Das neue HEIF Bildformat in iOS 11 - die unbemerkte Revolution [UPDATE 2017-06-23]

Vor einigen Tagen (genau am 5. Juni) hat Apple auf der WWDC die Details zum kommenden iOS 11 öffentlich bekannt gegeben. IOS 11 soll im Herbst erscheinen und bringt allerlei Veränderungen und Verbesserungen „unter Haube“. Daneben wurde der Öffentlichkeit auch ein Detail vorgestellt, dass zu grossen Veränderungen im gesamten Bild- und Fotomarkt führen wird. Es geht um das neue Dateiformat für Fotos und Videos. Es hört auf den Namen HEIF (der enthaltene Video-Codec hat den Namen HEVC) und ist relativ neu.

Die scheinbar nebensächliche Änderung, die bislang auch noch kein besonderes mediales Echo gefunden hat, gibt Anlass zur Frage was uns das neue HEIF Format mittelfristig bescheren könnte.


Zuerst einige Fakten

HEIF steht für „High Efficiency Image File Format“ und wurde 2015 von der MPEG-Group präsentiert.

Die technischen Daten und- vor allem die erzielbare Kompressionsrate - sind solide. Die „coding performance“ liegt bei Bildern im Schnitt bei 2,39 wohingegen das altbewährte JPEG gerade mal 1.66 erzielt. Bei gleicher Qualität haben die im HEIF Format gespeicherten Bilder also im Schnitt nur 50-60% der Dateigrösse von vergleichbaren JPEGs. Die auf der offiziellen Homepage von HEIF verfügbaren Beispiele sind schlicht beeindruckend. Wir halten allerdings fest: HEIF ist - wie JPEG - kompressionsbedingt verlustbehaftet (dazu später mehr).

Technisch gibt es also nichts zu meckern; im Gegenteil. Die Probleme liegen an anderen Stellen.


Ein kleiner Ausblick in die Zukunft

Mit iOS 11 wird Apple das neue Format auf allen Geräten, die mindestens über einen A9 Prozessor verfügen, einführen. Im Klartext: Ab einem iPhone 7 wird HEIF künftig die Standardvorgabe sein. In der iOS11-Betaversion der nativen Photo-App kann diese Einstellung zwar auf „Kompatibel“ (d.h. JPEG) geändert werden, aber Hand aufs Herz: Nur wenige Anwender werden überhaupt so weit in die Voreinstellungen vordringen. Und damit wird eine Lawine in Gang gesetzt, die zu erdrutschartigen Veränderungen führen wird.


Wie wird Apples Strategie aussehen?

Wir kennen die bewährte Strategie von Apple. Es werden Fakten geschaffen. Was Apple für gut, richtig und zukunftsweisend hält, wird implementiert. Alte und bisherige Standards werden dabei gerne radikal „über den Haufen geworfen“. Und Rückzieher sind nicht vorgesehen. Wenn Apple also ein neues Bildformat einführt wird damit klar und deutlich zum Ausdruck gebracht, dass das der künftige Standard sein wird. Punkt.

Natürlich wird es einen auf relativ kurze Zeit befristeten Übergang geben, in dem auch das alte JPEG Format noch unterstützt wird. Auf künftigen Gerätegenerationen wird es aber bald ausschliesslich noch HEIF geben und das gesamte Ökosystem von Apple wird binnen ca. drei bis fünf Jahren auf HEIF umgestellt. Ich gehe davon aus, dass Apple auch die Marktmacht hat, dem Markt einen Systemwandel in Sachen Bildformat aufzuzwingen. In einigen Jahren wird das HEIF Format alle digitalen Systeme und Plattformen als neuen Standard dominieren.

Wer bei JPEG bleiben möchte wäre dann mittelfristig darauf angewiesen, mit alten Geräten und alten iOS Versionen weiter zu arbeiten. Da Apple aber keine Sicherheitsupdates mehr für ältere iOS Versionen bereit stellt, wird ein zusätzlicher Zwang zum Upgrade auf neue Geräte- und Systemversionen ausgeübt. Diese unterstützen dann freilich bald nur noch das neue Format.

Nebenbei: Inwieweit das neue Bildformat von „alten Apps“ verarbeitet werden kann, ist derzeit noch offen. Da die meisten Apps die vom iOS bereit gestellten Bildformate lesen und schreiben können ist es gut denkbar, dass JPEGs über im Betriebssystem vorhandene Bibliotheken für eine Übergangszeit weiterhin geöffnet und gespeichert werden können. Wahrscheinlicher ist es, dass JPEG Bilder zwar geöffnet, dann aber nur im neuen Format wieder gespeichert werden können. Grössere Softwareschmieden werden ihre Apps zeitnah auf den nativen Support des neuen Formates umstellen; kleinere Softwareschmieden könnten damit grössere Schwierigkeiten haben (oder möglicherweise dann eben einfach keine Updates mehr zur Verfügung stellen).


Wie verhält es sich nun mit JPEG?

Das gute alte JPEG Format gibt es nun schon bereits seit 25 Jahren. Es hat sich als Standard durchgesetzt und wird von Computern, Betriebssystemen und Kameras im Prinzip aller Hersteller verwendet. Billionen von Bildern sind weltweit in diesem Format gespeichert und archiviert. Ich will hier bewusst nicht die Diskussion „RAW vs JPEG“ lostreten. In den Bilddatenbanken - gleich ob privat oder bei kommerziellen Anbietern - werden die Endergebnisse jedenfalls in aller Regel im JPEG Format gespeichert. Der Zeitraum innerhalb dessen sich JPEG als Standard etabliert hat entspricht ungefähr der Epoche der Digitalfotografie und des neuen „digitalen Zeitalters“. Fotoamateure wie Profis, die gesamte Archiv- und Stockfotowelt, beinahe alle Homepages im WWW, Grafiker, Designer, usw., sind auf JPEG „geeicht“.


JPEG als schützenswertes Kulturgut

Damit ist JPEG - ähnlich wie andere Kulturgüter - eigentlich bereits deswegen schützenswert, weil es beinahe die gesamte Bilderinnerung des bisherigen digitalen Zeitalters des letzten Vierteljahrhunderts enthält und darstellt (im eigentlichen Wortsinn). Um es deutlich zu machen: Wir reden hier über das digitale Bildgedächtnis der Epoche, in der wir die bewegendsten Veränderungen der Menschheitsgeschichte erlebt haben.

Findet nun ein Wechsel zu einem neuen Standardformat (HEIF) innerhalb einer relativ kurzen Zeitspanne statt, droht der Verlust eines erheblichen Teils unseres kulturellen Erbes sowie der Dokumentation der Neuzeit. Damit meine ich natürlich nicht Millionen von Katzenbildern auf Facebook, sondern Bilder, die einen Einblick in das wahre Leben zeigen. Der grösste Teil des digitalen Bildergedächtnisses wird derzeit im WWW publiziert. Wie lange künftige Browserversionen das bald veraltete JPEG Format noch unterstützen werden, steht in den Sternen.

Denn das Problem, dem wir bald begegnen könnten besteht darin, dass es keine Möglichkeit mehr geben könnte, JPEGs zu öffnen und zu bearbeiten. Die Situation könnte vergleichbar mit der älterer digitaler Datenträger werden. In meinen Schränken türmen sich - meist aus nostalgischen Anwandlungen - alte Disketten, Backupbänder, ZIP-Disks und vieles mehr. Zugegeben, alte Floppydisks geben wunderbare Kaffeetassenuntersetzer ab. Die auf ihnen enthaltenen Daten sind aber mit realistischem Aufwand nicht mehr wiederherstellbar. Könnte es sich mit Bildern im JPEG Format in einigen Jahren genauso verhalten?


Geplante Obsoleszenz?

Ein Wandel im Bildformat beinhaltet auch eine besonders perfide Form der geplanten Obsoleszenz, denn die Anwender, die den „Anschluss nicht verlieren wollen“, werden zum Umstieg auf neue Systeme gezwungen. Für ältere Systeme wird es bald keine Updates mehr geben, die eine Bearbeitung des neuen Formates ermöglichen. Spiegelbildlich wird es auf neuen Systemen immer schwerer werden, das alte JPEG Format zu bearbeiten. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass das alte „Format der digitalen Erinnerung“ - sprich JPEG - fest in allen künftigen Betriebssystemen „verdrahtet“ wird.

Eine kurze Recherche im Internet ergibt, dass es derzeit noch keine Desktop-Bildbearbeitungssoftware gibt, die das neue HEIF Format unterstützt. Die Nachrüstung dürfte für die meisten Plugin-basierten Systeme kein Problem sein. Aber die Hersteller werden das nur für die aktuellen Programmversionen anbieten, denn schliesslich sollen die Anwender ja zum Kauf von Upgrades animiert werden.

Sicher, es wird in der Umstellungsphase Batch-Conversion-Tools geben (vielleicht sogar eine automatische Umwandlung in der Cloud), mit denen eine Fülle von Bildern „in einem Rutsch“ in das neue Format konvertiert werden können.

Da dabei allerdings von einem verlustbehafteten Format in ein anderes verlustbehaftetes Format konvertiert wird, wird die Bildqualität in jedem Fall darunter leiden. Bestimmt wird es auch webbasierte Umwandlungstools geben, von denen ich allerdings aus prinzipiellen Gründen abraten würde (oder wollen Sie Ihr gesamtes Bildarchiv irgendwelchen dubiosen Seitenbetreibern zur Verfügung stellen?).


Bitte keine Missverständnisse

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Ich bin kein Technikfeind oder ein Feind des Fortschritts an und für sich. Die reine Qualität des neuen Formates ist - soweit es sich aus den technischen Beschreibungen und den zur Verfügung gestellten Beispielen beurteilen lässt - beeindruckend. Der Gedanke, dass die vorhandenen Speicherkapazitäten mit doppelt so vielen Bildern gefüllt werden könnten, ist eine grosse Versuchung. Stromverbrauch und Umwelt würden auch einen Benefit haben.

Meine Kritik richtet sich vielmehr gegen die radikale Veränderung (oder gar Zerstörung) ganzer Ökosysteme im Bereich der Fotografie. Die fotografische Infrastruktur und der fotografische Workflow werden sich an vielen Punkten grundlegend ändern. Ich bin gespannt, wann die ersten Kamerahersteller das neue HEIF Format als Bildformat anbieten werden. Um das wieder in den Zusammenhang mit der geplanten Obsoleszenz zu stellen: Könnte es sein, dass bald Millionen funktionstüchtiger Kameras nur deswegen auf dem Elektronikschrott landen, weil sie kein „in-camera-HEIF“ anbieten?


Philosophischer Ausblick

Wehmütig denken wir an Omas „Fotokarton“ mit einer Fülle von Abzügen aus mehreren Jahrzehnten zurück. Vielleicht mag die bevorstehende Bildformatrevolution für mitdenkende Zeitgenossen ein Anlass sein, wieder mehr analog zu denken und zu fotografieren?


UPDATE 2017-06-23 - Das Problembewusstsein wächst

1. Auf Pyrolim.de ist ein sehr schöner Artikel zum Thema erschienen, der zum Nachdenken anregt.

2. Auch Kwerfeldein.de hat das Thema aufgegriffen und meinen Artikel als Gastbeitrag veröffentlicht.

3. Meine Nachfragen bei verschiedenen Softwareschmieden waren ernüchternd. Die allermeisten haben das Problem schlicht noch nicht auf dem Schirm, zeigten sich aber äusserst interessiert. In einer Antwort wurde darauf hingewiesen, dass HEIF ein "sehr kompliziertes" Format sei.

4. Auch juristisch kommen Zweifel am neuen Codec auf, denn es scheinen Patente im Spiel zu sein die bei einer kommerziellen Verwendung dazu führen können, dass Lizenzgebühren anfallen.

5. Lichtschein am Horizont: Die aktuelle Beta des GraphicConverter vom 2017-06-22 unterstützt HEIF ab Mac OS 10.13.


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Screenshot von der offiziellen HEIF-Homepage
(hier im guten alten JPEG Format dargestellt und gespeichert)

Geplante Obsoleszenz, Teil 4: Töpfe mit Henkel innen, und so

Heute mal wieder ein Beitrag aus der beliebten Serie zur geplanten Obsoleszenz. Diesmal von der gefährlicheren Sorte.

Es ist eine Sache, wenn die Kompaktkamera nach einer bestimmten Anzahl an Auslösungen geplant den Geist aufgibt. Als wir seinerzeit die statistischen Auffälligkeiten bei der Lebensdauer bestimmter Produkte aus dem fotografischen Umfeld erkannt hatten, sind wir erstmals auf das Thema aufmerksam geworden.

Die geplante Obsoleszenz begegnet uns im Alltag in vielfältigen Facetten und ist heutzutage omnipräsent. Ist ja irgendwie auch verständlich, denn Konsum und Wirtschaft müssen schliesslich am Laufen gehalten werden (Stichwort: Konsumismus).

Was aber, wenn sich das Phänomen in Bereichen zeigt, bei denen es zu ernsten, ja lebensbedrohlichen Gefahren führen kann? Und das ist nicht nur bei Herz-Lungen-Maschinen der Fall.

Was ist geschehen?

Vor einigen Tagen versammelte sich die Familie unerwartet und mehr oder weniger hungrig um den grossen Küchentisch. Ein Blick in den Kühlschrank führte zur Erkenntnis: Es gibt eine Suppe. Gesagt, getan.

Nach einigen Minuten köchelte eine Champignoncremesuppe beschaulich vor sich her. Der Einfachheit halber wollte ich den Suppentopf einfach in die Mitte des gedeckten Tisches stellen. Gar keine gute Idee. Denn als ich zu den Topflappen griff und den Topf vom Herd in Richtung Tisch transportierte gab es einen metallischen Knall und ich hatte den Topf mit einem Henkel in der rechten Hand, den anderen Henkel in der linken Hand und ungefähr zwei Liter Champignoncremesuppe flächendeckend um mich herum verteilt. Es grenzte an ein Wunder, dass niemand dabei eine grössere Portion abbekommen hat, denn die kochendheisse Suppe hätte zu gediegenen Verbrennungen führen können. Ich war stinksauer.

Abend grub ich in dem Ordner mit Kaufbelegen und tatsächlich: Die Quittung vom Kauf war noch vorhanden. Das Teil war ein Markentopf der preislichen Mittelklasse mit zwei Jahren Garantie (die Veröffentlichung des Herstellers behalte ich mir vor). Vor exakt zwei Jahren und drei Monaten gekauft.

Ich zeigte den Topf einem befreundeten Matallhandwerker, der nur kurz lächelte und mich sogleich auf die absolut mangelhafte Ausführung der Schweisstellen aufmerksam machte. Er meine sinngemäss es sei erstaunlich, dass die Henkel überhaupt so lange gehalten hätten. Es sei abzusehen gewesen, dass die Henkel nach einer bestimmbaren Anzahl von Nutzungen abbrechen würden.

Was soll ich sagen? Müssen wir künftig als Verbraucher - wenn wir denn solche von der „mündigen“ Sorte sein wollen - alle Produkte erst einmal fachmännisch auf Schwachstellen untersuchen lassen? Oder müssen (besser: sollen) wir jetzt alle Gegenstände und Geräte künftig einen Monat vor Ablauf der Garantiezeit einfach wegwerfen?

Beim Kochtopf geht es - im Gegensatz zum „elektronischen Spielzeug“ - immerhin um einen Gegenstand, dessen Versagen zu erheblichen Gesundheitsgefahren führen kann.

Bin etwas ratlos aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass da etwas gewaltig schief läuft.

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Angekündigte Obsoleszenz, Vergänglichkeit und der Kult des Konsumismus

Dem Thema der sog. „geplanten Obsoleszenz“ habe ich bereits zwei Artikel gewidmet: „Geplante Obsoleszenz - Kompaktkamera fails? Ein Erfahrungsbericht“ und „Geplante Obsoleszenz, Teil 2: Die kommende Europäische Produktnachkaufverordnung (EPNVO)“.

Heute kann das Repertoire der geplanten Obsoleszenz um eine neue Spielart erweitert werden, die der „angekündigten Obsoleszenz“.

In Schweden gilt bekanntlich, dass alle Fahrzeuge auch bei Tag mit Licht fahren müssen. Zugelassen sind dabei das klassische Abblendlicht und das modernere „Tagfahrlicht“ (nicht zu verwechseln mit dem klassischen Standlicht).

Das ist eine feine Sache für die Hersteller von Ersatzglühbirnen, deren Lebensdauer schliesslich endlich ist. Das das Licht ständig eingeschaltet ist, verschleissen folglich auch die Glühlampen schneller. Die vergangenen Jahre ist mir aufgefallen, dass das Wechselintervall der Birnen subjektiv irgendwie immer kürzer geworden ist. Nachdem vergangene Woche wieder einmal eine H7-Lampe auszuwechseln war, habe ich mir die Verpackung derselben genauer unter die Lupe genommen.

h7_lifetime


Dort ist die angekündigte Obsoleszenz sogar ganz deutlich aufgedruckt. Die Lebensdauer der neuen Birne eines namhaften Herstellers liegt - laut Beschreibung - bei ungefähr 500 Stunden. Das klingt nach viel, aber ein einfaches Rechenbeispiel bringt Licht ins Dunkel. Hier in Nordschweden sind lange Strecken zurück zu legen. Zwei bis vier Stunden Fahrzeit pro Tag sind an der Tagesordnung. Legen wir zwei Stunden zugrunde, so beträgt die Lebensdauer der Birne - basierend auf der Herstellerangabe - ungefähr 250 Tage. Kommen noch einige richtige Langstrecken hinzu, verkürzt sich die Lebensdauer in Tagen entsprechen.

Bereits eine schnelle Recherche lüftet den Schleier und führt zum sog. Phoebuskartell. Bekannt wurde das Kartell durch die Absprache zur Begrenzung der Lebensdauer von Glühlampen auf 1.000 Stunden. Es ist umstritten, ob es sich hierbei um eine legitime Normung oder eine illegitime Kartellabsprache handelte. Von Seiten der Beteiligten heisst es, dass Absprachen zur Lebensdauer von Glühbirnen heute nicht mehr existieren würden.

Ich habe also einfach einen alten Bekannten angerufen, der in der Branche tätig ist und mich nach den theoretischen Möglichkeiten erkundigt. Die Antwort hat mich in eine Art Schockstarre versetzt. Theoretisch wäre es nämlich kein Problem, Halogenbirnen für den Gebrauch im PKW mit einer Lebensdauer von 15.000 Stunden herzustellen (vergleichbare Birnen gibt es sogar auf dem Markt, z. B. für die Verwendung in Verkehrsampeln).

Aber was beklage ich mich. Geplante oder angekündigte Obsoleszenz sind doch bereits Schnee von gestern. Heutzutage haben Unternehmen solche technischen Regulierungen doch gar nicht mehr nötig. Es reicht völlig, wenn kurz nach dem Verkaufsstart eines Produktes etwas Neues auf den Markt geworfen wird. Die vor einem Jahr noch brandaktuelle Ware wird vom Konsumenten dann selbst freiwillig als überholt oder gar überflüssig eingestuft und durch die aktuelle Ware ersetzt. Die geplante Obsoleszenz wird so zur geplanten Vergänglichkeit der Ware. Die gesamte Elektronikbranche lebt davon, denn so gut wie kein Mensch braucht die ständig neuen Produktgenerationen. Ich nenne das den „Kult des Konsumismus“.

Das Problem dabei ist, dass mittlerweile unser gesamtes Wirtschaftssystem auf dieser Weltanschauung beruht.

Der Philosoph und Soziologe Zygmunt Bauman hat das ironisch zum Ausdruck gebracht. In seiner ethischen Richtschnur für das Konsumleben rät er, „es tunlichst zu vermeiden, dauerhaft zufrieden zu sein. Für eine Gesellschaft, die die Zufriedenheit der Kunden zu ihrem einigen Motiv und wichtigsten Ziel erklärt, ist ein wunschlos glücklicher Kunde weder ein Motiv noch das Ziel, sondern die furchteinflössendste aller Bedrohungen.“

Der Konsumismus ist also im Kern ein Kult der Unzufriedenheit, des Unglücks und der Undankbarkeit. Die Folgen sind Dauerstress, Selbstzweifel, Depressionen und Beziehungsprobleme.

In diesem Zusammenhang gewinnt auch der neue Begriff der „Stuffocation“ an Bedeutung. Das Kunstwort ist aus den Worten „stuff“ (Zeug) und „suffocate“ (ersticken) zusammen gesetzt: Der Mensch droht am gehorteten Zeug zu ersticken (die Alternative dazu ist die durch die „schmutzige“ Entsorgung der alten Produktgenerationen entstehende Umweltkatastrophe).

Der einzige Ausweg scheint mir ein bewusst einfacher Lebensstil, der sich auf das wirklich Notwendige beschränkt und mit einem klugen Umgang mit den begrenzten Ressourcen einher geht, zu sein. Gerade die Vorweihnachtszeit bietet sich an, darüber nachzudenken und Verzicht zu üben.

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Geplante Obsoleszenz, Teil 2: Die kommende Europäische Produktnachkaufverordnung (EPNVO)

Frau Lapplandblog führt gerade - heftig schimpfend - eine schwierige Operation durch.

„Ich kann ja nur froh und dankbar sein, dass ich das damals noch in der Schule gelernt habe. Für so einen Mist musst du auch noch Geld ausgeben“.

Was war geschehen?

Der vor drei Monaten erworbene Hunderucksack hatte sich - nach ungefähr fünfmaligem Gebrauch in den Weiten Lapplands - buchstäblich in seine Einzelteile aufgelöst. Immerhin waren ca. 85% der Bestandteile desselben im Grünen noch auffindbar. In mühe- und liebevoller Kleinarbeit hat Frau Lapplandblog die Einzelteile wieder sorgsam zusammengepuzzelt und - unter Einfügung im Bestand vorhandener Ersatzteile - mit geübter Hand und festem Zwirn wieder zusammengefügt. Die Archäologen im nächsten Jahrtausend werden ihre helle Freude haben, wenn sie das Teil irgendwann einmal ausgraben sollten.

Stellt sich die Frage, warum so ein Mist mit der eingebauten „geplanten Obsoleszenz“ aktiv vermarktet und verkauft wird?

Das kann nur auf der kommenden Europäische Produktnachkaufverordnung (EPNVO) beruhen. Aus üblicherweise bestens informierten und nicht genannt werden wollenden Insiderkreisen ist uns nämlich kürzlich folgendes zugetragen worden:

„Alle im Europäischen Binnenmarktes feil gehaltenen Produkte dürfen im Rahmen ihres konkreten Verwendungszwecks künftig nur noch höchstens 24 Monate gebrauchstauglich sein“.

Das haben die obersten Organe der EU in enger Zusammenarbeit mit der Europäischen Zentralbank beschlossen. Das erklärte Ziel der Neuregelung sei die Ankurbelung des dahinsiechenden Binnenmarktes, denn es könne nicht angehen, dass hochqualitative Produkte gar ein ganzes Leben lang halten. Die vorgesehene zwingende begrenzte 24-monatige Gebrauchstauglichkeit muss durch die verwendeten Materialien, die Bauart und die Konstruktion sicher gestellt sein. Zuwiderhandlungen werden mit existenzbedrohenden Bussgeldern oder Zwangsinsolvenzen ("Marktbereinigung") bestraft werden.

Die Industrie übt schon seit geraumer Zeit für die kommende Neuregelung (was den meisten Leserinnen und Lesern aus eigenen Erfahrungen mit diversen Produkten bekannt sein dürfte; siehe die geschilderte Begebenheit am Anfang dieses Beitrages).

Beim Hören der Vorträge der diesjährigen Re-Publica bin ich auf einige besonders digitale Beispiele der geplanten Obsoleszenz gestossen, quasi als Ausblick, was wir in Zukunft zu erwarten haben. Allen voran die dem "Internet of Things" zugehörige Kaffeemaschinen, die über eine App auf dem Mobiltelefon gesteuert wird. Die App zur Kaffeemaschine wird so gebaut, dass sie nach dem nächsten Systemupdate auf dem Mobilgerät ihre Arbeit verweigert. Und dann wird die Entwicklung der App einfach eingestellt.

Resultat: Die High-Tech Kaffeemaschine wird zu Elektroschrott (denn wer will das technologische Highlight denn - wenn sich erst einmal daran gewöhnt wurde - als "altmodische" [sofern das überhaupt vorgesehen und möglich ist] Kaffeemaschine weiter benutzen?).

Bei höherwertigen Gütern, die aus Sicherheitsgründen nicht ab Werk "schlampig" gebaut werden können, können die kommenden Vorgaben der Europäischen Produktnachkaufverordnung (EPNVO) ganz einfach über einen eingebauten Betriebsstundenzähler erfüllt werden. Nach 24 Monaten erscheint dann im Display die Meldung „Die Lebensdauer ihres Produktes ist erreicht“

Besonders spassig stelle ich mir das bei Autos vor. Dort würde es dann heissen: „Nach den nächsten Abstellen des Motors wird sich das Auto nicht mehr starten lassen, weil die vorgesehene Produktlebensdauer erreicht ist. Eine automatischen Mitteilung an den nächstgelegenen Produktverschrotter und ihre finanzierende Bank wird gerade automatisch versendet. Danke, dass sie sich für ein Produkt aus unserem Hause entschieden hatten“.

Realisierbar ist das alles ganz einfach. Selbst die einfachsten und simpelsten technischen Geräte sind heute so elektronisiert, dass selbst Experten solche Systeme zur Begrenzung der Produktlebensdauer nicht mehr umgehen können. Ein Mechaniker aus der Autowerkstatt des Vertrauens hat mir gestern berichtet, dass viele Fehler bei neueren PKWs (lies: ab Baujahr 2002) nur noch durch Systsemupdates behoben werden können (zu denen freie Werkstätten natürlich keinen Zugang mehr haben). Ein schönes Beispiel dafür, dass die Vorschriften der kommenden Europäischen Produktnachkaufverordnung (EPNVO) ab dem Tag des Inkrafttretens auch bei älteren noch in Verkehr und Gebrauch befindlichen Geräten umgesetzt werden können, wenn es sich denn um digital gesteuerte Geräte handelt.

Konsequenterweise sollten dann auch alle nicht digital gesteuerten Geräte, d. h. Geräte, die nicht an das Internet of Things angeschlossen werden können, generell verboten werden. Wo kämen wir denn hin, wenn der Nachbar noch einen klassischen Rasenmäher in Betrieb hätte, mit dem er selbst durch den Garten rast? Undenkbar, welche Folgen das haben könnte.

Ich habe meiner Frau Lapplandblog versprochen nach einem qualitativ sehr hochwertigen Hunderucksack für unseren Hund Ausschau zu halten, bevor die EPNVO in Kraft tritt (und hoffentlich noch ganz analog).

2016 gekauft und erfüllt bereits jetzt die Vorgaben der kommenden EPNVO
2016 gekauft und erfüllt bereits jetzt die Vorgaben der kommenden EPNVO

Geplante Obsoleszenz - Kompaktkamera fails? Ein Erfahrungsbericht.

Entrümpelung im Kompaktkamera-Archiv bei einem verspäteten Frühjahrsputz (in Lappland sind die Jahreszeiten bekanntlich nach hinten verschoben). Da lagen also 13 Kompaktkameras aus den letzten fünf Jahren vor uns auf dem Tisch. Nummer 14 (eine Canon IXUS 950IS) fehlt, weil wir sie im vergangenen Jahr separat verschrottet haben.

Zuerst das Rätsel: Zwei davon funktionieren noch einwandfrei. Die Preisfrage ist, welche?

Kompaktkameras haben es bei uns im Haushalt zugegebenermassen nicht leicht. Sie begleiten uns immer und überall hin (auch wenn die grosse Ausrüstung im Einsatz ist). Oft geht es bei Wind, Wetter und tiefsten Temperaturen auf abenteuerliche Touren. Ein realistischer Dauertest sozusagen. 

Also liebe Kamerahersteller: Wenn Ihr unter harten realistischen Einsatzbedingungen testen wollt, nehmt bitte Kontakt mit uns auf!

Zurück zum Thema: Der traurige Befund ist nun, dass 12 von 14 in den vergangenen fünf Jahren von uns eingesetzten Kompaktkameras überhaupt nicht mehr, oder nur noch mangelhaft funktionieren.  

Die Ausfallrate und die Ausfallzeitpunkte sind allerdings manchmal sehr merkwürdig. Manche Kameras verabschieden sich nach relativ kurzer Zeit mit merkwürdigen Fehlermeldungen. In den kleinen Gehäusen steckt jede Menge Elektronik und Ausreisser kann es bekanntlich immer einmal geben. Deswegen habe ich alle Modelle mit den jeweiligen Fehlern auch gegoogelt und bin bei fast allen fündig geworden.  

Generalisiert würde ich sagen: Je neuer die Kamera, desto kürzer die Lebensdauer. Und das macht natürlich stutzig, denn eigentlich sollten Elektronik und Mechanik immer besser und zuverlässiger werden.

Mich beschleicht der Verdacht, dass bei manchen Produkten die sogenannte "geplante Obsoleszenz" im Spiel sein könnte. Um was geht es dabei? 

Wikipedia definiert das so: "Gemeint ist ... ein Teil einer Produktstrategie, bei der schon während des Herstellungsprozesses bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird und nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann."


So etwas scheint bei vielen Produkten - gerade in der Unterhaltungselektronik - heute üblich zu sein (und ist auch in verschiedenen Medien immer öfter nachzulesen), wie zum Beispiel hier.

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann einfach zum Begriff "Geplante Obsoleszenz" sich im Netz auf die Suche machen und sich dann wundern. Allen, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, sei das Portal „MURKS? NEIN DANKE!“ empfohlen.

Wie sieht es konkret mit unseren Verschrottungskandidaten aus?

Eine Nikon L12 (gekauft 2007) hat das laut Suchergebnissen normale Stromversorgungsproblem. Neue Batterien oder Akkus? Beim Einschalten zeigt das Display "Akkukapazität erschöpft" und die Kamera schaltet sich wieder ab. Das gleiche Verhalten legt eine Pentax Optio WP an den Tag.

Eine Casio EX-V7 (die wir ansonsten sehr geschätzt haben) zeigt den laut Suchergebnissen sehr häufigen "Objektivfehler 2" und ist dadurch unbrauchbar.

Eine Sigma DP1 und eine Leica D-Lux 2 haben so grosse Staubpartikel im Objektiv, dass die Flecken praktisch nicht mehr zu retuschieren sind. Bereits beim Kauf waren jeweils mehrere winzige wie Sensorflecken aussehende Spots vorhanden. Mein Verdacht geht dahin, dass es sich um Abrieb aus der Objektivmechanik handelt.

Bei der Leica C-Lux 2 muss zur Ehrenrettung gesagt werden, dass sie einen schweren Sturz eingesteckt hat, bevor sich die äusseren Verschlusslamellen nicht mehr schlossen.

Relativ gut geschlagen haben sich die Canons: Die digitale Ur-IXUS (die immerhin 2,1 Megapixel liefert) funktioniert noch wie eh und je. Natürlich sind die Bilder im Prinzip für nichts mehr zu brauchen.

Eine Powershot A40 mochte nach einigen Jahren keine Energie mehr zu sich nehmen. Egal ob neue Akkus oder Batterien: Sie erwachte nicht mehr zum Leben.

Eine IXUS 950IS hat sich mit geschätzten 15.000 Auslösungen in drei Jahren tapfer geschlagen, bis die Objektivmechanik versagt hat.  

Viel schlechter hat eine IXUS 100IS abgeschnitten. Sie versagte bereits nach ca. 6 Monaten mit defekter Objektivmechanik.

Die Canon S95 funktioniert nach ca. 6 Monaten bislang noch einwandfrei.

Die beiden noch einwandfrei funktionierenden Modelle aus dem Konvolut kommen also beide aus dem Hause Canon.

Geplante Obsoleszenz - Kompaktkamera fails? Ein Erfahrungsbericht.

Geheimtipp: Den härtesten Belastungen sind die Kameras dann ausgesetzt, wenn sie in die Hände von Frau Lapplandblog geraten. Die Sterblichkeitsrate in diesem Falle ist statistisch deutlich erhöht. Frau Lapplandblog hat übrigens auch das schöne Kamera-Stilleben dekoriert.