumentieren.

Für alle, die sich an diesem weltumspannenden Projekt beteiligen wollen: Auf der Homepage der Stiftung ist erklärt, wo und wie die Fotos hochgeladen werden können.

Mein Beitrag: Ein Bild aus Lappland "Dornige Wege aus dem Dunkel ins Licht".

A day in the world - May 15th in Swedish-Lapland
„A day in the world - May 15th in Swedish-Lapland“

Glad Påsk! Frohe Ostern! Happy Easter!

Das Påskris ist ein klassischer schwedischer Osterbrauch: Eine Birke - oder Birkenzweige -  wird mit bunten “Federbüscheln” und Ostereiern geschmückt.

Wer mehr über Ostern in Schweden lesen möchte: Vor einem Jahr zu dieser Zeit hatte ich einen dreiteiligen Artikel über Osterbräuche in Schweden geschrieben. Link zu Teil 1, Teil 2 und Teil 3.

Osterreisig auf dem Rennmarkstorget in Umeå
„Påskris auf dem Rennmarkstorget in Umeå“


Saxnäs, der Ricklundgården und das Marsfjäll

Zwischen den bekannten Skigebieten Borgafjäll und Kittelfjäll liegt das weniger bekannte, aber umso schönere Saxnäs am Marsfjäll. Auch hier sind die Wintersportmöglichkeiten nahezu unbegrenzt und der Publikumsandrang ist deutlich geringer.

Ich mag die Fotografie im Fjäll, auch wenn sie bisweilen grössere Herausforderungen beinhaltet. Was tun, wenn der Helikopter zum Gipfel wegen Sturmes nicht starten kann? Dann geht es mit der Schneeraupe ("Schneekatze", "Snowcat") nach oben. Gepäck und bis zu 15 Personen können problemlos transportiert werden. Die Fahrt ist - verglichen zum Flug mit dem Heli - sehr gemächlich und eröffnet die Möglichkeit, die wunderbare Fjällandschaft langsam zu geniessen (soweit es der Schneesturm zulässt). Und wenn sich dann - oben angekommen - der Sturm gelegt hat, herrschen die fotografisch denkbar besten Arbeitsbedingungen. Einfach traumhaft.

In Saxnäs liegt aber auch das Künstlerparadies Ricklundgården. Die Einrichtung wurde in den 40er-Jahren von dem Künstlerehepaar Emma und Folke Ricklund ins Leben gerufen und wird heute von der Emma Ricklund Stiftung betrieben. Der Ricklundgården gibt Künstlern die Möglichkeit, sich eine Auszeit der kreativen Entwicklung zu nehmen. Die Warteliste ist lang und die Gäste sind durchweg hochkarätig. Bei unserem Besuch haben wir den bekannten schwedischen Maler Jan Sundström kennen gelernt, der sich spontan zu einer improvisierten Potrait-Session bereit erklärt hat (mehr dazu und Bilder gibt es hier im englischsprachigen Blog).

Wir haben einige Eindrücke aus Saxnäs, vom Marsfjäll und aus dem Ricklundgården in einer Galerie zusammen gefasst:

-> Zur Galerie: Saxnäs, der Ricklundgården und das Marsfjäll

-> Klick här så kommer du till bildspelet: Saxnäs, Ricklundgården och Marsfjället

-> To the gallery: Saxnäs, the Ricklundgården and the Marsfjäll



Saxnäs, der Ricklundgården und das Marsfjäll
„Blick aufs Fjäll vom Ricklundgården aus“

Gerade erschienen: Das neue Buch von Britta Stenberg

Eine erfreuliche Nachricht für alle Liebhaber guter schwedischer Literatur. Auf der Buchmesse in Umeå wurde am vergangenen Wochenende das neue Buch der bekannten nordschwedischen Autorin Britta Stenberg veröffentlicht. 

Der Roman "Som en krympfotad" schildert ineinander verwoben die Geschichte von Kråkan, einen jungen chaotischen Mann, der einfach keine Ordnung in sein Leben bekommt, und Eskil, einen Taxifahrer, dessen Lebensende plötzlich unerwartet nahe bevorsteht. Die beiden versuchen mit allen Möglichkeiten, ihre Leben zu ordnen. Bis unerwartete Wendungen eintreten. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Nur soviel: Für alle, die des Schwedischen mächtig sind, ist das Buch ein echter Geheimtipp und unbedingt lesenswert!

Was uns darüber hinaus persönlich sehr freut: Britta hatte uns gebeten, das Bild fürs Buchcover zu fotografieren. Das Bild sollte den Inhalt des Romanes symbolisieren. Nach ausführlichen Diskussionen zur Story haben wir den Rückspiegel ins Auge gefasst: Vergangenheit, Zukunft und ein Taxi.

Im Buchhandel ist das Buch noch nicht erhältlich, wer aber ganz schnell sein eigenes Exemplar haben möchte, kann sich bereits jetzt direkt an Britta wenden (bitte auf Schwedisch).

Britta Stenberg - Som en krympfotad

Endstation Friedhof - Ein Hauch von Ewigkeit

Endstation Friedhof. Ein Einblick in ein persönliches Fotoprojekt.

Bei minus 25 Grad und auf einem tief verschneiten Friedhof, auf dem seit Wochen keine Besucher mehr waren, stellt sich eine sehr eigentümliche Atmosphäre ein. Aber der Reihe nach.

Ich gehöre vermutlich zur letzten Generation, bei der eine Kirche - will sagen: ein Kirchengebäude - zu den Eckpunkten des Lebens gehörte. Die meisten Angehörigen meiner Altersgruppe dürften im Säuglingsalter in einer Kirche getauft worden sein. Das andere Ende des irdischen Daseins wurde durch die Aussegnung oder Aufbahrung - ebenfalls in einem Kirchengebäude - markiert. Die letzte Station vor dem Friedhof. Womit wir beim Thema wären.

Was hat ein Kirchengebäude mit dem Friedhof zu tun? Da die formelle Trennung von Kirche und Staat im Schweden erst zum Jahreswechsel 1999/2000 vollzogen wurde, befinden sich die alten Friedhöfe in Schweden praktisch immer im direkten Anschluss an eine Kirche.

Im Rahmen eines persönlichen Projektes bin ich in letzter Zeit viel über eisige und tief verschneite Friedhöfe Lapplands gestapft, um das Spannungsfeld zwischen Endlichkeit und Ewigkeit einzufangen. Die Endauswahl der Bilder für die Ausstellung ist noch nicht defintiv. Ich möchte aber dennoch hier eine kleine Auswahl zeigen.

-> Zur Galerie "Endstation Friedhof - Ein Hauch von Ewigkeit"

-> To the gallery "Ultimate destination graveyard - A touch of Eternity"



Endstation Friedhof - Ein Hauch von Ewigkeit
„Endlichkeit und Ewigkeit - Endstation Friedhof“

Neu: Die Lappland-Edition

Immer wieder haben uns Anfragen erreicht. Nun ist es soweit:

Ab sofort gibt es die Lappland-Edition mit Original-Abzügen und Kunstdrucken von ausgesuchten Fotografien, die charakteristisch für Lappland sind.

Kurz: Original-Kunstwerken aus Lappland. Natürlich in limitierter Auflage und handsigniert.

An den Start gehen 4 Editionen mit hochwertigen Abzügen und Prints:

Landscape, Nature, Black/White und Simplicity.

Viel Freude beim Durchstöbern der Galerien.

Und bitte daran denken: Damit wir die Lieferung als Geschenk zu Weihnachten sicherstellen können, bitte bis Ende November bestellen!

Schwedischer Pragmatismus: Elchjagd vom Sofa aus

Schwedischer Pragmatismus: Elchjagd vom Sofa aus
„Elchjagd vom Sofa aus“


Behind the scenes: Die Jagd steht in Nordschweden hoch im Kurs. Allerdings weniger um des Vergnügens willen, als viel mehr um die Tiefkühltruhe zu füllen. Wir haben für ein Fachportal die ungewöhnlich pragmatische und unspektakuläre Herangehensweise der schwedischen Jäger fotografiert. 

Im Laufe des letzten Monats sind so eine Reportage und eine Serie mit ungewohnten Perspektiven der Jagd in Nordschweden entstanden. Das hier gezeigte Bild bringt den ruhigen Pragmatismus für meinen Geschmack am besten auf den Punkt:

Statt eines Hochsitzes oder eines unbequemen Dreibeines hatte sich einer der Jäger einen komfortablen Sessel mitgebracht, um sich dort auf den Ansitz zu begeben. Das ist schwedischer Pragmatismus.

Fredagsmys

Der Freitagabend ist in Schweden geradezu "heilig". Er ist der Familie und guten Freunden gewidmet.
Seit einigen Jahren hat sich ein modernes Ritual herausgebildet: Die
Fredagsmys

Fredagsmys?


"Fredag" steht für Freitag und "mysa" bedeutet "es gemütlich haben". 

Freitags legt sich ab ca. 18 Uhr eine ausgeprägte Ruhe über Schweden. Das Verkehrsaufkommen geht deutlich zurück und auf den Strassen wird es still. Die Häuser sind erleuchtet. Schweden macht es sich kollektiv gemütlich.  
Die Fredagsmys schlägt wieder zu. Am späten Freitagnachmittag klingt die Arbeitswoche aus und die Familie oder gute Freunde sammeln sich, um den Beginn des Wochenendes zu zelebrieren. Das Ritual ist eingebettet in gutes Essen (oft Fertiggerichte), Süssigkeiten, Knabbereien und (oft alkoholische) Getränke. Auch der Fernseher (bzw. DVD-Player) spielt eine grosse Rolle. 

Sogar Forscher haben die Fredagsmys schon unter die Lupe genommen und dabei heraus gefunden, dass das Phänomen zum Ausklang der Arbeitswoche stresslindernd wirkt. 

Die Wirtschaft freut sich. Viele Fertiggerichte und allerlei ungesunde Dinge werden speziell mit der Eignung für den "besonderen" Freitagabend beworben. Und im Systembolaget, der staatlichen Kette, die zum Verkauf von alkoholischen Getränken befugt ist, herrscht am Freitag ab ca. 12 Uhr Hochbetrieb.

Auch in den sozialen Medien spiegelt sich die Fredagsmys deutlich wieder. Die Statusmeldungen werden entspannter und handeln dann um Essen, Getränke und Filmempfehlungen. Es gibt sogar eigens eine Fanpage auf Facebook "Vi som älskar Fredagsmys" ("Wir, die wie die Fredagsmys lieben").

Hier haben bereits knapp 350.000 Menschen auf "Gefällt mir!" geklickt. Das entspricht in etwas 2% der schwedischen Bevölkerung. Interessant ist eine Umfrage, die auf der Facebook-Seite unter den Fans durchgeführt wurde. Bei der Frage, was  die Fredagsmys für den Einzelnen bedeutet, steht an erster Stelle die Entspannung, gefolgt von Gemeinschaft / Gesellschaft und dem guten Abendessen.

Zu guter Letzt noch ein Tipp für alle Aus- und Einwanderer: Besuchen Sie NIEMALS ungefragt und/oder ohne ausdrückliche Einladung "echte" Schweden an einem Freitag nach der Mittagszeit. Das wird als ungehöriger Eingriff in die Familie aufgefasst. 

Loppis und Auktion in Schweden

Loppis und Auktion in Schweden
„Auktionator im vollen Einsatz“

Behind the scenes: Urlaubern und Touristen in Schweden haben bestimmt schon das Schild “Loppis” am Strassenrand gesehen. Das ist die Kurzform von “Loppmarknad”, was übersetzt “Flohmarkt” bedeutet. Ab Juni schiessen die “Loppisar”, d.h. die Flohmärkte geradezu aus dem Boden. Hinter einem Loppis kann sich vieles verbergen. Vom kleinen Tapeziertisch mit einigen Sachen bis hin zu ganzen Lagerhallen mit unüberschaubarem Angebot. Reinschauen lohnt sich oft, denn oft gibt es wahre Schätze für beinahe umsonst.

Der Tipp lautet, sich VORHER zu überlegen, was man denn eigentlich braucht. Sonst endet ein Loppisbesuch gerne mit einem vollen Kofferraum :)

Als besondere Formen werden der „Garageloppis“ und der „Flyttloppis“ unterschieden. Ersterer ist ein kleiner privater Garagenflohmarkt, zweitererdient dazu vor einem Umzug all das anzubieten, was nicht mehr benötigt wird. Im ländlichen Raum gibt es aussderdem den „Bondloppis“, d.h. den Flohmarkt auf dem Bauernhof (meist in einer alten Scheune oder einem alten Stall).

Der Schwede denkt beim Thema Loppis sehr praktisch und kauft häufig tatsächlich benötigte Alltagsgegenstände. Das geht vom Vogelkäfig bis zum Rasenmäher. Daneben gibt es aber sehr häufig auch altes Geschirr, Möbel und allerlei Zierrat. Mitunter findet man alte Grammophone, Schmuckstücke, usw. Für Liebhaber von Antiquitäten ist der Loppis Pflichtprogramm. Auf dem Loppis darf übrigens normalerweise über den Preis gefeilscht werden.

Neben dem Loppis gibt es aber noch eine weitere Verkaufsplattform, die es zu besuchen lohnt: Die Auktion. Auktionen finden oft statt, wenn Häuser nach Todesfällen (oder Umzug ins Altenheim) geräumt werden. Dann soll alles “auf einen Rutsch” verkauft werden (was beim Loppis so nicht zu realisieren ist). 

Der Hausrat - und oft auch Maschinen und Geräte - wird zusammen gestellt und dann versteigert. Die Auktionen werden in lokalen Nachrichtenblättern oder an den Schwarzen Brettern (“Anslagstavla”) bekannt gegeben. 

Das führt i.d.R. zu richtigen Volksfesten. Manchmal kommen wahre Volksmassen. Denn die Auktion ist meistens mit einer gehörigen Portion Unterhaltung verbunden. Ein guter Auktionator versteht es, mit Humor durch die Versteigerung zu führen. 
Normalerweise besteht die Möglichkeit alle Waren vor dem Beginn der Auktion zu besichtigen, und sich die eigenen Wünsche zu speichern. Das ist auch wichtig, denn während der eigentlichen Auktion geht es dann immer sehr schnell zu.

Ein besonders beliebter Auktionsgegenstand ist die “Fyndlåda” (“Fundkiste”). Hier werden in Kartons viele thematisch passende Dinge gepackt und als Paket versteigert. Da es sich meistens um sehr viele Kartons handelt, kann das zu mancher Überraschung führen. In Anbetracht eines durchschnittlichen Preises von ca. 1 bis 5 Euro pro Karton bei Haushaltswaren ist das eine spannende und oft sehr lohnenswerte Angelegenheit. 

Auch spezielle Waren werden derart gebündelt, z.B. Elektrogeräte, Handwerkszubehör, usw. Diese Pakete können dann - je nach Inhalt - zu regelrechten Bieterschlachten führen. 

Der Auktionator bestimmt - je nach dem Gang und Verlauf der Auktion - fexibel selbst, welche Stücke er einzeln aufruft und welche Stücke er als Pakete anbietet. 

Der Tipp zur Auktion lautet, brauchbare Sprachkenntnisse mitzubringen und sich erst einmal eine Auktion und die dortigen Gepflogenheiten in Ruhe anzusehen. Denn sonst kann eine hastige Handbewegung des unbedachten Auktionsteilnehmers schnell dazu führen, dass man plötzlich irgend etwas ersteigert hat (was man im Regelfall gar nicht unbedingt haben will). 

Loppis und Auktion in Schweden
„Grosses Publikum auf der Auktion - trotz Regens“

Lycksele Motorveckan 2011 - Yankee Cars & Classics im Street-Style

Lycksele Motorveckan 2011 - Yankee Cars & Classics im Street-Style
„Lycksele Motorveckan 2011 -
Yankee Cars & Classics im Street-Style“

Behind the scenes: Einmal jährlich verwandelt sich Lycksele - eine beschauliche Stadt mit 8.513 Einwohnern im Inland Västerbottens - in ein Mekka der Automobilfreunde. Denn im Juli findet dort immer die „Motorveckan“ („Motorwoche“) statt.

Im vergangenen Jahr waren über 30.000 Besucher zu verzeichnen. Das Programm ist vielfältig, unterhaltsam und abwechslungsreich. Der Abschlusstag stand unter dem Motto „Yankee Cars & Classics“ und es gab jede Menge US-Oldtimer zu sehen; darunter viele absolute Raritäten.

Ich hatte am Samstag die Ehre, Frau Lapplandblog dorthin zu begleiten. Sie ist bekanntlich u.a. auf Automobil-Fotografie spezialisiert. Während Frau Lapplandblog die Speicherkarten mit genialen Bildern der automobilen Schätze füllte, assistierte ich und schlenderte einfach etwas umher. Ich hatte bewusst nur eine kleine digitale Leica mitgenommen, um die Stimmung im Street-Style einzufangen.

Eine Serie mit einer Auswahl von Frau Lapplandblog wird es demnächst bei ihr im Blog geben.

-> Hier gehts zur Galerie „Lycksele Motorveckan 2011 - Yankee Cars & Classics im Street-Style“

-> Klick här så kommer du till bildspelet „Lycksele Motorveckan 2011 - Yankee Cars & Classics im Street-Style“

-> To the gallery „Lycksele Motorveckan 2011 - Yankee Cars & Classics im Street-Style“


Leben und Tod - Details einer Bebilderung

Vor zwei Wochen entwickelte sich aus einer guten Bekanntschaft in Lappland ein spannender Auftrag. Der Auftraggeber hat freundlicherweise seine Zustimmung gegeben, über die Sache - allerdings noch anonym - zu berichten, um einen Einblick in die Überlegungen bei der Produktion und Auswahl - sowohl fotografisch, wie auch schriftstellerisch-redaktionell - zu ermöglichen. 

Es geht um die Bebilderung eines Bändchens mit dem herausfordernden Titel “Leben und Tod”. In dem kleinen Bildband widmet sich der Verfasser dem Gang des Lebens anhand der Symbolik der Jahreszeiten. Die einzelnen Abschnitte bestehen aus Kurzgeschichten und Gedichten. 

Der Autor bat um die Teilbebilderung von “Herbst” und “Tod”, einmal zu einer Kurzgeschichte und einmal zu einem Gedicht. Das besonders Spannende daran ist, dass es sich um einen schwedischen Autor und eine schwedische Buchausgabe handelt, die sich an schwedische Leser richtet. Die kulturelle Einbettung der Symbolik ist also nicht ganz unwichtig. Die ausdrücklichen Wünsche des Autors waren Einfachheit und Naturbezogenheit. Gefragt war seitenfüllendes Hochformat für die Publikation im ca. A6-Format.

Herbst des Lebens - Leben und Tod - Details einer Bebilderung
„Herbst“


Für den Herbst fiel die Wahl auf ein ganz schlichtes Bild sterbender, herbstlicher Blätter. Hier spricht die Farbe ganz deutlich. Sehr ausdrucksstark und “spätsommerlich”. Nicht mehr in voller Blüte und Kraft. 

Unter den Blättern liegen bereits einige herabgefallene verwelkte Nadeln und kleine Äste. Der Bezug zur Ewigkeit; die Todesnähe. Die herbstliche Pflanze wächst aus einer Steinspalte. Aus der Tiefe und der Geborgenheit. Gut verwurzelt. Mit Fundament.

Kreis des Lebens - Leben und Tod - Details einer Bebilderung
„Kreis des Lebens“


Für den Winter sollte ein Bild “den Kreis” zwischen Tod und Leben schliessen. Im zu bebildernden Gedicht geht es um die Enkel und Urenkel des Verstorbenen. Neues Leben, das auf dem vergangenen Leben beruht. Hier fiel die Wahl auf ein Bild in dem aus einem halb-verwitterten Baumstumpf neues grünes Schilfgras spriesst. Im Hintergrund ein Stück der Uferlinie und einige Steine. Im Licht des frühen Abends fotografiert kommen die Farben harmonisch zur Geltung. Die Steine und die Uferlinie stehen für ewigen Kreislauf und Kontinuität. Der obere Bildrand ist absichtlich so knapp beschnitten. Das bringt zum Ausdruck, dass der Fortgang der Geschichte, die Zukunft, offen ist. Wohin die Reise der grünen Sprosse geht, ist noch unklar und ungewiss. 

Der Band wird voraussichtlich im Oktober erscheinen. Ich bin gespannt und freue mich darauf.

Die schwedische Krone im Laufe der Zeit - Eine Geschichtsstunde aus dem Geldbeutel

Heute ein kleiner Rundgang durch die Geschichte der schwedischen Währung, der Krone. Ein Blick auf das Kleingeld im Geldbeutel hat gestern nämlich einen geschichtlichen Abriss der letzten 70 Jahre zutage gefördert. In Schweden sind - wie anderswo auch - Münzen aus verschiedenen Zeitepochen im Umlauf. Gestern verirrte sich allerdings ein sehr seltener Sonderling ins Kleingeld: Eine Münze aus dem Jahre 1942.

Schwedische Ein-Kronen-Münzen im Laufe der Zeit - Wappenseite
„Ein-Kronen-Münzen im Laufe der Zeit: Wappenseite“


Die schwedische Krone, die eigentlich noch in je 100 Öre aufgeteilt ist, gibt es seit 1873. Vorläufer der Krone war der Riksdaler (“Reichstaler”). Genau genommen war die erste Krone noch gar keine rein schwedische Münze, sondern die Gemeinschaftswährung der Skandinavischen Währungsunion für Dänemark, Island, Norwegen und Schweden. Die rein-schwedische Krone gibt es seit 1924. 

Interessanterweise sind aber noch immer alle Kronen-Münzen, die ab 1875 ausgegeben worden sind, nach wie vor als gesetzliche Zahlungsmittel zugelassen. Ein Blick aufs Wechselgeld lohnt also, denn es besteht die Chance auf Raritäten zu stossen.

Die Öre gibt es übrigens nicht mehr als Barzahlungsmittel. Zum 30. September 2010 wurde die bis dahin noch in Umlauf befindliche 50-Öre-Münze aus dem Verkehr gezogen. Rein zahlungstechnisch macht das auch Sinn, denn bei einem Kurs von 1 SEK = 0,1095 EUR (Stand 1. Juli 2011) war der Zahlungswert der 50-Öre-Münzen nahezu unbedeutend gering. 

In den Preisangaben taucht die Öre aber noch auf. Ein im Zuge der Ausserkurssetzung eingeführtes Gesetz bestimmt nun für Barzahlungen, dass Beträge von 1-49 Öre hinter dem Komma auf die nächste Krone abgerundet, und Beträge von über 50 Öre auf die nächste Krone aufgerundet werden. Bei Kartenzahlungen wird allerdings nach wie vor auf die Öre genau abgerechnet. Beträgt der Kaufpreis an der Kasse also z. B. 9,50 Kronen (d.h. 9 Kronen 50 Öre) ist der Barzahlungspreis 10 Kronen, der Kartenzahlungspreis indes 9,50 Kronen.

Nun aber von der Öre zurück zur Krone. Traditionell trägt die Ein-Kronen-Münze immer das Bild des amtierenden schwedischen Königs (bzw. künftig der Königin) auf der einen Seite und das Staatswappen oder eine Krone auf der anderen. Um das Konterfei des Monarchen (bzw. der Monarchin) ist das königliche Motto des jeweiligen Staatsoberhauptes in die Münze geprägt.

Das älteste Stück im Geldbeutel - auf dem Foto bei 12 Uhr - stammte also aus dem Jahre 1942. Damals war Gustav V König. Sein Motto lautete “Med folket för Fosterlandet” („Mit dem Volk für das Heimatland“). Auf der Vorderseite prangt das sehr schöne alte Wappen.

Münze Nummer 2 - auf dem Foto bei 15 Uhr - ist der derzeit wohl am häufigsten in Umlauf befindliche Typ. Sie wurde von 1976-2000 ausgegeben. Dieses Exemplar stammt aus dem Jahre 1983 und trägt den amtierenden König Karl XVI Gustaf - abstrahiert dargestellt - auf sich mit seinem Motto “För Sverige i Tiden”. 

Münze Nummer 3 - auf dem Foto bei 18 Uhr - ist die neuere Version der Nummer 2 (ausgegeben seit 2001) mit einem deutlich schöneren Monarchenbild und stammt aus dem Jahre 2009.

Die Nummer 4 schliesslich - auf dem Foto bei 21 Uhr - ist eine besondere Gedenkmünze aus dem Jahre 2009, welche der besonderen Verbindung von Finnland und Schweden gewidmet ist. Statt eines Wappens trägt sie das Bild eines unterbrochenen Linienfeldes auf der einen Seite. Auf der anderen Seite befindet sich ein Bild des Königs. Sie ist nicht sehr häufig, aber durchaus tatsächlich im Umlauf zu finden.   

Schwedische Ein-Kronen-Münzen im Laufe der Zeit - Monarchenseite
„Ein-Kronen-Münzen im Laufe der Zeit: Monarchenseite“


Eine sehr seltene Münze fehlt leider noch in der Sammlung (und auf dem Foto): Im Jahre 2000 gab es zum neuen Jahrtausend eine Ein-Kronen-Münze in sehr geringer Sonderauflage. Auf dieser Sonderprägung sind unter dem Staatswappen die Initialen des Königs eingeprägt. Sollte sich diese Prägung einmal in den Geldbeutel verirren, werde ich ein Foto nachreichen.

Neben den im regulären Umlauf vorkommenden Münzen gibt es natürlich noch eine Vielzahl von Sonderprägungen in verschiedenen Nennwerten (10 SKR - 1.000 SKR) zu besonderen Anlässen, darunter etliche Silber- und Goldmünzen. Diese sind zwar ebenso als Zahlungsmittel zugelassen, dürften aber nicht im tatsächlichen Umlauf vorkommen. Eine Übersicht über die Sonderprägungen bis zum Jahre 2004 gibt es in dieser Broschüre der schwedischen Reichsbank.

Theater-Weltpremiere in Malå: "Bergatrollet Tjam" von Britta Stenberg

Theater-Weltpremiere in Malå: Bergatrollet Tjam von Britta Stenberg
„Theater-Weltpremiere in Malå: Bergatrollet Tjam von Britta Stenberg“


Behind the scenes:
Die kulturellen Highlights in Lappland reissen nicht ab. Am Sonntag gab es in Malå eine Theater-Weltpremiere. Nachdem im vergangenen Jahr bereits der Film “Shooting Beauty” seine Europapremiere in Malå feiern durfte, ging es diesmal um das Theaterstück “Bergatrollet Tjam” von Britta Stenberg.

Britta ist eine in Nordschweden sehr bekannte Künstlerin, Verfasserin und Drehbuchautorin. Vor einigen Jahren verfasste sie ein Drehbuch für ein Theaterstück, das zunächst in der Schreibtischschublade schlummerte. Zum Sommer der Kultur 2011 hat sich Britta spontan entschlossen, das Stück umzusetzen. Beinahe pausenlos probten die Darsteller unter der Regie von Britta in den vergangenen Wochen und am Sonntag war nun die bewegende Premiere.

Unser Eindruck: Die Premiere ist gelungen und war ein voller Erfolg. Das Publikum war begeistert. Ein beeindruckender Theatermittag im Kultursommer 2011 in Malå. Glückwunsch an Britta und alle Darsteller. Es hat riesigen Spass gemacht, die Premiere fotografisch dokumentieren zu dürfen.


-> Hier gehts zur Galerie „Theater-Weltpremiere in Malå: Bergatrollet Tjam von Britta Stenberg“

-> Klick här så kommer du till bildspelet „Bergatrollet Tjam - Världspremiär i Malå“

-> To the gallery „Bergatrollet Tjam - World premier in Malå“


Malå: En kväll i vänskapens tecken / Ein Abend im Zeichen der Freundschaft in Malå

Malå: En kväll i vänskapens tecken / Ein Abend im Zeichen der Freundschaft in Malå
„Feierliche Anlässe in Malå“


Behind the scenes:
Die Sommeraktivitäten in Malå sind in vollem Gange. Am gestrigen Abend hatte die Folksdanslag („Volkstanzvereinigung“) zu einer bewegenden Veranstaltung eingeladen. Im Rahmen des Austausches mit einer Gruppe aus Österreich - daher der Titel des Abends - gab es nicht nur schwedischen und österreichischen Volkstanz, sondern auch eine Brautmodeschau zu sehen.

Das Spannende daran: Es wurde die Entwicklung der Brautmode über die letzten 150 Jahre gezeigt. Unterlegt mit allerlei Geschichten war das nicht nur äusserst unterhaltsam, sondern auch sehr schön anzusehen. Und die Darstellerinnen und Darsteller dürften jetzt bestens für ihre eigenen Hochzeiten gerüstet sein.

Nachdem die Tageszeitung uns kurzfristig als Fotografen angefragt hatte, haben wir gleich mal noch etwas mehr geknipst und eine Galerie aufgelegt:


-> Hier gehts zur Galerie „Ein Abend im Zeichen der Freundschaft in Malå“

-> Klick här så kommer du till bildspelet „Malå: En kväll i vänskapens tecken“

-> To the gallery „Malå: An evening in the name of friendship“

Blau

Kunstwerk Blaue Steine in Lappland
„Blau“


Behind the scenes:
Blaublüter, Blaue Wunder, Blaue Briefe, oder gar Blauäugigkeit? Nein! Heute geht es wohl eher ums “Blau machen”. 

Schweden befindet sich heute kollektiv in Bewegung. Im Wohnwagen, Wohnmobil oder Auto. Und wohin geht die Reise? In die Sommarstuga, das Sommerhaus. Und warum? Weil Midsommar vor der Tür steht. 

Unter dem Begriff Midsommar laufen die Feierlichkeiten zur Sommersonnenwende. Und in der Praxis ist Midsommar heutzutage das populärste Fest (bzw. der populärste Feiertag) in Schweden.  Midsommar dürfte an Popularität Weihnachten deutlich überholt haben. 

Am Freitag wird der Midsommarafton gefeiert, d.h. der Tag vor Midsommar. An diesem Tag wird mit festlichem Abendessen und mit Freunden und Verwandten in den Midsommar hinein gefeiert. Obwohl erst der Samstag, also der eigentliche Midsommartag, ein offizieller Feiertag ist, ruht das Arbeitsleben auch bereits am Midsommarafton zu etwa 95%. 

Auf den Strassen ist es still - es sind fast ausschliesslich PKWs mit anhängenden Wohnwägen und Wohnmobile zu sehen. Die Grillfeuer werden angeschürt und überall steigen kleine und wohlriechende Rauchsäulen gen Himmel. Schweden feiert kollektiv. Zurück zur Farbe Blau: Aus dem “Blau machen” wird dann vielerorts mitunter auch ein “Blau sein”.


-> Facebook -> Twitter

Sommerferien in Schweden - „Sommarlov“

Graffiti Wohnwagen
„Sommarlov“


Behind the scenes:
Die Zeit der Sommerferien („Sommarlov“) steht vor der Tür, bzw. hat für viele schon begonnen. In den nordischen Breiten rund um den Polarkreis in Lappland saugen die Menschen die Sonne jetzt geradezu in sich ein. 

Kein Wunder, ist es doch im Winter nur einige kurze Stunden lang hell. Im Sommer dagegen scheint die Sonne quasi „rund um die Uhr“.
 
Deswegen ist es spätestens ab der Woche nach Midsommar recht still in den Geschäften und Büros. Denn wer immer es sich erlauben kann, nimmt dann einen langen Sommerurlaub. Vier bis sechs Wochen dürfen es schon sein. Und in denen geht es dann entweder in die - im Regelfalle recht spartanisch ausgestattete - „Sommarstuga“ (Sommerhaus) oder in den Wohnwagen, bzw. das Wohnmobil. Die Nordschweden sind ein reiselustiges Volk!

Jetzt beginnt auch die Urlaubs- und Tourismussaison für Besucher aus aller Welt. Für uns, die wir schwerpunktmässig in der Travel- und Tourismusfotografie tätig sind, beginnt jetzt auch die zweite Hochsaison des Jahres. Vielleicht treffen wir uns ja irgendwo im wunderbaren Lappland diesen Sommer! Falls ja: Bitte immer schön lächeln :)


Comments -> Facebook -> Twitter

Frohe Ostern! / Glad Påsk! / Happy Easter!

Frohe Ostern! / Glad Påsk! / Happy Easter!


Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern

"Frohe Ostern! / Glad Påsk! / Happy Easter!“





Comments -> Facebook -> Twitter

Ostern in Schweden - Gestern und heute - Teil 3

Und hier der dritte Teil: Ostern im Zeichen der Sommarstuga und des Schneeskoters.

Wer nicht ohnehin währende der Osterwoche (“Påsklov”) Urlaub genommen hat, endet die Arbeitswoche jedenfalls üblicherweise am Gründonnerstag gegen 12 Uhr. Auch die meisten öffentlichen Einrichtungen schliessen um diese Zeit. Was geschieht dann?

Spätestens jetzt bepacken alle ihre Autos, lasten den Skoter auf den Anhänger und brausen gen Stuga. Vergangenes jahr waren wir selbst am Gründonnerstag in Richtung Fjäll unterwegs (Route von Soresle nach Tärnaby) und konnten die Invasion, die da Richtung Fjäll rollte, kaum fassen. Intensives Verkehrsaufkommen ist hier ja recht selten. Die Autolawine, die wir da zu sehen bekommen haben, war aber geradezu unglaublich.

Nebenbei: Die im Winter hier in Nordschweden praktisch unentbehrlichen Spikesreifen dürfen bis zum 15. April gefahren werden. Eine Ausnahme gilt allerdings, wenn auch danach noch mit “Winterlage” zu rechnen ist. Deswegen verbleiben die Winterreifen mit den Spikes meist auf den Autos, wenn es über Ostern ins Fjäll geht. Denn dort herrschen noch richtig winterliche Verhältnisse. Gewechselt werden die Reifen dann nach der Rückkehr aus dem Osterurlaub.

Zurück zu den kulinarischen Besonderheiten: Am Ostersamstag wird normalerweise ein besonderes Essen gekocht. Ei und Hering sind dabei oft die bestimmenden Bestandteile (wobei es sehr grosse regionale Unterschiede gibt). Stark im Kommen ist auch der “Påskskinka”, ein grosser Kochschinken, der zu Weihnachten - baugleich - als “Julskinka” verspeist wird.

Die Ostereier werden - wie auch in Deutschland üblich - in verschiedenen Farben bemalt und die Kinder bekommen die Ostereier ebenfalls am Ostersamstag. Natürlich gibt es auch viele Süssigkeiten. Sehr häufig sind grosse Ostereier aus Pappe, die mit allerlei Süssigkeiten gefüllt sind. 

Beinahe zu allen Festen im Jahreskreis gibt es ein bestimmtes Getränk in Schweden. Zu Ostern ist das der “Påskmust”. Der Påskmust ist eine Limonade, die geschmacklich zwischen Malzbier und Cola mit säuerlichem Einschlag anzusiedeln ist. Durchaus Geschmackssache. Ganz ähnlich ist übrigens das Pendant zu Weihnachten (“Julmust”).

Påskmust
„Speziell zu Ostern: Påskmust“ - License picture / Buy print





Comments -> Facebook -> Twitter

Ostern in Schweden - Gestern und heute - Teil 2

Und weiter geht es mit Teil 2:

Im ersten Teil hatte ich bereits auf die fortgeschrittene Säkularisierung hingewiesen. Das zeigt sich z.B. darin, dass es in Schweden keine Regelungen zum Ladenschluss gibt. Die Geschäfte haben an an allen Tagen des Jahres geöffnet (wenn es auch an manchen Feiertagen kürzere Öffnungszeiten gibt). Am Karfreitag noch ein Stück Butter einkaufen? Kein Problem. Vor einigen Jahren noch waren z.B. am Karfreitag alle Geschäfte geschlossenen und es herrschte Tanz- und Kinoverbot. Ich habe letztes Jahr einmal eine kleine Rundfahrt unternommen, um die Anzahl der Gottesdienstbesucher zu Ostern herauszufinden. Nicht mehr als eine handvoll (buchstäblich!) Menschen.

Die “Påsklov”, d.h. die “stille Woche” vor Ostern ist schulfrei. In dieser Woche ist der Schnee breits kräftig am schmelzen und meistens herrscht bereits kräftiger Sonnenschein. So wird denn diese Woche auch häufig für den Ausklang der Skisaison genützt. Und für viele Schweden ist die Påsklov mit dem ersten Urlaub in der “Sommarstuga”, dem kleinen Haus auf dem Lande verbunden. Die Stugas stehen den harten Winter über meist einsam und verlassen. Zu Ostern ist es nun an der Zeit dort nach dem Rechten zu sehen und alles für den langen Sommeraufenthalt dort vorzubereiten. Überhaupt ist die - meist spartanisch bescheiden eingerichtete - dafür aber oft traumhaft gelegene Sommarstuga das Zentrum des schwedischen Familienlebens ab der Schneeschmelze. 

An Ostern stehen in Schweden heutzutage also das Erwachen der Natur und der Frühling im Mittelpunkt.

Morgen gehts weiter mit Teil 3.

Påskris - Ostern in Schweden - Gestern und heute - Teil 2
„Ostern in Schweden heute: Påskris und Skihang“ - License picture / Buy print





Comments -> Facebook -> Twitter

Ostern in Schweden - Gestern und heute - Teil 1

Diese Woche möchte ich mit einer dreiteiligen Serie die schwedischen Osterbräuche etwas unter die Lupe nehmen.

Schweden ist eigentlich ein sehr traditionsbewusstes Land. Allerdings ist auch hier vieles im Wandel. Ostern ist ja nun eigentlich ein christliches Fest. In Schweden ist es im Rahmen der fortschreitenden Säkularisierung über die zurückliegenden Jahre allerdings zu einem wichtigen “weltlichen” Fest geworden.

Die Zurückgezogenheit im Familienkreis ist in Schweden äusserst wichtig. Deswegen wird auch Ostern (“Påsk”) ruhig und im Familienkreis verbracht. 

Der klassische Osterbrauch besteht aus einem Osterschmuck in Form von Birkenzweigen mit bunten “Federbüscheln” (“Påskris”, was soviel wie “Osterreisig” bedeutet). Am Gründonnerstag (“Kärtorsdag”) oder am Ostersamstag ziehen häufig noch die Mädchen und Jungen mit Kopftüchern und mit langen Röcken als Osterweiber verkleidet ("Påskäringar") von Haus zu Haus. Die Wangen sind rot bemalt und mit sich haben sie eine Kaffekanne in die sie Süssigkeiten oder Geld sammeln.

Ein weiterer klassischer Brauch stammt vermutlich aus dem Jahre 1880. Viele Schweden schicken sich gegenseitig sog. hergestellte Osterbriefe. Die selbst geschriebenen Briefe werden meist anonym versandt. Hier oben in Lappland ist das allerdings weniger üblich.

Auch in Schweden steht Ostern ganz im Zeichen des Ostereis. Die bestimmende Osterfarbe ist dabei gelb - wohl in Anlehnung an den Frühling und die Osterküken. Denn in Schweden bringen die Osterküken und nicht der Osterhase die Ostereier.  

Morgen gehts weiter mit Teil 2.

In Schweden bringt das Osterküken die Ostereier
„In Schweden bringt das Osterküken die Ostereier“ - License picture / Buy print





Comments -> Facebook -> Twitter

23. Februar: Zeit für die schwedischen Leseratten - Dags för årets stora bokrea

Heute wieder ein Beitrag aus der Rubrik Kultur. Es ist wieder an der Zeit für die Woche des “bokrea”. Hinter dem Begriff verbirgt sich die jährliche Bücherwoche, eine Art “Bücher-Ausverkauf”. Dieses Jahr startet der grosse Ausverkauf heute, d.h. am 23. Februar 2011.

Buchhandlungen im ganzen Land verkaufen ab dem heutigen Tag Bücher zu herabgesetzten Preisen. Von besonders beliebten Büchern werden sogar spezielle Auflagen für den jährlichen Ausverkauf gedruckt. In der Vergangenheit war der Bücherausverkauf für den Buchhandel sogar wichtiger als das Weihnachtsgeschäft. Das hat sich in den vergangenen Jahren aber ungefähr ausgeglichen.

In den grösseren Städten gibt es einen so grossen Zulauf am Starttag des Ausverkaufes, dass manche Buchhandlungen bereits um Mitternacht öffnen. 

Spezielle Verkaufskanäle für Bücher gibt es in Schweden nicht mehr. Früher durften Bücher nämlich nur exclusiv über Buchhandlungen verkauft werden. Heute nutzen auch viele Einzelhandelsgeschäfte und Warenhäuser die Gelegenheit und bieten zu dieser Woche verbilligte Bücher an.

Etwas Ordnung gibt es aber im System. So bestimmt die schwedische Buchhändlervereinigung (Svenska Bokhandlarföreningen (SBF)) z. B. jährlich das Startdatum für den Ausverkauf. Das von der SBF 2009 eingeführte Verbot, Bücher für Kunden auf den Ausverkauf vorzubestellen, wurde 2010 wieder aufgehoben.

Historisch gibt es den Bücherausverkauf in Schweden seit den 20er Jahren. Damals nutzten die Verlage die Gelegenheit, ihre Restbestände abzuverkaufen. Nachdem das Interesse am Bücherausvefrkauf in den 70ern stark gesunken war, erfreut er sich seit den 80ern wieder gesteigerter Beliebtheit und die Umsätze nehmen seitdem wieder Jahr für Jahr zu.

23. Februar: Zeit für die schwedischen Leseratten - Dags för årets stora bokrea
„Dags för årets stora bokrea - auch in Malå“




Comments -> Facebook -> Twitter

Sommer in Lappland VII - Leftovers of Midsommar / Überreste von Midsommar

Leftovers of Midsommar / Überreste von Midsommar

Behind the scenes: Das letzte Bild aus einer grösseren Reportageserie über Midsommar. Wir haben den schwedischen Brauch von den Vorbereitungen über die Feier bis zu den „Überresten“ begleitet. Im Bild ein solcher verlassener Überrest an einer Grillstelle irgendwo weit draussen.


UNESCO Weltkulturerbe in Lappland: Gammelstads kyrkstad in Luleå

Am Montag hatte ich die grosse Ehre an einer exclusiven Führung durch die Gammelstads kyrkstad in Luleå unter der Leitung des weltbekannten Historikers Kjell Lundholm teilzunehmen. Ein Besuch in der Kyrkstad ist meiner Meinung nach ein “Muss” für alle Urlauber, die hoch in den Norden Schwedens reisen. Zudem ein idealer nördlicher Endpunkt einer Schwedenrundfahrt.

Der Begriff Kyrkstad lässt sich am besten mit “Kirchdorf” übersetzen. Insgesamt 71 alte Kirchdörfer dieser Art gibt es, von denen allerdings nur wenige in gutem Zustand erhalten sind. Die Geschichte der Kirchdörfer beginnt im 16. Jahrhundert. Sie wurden für die Bevölkerung geschaffen, die - für damalige Verhältnisse - weit entfernt von den Kirchen wohnten. Denn der regelmässige Kirchgang war damals “staatsbürgerliche Pflicht”. Bis zu 32 „Kirchen-Pflichtbesuche“ pro Jahr konnten sich ergeben. An- und Abreise am selben Tag waren aber aufgrund der weiten Wege undenkbar, und nahmen oft mehrere Tage in Anspruch. Daher wurden kleine Hütten als Übernachtungsmöglichkeiten gebaut. In der kyrkstad in Luleå entstanden so über 400 Hütten (“kyrkstugor”). Die Hütten sind netzförmig um die zentrale Kirche herum gebaut.

Gammelstads kyrkstad in Luleå
- Von überall aus gut sichtbar: Die zentrale Kirche -

Die Hütten werden auch heute noch von traditionsbewussten Menschen genutzt. Die Nutzung geschieht übrigens aufgrund einer abenteuerlichen rechtlichen Konstruktion. Eigentum kann nur an den Hütten selbst - als “fliegende Gebäude” - erworben werden. Grund und Boden gehören nach wie vor der Kirche. Um die Hütten aber auch tatsächlich nutzen zu dürfen, bedarf es zusätzlich einer besonderen Erlaubnis des königlichen Beauftragten. Die Eigentümer und Nutzer müssen sich dabei an viele Vorschriften halten. Die Nutzung ist u.a. nur von Freitag bis Montag, aber nicht in der Zeit von Montag bis Freitag gestattet. Ausserdem gibt es in den kleinen Hütten keinen Strom (da habe ich allerdings einige Ausnahmen gesehen), kein fliessendes Wasser und keine Toiletten. Sanitätsräume befinden sich in Form von Gemeinschaftsanlagen auf dem Gelände.

Gammelstads kyrkstad in Luleå
- Der Turm der alten Kirche -

Zentral in der kyrkstad liegt die alte Kirche. Ein relativ schlichter Bau, errichtet aus risiegen Steinen. Eingeweiht wurde sie im Jahre1492 und war damals noch katholisch. Die Hüttenbauten um die Kirche herum entstanden allerdings erst nach der Reformation, nachdem das Königshaus den evangelischen Glauben und auch die Kirchenpflicht eingeführt hatte.


- Detail an der Kirche -


Besonders interessant und erfreulich ist der Umstand, dass das Kirchendorf Gammelstad mit zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Schweden hat lediglich 14 Objekte zu verzeichnen, die zum Weltkulturerbe gehören (Stand: 2010). Neben der Gammelstads kyrkstad gehören dazu:

Der Marinehafen von Karlskrona, Das Stora Alvaret - Agrarlandschaft von Süd-Öland, Die Hansestadt Visby auf der Insel Gotland, Die Radiostation Grimeton in Varberg, Die Felszeichnungen von Tanum, Der Skogskyrkogården bei Stockholm, Die Wikingersiedlungen Birka und Hovgården, Das Schloss Drottningholm , Die Eisenhütte Engelsberg bei Fagersta, Der Kopparberget - Großer Kupferberg in Falun , Die Höga Kusten , Laponia in Lappland und der Struve-Bogen in Norrbotten.


- Nebengebäude der Kirche -


Noch ein Wort zu Kjell Lundholm. Der Historiker, der im Laufe seiner Karriere u.a. Leiter des Norrbotten-Museums war, hat rund 25 kulturhistorische Bücher und über 300 Fachartikel verfasst. Seine souveränen Geschichtskenntnisse in beinahe allen denkbaren Bereichen sind überaus beeindruckend. Das Wissen sprudelt bei ihm sozusagen aus jeder Pore. Und äusserst unterhaltsam waren Vortrag und Führung noch dazu. Sollten sie des Schwedischen mächtig sein und sich Ihnen eine Gelegenheit zu einer Führung oder einem Vortrag von Kjell bieten: Nutzen Sie diese einmalige Chance!

Fika

Wieder ein solches Motiv, das sich im “Augenwinkel” beim Vorbeifahren bemerkbar gemacht hat. Dieses deutliche Gefühl, dass da eben etwas besonderes am Strassenrand zu sehen war. Also: Blick in den Rückspiegel, Bremsen, Anhalten, Schauen, Fühlen, Knipsen.

Fika


Einige Arbeiter hatten sich eine Sitzgruppe im Freien eingerichtet, um die Fikapause in der Sonne verbringen zu können. Ein wunderbares Motiv, um einige Zeilen über die Institution der Fikapause in Schweden zu schreiben.

Die Fika

Eine schwedische Institution, die den Alltag prägt: Die Fika. Was steckt dahinter?

Oft wird der Begriff Fika mit “Kaffeepause” übersetzt. Das trifft den Kern aber nicht richtig. Denn zum einen gibt es in aller Regel auch einen Happen dazu, zum anderen - viel wichtiger - dient die Fikapause dem sozialen Austausch.

Gerade “auf Arbeit” ist die Fika keine echte Pause, sondern eine lebendige Informationsrunde, in der alle Themen - private wie berufliche - auf einer wunderbar informellen Basis angesprochen und diskutiert werden.

Deswegen ist es treffender, die Fika als eine Art typisch schwedische Institution zu verstehen. Die klassische Morgenfika liegt übrigens zeitlich ungefähr gegen 9 Uhr 15, die Mittagsfika gegen 15 Uhr 15. Aber auch Abends ist eine Fikapause essentieller Bestandteil fast jeder Veranstaltung.

Übrigens: Richtig und völlig zutreffend ist es, dass Schweden in Sachen Kaffeeverbrauch beinahe an der Weltspitze liegt. Einige statistische Auswertungen in grafischer Form (Verbrauch pro Person in Kg, Liter, und Tassen pro Tag) gibts übrigens hier auf der Seite kaffeinformation.se.

Das geflügelte Wort dazu lautet: Das Schlimmste, das geschehen kann ist, unerwarteten Besuch zu bekommen, und keinen Kaffee im Haus zu haben :)


Colors and shapes: Eine fotografische Annäherung an das schwedische Design

Warum ist das schwedische Design so hochgeschätzt und weltberühmt?
Eine oft gestellte Frage, die mich auch schon viel beschäftigt hat. Heute will ich die Antwort etwas einkreisen.

Es gibt einen übergreifenden Zusammenhang in allen nordischen Kunst- also auch Designrichtungen. Im fotografischen Bereich wird oft die kühle, etwas distanzierte, zugleich aber sehr tiefgründige und aussagekräftige schwedische Bildsprache gerühmt.
Diese “Spachbeschreibung” gilt aber nicht nur für die Fotografie, sondern generell für die meisten nordischen Kunstrichtungen. Warum ist das so?

Eigentlich geht es im nordischen Design in der Regel um die ganz elementaren “Basics”, die Grundlagen, also: Colors & Shapes - Farben und Formen. Künstler aus Skandinavien haben offensichtlich eine besondere Gabe der Reduktion. Die Beschränkung aufs Wesentliche. Sie sind “Reduktionskünstler”. Das Motto lautet: Alles auf den Grund, d.h. die grundlegenden Strukturen, Funktionen, Formen und Farben zurückführen.

Ein in diesem Zusammenhang oft gehörter Slogen lautet: A BETTER LIFE THROUGH GOOD DESIGN. Und der Schlüssel zu diesem guten Leben liegt in der Beschränkung auf die Einfachheit.

Meine persönliche Theorie geht dahin, dass die besondere nordische Gabe auf die Lebensumstände und die hiesige Mentalität zurück zu führen sind. Typisch schwedische Attribute sind z.B.

Miteinander - nicht anecken - integrativ - umgänglich - einfügend - solidarisch.

Übertragen in Bildsprache und Design ergibt das die faszinierend aufs Wesentliche reduzierten Kunstwerke. Hinzu kommen die generellen Lebensumstände und Lebensbedingungen: Im Norden herrscht rauhes Klima. Die Umwelt - so “schön” sie auch sein mag - macht das Leben nicht unbedingt einfach. Das ruft und verlangt nach Dingen, die - gerade auch funktional - zuverlässig auf den Kern beschränkt sind.

Ein dritter Gedankengang führt zu einem weiteren Phänomen des Miteinanders in diesen Breitengraden, das kunstprägend ist: Es besteht eine sehr deutliche Abgrenzung zwischen dem “internen” Kreis der Familie (daher auch die oft von “Zugezogenen” begangene “Todsünde” am “heiligen” Familienfreitag zu stören) und den weiteren “externen” Kreisen. Das kommt im Design zum Ausdruck durch den “geschlossenen Charme”, den viele nordische Designs ausstrahlen.

Um die Grundlagen besser harsuzuarbeiten, habe ich eine neue Rubrik/Kategorie “colors & shapes” eingerichtet, in der künftig Aufnahmen zu sehen sein werden, bei denen es um diese nordische Reduktion aufs Wesentliche geht.

Colors and shapes: Eine fotografische Annäherung an das schwedische Design

Borgafjäll

Borgafjäll ist ein sehr bekannter und beliebter Wintersportort in Südlappland. Aber Borgafjäll hat nicht nur ein breites Angebot für alle Wintersportler (Ski, Heliski, Laglauf, Skoter, usw.), sondern ist auch landschaftlich äusserst reizvoll. “Fjäll” ist übrigens die Bezeichnung für skandinavische Gebirge.

Hatte gerade das Vergnügen einige Tage dort sein zu können. Das Wetter hat leider nicht ganz so mitgespielt und die aus den Medien bekannte vorbeiziehende Vulkanwolke aus Island hat ein übriges dazu getan. Hat zu einigen fotografischen Herausforderungen geführt. Aber wie pflege ich immer zu sagen: Es gibt keine Probleme, nur Lösungen :)

Auch die Fahrt nach Borgafjäll ist ein echtes Erlebnis, führt doch der “Konstvägen Sju Älvar” (Kunstweg entlang der sieben Flüsse Vindelälven, Ume älv, Öreälven, Lögdeälven, Gideälven, Ångermanälven und Saxälven) nach Borgafjäll. Die gesamte Route führt über 334 Km von Holmsund nach Borgafjäll und ist ein Gesamtkunstwerk in Form einer Ausstellung von derzeit 12 Einzelkunstwerken. Das derzeit jüngste Kunstwerk wurde 2005 von Schülern in Bjurholm neben einer Brücke über den Öreälv errichtet und ist ein zehn Meter langer Bootshaken.

In Borgafjäll selbst ist das gleichnamige Hotel ein echter Geheimtipp. Es ist sowohl architektonisch herausragend (geplant vom legendären Architekt Ralph Erskine), als auch für seine mit Sternen ausgezeichnete Küche unter Insidern weithin bekannt.

Einige Eindrücke:







Filmrezension - Shooting Beauty - everyone deserves a shot - Ein Film über Authentizität und Fotografie

Shooting Beauty - everyone deserves a shot - Ein Film über Authentizität und Fotografie

Eine Rezension von Petra Fülbert und Henning Wüst


Heute wieder eine Rezension. Es geht um den von Courtney Brent und George Kachadorian produzierten Film “Shooting Beauty - everyone deserves a shot”. Ein “Independent-Movie” über Authentizität und Fotografie, der leider im europäischen Raum noch nahezu unbekannt ist.



Du denkst, Dir fehlen die Voraussetzungen, um gute Bilder zu machen? 

Du machst Dir Sorgen über die von Dir eingesetzte Technik und meinst, Du brauchst unbedingt noch diese oder jene Kamera oder dieses oder jenes Obketiv, um gute Bilder machen zu können? 

Du hast vielleicht Sorgen. Aber: Dir kann geholfen werden!

Bekanntlich gibt es keine Zufälle. Trotzdem sind wir vor etwas 3 Monaten durch einen “glücklichen Zufall” auf den Film “Shooting Beauty - everyone deserves a shot” gestossen. Der Film, der unserer Meinung das Wesen und den Spirit der Fotografie am Besten auf den Punkt bringt. Ein echtes Juwel. Mannigfaltige Horizonterweiterung in verschiedener zusätzlicher Hinsicht gibt es gleich noch mit dazu.  Shooting Beauty ist übrigens kein Film nach Drehbuch, sondern schildert über mehrere Jahre hinweg den Verlauf eines tatsächlichen Projektes. 

Courtney Brent ist als Fotografin in Bosten tätig und stammt aus einer Familie, in der sich alles ums Mode-Business dreht. Sie fotografiert Mode und “schöne Menschen” in allen modischen Lebenslagen. Bei einem Shooting wird sie auf “diese Menschen in ihren Rollstühlen” aufmerksam. Sie geht diesen Menschen nach und stösst auf ein Zentrum für Menschen cerebral bedingten Behinderungen und wird eingeladen, auch dort zu fotografieren. Sie überwindet sich und sagt zu. Was sie dort sieht und erlebt, lässt sie dann nicht mehr los. Die Bilder verfolgen sie und sie wird mit ihren eigenen, dort gemachten Aufnahmen tief unzufrieden. Plötzlich kommt ihr dann der Gedanke, die Rollen zu tauschen. Diese Menschen sollen selbst in die Rolle des Fotografen schlüpfen, und die Kamera “in die Hand nehmen”. Sie stösst auf Zustimmung. 

Courtney kauft also eine Menge Kameras ein - alles analoge Kameras übrigens - und beginnt, die Kameras handicapgerecht für jeden ihrer neuen Kolleginnen und Kollegen umzubauen. Das Projekt wird gleich zum Beginn recht kompliziert. Abenteuerliche Umbauten enstehen, z. B. für Tony, der nur mit seiner Zungenspitze den Auslöser betätigen kann. Das Interesse, ja die Begeisterung der neuen Fotografinnen und Fotografen ist beeindruckend.  Sie “fangen Feuer” für die neue Herausforderung und das Abenteuer Fotografie. Und so werden die Zuschauer mit in die ungewohnte Normalität von Menschen mit Handicaps hereingenommen. Der Gedanke, ihre Welt fotografisch festzuhalten und sich dadurch auszudrücken, greift wie ein Virus um sich. Courtney erhält immer mehr Anfragen nach Kameras.

Der Film schildert über 4 Jahre hinweg die Reise Courtneys in und mit einem Projekt, dessen Ende sie sich sicher nicht im vorhinein hat vorstellen können. Sie lernt eine neue “Normalität” und ungeahnte künstlerische Begabungen kennen und schätzen. 

Nachdem die langen technischen Vorbereitungen und Anpassungen abgeschlossen sind, und alle den Umgang mit ihrer individuellen fotografischen Lösung kennen und beherrschen, folgt schliesslich die fotografische Aufgabe:

“Tell me about your life in one roll of film. Give me a day in your life”.

Die Kamera folgt den einzelnen Fotografinnen und Fotografen auf deren “Höhenniveau” auf Rollstuhlebene. Beeindruckende Einblicke. Insbesondere die Reaktionen der vermeintlich “normalen” Menschen darauf, dass ihnen ein mehrfachbehinderter Mensch im Elektrorollstuhl mit Kamera über den Weg fährt und sie fotograiert, sind schlicht unglaublich. 

Der Film ist dabei erfrischend ehrlich. Courtney berichtet auch von ihren Zweifeln. Würde dieses Projekt jemals etwas werden können? Gleichzeitig werden die kleinen und grossen Probleme des Alltags authentisch geschildert. Die Palette reicht vom versehentlich geöffneten Kamera-Back (analog!), bis hin zum tiefsten Liebeskummer.

Der Film nimmt uns anhand verschiedener Einzelcharaktere an die Hand und führt uns durch den Projektverlauf. Da ist Tony, der bei seiner Geburt einen schweren Sauerstoffmangel erlitt. Tony ist deswegen gelähmt, aber ein hochintelligenter Kopf.

E.J. muss seine Kamera wegen seiner Mehrfachbehinderung mit dem Mund auslösen. Gleichzeitig ist er aber mit seinem Elektrorollstuhl geradzu ein Kamikaze-Fahrer, der sich wagemutig in den fliessenden Strassenverkehr einreiht, weil die Fortbewegung auf den Bürgersteigen für ihn zu beschwerlich und zu langsam ist.

Cheryl ist eine junge Frau, die nicht sprechen kann. Ihre Umgebung glaubte deswegen lange Zeit, dass sie gehörlos sei. Aber in Cheryl verbergen sich ein sehr aufgeweckter Kopf mit brillianten Gedanken und eine Seele mit tiefsten Emotionen. 

Eine Truppe verkannter Genies! Im Umgang mit ihnen erkennt Courtney - eigentlich der Fotoprofi - ihre eigenen Begrenzungen. Sie ist kein Psychologe, keine Ärztin. Nein, sie ist Fotografin und wird im Laufe der Zeit zur Freundin.

Die erste grosse Runde wird gezeigt, in der die bisher enstandenen Aufnahmen kritisiert und bewertet werden sollen. Mit beeindruckender Geduld, Empathie und einer grossen Schachtel mit Abzügen geht Courtney durch die Runde. Die Einhelligkeit der Bewertungen ist frappierend. Die Fotos sprechen Bände. Ungewohnte und faszinierende Perspektiven. Viele davon sind auf den ersten Blick als Kunst auszumachen.

Tony schildert uns, wie er mit einer seiner Aufnahmen die Reaktion der Gesellschaft auf einen Menschen mit Handicaps im Rollstuhl erzählt. Das ist ihm mit Bravour gelungen. Das Spektrum der Aufnahmen ist weit gestreut. Einige der Fotografinnen und Fotografen fotografieren die Menschen in ihrer Umgebung. Andere haben sich auf Selbstportraits spezialisiert, wieder andere auf Stilleben.

Die Geschichte von Tom ist eine besondere. Eine, die unter die Haut geht. Er ist zunächst völlig ablehnend. Ihm eine Kamera zu geben sei reine Filmverschwendung, sagt er. Tom, der u.a. eine extreme Wirbelsäulenverkrümmung hat, infolge derer er nur auf dem Bauch liegen kann, wurde von seiner Geburt bis zu seinem 18. Lebensjahr von seinen Eltern im Obergeschoss des Hauses quasi eingesperrt. Erst mit 18 Jahren kam er das erste Mal ins Freie und dann gleich in eine Pflegefamilie. Er ist ein Einzelgänger, der mit seinem Spezialrollstuhl in dem er auf dem Bauch liegend fahren kann, unterwegs ist.

Als er sich dann schliesslich doch fürs Fotografieren interessiert, beginnt er zu lächeln. Das erste Mal in seinem Leben. Er wurde von einem Menschen mit einem Handicap zu einem Menschen mit einer Kamera. Die Kamera gab ihm einen Wert. Er engagiert sich nun voll. Der Film zeigt ihn in der Dunkelkammer beim Erstellen von Abzügen. 

Courtney geht das Wagnis ein und begibt sich auf die Suche nach einer Galerie die bereit ist, die Fotografien auszustellen. Zunächst erntet sie nur Absagen mit dem Standardkommentar “wer wolle sich denn das schon ansehen”. Trotzdem kämpft sie weiter.

Ein Schwenk zu Chris und Kerri, die am Anfang einer sich anbahnenden Beziehung stehen. Völlig andere Werte als in der vermeintlich “normalen Welt” werden sichtbar . Trotzdem gehen sie wieder auseinander. Höhen und Tiefen des Lebens. Authentisch, hautnah und in den Kontext des Fotoprojektes eingebettet. 

Courtneys Ringen um eine Galerie geht weiter und der Jubel ist riesig, als sie schliesslich die Zusage einer renommierten Galerie, des Cambridge Multicultural Art Centers erhält. Nun geht es an die Ausstellungsvorbereitungen, bei denen Courtney tatkräftig von ihren College-Studentinnen unterstützt wird. Die Medien beginnen sich für das Projekt zu interessieren. Beiträge im TV und in Zeitungen erscheinen.

Mitten in die Vorbereitungen zur Ausstellung hinein ein Anruf. Tom wurde mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert. Er ist bewusstlos und wird beatmet. Nach 2 Monaten stirbt er, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben. Höhen und Tiefen des Lebens. Der Film zeigt die authentischste Beerdigungsfeier, die ich je gesehen habe. 

Tom hat uns gezeigt, was man aus seinem Leben machen kann. Unabhängig von allen  Umständen und Voraussetzungen.

Schliesslich naht der grosse Tag der Ausstellungseröffnung. Vier Jahre sind seit dem Beginn des Projektes verstrichen. Die Ausstellung ist Tom gewidmet. 

Adrenalin. Letzte Vorbereitungen. Tony wird vor der Eröffnung interviewt. Sein Statement: “The biggest thing is to start the conversation”. 

Es ist Showtime. 18 Uhr, Eröffnung. Doch gähnende Leere. Keine Besucher. Die Zweifel beginnen an Courtney zu nagen. Vielleicht interessiert sich ja doch niemand dafür? Aber nach einer langen und bangen Stunde des Wartens füllen sich die Ausstellungsräume, bis sie schliesslich überfüllt sind. Presse, Funk und Fernsehen sind präsent. Die Besucher sind bewegt und begeistert von den Aufnahmen und deren Präsentation. Und selbstverständlich sind auch die Fotografinnen und Fotografen anwesend. 

Der Tenor lautet: “We did it!”

Der Streifen hat übrigens über dem Ozean mittlerweile schon jede Menge Preise erhalten. Ein kleiner Auszug:

AUDIENCE AWARD- Best Film of the Festival- Woods Hole Film Fest
AUDIENCE AWARD- Best Documentary- IFFBoston
AUDIENCE AWARD- Best Feature Film- Phoenix Film Festival
AUDIENCE AWARD- Top Rated Documentary- Maine Int'l Film Festival
AUDIENCE AWARD- Newburyport Documentary Film Festival 2009
AUDIENCE AWARD- Top Documentary 2009 Moondance Film Festival
BEST DOCUMENTARY- New Hampshire Film Festival 2009
BEST of the FEST- Encore Screening- Rhode Island Film Festival 2009
ENCORE SCREENING- Sidewalk Film Festival 2009
MOST INSPIRATIONAL DOCUMENTARY- Atlanta DocuFest 2009
WORLD PREMIERE- Full Frame Film Festival April 2009

Im Abspann schildert der Film schliesslich auch noch die nächsten 2 Jahre. Eines der Pärchen hat geheiratet und wurde wieder geschieden. Courtney hat Nachwuchs bekommen. Und Tony ist Profi geworden und tourt mit Ausstellungen seiner Werke durch die Lande. 

Fazit: Anschauen! Wir haben mit gelacht. Wir haben mit geweint. Wir haben mit getrauert. Wir haben mit gebangt. Wir haben mit gefiebert. Dieser Film stellt alles, was wir bislang über Fotografie gesehen haben, absolut in den Schatten. Fotografie ist grenzenlos. 
   

Mehr Infos gibt es hier:

-> Offizielle Homepage zum Film

-> Trailer zum Film

-> Gruppe auf Facebook zum Film

Fettisdagen und Semlor - Fastnachtsdienstag und schwedische Fastensemmeln (mit Rezept)

Heute geht es um die Semmel. Genauer gesagt um die schwedische Fastensemmel. Was hat es damit auf sich?


Der Fettisdagen (Fastnachtsdienstag) ist der letzte Tag vor dem Beginn der österlichen Busszeit am Aschermittwoch. Zwar ist in Schweden Fastnacht (Fasching) unbekannt, der Faschingsdienstag wird aber trotzdem traditionell gefeiert. Der Tradition gemäss werden an diesem Tag die “Semlor” (auch “fettisdagsbulle” genannt, “Fastensemmeln”) verzehrt. Wer es ganz traditionall mag, verspeist sie als Nachtisch zu Bohneneintopf.

Die Semla (Plural: “Semlor”) ist ein kalorienreiches Hefeteiggebäck mit Mandel- und Sahnefüllung. Wir haben auch heute wieder keine Mühen gescheut und einige Exemplare für ein Fotoshooting produziert. Deswegen gibt es heute hier beides: Fotos und das Rezept für alle Schwedenfans.


Rezept für 8 Semlor

Zutaten für den Teig:

25 Gramm Frischhefe
50 Gramm Butter (ungesalzen)
150 ml Milch
40 Gramm Zucker
Eine Priese Salz
300 Gramm Mehl
1 Ei
Puderzucker für die Garnierung

Zutaten für die Füllung:

175 Gramm Mandelmasse
150 Gramm Schlagsahne

Zubereitung:

Butter schmelzen und Milch einrühren. Hefe aufbröseln und zugeben. Zucker und Salzpriese zugeben. Mehl zugeben und so lange kneten, bis ein geschmeidiger Teig entstanden ist. In einer Schüssel bei Zimmertemperatur abgedeckt gehen lassen (ca. 30-60 Minuten).

Dann Teig nochmals gründlich durchkneten und kleine Stücke abteilen. Aus diesen kleine Kugeln formen (ungefähr halb so gross, wie die Semlor nachher werden sollen). Diese auf Backpapier legen und nochmals ca. 30 Minuten bei Zimmertemperatur gehen lassen.

In der Zwischenzeit Backofen auf ca. 225 Grad vorheizen.

Ei aufschlagen und die Teigkugeln mit dem aufgeschlagenen Ei bepinseln. Dann in den Ofen (mittlere Schiene) und ca. 10 Minuten backen (exakte Zeit sehr schwer zu bestimmen: beobachten!). Den Ofen während des Backvorganges nicht öffnen!

Dann die Backlinge aus dem Ofen nehmen und abkühlen lassen. Nach dem Abkühlen oberes Viertel abschneiden (mit einiger Übung im klassischen Dreicksschnitt) und im unteren Teil ein Loch aushöhlen (am einfachsten mit einem Teelöffel). Die entnommene Masse nun mit der leicht vorgewärmten Mandelmasse mischen (verkneten). Jeden Backling nun mit 2-3 Esslöffeln der Masse füllen. Dann die Sahne aufschlagen und oben draufgeben (am schönsten mit Spritzbeutel und grober Sterntülle). Dann die abgeschnittenen Deckel wieder auflegen und leicht mit Puderzucker bestäuben. Und fertig sind die Semlor. Und jetzt bei einer guten Tasse Kaffee geniessen und von Schweden träumen :)

Und so sollten sie dann aussehen (wobei unsere ersten Versuche zugegebenermassen bei weitem nicht so ästhetisch waren - auch hier gilt “Übung macht den Meister”).

Rezept und Backanleitung by Petra Fuelbert.


“Semlor - one for you and one for me”


Julmarknad och Luciafirandet i Rökå / Weihnachtsmarkt und Luciafeier in Rökå

Weihnachten naht mit Riesenschritten. Zeit für Weihnachtsmärkte. So auch in Malå.

In der Malå kommun gibt es 4 sog. “småorter”; einer davon ist Rökå. Ein småort ist eine “Siedlung mit zwischen 50 und 199 Einwohnern bei weniger als 150 Metern durchschnittlichem Hausabstand”.

Zurück zu Rökå. Dort gibt es eine sehr aktive Byaförening (Gemeinschaft der Dorfbewohner), die sich entschlossen hat, dieses Jahr zusätzlich zur Vågamässa auch einen Weihnachtsmarkt (mit kleiner Luciafeier) zu veranstalten. Ort war das Folkets Hus (die ehemalige Schule).

Dort haben wir uns etwas umgesehen und für unsere Leserinnen und Leser einen Film gedreht und eine Foto-Reportage gemacht. Die Stimmung in Rökå war sehr gut und wir haben viele sehr angenehme Menschen getroffen. Über 40 Aussteller waren mit ihren Ständen vertreten - was sehr beachtlich ist - und die Byaförening hat in der alten Sporthalle Kaffe und Essen serviert. Alles in allem ein runder Tag.

Um 14 Uhr 30 startete dann ein kleiner Luciazug durch das Folkets Hus.

Eigentlich wird das Luciafest am 13. Dezember begangen (und nicht schon am 12.). Die Kombination mit dem Weihnachtsmarkt hat sich aber geradezu aufgedränt.

Zu den geschichtlichen Hintergründen des Luciafestes hatte ich hier vor einiger Zeit schon etwas geschrieben.

Die moderne Luciatradition wurde in Schweden 1927 wieder belebt. Damals hatte eine Tageszeitung in Stockholm die Lucia des Jahres gewählt und im Blatt präsentiert. Die Lokalpresse hatte sich dann landesweit an die Aktion angehängt und an fast allen Orten wurden die Lucias des Jahres gewählt. Dies hat sich seitdem so erhalten.

Übrigens gibt es auch an fast jeder schwedischen Schule eine Lucia und in vielen Büros und in der Verwaltung wird am Luciatag (bzw. am letzten Werktag vor dem Luciatag) eine morgendliche Pause für die Luciafeier eingelegt.

Der Film / filmen (eine by mahlemiuts.com Produktion)

-> Hier gehts zum Film auf YouTube

-> Klick här så kommer du till filmen på YouTube


Die Foto-Reportage / foto reportaget

-> Hier gehts zur Foto-Reportage

-> Klick här så kommer du till bildspelet


Julmarknad och Luciafirandet i Rökå / Weihnachtsmarkt und Luciafeier in Rökå

Anmerkung für alle Fotointeressierten: Alle Bilder mit dem Nikkor 35mm AFS DX und nur mit available light. Processing natürlich mit Bibble 5 (PV 3.2) - mit was sonst?

Die Sonntagsschule für den zweiten Advent: Lussekatter mit echt schwedischem Rezept

Die erste Fuhre der frisch gebackenen Leckerei wird gerade verzehrt. In der Luft liegt der feine Duft von Hefeteig im Ofen. Heute geht es also etwas ums Backen.

Wir wollen uns mit einem klassischen schwedischen Backwerk befassen, dem Lussekatter (auch als Lussekatt, Lussebulle, Lussekuse, Saffranskuse oder Julkuse bezeichnet).

Die klassischen schwedischen Lussekatter werden insbesondere am Luciawochenende verzehrt, sind aber die ganze Adventszeit hindurch eine willkommene Leckerei auf dem Speiseplan. Nachdem Lucia am nächsten Sonntag (13. Dezember) gefeiert wird, ist es nun höchste Zeit sich dem Backen der Lussekatter zuzuwenden.

Vor dem Rezept aber noch etwas Hintergrundinformation: Lussekatter werden aus Hefeteig hergestellt und in vielen verschiedenen Formen gebacken. Die “klassische” Form ist die eines geschwungenen “S” mit je einer Rosine in den Rundungen. Wenn nun zwei solche “S”-förmigen Lussekatter nebeneinander gelegt werden, nennt man die Form Gullvagn (“Goldwagen”), Julvagn (“Weihnachtswagen”) oder Julkors (“Weihnachtskreuz”). Besonders wichtig ist übrigens das Saffran, das im Teig enthalten ist.

Hier nun unser bewährtes Hausrezept. Der Ansatz reicht - je nach geformter Grösse der einzelnen Stücke - für 30-40 Lussekatter. Gegebenenfalls die Mengenansätze auf die gewünschte Menge umrechnen.

Für den Teig benötigen Sie:
1 Gramm Saffran
150 Gramm Butter
500 ml Milch
Ein Hefewürfel (50 Gramm)
Eine Prise Salz
150 Gramm Zucker
875 Gramm Mehl

Fürs Bestreichen und zur Verzierung benötigen Sie:
1 Ei
Eine Handvoll Rosinen

Und so gehts:
Saffran mit dem Zucker vermengen. Ggf etwas von der Milch zugeben.
Butter schmelzen und Milch zugeben. Temperatur sollte nicht über 40 Grad gehen.
Zucker/Saffran Mischung beigeben. Hefe einbröckeln. Das Ganze in der Küchenmaschine (oder mit einem Handrührgerät) kneten.
Nach und nach die restlichen Zutaten für den Teig zugeben. Milch immer so zusetzen, dass die Konsistenz des Teigs “knetbar” bleibt. Wenn der Teig geschmeidig ist, eine relativ glatte Oberfläche bekommen hat und sich von der Schüssel zu lösen beginnt, aufhören zu kneten/rühren. Teig mit Handtuch abdecken und bei Zimmertemperatur ca. 30 Minuten gehen lassen.
Dann den Teig auf einer gut mit Mehl eingestäubten glatten Fläche nochmals von Hand durchkneten. Kleine Teigstücke nehmen und die Lussekatter formen. Diese auf ein mit Backpapier belegtes Backblech legen und nochmals ca. 30 Minuten gehen lassen.
Währenddessen Ofen auf ca. 225 Grad vorheizen. Bevor das Backwerk in den Ofen kommt, die Rosinen an den gewünschten Stellen in den Teig zur Verzierung eindrücken. Dann Ei aufschlagen, verrühren und die Lussekatter dünn einstreichen.
Die Lussekatter benötigen ca. 10-15 Minuten Backzeit (je nach Grösse und je nach Ofen -> Probieren).
In Ruhe abkühlen lassen und dann geniessen!

Einen besinnlichen zweiten Advent und eine gute Vorbereitung auf die kommende Woche und das Luciafest!

Lussekatter, Lussekatt, Lussebulle, Lussekuse, Saffranskuse, Julkuse
- So in etwa sollten sie aussehen, wenn sie fertig gebacken sind -

1. Advent: Julmarknad und Skyltsöndag in Arvidsjaur

Dieses Jahr fallen sie wieder einmal zusammen: Der erste Advent und der Skyltsöndag. In Arvidsjaur war das heute ein willkommener Anlass, einen Weihnachtsmarkt zu feiern - und das von 12 bis 20 Uhr!

So haben wir uns entschlossen, zum Skyltsöndag dieses Jahr den Weihnachtsmarkt in Arvidsjaur zu besuchen und eine Reportage zu machen. Das Wetter hat es uns zugegebenermassen nicht leicht gemacht. Nachdem es die letzten 3 Wochen immer um die null Grad hatte, ist das Thermometer gestern richtig gefallen. Und so waren es in Arvidsjaur heute gegen 15 Uhr so um die minus 15 Grad. Die ersten richtig kühlen Wintertage kosten immer etwas Eingewöhnung und Umstellung. Und so ist uns heute die Kamera fast in der Handschlaufe angefroren :) Aber wir scheuen keinen Einsatz und haben für Sie sogar einen kleinen Film gedreht.

Nun müssen wir unseren Lesern in Deutschland aber noch erklären, was sich hinter dem Begriff Skyltsöndag eigentlich verbirgt. Am Skyltsöndag - klassischerweise das letzte Wochenende im November - werden die Schaufenster („Skyltfönster“) auf den Weihnachtsschmuck umgestellt. Es hat sich eingebürgert, dass auch viele Privathäuser an diesem Wochenende den Weihnachtsschmuck in Form von bunten Aussenbeleuchtungen anbringen. Der erste Skyltsöndag wurde übrigens 1953 in Stockholm gefeiert. Und wie bereits bei der Einführung des Skyltsöndag im Jahre 1953 fiel er auch dieses Jahr auf den ersten Advent.

All das wurde nun heute mit dem Weihnachtsmarkt in Arvidsjaur gefeiert, auf dem - trotz der kühlen Temperaturen - reger Andrang herrschte. Aufgefallen ist uns, dass keine klassischen Weihnachtslieder zu vernehmen waren. Einen Weihnachtsmann mit langem Bart gab es allerdings :) Ansonsten waren auffallend viele Besucher mit auffallend grossen Hunden vertreten (was aber völlig geschmeidig und problemlos war).

-> Hier gehts zur Bildergalerie vom Weihnachtsmarkt in Arvidsjaur

-> Klick här så kommer du till bildspelet från julmarknaden i Arvidsjaur


Ausserdem haben wir für Sie einige bewegte Bilder eingefangen:

-> Und hier gehts zum Film (YouTube) / Här kommer du till filmen (YouTube)

Julmarknad und Skyltsöndag in Arvidsjaur

Har jultomten redan anländat på Arlanda? / Ist der Weihnachtsmann schon in Arlanda gelandet?

Der Flughafen Stockholm-Arlanda ist mittlerweile für die Weihnachtszeit „aufgerüstet“. Im Terminal 4 schweben mehrere gigantisch grosse Adventskränze von der Decke.

Auf dem Weg durch das Terminal zur Sky City hat mich im Vorübergehen dieses Motiv angesprochen. Neugierig, wie ich nun einmal bin habe ich mich vergewissert, ob der Weihnachtsmann denn schon auf der Tafel mit den ankommenden Flügen gelistet ist. War bislang (Stand: Gestern) aber noch nicht der Fall.

Har jultomten redan anländat på Arlanda? / Ist der Weihnachtsmann schon in Arlanda gelandet?

Daily Minox 2009-09-24: Luleå day 2 - At the hotel + Måsen at Norrbottens Teater

Daily Minox 2009-09-24: Luleå day 2 - At the hotel
- Ein Eindruck vom Hotelflur in Luleå -

A propos: Luleå ist übrigens immer einen Besuch wert. Eine sehr interessante Stadt, auch in Sachen Kultur.

Mittwoch durfte ich die Abendvorstellung im Norrbottens Teater geniessen. Måsen (Die Möwe) von Anton Tjechov stand auf dem Spielplan. Das gesellschaftskritische Stück wurde vom Ensemble in einer beeindruckenden Aufführung hochinteressant und mitreissend dargeboten.

Der Schluss ist nichts für schwache Nerven, aber die konsequente Auflösung der aufgebauten Spannung. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Måsen wird noch bis 5.12. gespielt und ist alleine schon eine Reise nach Luleå wert!

Samehelgen in Malå 2009 / Samehelgen i Malå

Samehelgen in Malå 2009 / Samehelgen i Malå

Am vergangenen Wochenende (22./23.) war in Malå wieder „Samehelgen“, das Wochenende der samischen Kultur. Veranstaltet wird das Samehelg vom Malå sameby.

Es gab wieder viel zu sehen und viele Aktivitäten. Besonders gefallen haben uns einige ausgewählte samische Kunsthandwerksarbeiten. Bei den Aktivitäten gab es viel vom Lassowerfen für jung und alt bis zu einem Schiesswettbewerb für die Erwachsenen.

Wir haben für Sie wieder einige Eindrücke eingefangen und bedanken uns bei den Veranstaltern für ein gelungenes Wochenende.
  
-> Hier gehts zur Galerie: Samehelgen in Malå 2009

-> Klick här så kommer du till bildspelet: Samehelgen i Malå 2009

Samehelgen in Malå 2009 / Samehelgen i Malå

Umedalen Skulpturpark

Gestern habe ich geschäftlich eine Führung durch den Skulpturpark in Umeå (Umedalen Skulptur) genossen. Guide war eine der dort ausstellenden Künstlerinnen, was die Sache noch spannender gemacht ha. Unglaublich inspirierend.

Seit 1994 werden dort auf dem Gelände des Umedalspark von der
Galerie Andersson Sandström jährlich weltbekannte Künstler eingeladen, um ihre Werke zu präsentieren. Einige Werke bleiben dauerhaft.

Das Projekt hat sich mittlerweile zu einem Projekt mit Weltruhm entwickelt. Das Schöne an der Präsentation der Objekte ist, dass die Sinne geschärft und der Horizont erweitert werden. Kleiner Tipp an alle Besucher der Ausstellung: In alle Richtungen und auch nach oben und unten schauen :)

Der Skulpturpark ist unbedingt einen Besuch wert und ich werde hoffentlich bald mit grosser Kameraausrüstung zurück kommen, um dort einen Tag zu verbringen.

Einen kleinen kreativen Eindruck mag dieses Bild vermitteln. Der Künstler Mikael Richter hat z.B. 10 kreative Verkehrsschilder auf dem Gelände verteilt, die auch einiges über seine Vorlieben aussagen. Er scheint z.B. keinen Sport zu mögen.

Umedalen Skulpturpark

Sürströmmingspremiär i Lappland / Sürströmmingspremiär in Lappland

Sürströmmingspremiär Sürströmming

Am dritten Donnerstag im August ist der Startschuss für die Sürströmmingssaison in Schweden. Für die einen ist Sürströmming einfach “Stinkefisch”, für andere eine Delikatesse. Was verbirgt sich hinter dieser schwedischen Spezialität?

Hauptbestandteil des Surströmming sind eingelegte Ostseeheringe. Diese werden im Frühjahr gefangen und dann in Salzlake eingelegt, wo sie zu gären anfangen. Etwa einen Monat vor dem Start der Saison werden die Fische eingedost und gären in den Dosen dann weiter. Das führt dazu, dass sich die Dosen mit zunehmenden Alter ausbeulen und der Druck in den Dosen mehr und mehr zunimmt.

Der Start für die Sürströmmingssaison (dritter Donnerstag im August) war bis 1998 durch eine Königliche Richtlinie aus dem Jahr 1937 geregelt. Damit sollte gewährleistet werden, dass der Fisch fertig gereift und für den Verzehr verwendbar ist. Diese Richtlinie wurde 1998 aufgehoben; das “klassische Datum” ist aber erhalten geblieben.

So haben auch wir am Donnerstag den Beginn der Sürströmmingssaison mit einem “Sürströmings-Fest” gefeiert und das natürlich auch fotografisch dokumentiert.

Eine Anleitung zum “Sürströmmen”:

Die Dose mit den vergorenen Fischen sollte unbedingt draussen geöffnet werde. Am besten ist es zunächst unter einer Plastiktüte ein Loch in den Deckel der Dose zu stechen, damit der Überdruck aus der Dose entweichen kann. Ist der Inhalt der Dose bereits gut vergoren kann es sein, dass einem dabei eine Fontäne der Salzlake entgegen kommt (daher in der Plastiktüte anstechen!). Sogleich verbreitet sich der Duft aus der Dose, der von manchen als unerträglich, von anderen als “Duft Lapplands” empfunden wird. Dann wird die Dose (immer doch draussen) mit einem Dosenöffner geöffnet und nach innen gebracht. Wenn das Wetter partout zu schlecht ist, um zum Öffnen der Dose nach aussen zu gehen, kann der Deckel der Dose auch alternativ im Haus unter Wasser (Badewanne oder Eimer) angestochen werden.

Einige Heringe werden filetiert und auf mit Butter bestrichenes, hartes oder weiches Tunnbröd gelegt.

Zum Surströmming benötigt man weiter: Kartoffeln (bevorzugt Mandelpotatis), gehackte Zwiebeln (rote sind besonders fotogen), Saure Sahne und in Scheiben geschnittene Tomaten. Das alles wird auf dem Esstisch angerichtet.

Man nimmt sich nun einen Fisch aus der Dose, schlitzt diesen am Bauch auf und breitet ihn aus. Die - eventuell vorhandenen - Innereien werden herausgekratzt und das Rückgrat mit den Gräten (am einfachsten mit einer Gabel) entfernt. Dann kratzt man das Fleisch ab. Die Reste kommen gleich auf einen Abfallteller.

Dann legt man eine Scheibe Tunnbröd auf den Teller und eine Kartoffel darauf. Diese wird mit der Gabel zerdrückt und gleichmässig verteilt.  Auf die Kartoffel verstreicht man sodann gleichmässig den essbaren Teil des Fisches. Darüber kommt eine gleichmässige Schicht Saure Sahne (geht auch in der Reihenfolge anders herum). Schliesslich werden die zerhackten Zwiebeln darüber gestreut und Tomatenscheiben darauf gelegt. Und fertig ist das Sürströmming. Jetzt heisst es Atem anhalten, reinbeissen und essen :)

Traditionell wird zum Sürströmming kalte Milch getrunken, was die Magenverträglichkeit deutlich erhöhen soll.

Sürströmming wird relativ langsam und mit Bedacht verzehrt. So hat auch der sehr eigene Duft genug Zeit, sich in Küche, Esszimmer und Wohnung zu verteilen. Die Nase gewöhnt sich schnell an den Geruch. Sollten Sie das Zimmer oder Haus aber kurz veranlassen, werden Sie sich beim Wiederkommen schon sehr über den intensiven Duft wundern :)

Die Sürströmmingssaison ist für echte Schwedenfans übrigens ein willkommener Anlass für einen Urlaub oder Kurzurlaub in Schweden. 

Schliesslich noch etwas Statistik: Norra Västerbotten hat in der Printausgabe am Donnerstag berichtet, dass in Norrland dieses Jahr 650 Tonnen Sürströmmingsfisch für den Verkauf vorbereitet wurden. 

Damit Sie Sürströmming richtig nachvollziehen (und auch zu Hause essen) können, haben wir eine Bildergalerie für Sie zusammen gestellt.
  
-> Hier gehts zur Galerie: Sürströmmingspremiär

-> Klick här så kommer du till bildspelet: Sürströmmingspremiär


Reportage: Kungligt besök i Ratan / Königlicher Besuch in Ratan

Gedenkfeierlichkeiten in Ratan

Wieder ein sehr besondereres Ereignis in Västerbotten: Im Rahmen des Märkesåret 1809 (Gedenkjahr 1809) feiert Schweden in diesem Jahr 200 Jahre Frieden auf schwedischen Grund. Ein besonderer Anlass zum Gedenken und Feiern.

Am gestrigen Tage fand im Rahmen des Märkesåret 1809 eine feierliche Gedenkveranstaltung in Ratan (Robertsfors kommun) statt. An dieser Stelle gab es im sog. Finnischen Krieg vor 200 Jahren die letzten Kampfhandlungen auf schwedischem Hoheitsgebiet.

Zur Gedenkfeier waren auch die Königliche Familie (König Karl XVI Gustaf, Königin Silvia und Kronprinzessin Victoria) zugegen.

Eine sehr schöne Gelegenheit, denn die Königliche Familie ist nicht so häufig hier in Västerbotten zu Besuch. Wir waren also natürlich vor Ort und wollen unseren Lesern einen Eindruck über die Festveranstaltung (nebst einiger Nahaufnahmen der Königlichen Familie) geben.

Einer der besonderen Höhepunkte war die Einweihung einer taktilen Karte des Gedenkplatzes in Ratan durch Königin Silvia. Diese über 400 kg schwere Karte aus gegossenem Material, ermöglicht es auch sehgeschädigten Menschen, sich einen Eindruck des Gedenkplatzes zu verschaffen. Die Königin erinnerte in ihrer Ansprache an das Braille-Jahr 2009.

Das Medieninteresse war gross und auf den für Presse und Fotografen reservierten Gebieten herrschte sehr grosser Andrang. Wir haben uns deswegen aufgeteilt und verschiedene Themenbereiche abgedeckt. Morgen folgt zusätzlich eine sehr interessante Reportage, die Einblicke in die Arbeit von Pressefotografen, Filmern und Journalisten gibt.

Seine königliche Hoheit König Carl Gustaf von Schweden in Ratan


-> Hier gehts zur Galerie: Kungligt besök i Ratan / Königlicher Besuch in Ratan 18.9.2009

-> Klick här så kommer du till bildspelet: Kungligt besök i Ratan / Königlicher Besuch in Ratan 18.9.2009

Ihre königliche Hoheit Königin Silvia von Schweden und Kronprinzessin Victoria in Ratan

Industriegeschichte / Industrial history /

Relikte einer seit etlichen Jahren stillgelegten Seilbahn (übrigens der längsten Seilbahn der Welt) schlummern in einer sehr eigenen Atmosphäre still vor sich hin. Als würden sie darauf warten, einem Besucher ihre Geschichte zu erzählen. Ein Museum zum Anfassen.

Dazu übrigens auch gleich ein touristischer Tipp: Ein 12 Km langes Teilstück der Seilbahn ist heute noch im Gondelverkehr befahrbar. Über die Sommersaison gibt es tägliche Touren, die über ein landschaftlich äusserst schönes und reizvolles Gebiet führen. Mehr Infos finden Sie hier auf Schwedisch und hier auf Deutsch.

Industriegeschichte

Übrigens: Ich unterstütze Culture Load. Dieses Bild können Sie in voller Auflösung auf Culture Load erwerben. Einfach hier klicken und dann auf Shop und dann Image klicken.

By the way: Im supporting Culture Load. This image is available in full resolution on Culture Load. Just klick here and then choose Shop and then Image.

Kulturtipp: www.digitalmuseum.se

Unter der Adresse www.digitalmuseum.se findet sich eine Website, die ein echter Geheimtipp für alle Schweden-Kulturfans ist.

Auf der Website werden die Exponate verschiedener Museen systematisch abfotografiert und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt.

Eine attraktive Alternative zu teuren Ausstellungskatalogen, wie ich finde. In den Archiven kann zudem frei gesucht werden. Bislang nehmen 5 Museen an dem lobenswerten Kulturprojekt teil.

Unbedingt mal dort vorbeischauen!

Oldtimer in Adak / Veteranbilar i Adak


Und als wir und heute auf den Heimweg vom Sagabiografens Festival machen wollten, wartete auf dem Parkplatz eine sehr angenehme Überraschung:

Eine Regionalgruppe der Norrlands Motorhistoriker hatte ganz spontan einen Ausflug nach Adak unternommen. Eine edle Sammlung traumhafter Oldtimer.

Darunter echte Schätze, wie einen der legendären Volvo P1900 Sportwagen, von denen insgesamt nur 68 Stück in den Jahren 1956 und 1957 hergestellt wurden. Ein für die damalige Zeit unglaubliches Auto das auch heute noch Ästhetik pur ist. Der heute zu bestaunende P1900 trägt die Chassisnummer 13 von 68, also eines der ganz früh produzierten Modelle.

Dann gab es da noch MG, Triumph, Plymouth, Austin Healey, Chevrolet, VW, Mercedes und andere Marken zu sehen. Schwer, dabei nicht ins pure Schwärmen zu verfallen.

Da wir die Kameraausrüstungen ja zur Hand hatten, sind wir etwas ausgeschwärmt, um die schönen Anblicke einzufangen (und nebenbei über Oldtimer zu fachsimpeln :).

-> Hier gehts zur Galerie: Oldtimer in Adak

-> Klick här så kommer du till bildspelet: Veteranbilar i Adak





Helen Sjöholm die schwedische Celin Dion

Liebhaber schwedischer Musik sollten sich unbedingt einmal Helen Sjöholm anhören. Sie wird als Geheimtipp gehandelt und trägt in Insiderkreisen bereits den Titel der schwedschen Celine Dion.

Mehr Infos zu Helene gibts z. B. hier bei Wikipedia.

Und wer sie einmal hören möchte, sollte in YouTube einmal nach ihrem Namen und z. B. ihrem sagenhaften Titel „Du Måste Finnas“ Ausschau halten. Ein Ohrenschmaus für alle Schwedenfans!

Ihre künstlerische Grösse lässt sich u.a. daran ablesen, dass sie an mehreren Alben des Ex-ABBA-Mitglied Benny Andersson mitgewirkt hat.