Aufmerksamkeits-Defizit-Kultur

Aufmerksamkeits-Defizit-Kultur


Eine Betrachtung aus vier Perspektiven.

Kürzlich in einer schwedischen Metropole. Eine grosse Konferenz mit Vorträgen bekannter Redner. Mitten in einem der Hauptvorträge nehme ich plötzlich die im Bild gezeigte Situation wahr, die mich tief erschüttert und sehr nachdenklich gemacht hat.

In den Rängen sitzen ungefähr 600 Konferenzteilnehmer, die alle einen ziemlich hohen Preis für die Teilnahme gezahlt haben. Keine Kinder oder Teenager, sondern erwachsene Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden ihrer jeweiligen beruflichen Karriere stehen.

Perpektive 1:

Auf der Bühne steht ein in Schweden sehr bekannter Redner. Seine Rhetorik ist gut und er zeigt wirklich Einsatz. Zugegeben, das Thema ist auch für mich nicht wirklich „prickelnd“. Dafür kann der arme Mensch auf der Bühne aber nichts, denn die Themen waren vorgegeben und er hat das akzeptiert und zugesagt. Seine Verantwortung ist also, zu „liefern“. (Nota bene am Rande für alle Referenten: Wirklich nur Anfragen zu Themen annehmen die „Dein Ding“ sind, sonst sind Katastrophen und Frust vorprogrammiert).

Andererseits war die Agenda auch allen Konferenzteilnehmern bekannt und niemand war gezwungen worden, diesen Vortrag zu besuchen. Es ist ja ganz normal und üblich, sich diejenigen Vorträge aus dem Programm heraus zu suchen, für die man sich interessiert und die entstehende freie Zeit fürs Networking zu nutzen. Merke: Abseits von Vorträgen die man selbst als weniger interessant empfindet und deswegen auslässt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, auf Gleichgesinnte zu treffen. Perfekt, um neue Kontakte zu knüpfen.

Der Redner jedenfalls wird gerade dafür bestraft, dass er einen guten Vortrag zu einem Thema hält, das grössere Teile des Publikums schlicht nicht interessiert. Und das nur, weil die entsprechenden Teilnehmer die Agenda entweder gar nicht studiert haben, oder ihnen das Rückgrat fehlt, einem für sie uninteressanten Vortrag fern zu bleiben und die Zeit stattdessen für Sinnvolleres zu verwenden.

Von den oberen Rängen des Auditoriums scheinen hell die Schirme der Mobiltelefone, welche die Flucht aus der Realität in eine andere Welt ermöglichen. Besonders perfide ist es, dass das für den Redner von der gut ausgeleuchteten Bühne aus auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen ist. Der hart arbeitende und schwitzende Vortragende gibt alles in der Hoffnung, dass bei den Zuhörern etwas ankommt (oder gar hängen bleibt), während diese sich sinnloser Zeitverschwendung hingeben. Es wäre ehrlicher sich selbst und dem Redner gegenüber fairer, einfach still den Saal zu verlassen.

Perspektive 2:

Respekt und Aufmerksamkeit sind immer ein Geschenk. Ich meine, wir sollten grosszügig geben und schenken. Der gesellschaftliche Trend geht klar in die entgegen gesetzte Richtung und deswegen wird diese geschenkte Aufmerksamkeit immer seltener und wertvoller. Das gilt umso mehr, je mehr verfügbare Alternativen sich dem jeweiligen Publikum bieten. Das Pardoxe dabei ist, dass alle sich gerne beschenken lassen. Fast alle Menschen stehen gerne im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Aber nur sehr wenige Menschen schenken anderen gerne die so kostbare Aufmerksamkeit.

Dazu kommt noch: Aufmerksames, ja gar aktives Zuhören ist anstrengende Arbeit. Schwere Arbeit. Die meisten Menschen ziehen anstrengender Arbeit eine weniger anstrengende Alternative vor, wenn eine solche in Reichweite ist. Und das stets mit dem Internet verbundene „Fluchttelefon“ ist immer und überall dabei und stets zur Hand. Irgendwie pervers wenn man bedenkt, was die Kosten dieser Veranstaltung waren. Und noch perverser ist, dass sich im nachhinein fast alle Teilnehmer mit dem Umstand schmücken werden, dass sie diesem und jenen Redner zugehört haben.

Perspektive 3:

Wie würde ich mit dieser Situation umgehen? Bisweilen stehe ich selbst dort oben und präsentiere oder gebe eine „Keynote Speech“. Ich stelle mir vor, wie dieses konkrete Auditorium mit dem gegebenen Thema zu begeistern sein könnte. Ein herausforderndes Gedankenspiel, aber ich mag Herausforderungen. Sie sind der einzige Weg zum Wachstum. Und sie sind immer mit Arbeit und Schmerzen verbunden. Der Kollege auf dem Podium tut mir gerade aufrichtig leid.

Perspektive 4:

Ein einfacher Ausweg wäre es zu darauf abzustellen, dass früher sowieso alles besser war. Das Publikum hatte keine leicht verfügbaren Ablenkungsmöglichkeiten. Sicher, schon immer gab es die kleinen architektonischen Details und die Frisuren anderer Menschen als Objekte gelangweilter Betrachtung. Von der möglichen multimedialer Ablenkung „at your fingertips“ aber wagte noch vor einigen Jahren niemand auch nur zu träumen. Wenn ich heute einen Konferenzsaal zu bauen hätte, würde ich ihn vorsorglich mit geerdeter Kupferfolie auskleiden lassen, um jede Chance einer Internetverbindung über mobile Daten zunichte zu machen.

Im Ernst: Noch vor 10 Jahren habe ich Vorträge mit Folien auf dem Overhead-Projektor gehalten. Heute ist bereits allein der Gedanke, ohne multimediale Powerpoint-Präsentation auf die Bühne zu gehen, geradezu unanständig (obwohl sich alle Experten einig sind, dass eine textorientierte Standardpräsentation in 99% der Fälle völlig sinnlos und sogar kontraproduktiv ist). Was für eine verkehrte Welt.

Neulich sah ich in Stockholm einen Transporter eines Entsorgungsbetriebes mit einem Anhänger vor einem der grösseren und bekannteren Hotels. Mitarbeiter trugen gut und gerne 10 Overhead-Projektoren nach draussen und warfen diese zur Entsorgung auf den Hänger. Ein Stich ging mir durchs Herz.

Ich denke übrigens nicht, dass man jedem neuen Trend „blind“ folgen sollte (und schon gar nicht muss). Das gilt besonders für die technische Entwicklung. Bei jeder neuen „Welle“ an Technik (und insbesondere Präsentationstechnik), die auf uns zurollt, ist eine differenzierte Abwägung erforderlich. Aber das ist mit Arbeit verbunden (-> Denken / Nachdenken). Einfach in der Herde der Masse mit zu trotteln und jedem neuen technischen wie gesellschaftlichen Trend bereitwillig zu folgen und hinterher zu jagen ist viel einfacher, als erst einmal selbst das Gehirn zu benutzen. Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt: Manche Herdentiere merken wenigstens kurz vor dem Schlachthaus wohin die Reise geht. Leider ist es dann in aller Regel zu spät. Aber jedenfalls war es einfacher und bequemer Weg. Aber zurück zum Thema. Hand aufs Herz: Denken sie einmal über die Vorträge und Präsentationen nach, die ihnen „unter die Haut gegangen“ sind und die sie verändert haben. Die Chancen stehen gut, dass das Vorträge ohne jeglichen technischen Schnickschnack waren.


Schlussfolgerungen:

Für Teilnehmer - Auch auf Konferenzen vorher das Gehirn einschalten, die Agenda studieren und nachdenken, auch wenn es anstrengend ist. Schenken sie den Referenten, denen Sie zuhören, ihre Aufmerksamkeit. Es könnte sich auszahlen.

Für Referenten - Lasst uns unsere Zuhörer mit wichtigen Themen beschenken und um ihre Aufmerksamkeit kämpfen!

Irgendwie freue ich mich auf die nächste eigene Präsentation.

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2015/2016 - Blick zurück nach vorn - Achtung: Philosophische Betrachtung!

Was ist gewesen? Das, was sein wird! Und was hat man gemacht? Das, was man machen wird! Und es gibt nichts Neues unter der Sonne.

Prediger Kap. 1 Vers 9



Polare Stratosphärenwolken
Apokalyptisch anmutendes Szenario: Polare Stratosphärenwolken


Apokalyptisch anmutende Szenerie


Umgangssprachlich wird die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr gerne als die Zeit „zwischen den Jahren“ bezeichnet. Eine Zeit der Rück- und Vorschau. Das apokalyptisch anmutende Schauspiel polarer Stratosphärenwolken (auch unter dem Namen „Irisierende Wolken“ oder „Perlmuttwolken“ bekannt) hat gestern die passende Umrahmung für diese Betrachtung geliefert. 
 


Wendezeit - Warten auf den sechsten Kondratjew 

Auch bei wohlwollender Sichtweise offenbart die Rückschau auf 2015, dass die globale (und an sehr vielen Stellen auf der Welt ebenso die lokale) Situation - bildlich gesprochen - „richtig im Dreck“ steckt. 

Betrachten wir als Beispiel die wirtschaftliche Lage: Nach den diversen Krisen des vergangenen Jahrzehnts schleppt sich die Konjunktur auf dem letzten Loch pfeifend dahin. Hunderte Milliarden werden heute hierhin und morgen dorthin gepumpt, ohne dass sich eine tiefgreifende und nachhaltige Erholung abzeichnet. Es wäre dringend an der Zeit für einen neuen Innovationsschub; eine neue Basisinnovation wäre vonnöten, um der Wirtschaft wieder Schwung zu geben. In der Wirtschaftswissenschaft gibt es dazu das Modell der „langen Wellen“.

Einer der bekanntesten Forscher auf diesem Gebiet war der sowjetischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew (manchmal findet sich auch die Schreibweise „Kondratieff“). Nach ihm ist auch eines der Wellenmodelle benannt: Die Kondratjew-Zyklen. Sie beschreiben eine Theorie zur zyklischen Wirtschaftsentwicklung, die Theorie der Langen Wellen.

Nach Kondratjews Theorie dauern die langen Wellen zwischen 40 und 60 Jahren und bestehen aus einer länger andauernden Aufstiegsphase und einer kürzeren Abstiegsphase. Im statistischen Mittel wird der Tiefpunkt durchschnittlich nach 52 Jahren durchschritten.

Die fünfte Langwelle (auch kurz als „fünfter Kondratjew“ bezeichnet) hat in den 70er Jahren begonnen und hat den Schwerpunkt „Infomations- und Kommunikationstechnik“ (mit dem Internet als technische Speerspitze der Entwicklung). Der Stosskraft dieser Welle ist mittlerweile aber die Puste ausgegangen. Echte grundlegende Innovation gibt es nicht mehr. Detailverbesserungen sind noch an der Tagesordnung, aber Entwicklungen mit revolutionärer Innovationskraft? Fehlanzeige!

Die Talsohle am Ende dieses fünften Kandratjews dürfte demnach das sein, was wir seit einigen Jahren in Form von Krisen, die Schwarmbeben gleich über die Welt laufen, erleben. Wir dürfen also des sechsten Kondratjews harren.

Kurz: Es scheint eine Wendezeit zu sein, in der wir gerade leben.



Wo man auch hinsieht: Exponentielle Entwicklungen

Was die Sache nicht besser macht ist, dass wir an vielen Stellen von Gesellschaft und Wirtschaft ein anderes Phänomen deutlich erkennen können, das auf den Namen „exponentielle Entwicklung“ hört. Worum es dabei geht, beschreibt am besten die folgende Legende (verkürzt zitiert nach Wikpedia):

Der indische Herrscher Shihram tyrannisierte seine Untertanen und stürzte sein Land in Not und Elend. Dieser gewährte dem weisen Brahmanen Sissa einen freien Wunsch. Dieser wünschte sich Weizenkörner: Auf das erste Feld eines Schachbretts wollte er ein Korn, auf das zweite Feld das doppelte, also zwei, auf das dritte wiederum die doppelte Menge, also vier und so weiter. Der König lachte und war gleichzeitig erbost über die vermeintliche Bescheidenheit des Brahmanen.

Als sich der tyrannische Herrscher einige Tage später erkundigte, ob Sissa seine Belohnung in Empfang genommen habe, musste er hören, dass die Rechenmeister die Menge der Weizenkörner noch nicht berechnet hätten. Der Vorsteher der Kornkammer meldete nach mehreren Tagen ununterbrochener Arbeit, dass er diese Menge Getreidekörner im ganzen Reich nicht aufbringen könne. Auf allen Feldern eines Schachbretts zusammen wären es 2 hoch 64 oder 18.446.744.073.709.551.615 (≈ 18,45 Trillionen) Weizenkörner. Mehr Weizenkörner, als es auf der ganzen Welt gab und gibt...


Das tückische an exponentiellen Entwicklungen ist, dass sie am Anfang sehr einer linearen Entwicklung ähneln.

Die Entwicklungskurven sehen zunächst ganz ähnlich aus, bis die exponentielle Kurve - scheinbar plötzlich - abhebt und steil „gen Himmel geht“. Nach diesem Muster verlaufen fast alle schweren Krisen auf individueller (Beispiel: Vermehrung von Bakterien) wie auf globaler (Beispiel: Finanzkrisen) Ebene.

Die exponentiellen Krisenentwicklungen sind nun leider mit der Talsohle der Kondratjew-Zyklen untrennbar verbunden.


Zone Vier?

Professor Heijo Rieckmann hat einen weiteres Modell begründet, das zur Erklärung der derzeitigen Lage einen wichtigen Erklärungsansatz liefert.

Er versteht Veränderungen in der Dimension der beiden Begriffe Komplexität („complexity“) und Dynamik („dynamics“). Die beiden Faktoren hat er zu dem Begriff „Dynaxity“ verbunden, das die Kombination aus Dynamik und Komplexität beschreibt.

Rieckmann sieht vier Zonen der Dynaxity:  1. statisch, 2. dynamisch, 3. turbulent und 4. chaotisch. Von Zone zu Zone nimmt die Dynaxity, d.h. Komplexität der Umwelt und der für Entscheidungen massgeblichen Faktoren und die Dynamik, d.h. der Veränderungstakt in der Umwelt, zu. Zwischen Zone 3 und 4 hebt die Dynaxity exponentiell ab.

In der Zone 1 (statisch) herrschen weitgehend statischen Verhältnisse. Es gelten einfache Regeln und Strukturen. Menschen fühlen sich hier sehr wohl, denn alles hat seine feste Ordnung.

In der Zone 2 (dynamisch) herrschen beherrschbare Veränderungen, z. B. kontinuierliches Wachstum. Mit vielen Regeln und der Daten- und Faktenorientierung lässt sich diese Zone noch gut beherrschen. Die Umwelt wird aber bereits als störend empfunden. 

In der Zone 3 (turbulent) versagen die mechanistischen Ansätze, mit denen sich die beiden ersten Zonen noch beherrschen liessen. Das gesamte System erscheint plötzlich „lebendig“ und weist eine hohe Eigendynamik auf, die sich unter dem Druck externen Turbulenzen immer weiter verstärkt. Alles ist mit allem vernetzt. Rückkopplungsprozesse (die Lösung eines Problems erzeugt zahlreiche neue) kennzeichnen die Entscheidungsprozesse. 

In der Zone 4 (chaotisch) geht die Steuerbarkeit von Systemen schliesslich verloren. Jetzt herrschen extrem hohe Komplexität und Dynamik, die praktisch nicht mehr gesteuert werden können. Dieser Grad an Dynaxity findet sich z. B. bei Naturkatastrophen, Bürgerkriegen, aber auch psychotische Zustände von Menschen und Systemen.


Vorläufiges Fazit: Nimmt man das Wellenmodell (derzeitige Talsohle), die exponentielle Entwicklung (Kurve kurz vor dem Abheben) und einen Dynaxitygrad auf der Grenze zwischen drei und vier zusammen, dürfte das die derzeitige Situation der Welt recht gut beschreiben. 


Die Entschleunigung der Zeit

Worin kann die Lösung des scheinbar Unlösbaren liegen? Ich meine, sie kann nur auf der ganz individuellen Ebene gefunden werden. Entschleunigung ist angesagt. Nur so können wir uns die kleine Verschnaufpause schenken, deren Zeitgewinn vielleicht über Zukunft oder Nicht-Zukunft entscheidet.

Der österreichische Universitäts-Professor Peter Heintel hatte bereits 1990 eine charmante Idee, um dem Wahnsinn etwas entgegen zu setzen. Er gründete kurzerhand einen Verein zur Verzögerung der Zeit.

Nach der Satzung des Vereins verpflichten sich alle Mitglieder „innezuhalten und nachzudenken und zwar dort, wo blinder Aktionismus und partikuläre Interessen Scheinlösungen produzieren“.

Denn ein entscheidendes Problem der gegenwärtigen Zeit liegt in der Beschleunigung, d.h. dem Wunsch, möglichst viel in immer kürzerer Zeit immer schneller zu erreichen. Die Beschleunigung hat mittlerweile allerorten Einzug gehalten. Das ist nicht mehr menschlich, denn Lebewesen können nicht einfach gegen ihre Eigenzeit schneller funktionieren. Ein Blick in die Natur macht das anschaulich: Organische Wachtsumsprozesse brauchen ihre Zeit. Der Glaubenssatz des „schneller ist besser“ wurde aber erfolgreich in die Köpfe der Menschen implantiert.

Kurz: Nicht die Zeit, sondern das Tempo macht uns fertig.

Entschleunigung könnte der entscheidende Ansatz sein, der das Leben lebenswert erhält.

In diesem Sinne: Einen guten Start in das Jahr 2016!   

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Weihnachten und ein Rückblick auf das Jahr 2014

Das Jahr neigt sich wieder seinem Ende zu. Zeit für einen Rückblick.

Wetter

Der Winter hat sich von Oktober bis kurz vor Weihnachten recht lustlos dahin geschleppt. Bislang liegt - im Jahresvergleich - noch sehr wenig Schnee (so um die 40 cm) und die Temperaturen haben sich moderat gehalten. Pünktlich zu Weihnachten aber ist das Thermometer nach unten gestürzt und hat am Heiligen Abend die minus 30 touchiert. So soll es auch die kommenden Tage noch bleiben.
Im Gegensatz zu vielen mitteleuropäischen Wintersportgebieten darf Lappland aber dennoch bis auf weiteres als „schneesicher“ bezeichnet werden. Die amtliche Definition von „schneesicher“ lautet schliesslich:

„Standorte werden als schneesicher bezeichnet, wenn zwischen dem 16. Dezember und dem 15. April an mindestens 100 Tagen eine Schneedecke von mindestens 30 cm (Ski alpin) oder 15 cm (Ski nordisch) liegt.“

Das ist in unseren Regionen locker der Fall.


Weihnachten - Heiligabend

Wie üblich ist es zu Weihnachten sehr ruhig in Lappland. Ein Spaziergang durch die geradezu mystische Stille am Heiligabend ist Balsam für die Seele. Stundenlang war kein Auto auf den Strassen zu erspähen, bis gegen 20 Uhr kurzzeitig hektischer Verkehr einsetzte. „Familienwechsel“, oder besser gesagt „Wechsel der sozialen Wohngemeinschaft“ ist der Grund dafür. Bei den recht offenen Beziehungsverhältnissen in Schweden, bei denen mehrere „Särkullbarn“, d.h. Kinder, die nicht aus der aktuellen Lebensabschnittspartnerschaft entstammen die Regel sind, müssen eben viele Besuche gemacht werden, um alle Geschenke erfolgreich auszutauschen. Nicht gerade umweltfreundlich und offenbar sehr stressig, wie an der Durchschnittsgeschwindigkeit der Verkehrsteilnehmer abzulesen war. Die hiesige Polizei hat für den Weihnachtsabend sogar eigens eine Warnung wegen der zur Zeit auf Wanderung in Richtung der wärmeren Küste befindlichen Elche heraus gegeben. Weihnachtsstress auf schwedisch. A propos: „Särkullbarn“ heisst übrigens - direkt übersetzt - „Kinder aus einem besonderen Wurf“. Man darf sich wundern.


Arktischer Winter und arktische Sonne

Habe ich eigentlich schon hinreichend über den arktischen Winter geschwärmt? Ich sage nur: Das Farbenspiel. Rot verwandelt sich in einen kühl-zarten Rosaton und das tiefe Himmelblau wird zu einem eisig-frostigen Stahlblau. Farbextreme, die im Auge des Betrachters äusserst gefällig sind. Und erst die Landschaft: Vom Wind kilometerlang glatt gezogene Schneeflächen, die von nur einigen Sträuchern und Bäumen unterbrochen sind. Ein wahrer Traum, ganz nach meinem Geschmack, und ein Paradies für Landschaftsfotografen. Für alle Nachahmer sei an dieser Stelle zur Sicherheit nochmals auf den einschlägigen Blogbeitrag „Im Griff der Kälte - Fünf Listen mit Tipps für Leben, Arbeit und Fotografie im Winter“ verwiesen.


Stichwort Auswandern

Der Boom ist ungebrochen. Nach wie vor wandern sehr viele Deutsche nach Nordschweden aus. Vielleicht denkt ja auch der ein oder andere Leser, oder die ein oder andere Leserin über die ruhigeren Tage am Jahresende darüber nach. Ein kleiner Hinweis sei daher an dieser Stelle erlaubt. Es gibt ein weises schwedisches Sprichwort das besagt: Jobs wachsen nicht auf den Bäumen. Als Grundregel gilt das umso mehr, je weiter nördlich man aufzuschlagen gedenkt. Leider haben wir im Laufe auch dieses Jahres wieder viel zu viele Auswanderergeschichten hören müssen, die letztlich an der Schaffung einer Einnahmequelle gescheitert sind. Also liebe potentielle Auswanderer: Plant und recherchiert gut (und lasst Euch am besten auch qualifiziert beraten), damit Euch eine Auswanderungskatastrophe erspart bleibt.

Soweit ein kleiner, weihnachtlicher Rückblick auf 2014. Den Ausblick auf das Jahr 2015 mit einem spannenden Langzeitprojekt gibt es in einigen Tagen.

Arktischer Winter in Lappland
Arktischer Winter - ein Traum für Fotografen
(Hinweis: Bild „out of cam“)

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Der "Kölapp" - des Schwedens liebster Zettel

Üblicherweise wird den Briten die beinahe unendliche Geduld nachgesagt. Nach einigen Jahren in Schweden bin ich allerdings davon überzeugt, dass das nicht stimmt. In Wahrheit übertreffen die Schweden die Briten bei weitem.

Provokativ formuliert: Schweden warten gerne. Und wie so vieles in Schweden ist auch das Warten sehr strukturiert und gut durchorganisiert.

Ich erinnere mich gut an eine Begebenheit vor etlichen Jahren. Erst einige Wochen in Schweden, ging ich als Kunde in ein Elektronikfachgeschäft. Artig erzogen stellte ich mich an der Schlange an, und nach einer Viertelstunde war ich an der Reihe. Die freundliche Verkäuferin blickte auf meine leeren Hände und fragte mich vorwurfsvoll nach meiner Nummer. Die Fragezeichen waren mir offenbar ins Gesicht geschrieben und sie nahm sich die Zeit, mich in das schwedische System des "Kölapp", des "Wartezettels" einzuweisen.

Und das funktioniert so: An viel frequentierten Orten, d.h. Geschäften oder Behörden mit grösserem Besucher- oder Kundenandrang gibt es in der Nähe des Eingangs einen Kasten mit einem grossen Knopf darauf. Heutzutage sind das meistens Thermodrucker. Auf Knopfdruck spuckt der Kasten einen kleinen Zettel aus, auf dem in grossen Lettern eine Zahl steht. Der Zettel enthält die eigene Nummer in der Warteschlange. Irgendwo über den Schaltern oder der Theke hängt dann eine Anzeigetafel (meistens mit roten LEDs), auf denen eine Nummer angezeigt wird. Nach jedem abgefertigten Kunden wird eine neue Nummer auf der Anzeigetafel sichtbar. So weiss man, wann man an der Reihe ist.

Das System hat verschiedene Vorteile: 

- Das Warten wird deutlich entspannter. Zwar bilden sich mancherorts noch Schlangen, aber in der Regel können die Kunden "frei" warten und dabei im Geschäft umhergehen. Das dürfte gut für den Umsatz sein, denn - je länger die Wartezeit - desto mehr Spontankäufe.

- Das System vermittelt dem Wartenden Sicherheit, denn der Kunde muss "seinen" Platz in der Warteschlange nicht hüten und verteidigen. Alles geht geruhsamer und entspannter zu. 

Natürlich macht die moderne Technik auch vor dem altbewährten Kölapp nicht Halt. Mittlerweile gibt es auch digitale "Warteschlangenlösungen". 

SMS-System: Das bereits zu Anfang des neuen Jahrtausends erprobte SMS-System beruht auf dem SMS-Dienst. Der Kunde schickt eine SMS an eine spezielle Nummer des Geschäftes oder der Behörde, die er besuchen möchte. Dann erhält er eine SMS mit seiner Wartenummer und der aktuellen Nummer in der Schlange zurück. Damit lässt sich bereits "auf Distanz" die Wartezeit abschätzen. Oft sind die digitalen Systeme auch so eingerichtet, dass eine weitere Erinnerungs-SMS gesendet wird, wenn nur noch fünf oder zehn Nummern vor der eigenen Nummer sind. 

Apps und cloudbasierte Lösungen: Mittlerweile gibt es aber auch ganz moderne Systeme (z. B. q-channel), die eigene Apps und Clouddienste nutzen. Das bietet für den Kunden den Vorteil, dass er die Warteschlange und den Fortschritt in Echtzeit verfolgen kann. Sehr modern, sehr charmant, aber für mich geht nichts über den kleinen Zettel mit der Nummer darauf.

Der
Ein klassischer Kölapp - hier ein Beispiel aus der Apotheke

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Work-Life-Balance in Lappland und: Internetzugang im Norden

Die Aussicht ist malerisch. Das Wasser rauscht leise und eine sanfte Brise streicht über den Strand. Ich sitze an meinem für heute gewählten Arbeitsplatz mit meinem Laptop auf dem Schoss und dem Telefon in der Tasche. Eine kleine Bucht an einem See, weitab von der Zivilisation.

Der "Digital Lifestyle" macht es möglich. Und das lockt auch viele digitale Nomaden als Auswanderer an den Polarkreis in Schweden. 

Der Breitbandausbau in der Region ist - gemessen an der Bevölkerungsdichte - sehr gut. In unserem kleinen und beschaulichen Dorf haben wir z. B. 100 Mbit/s Glasfaseranbindung. Wer ausserhalb des mit Breitband erschlossenen Gebietes wohnt, kann auf Internet via Funk ausweichen (3G Geschwindigkeit, bester Anbieter: net1) oder über das Mobilfunknetz gehen. Die beste Netzabdeckung im Norden hat klar Telia (der Nachfolger des ehemaligen staatlichen Televerkets). 3G gibt es in den ländlichen Gebieten ausserhalb grösserer Ortschaften nicht flächendeckend, aber 2G Datenverbindung (EDGE) funktioniert überall. 

Was bedeutet das? Solange ich nicht bei der Arbeit auf grosse Datenvolumina via Internet zugreifen muss, ist mobiles Arbeiten auch in der Natur problemlos möglich (vorausgesetzt, die Akkus sind voll geladen und ein Auto Ladeadapter ist zur Sicherheit mit dabei).  

Und so habe ich den Tag über an einem neuen Buchmanuskript gearbeitet, zwischendrin einige Fische auf dem Feuer gebraten und nebenbei die Aussicht bei Wind und Wetter genossen. Geheimtipp: Das beruhigende Naturambiente ist auch für wichtige Telefonate paradiesisch.

Lappland: Arbeitsplatz in der Natur
Die Aussicht von meinem heutigen Arbeitsplatz


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Triohålning und Bürolocher - Klippen bei der Unternehmensgründung in Schweden überwinden

Einleitung

Heute soll es um eine der vielen, kleinen Klippen bei der Unternehmensgründung in Schweden gehen. Eine Klippe, die durchaus auch einigen Unterhaltungswert mit sich bringt (und satirische Züge trägt). 

In der europäischen Unternehmens- und Wirtschaftswelt sollte doch alles auf Standards und Normen beruhen. Die Standardisierung schreitet voran, fehlende Standards können zum Handelshemmnis werden und sich als ziemlich störend erweisen. Darum soll es heute gehen.

Aufmerksame Leserinnen und Leser erinnern sich bestimmt noch an den Artikel  "Warum gibt es noch keine EU-Norm für die Grösse von Eiskugeln?"

Ein ganz ähnliches Problem gibt es auch im Bereich der schwedischen Büroheftung und Aktenablage.


Geschichte

Für diejenigen unter uns, die dem papierlosen Büro der Zukunft (sic!) zum Trotz, immer noch mit Papierkram zu tun haben, sind Aktenordner und Locher Alltagsgeräte. Den Aktenlocher (kurz: Locher) hat Friedrich Soennecken erfunden und 1886 dafür auch vom damaligen Kaiserlichen Patentamt ein Patent erhalten. Der Aktenordner stammt von Leitz.

Das Duo "Locher und Leitz" trat seinen Siegeszug durch Büros und Haushalte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts an. Gelocht und geheftet wurde natürlich in der ganzen Welt. Und da ergab sich das Problem der Standardisierung. Die Lochung musste vereinheitlicht werden, um dem Archivierungschaos - insbesondere bei länderübergreifender Korrspondenz und Aktenablage - Herr zu werden.


Problem

Hier fingen die Probleme an. Es gibt verschiedene Standards für die Aktenlochung. Nun leben wir ja in Europa und man sollte meinen, dass es einen europaweiten, einheitlichen Standard geben müsste. Im Prinzip ja. Aber eben nur im Prinzip.

Genau genommen ist das Problem noch viel schlimmer, denn es gibt ja einen - sogar internationalen - Standard für die Papierlochung im Büro. Dieser Standard hört auf den Namen ISO 838 und stammt in der aktuellen Version aus dem Jahre 1974. Wir alle wissen wie die Standard-Lochung aussieht, denn sie begleitet uns ein Leben lang durch den Alltag. Wer es ganz wisenschaftlich haben möchte, kann hier die Beschreibung des Standards bei der  International Organization for Standardization (Internationale Organisation für Normung) kurz "ISO" herunterladen.

Aber nicht alle Länder folgen dem internationalen Standard.

Auf europäischer Ebene folgen (fast) alle Länder diesem Standard. Fast alle Länder? Ja fast, denn das Königreich Schweden hat seinen eigenen Standard für die Lochung und für Aktenordner.


"Triohålning" (Triolochung) heisst das Zauberwort.

Und zur Triolochung gehört der Trioordner. Und um die Verwirrung noch gröser zu machen, besteht die Triolochung nicht etwas nur aus drei, sondern aus vier Löchern. Erfunden wurde das System 1899 von Andreas Tengwall in Helsingborg. Genau genommen wurde zuerst der Ordner und dann der zu ihm passende Locher erfunden. 

Der Clou am Trioordner ist, dass er - im Gegensatz zu den im Rest Europas gebräuchlichen Ordnern - an einer beliebigen Stelle flach aufgeklappt werden kann (jedenfalls, soweit er nicht "überladen" ist). Im aufgeklappten Ordner können dann - wenn auch etwas hakelig - die Blätter vorwärts und rückwärts - umgeblättert werden.

Die bittere Pille ist die Inkompatibilität zwischen der ISO 838 und der schwedischen Trio-Lochung. Locht man Blätter nach beiden Standards (und vom nordamerikanischen Dreilochsystem wollen wir gar nicht erst anfangen), wird der linke Papierrand ziemlich "dünn" und wenig haltbar.

Wer also sein Unternehmen nach Schweden verlagern möchte, sollte sich auf den Systemwechsel vorbereiten und keine grossen Bestände an leeren zentraleuropäischen Aktenordnern mitbringen.


Rückblick

Beim Schreiben dieser Zeilen denke ich mit etwas Wehmut an die Zeit meines Referendariates beim Landgericht Heidelberg zurück. Heidelberg liegt bekanntlich in Baden. Und in Baden gab es seinerzeit auch noch einen eigenen Standard für die Aktenheftung. Dieser hörte folgerichtig auf den Namen "badische Aktenheftung" und basierte auf zwei kleinen Löchern am oberen linken Papierrand (in der Bürovitrine hüte ich heute noch einen original badischen Aktenlocher). Die Heftung der Akte erfolgte über eine kleine Schnur, die durch die Löcher gefädelt und dann auf der Rückseite der Akte verknotet wurde. Die Kunst, die "richtigen" Knoten zu erlernen, war seinerzeit integraler Bestandteil der Juristenausbildung. Mein bürotechnischer Weitblick in Sachen Aktenlochung war also von frühen Zeiten her bereits geweitet. Vielleicht fiel mir deshalb die Adaption der schwedischen Triolochung nicht besonders schwer...


Ausblick

Der digitale Hoffnungsschimmer glimmt am Horizont und hört auf den Namen "papierloses Büro". Allerings scheint mir die Zukunft nicht ganz so rosig zu sein. Seit 15 Jahren verfolgt mich der Begriff. Aber mit jeder neuen Runde der neuen, papierlosen Welt, ist es immer nur noch mehr Papier geworden. Schade um all die Bäume, die sinnlos gefällt werden.

Sollten wir es aber eines Tages schaffen auf rein-digital umzustellen, wäre zumindest das Locher- und Aktenordner Normierungs Problem vom Tisch. Dafür hätten wir dann mindestens 100 neue (lies: unterschiedliche und inkompatible) Dateistandards am Bein :-)

Triohålning - schwedischer Triolocher - Bürolocher
Schwedischer Triolocher - stanzt vier Löcher nach schwedischem Standard

Triopärm - schwedischer Trioordner - Aktenordner
Schwedischer Trioordner - inkompatibel zum Rest der Welt

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