Geplante Obsoleszenz, Teil 2: Die kommende Europäische Produktnachkaufverordnung (EPNVO)

Frau Lapplandblog führt gerade - heftig schimpfend - eine schwierige Operation durch.

„Ich kann ja nur froh und dankbar sein, dass ich das damals noch in der Schule gelernt habe. Für so einen Mist musst du auch noch Geld ausgeben“.

Was war geschehen?

Der vor drei Monaten erworbene Hunderucksack hatte sich - nach ungefähr fünfmaligem Gebrauch in den Weiten Lapplands - buchstäblich in seine Einzelteile aufgelöst. Immerhin waren ca. 85% der Bestandteile desselben im Grünen noch auffindbar. In mühe- und liebevoller Kleinarbeit hat Frau Lapplandblog die Einzelteile wieder sorgsam zusammengepuzzelt und - unter Einfügung im Bestand vorhandener Ersatzteile - mit geübter Hand und festem Zwirn wieder zusammengefügt. Die Archäologen im nächsten Jahrtausend werden ihre helle Freude haben, wenn sie das Teil irgendwann einmal ausgraben sollten.

Stellt sich die Frage, warum so ein Mist mit der eingebauten „geplanten Obsoleszenz“ aktiv vermarktet und verkauft wird?

Das kann nur auf der kommenden Europäische Produktnachkaufverordnung (EPNVO) beruhen. Aus üblicherweise bestens informierten und nicht genannt werden wollenden Insiderkreisen ist uns nämlich kürzlich folgendes zugetragen worden:

„Alle im Europäischen Binnenmarktes feil gehaltenen Produkte dürfen im Rahmen ihres konkreten Verwendungszwecks künftig nur noch höchstens 24 Monate gebrauchstauglich sein“.

Das haben die obersten Organe der EU in enger Zusammenarbeit mit der Europäischen Zentralbank beschlossen. Das erklärte Ziel der Neuregelung sei die Ankurbelung des dahinsiechenden Binnenmarktes, denn es könne nicht angehen, dass hochqualitative Produkte gar ein ganzes Leben lang halten. Die vorgesehene zwingende begrenzte 24-monatige Gebrauchstauglichkeit muss durch die verwendeten Materialien, die Bauart und die Konstruktion sicher gestellt sein. Zuwiderhandlungen werden mit existenzbedrohenden Bussgeldern oder Zwangsinsolvenzen ("Marktbereinigung") bestraft werden.

Die Industrie übt schon seit geraumer Zeit für die kommende Neuregelung (was den meisten Leserinnen und Lesern aus eigenen Erfahrungen mit diversen Produkten bekannt sein dürfte; siehe die geschilderte Begebenheit am Anfang dieses Beitrages).

Beim Hören der Vorträge der diesjährigen Re-Publica bin ich auf einige besonders digitale Beispiele der geplanten Obsoleszenz gestossen, quasi als Ausblick, was wir in Zukunft zu erwarten haben. Allen voran die dem "Internet of Things" zugehörige Kaffeemaschinen, die über eine App auf dem Mobiltelefon gesteuert wird. Die App zur Kaffeemaschine wird so gebaut, dass sie nach dem nächsten Systemupdate auf dem Mobilgerät ihre Arbeit verweigert. Und dann wird die Entwicklung der App einfach eingestellt.

Resultat: Die High-Tech Kaffeemaschine wird zu Elektroschrott (denn wer will das technologische Highlight denn - wenn sich erst einmal daran gewöhnt wurde - als "altmodische" [sofern das überhaupt vorgesehen und möglich ist] Kaffeemaschine weiter benutzen?).

Bei höherwertigen Gütern, die aus Sicherheitsgründen nicht ab Werk "schlampig" gebaut werden können, können die kommenden Vorgaben der Europäischen Produktnachkaufverordnung (EPNVO) ganz einfach über einen eingebauten Betriebsstundenzähler erfüllt werden. Nach 24 Monaten erscheint dann im Display die Meldung „Die Lebensdauer ihres Produktes ist erreicht“

Besonders spassig stelle ich mir das bei Autos vor. Dort würde es dann heissen: „Nach den nächsten Abstellen des Motors wird sich das Auto nicht mehr starten lassen, weil die vorgesehene Produktlebensdauer erreicht ist. Eine automatischen Mitteilung an den nächstgelegenen Produktverschrotter und ihre finanzierende Bank wird gerade automatisch versendet. Danke, dass sie sich für ein Produkt aus unserem Hause entschieden hatten“.

Realisierbar ist das alles ganz einfach. Selbst die einfachsten und simpelsten technischen Geräte sind heute so elektronisiert, dass selbst Experten solche Systeme zur Begrenzung der Produktlebensdauer nicht mehr umgehen können. Ein Mechaniker aus der Autowerkstatt des Vertrauens hat mir gestern berichtet, dass viele Fehler bei neueren PKWs (lies: ab Baujahr 2002) nur noch durch Systsemupdates behoben werden können (zu denen freie Werkstätten natürlich keinen Zugang mehr haben). Ein schönes Beispiel dafür, dass die Vorschriften der kommenden Europäischen Produktnachkaufverordnung (EPNVO) ab dem Tag des Inkrafttretens auch bei älteren noch in Verkehr und Gebrauch befindlichen Geräten umgesetzt werden können, wenn es sich denn um digital gesteuerte Geräte handelt.

Konsequenterweise sollten dann auch alle nicht digital gesteuerten Geräte, d. h. Geräte, die nicht an das Internet of Things angeschlossen werden können, generell verboten werden. Wo kämen wir denn hin, wenn der Nachbar noch einen klassischen Rasenmäher in Betrieb hätte, mit dem er selbst durch den Garten rast? Undenkbar, welche Folgen das haben könnte.

Ich habe meiner Frau Lapplandblog versprochen nach einem qualitativ sehr hochwertigen Hunderucksack für unseren Hund Ausschau zu halten, bevor die EPNVO in Kraft tritt (und hoffentlich noch ganz analog).

2016 gekauft und erfüllt bereits jetzt die Vorgaben der kommenden EPNVO
2016 gekauft und erfüllt bereits jetzt die Vorgaben der kommenden EPNVO

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Dringender Hilferuf an die EU: Normierung von Toilettenpapierrollenkernen erforderlich!

Aufmerksame Leser kennen die Rubrik „Europäisches“ schon. Hier geht es um die existentiellen Probleme der Menschheit und des täglichen Lebens, derer sich die EU in Form allgemeinverbindlicher Regelungen zur Erhaltung von Weltfrieden und Umwelt (sprich: Klima) unbedingt schleunigst annehmen sollte.

Während des dramatischen Kälteeinbruchs der vergangenen Tage in Lappland - das Thermometer sank bedenklich nahe an die Grenze von minus 40 C - habe ich wesentliche Teile des Tages damit verbracht, Holz in den Ofen zu stapeln. Aber um die jüngste Kälte soll es hier nur mittelbar gehen.

Jedenfalls: Manchmal ging der Ofen aus und ich musste ihn neu anfeuern. Dazu eignen sich alte Zeitungen ganz besonders, womit übrigens zugleich auch klar beweisen wäre, dass die Zukunft des klassischen Journalismus zumindest in kalten Regionen gesichert ist. Vielleicht freilich mit einem anderen Geschäftsmodell, denn die Zeitung von gestern brennt eben so gut, wie die von heute. Aber auch das ist wieder eine andere Diskussion, die zu einem späteren Zeitpunkt geführt werden kann.

Als ich also so mein Anfeuerpapier auf dem Holz verteilte, fiel mir eine grosse Tüte mit Toilettenpapierrollenkernen in die Hände. Sehr schön, denn die brennen sehr gut. Eines fiel mir aber auf: In Länge, Wandungsstärke und Durchmesser unterschieden sich die Toilettenpapierkernrollen. Sehr merkwürdig. Und während ich dann ans Zündeln ging und in die Flammen starrte, entfaltete sich die ganze Tragweite vor meinem geistigen Auge: Im Unterschied zur Grösse von Eiskugeln (über die wir hier schon ausführlich gesprochen hatten) ist die Erforderlichkeit allgemeiner europarechtlicher Vorschriften zu Toilettenpapierkernrollen äusserst akut. Schliesslich handelt es sich um einen Artikel des täglichen Bedarfs in der allgemeinen Bevölkerung.

Nach aktuellen Statistiken liegt der Durchschnitt an verbrauchtem Toilettenpapier in der EU bei satten 13 Kg (in Deutschland liegt er bezeichnenderweise sogar noch darüber: 15 Kg).

Können Sie sich vorstellen, über wie viele Toilettenpapierrollen wir also reden?

Rechnen wir doch einmal: Das durchschnittliche Gewicht einer Toilettenpapierrolle liegt bei 100 Gramm. Wir teilen 13 Kilo durch 100 Gramm und es ergeben sich 130 Toilettenpapierrollen pro Jahr und EU-Bürger. Die EU hat derzeit 508 Millionen Einwohner. Das ergibt 66040000000 (auf Deutsch ungefähr 66 Milliarden) Toilettenpapierrollen pro Jahr in der gesamten EU. Eine völlig unvorstellbare Menge. Sammeln Sie einmal 10 Toilettenpapierkernrollen und legen Sie diese vor sich auf den Tisch; und jetzt stellen Sie sich 66 Milliarden Stück davon vor.

Wie ich bereits erwähnt habe, unterscheiden sich die im Feldversuch untersuchten Toilettenpapierkernrollen in Länge, Wandungsstärke und Durchmesser (schwacher Trost: immerhin sind sie alle aus Recyclingspapier hergestellt).

Kurz und gut: Ein Fall von Intransparenz und Irreführung par excellence. Der Verbraucher muss geradezu getäuscht werden. Denn selbst wenn der Rollendurchmesser aussen gemessen derselbe ist, sagt das überhaupt nichts über die Menge an Papier auf der Rolle aus, wenn die Kerne unterschiedlich sind. Von den feinen Unterscheidungen zwischen ein-, zwei-, drei- und vierlagigem Papier wollen wir einmal ganz absehen. A propos: Wenn wir schon bei Neuregelungen sind, dann machen wir gleich das zweilagige Toilettenpapier zum Standard. Etwas Luxus wird dabei gegen Belange des Umweltschutzes abgewogen. Die Struktur für die Prägung und ein alternatives Muster legen wir auch gleich fest.

Hinzu kommt ein Weiteres: 66 Milliarden Toilettenpapierkernrollen schreien geradezu nach Wiederverwertung. Ein neues Recyclingsystem muss her. Da werden 66 Milliarden Stück eines wertvollen und recyclingfähigen Gebrauchsproduktes jährlich einfach weggeworfen. Ein unvorstellbarer Skandal.

Nebenbei gäbe es noch einen weiteren interessanten Aspekt der Gleichheit: Es soll doch tatsächlich EU-Länder gegen, in denen das Toilettenpapier (noch) nicht auf Rollen im Handel ist. Das ist gleich der nächste Skandal, der im Zuge einer umfassenden Regelung mit erledigt werden könnte.

Während meine Gedanken heisslaufen und ich mich mit Frau Lapplandblog darüber austausche - Sie holt übrigens zunächst das Fieberthermometer, was ich nicht ganz verstehe - wirft Sie den klugen Gedanken in den Ring, dass es ein Hygieneproblem geben könnte. Aber kein Problem, dass nicht durch eine saubere Normierung und juristische Regelungen gelöst werden könnte. Der EU-Einheits-Toilettenpapierrollenkern muss aus einem gewichtsarmen desinfizierbaren Recyclingplastik hergestellt werden, dass mindestens eine bestimmte Anzahl von Wiederverwertungs- sprich Desinfektionszyklen toleriert (Vorschlag: zehn).

Liebe Eu-Kommission, meine Vorschläge für eine neue EU-Rechtsverordnung zur Einführung und Vereinheitlichung von Toilettenpapierrollenkernen sind:

1. Regelungen zur Verbindlichkeit des Feilhaltens von Toilettenpapier auf Rollen.

2. Vorschriften zur EU-weiten Verbindlichkeit des zweilagigen Toilettenpapiers samt Regelungen über die zu verwendenden Papierarten. Ausnahmen für hochrangige Politiker und andere Personen des öffentlichen Lebens können vorgesehen werden.

3. Regelungen zu Länge, Wandungsstärke, Durchmesser und Gewicht der Toilettenpapierrollenkerne.

4. Regelungen zu den zulässigen Materialien der Toilettenpapierrollenkerne.

5. Vorschriften über die Einführung eines neuen europaweiten Recyclingsystemes; insbesondere zu den einzuhaltenden Desinfektions- und Hygienestandards.

Dieser Vorschlag ist übrigens alternativlos, wenn der Niedergang von Wirtschaft und Umwelt noch abgewendet werden soll.

Dringender Hilferuf an die EU: Normierung von Toilettenpapierrollenkernen erforderlich!
Der Stein des Anstosses und die Wurzel des Übels: Toilettenpapierrollenkerne

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Rettet Europa: Kampf der Mehrfachsteckdose! [Update: 27/12/2014]

Heute wieder ein Beitrag aus der beliebten Serie: Neulich in Europa.

Über die aus europäischer Sicht unabdingbare Normierung von Eiskugelportionierern hatte ich 2013 schon einmal geschrieben.

Aber die Entwicklung überholt die philosophischen Überlegungen zuweilen. So ist das eben. Nun scheint sich die Europäische Union den altbewährten Toaster für eine neue Normierungsorgie auserkoren zu haben.

Künftig soll also nur noch der "Einschlitztoaster" für den Verkauf innerhalb der EU zugelassen sein. Und die Begründung klingt ja eigentlich recht plausibel, denn wie so oft wird - insbesondere in den nach wie vor immer mehr zunehmenden Singlehaushalten - nur ein Schlitz des klassischen Doppelschlitztoasters befüllt. Die Hälfte der eingesetzten Energie verpufft also völlig sinnlos in der Umgebungsluft. Ein Skandal ist das.

Indes scheint es mir, dass es den europäischen Bürokraten einfach an der Chuzpe fehlt, die Übel wirklich an der Wurzel zu erfassen. Und daher springe ich an dieser Stelle natürlich gerne in die Bresche.

Die Wurzel allen Übels ist nämlich weder die immer noch fehlende Normierung für Eiskugelportionierer, noch die Problematik des klassischen Doppelschlitztoasters. Nein, die wahre Wurzel der unermesslichen Energieverschwendung in Europa hört auf einen anderen Namen, und dieser lautet "Mehrfachsteckdose".

Es liegt doch auf der Hand, dass dieses elektrische Gerät die Mutter aller Verschwendung ist. Wie vielen Energieverschwendern wird durch Mehrfachsteckdosen nicht überhaupt erst der Zugang zum Stromnetz ermöglicht? Da gibt es sogar Mehrfachsteckdosen mit bis zu zehn (!) Stromentnahmestellen im Handel. Unglaublich und skandalös ist das. Ein offenes Scheunentor für den Untergang Europas.

Stellen Sie sich demgegenüber einmal folgendes "best-case" Szenario vor: An jeder Wandsteckdose (deren zulässige Anzahl in Abhängigkeit von der Grundfläche eines Raumes natürlich auch geregelt werden müsste) hängt nur noch ein Verbraucher. Das zwingt den Verbraucher zu energiebewussten Entscheidungen:

Bürolampe oder Kopierer? Haarfön oder Stereoanlage? Tiefkühltruhe oder Küchenquirl?

Hunderttausende sinnlose Stromverbraucher wären der sofortigen "kalten Abschaltung" unterworfen.

Das Modell könnte zudem auch erhebliche beschäftigungsfördernde Begleitwirkungen haben. Denn leider ist es ja teilweise so, dass zuweilen auch verschiedene Endgeräte Strom aus derselben Wandsteckdose benötigen. Das wäre - nach Massgabe der zu treffenden neuen Regelungen - ausschliesslich nur noch über das manuelle Umstecken der jeweiligen betroffenen Endgerätestecker erlaubt.

Dämmerts Ihnen schon? Richtig! Das schafft Arbeitsplätze! Der Umsteckgehilfe ist der Zukunftsberuf des kommenden Jahrzehnts. Die Ausbildung ist kurz und erfordert - ganz im Einklang mit allen aktuellen Bildungsstudien - keine besonderen Vorkenntnisse oder gar eine Grundbildung. Nicht einmal die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben ist erforderlich. Der manuelle Kraftaufwand hält sich in Grenzen und im Regelfall kann die Tätigkeit - was den Berufswünschen gerade vieler junger Menschen entgegen kommt - in Innenräumen ausgeübt werden. Arbeitgeber - und das könnten auch Sie in Ihrem Privathaushalt sein - würden ausserdem einen Beschäftigungsförderungszuschuss von der EU erhalten.

Am Horizont sehe ich bereits den Lichtschein eines paradiesischen Zustandes: Die seit Jahrzehnten von Politik und Wirtschaft herbei gesehnte Vollbeschäftigung rückt endlich in greifbare Nähe.

Und schliesslich kommen auch die Gerätehersteller nicht zu kurz. Mit etwas wohlwollender und wohldosierter geplanter Obsoleszenz wird der Verschleiss an den nunmehr manuell zu betätigenden Steckkontakten nicht unerheblich sein. Will sagen, diese müssen oft und zudem fachmännisch ausgetauscht werden.

Und jetzt bitte alle im Chor: "Rettet Europa: Kampf der Mehrfachsteckdose!"

(Plakate und Fähnchen für die Protestkundgebungen können im Fanshop bestellt werden).


[Update: 27/12/2014]: Der Tatort vom 26.12. hat - der ARD sei grosser Dank dafür - eine weitere schwerwiegende Regelungslücke der europäischen Rechtsordnung ans Tageslicht gebracht. Künftig werden Lichterketten mit Sollbruchstellen versehen werden müssen (wie es bereits heute bei Schlüsselbändern der Fall ist), um sie künftig nicht mehr als Mordwaffen verwenden zu können.


Rettet Europa: Kampf der Mehrfachsteckdose!
Der Grund für die ökologische und wirtschaftliche Misere: Mehrfachsteckdosen

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Triohålning und Bürolocher - Klippen bei der Unternehmensgründung in Schweden überwinden

Einleitung

Heute soll es um eine der vielen, kleinen Klippen bei der Unternehmensgründung in Schweden gehen. Eine Klippe, die durchaus auch einigen Unterhaltungswert mit sich bringt (und satirische Züge trägt). 

In der europäischen Unternehmens- und Wirtschaftswelt sollte doch alles auf Standards und Normen beruhen. Die Standardisierung schreitet voran, fehlende Standards können zum Handelshemmnis werden und sich als ziemlich störend erweisen. Darum soll es heute gehen.

Aufmerksame Leserinnen und Leser erinnern sich bestimmt noch an den Artikel  "Warum gibt es noch keine EU-Norm für die Grösse von Eiskugeln?"

Ein ganz ähnliches Problem gibt es auch im Bereich der schwedischen Büroheftung und Aktenablage.


Geschichte

Für diejenigen unter uns, die dem papierlosen Büro der Zukunft (sic!) zum Trotz, immer noch mit Papierkram zu tun haben, sind Aktenordner und Locher Alltagsgeräte. Den Aktenlocher (kurz: Locher) hat Friedrich Soennecken erfunden und 1886 dafür auch vom damaligen Kaiserlichen Patentamt ein Patent erhalten. Der Aktenordner stammt von Leitz.

Das Duo "Locher und Leitz" trat seinen Siegeszug durch Büros und Haushalte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts an. Gelocht und geheftet wurde natürlich in der ganzen Welt. Und da ergab sich das Problem der Standardisierung. Die Lochung musste vereinheitlicht werden, um dem Archivierungschaos - insbesondere bei länderübergreifender Korrspondenz und Aktenablage - Herr zu werden.


Problem

Hier fingen die Probleme an. Es gibt verschiedene Standards für die Aktenlochung. Nun leben wir ja in Europa und man sollte meinen, dass es einen europaweiten, einheitlichen Standard geben müsste. Im Prinzip ja. Aber eben nur im Prinzip.

Genau genommen ist das Problem noch viel schlimmer, denn es gibt ja einen - sogar internationalen - Standard für die Papierlochung im Büro. Dieser Standard hört auf den Namen ISO 838 und stammt in der aktuellen Version aus dem Jahre 1974. Wir alle wissen wie die Standard-Lochung aussieht, denn sie begleitet uns ein Leben lang durch den Alltag. Wer es ganz wisenschaftlich haben möchte, kann hier die Beschreibung des Standards bei der  International Organization for Standardization (Internationale Organisation für Normung) kurz "ISO" herunterladen.

Aber nicht alle Länder folgen dem internationalen Standard.

Auf europäischer Ebene folgen (fast) alle Länder diesem Standard. Fast alle Länder? Ja fast, denn das Königreich Schweden hat seinen eigenen Standard für die Lochung und für Aktenordner.


"Triohålning" (Triolochung) heisst das Zauberwort.

Und zur Triolochung gehört der Trioordner. Und um die Verwirrung noch gröser zu machen, besteht die Triolochung nicht etwas nur aus drei, sondern aus vier Löchern. Erfunden wurde das System 1899 von Andreas Tengwall in Helsingborg. Genau genommen wurde zuerst der Ordner und dann der zu ihm passende Locher erfunden. 

Der Clou am Trioordner ist, dass er - im Gegensatz zu den im Rest Europas gebräuchlichen Ordnern - an einer beliebigen Stelle flach aufgeklappt werden kann (jedenfalls, soweit er nicht "überladen" ist). Im aufgeklappten Ordner können dann - wenn auch etwas hakelig - die Blätter vorwärts und rückwärts - umgeblättert werden.

Die bittere Pille ist die Inkompatibilität zwischen der ISO 838 und der schwedischen Trio-Lochung. Locht man Blätter nach beiden Standards (und vom nordamerikanischen Dreilochsystem wollen wir gar nicht erst anfangen), wird der linke Papierrand ziemlich "dünn" und wenig haltbar.

Wer also sein Unternehmen nach Schweden verlagern möchte, sollte sich auf den Systemwechsel vorbereiten und keine grossen Bestände an leeren zentraleuropäischen Aktenordnern mitbringen.


Rückblick

Beim Schreiben dieser Zeilen denke ich mit etwas Wehmut an die Zeit meines Referendariates beim Landgericht Heidelberg zurück. Heidelberg liegt bekanntlich in Baden. Und in Baden gab es seinerzeit auch noch einen eigenen Standard für die Aktenheftung. Dieser hörte folgerichtig auf den Namen "badische Aktenheftung" und basierte auf zwei kleinen Löchern am oberen linken Papierrand (in der Bürovitrine hüte ich heute noch einen original badischen Aktenlocher). Die Heftung der Akte erfolgte über eine kleine Schnur, die durch die Löcher gefädelt und dann auf der Rückseite der Akte verknotet wurde. Die Kunst, die "richtigen" Knoten zu erlernen, war seinerzeit integraler Bestandteil der Juristenausbildung. Mein bürotechnischer Weitblick in Sachen Aktenlochung war also von frühen Zeiten her bereits geweitet. Vielleicht fiel mir deshalb die Adaption der schwedischen Triolochung nicht besonders schwer...


Ausblick

Der digitale Hoffnungsschimmer glimmt am Horizont und hört auf den Namen "papierloses Büro". Allerings scheint mir die Zukunft nicht ganz so rosig zu sein. Seit 15 Jahren verfolgt mich der Begriff. Aber mit jeder neuen Runde der neuen, papierlosen Welt, ist es immer nur noch mehr Papier geworden. Schade um all die Bäume, die sinnlos gefällt werden.

Sollten wir es aber eines Tages schaffen auf rein-digital umzustellen, wäre zumindest das Locher- und Aktenordner Normierungs Problem vom Tisch. Dafür hätten wir dann mindestens 100 neue (lies: unterschiedliche und inkompatible) Dateistandards am Bein :-)

Triohålning - schwedischer Triolocher - Bürolocher
Schwedischer Triolocher - stanzt vier Löcher nach schwedischem Standard

Triopärm - schwedischer Trioordner - Aktenordner
Schwedischer Trioordner - inkompatibel zum Rest der Welt

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Warum gibt es noch keine EU-Norm für die Grösse von Eiskugeln?

Zugegebenermassen schon etwas Off-Topic hier. Aber wir haben ja in Lappland im Moment hier – im Gegensatz zu Mitteleuropa – schönstes Sommerwetter. Das führt zu erhöhtem Eiskonsum. Böse Zungen behaupten natürlich, das führe auch zu den sog. „Sommerlochthemen“, was ich hiermit aber energisch bestreite.

Der erhöhte sommerliche Eiskonsum hat mich jedenfalls zu einer sehr grundlegenden Frage geführt. Wir kennen alle die „Portionseiskugeln“, die beim offenen Verkauf von Eis zur Anwendung gelangen. Stand ich also vor der Entscheidung, in einem gut sortierten Haushaltswarengeschäft einen neuen Eiskugelportionierer zu erwerben.

Was mich dabei äusserst verwirrte, waren die unterschiedlichen Grössen. Hallo? Gibt es da keine Normen? Meine Rückfrage bei der freundlichen Verkäuferin löste zunächst sichtbare Irritationen aus. Ich war wohl der erste Kunde, der just diese Frage stellte. Gut und schön. Ich habe mich schliesslich für ein mittelgrosses, relativ preisgünstiges Modell entschieden.

Die Frage aber blieb: Wie sieht es in diesem Bereich mit der Normierung aus?

Betrachten wir die Frage einmal aus einer grösseren Perspektive. Bekanntlich gibt es ja für fasst alles europäische Regelungen. Die Freiheit des Waren- und Dienstleistungsverkehrs steht schliesslich auf dem Spiel.

Stellen Sie sich einmal vor, Max Muster – tätig im europaweiten Im- und Export - würde auf Sizilien eine (gefüllte) Eistüte kaufen, sich sogleich in ein Flugzeug setzen, in Berlin landen, und ebendiese Eistüte dann in Berlin als „Direktimport aus Italien“ verkaufen wollen. Im Beispiel unterstellen wir natürlich, dass die von den Brüsseler Bürokraten geforderte Kühlkette dabei nahtlos eingehalten wird. Sie finden dieses Beispiel recht hypothetisch? Finde ich gar nicht, denn sehr viele der Problemstellungen, die EU-Regelungen zugrunde liegen, bewegen sich auf ungefähr demselben Niveau.

Weiter im Text also. Nehmen wir weiter an, die Eiskugeln in Sizilien wären im Durchschnitt signifikant grösser, als die in Berlin - schon hätten wir ein ernstes und schwerwiegendes Problem. Voilà. Da ist es: das Regelungsbedürfnis. Wir dürfen den armen Max Muster und seine Branchenkollegen doch nicht einfach im Regen stehen lassen. Und denken wir auch an den Verbraucherschutz! Soll der Verbraucher denn nicht darauf vertrauen dürfen, das, was sich Eiskugel nennt, auch eine anständige europäische Eiskugel ist? Ich finde schon.
Wirklichkeitsfremd sagen Sie? Dann lesen Sie mal die Verordnung (EG) Nr. 2257/94 der EG-Kommission, welche die Eigenschaften und Klassifizierungen eingeführter Bananen rechtlich verbindlich beschreibt. Bananen, die dieser Norm entsprechen werden ja auch als Eurobananen bezeichnet. Warum bitte schön dann keine „Euroeiskugeln“? Gleiches Recht für alle Lebensmittel (und den Verbraucher)!

Besonderes Regelungsbedürfnis besteht hinsichtlich der Grösse, des Gewichts und der spezifischen Dichte der Substanz. Ist Ihnen noch nie aufgefallen, welche eklatanten Unterschiede hier bestehen? Futtern Sie sich nur einmal durch einige Eisdielen in Ihrer Umgebung. Ihnen werden die Augen aufgehen. Und nun denken Sie sich die europäische Dimension hinzu. Ich sehe vor meinem geistigen Auge bereits eine Heerschar von speziellen Eiskugelkontrolleuren durch die Lande ziehen. Wie viele Arbeitsplätze dadurch geschaffen werden könnten… (noch ein ganz klares Argument für eine entsprechende Regelung).

Dazu kommt ein weiteres: Bestimmt ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Grösse und Gewicht der einzelnen Kugeln bei ein- und derselben Eisdiele nicht unerheblich davon abhängen, mit welchem „Schwung“ der Verkäufer, bzw. die Verkäuferin ans Werk geht. Können Grösse und Gewicht der kalten Kugeln denn tatsächlich von der Laune der portionierenden Person abhängen? Nicht hinnehmbar finde ich. Hier muss unbedingt eine Ausbildung mit Zertifikat eingeführt werden. „Diplomierter Eiskugelportionierer“ wäre mein Vorschlag. Alternativ wären allenfalls elektronisch gesteuerte Eisportionierungsroboter, für die freilich eine eigene EU-Norm einzuführen wären.

Überhaupt die Grösse. Eiskugeln sind im Lebensmittelrecht der EU irgendwie systemfremd. Oder können Sie sich Inhaltsangaben je 100 Gramm oder je Kilogramm am kleinen Schildchen unterhalb des jeweiligen Eisangebotes vorstellen? Reichlich wirklichkeitsfremd. Geht also gar nicht.

Ein neues System für die Inhaltsangaben bei „individual portionierten tiefgekühlten Kleinsüsswaren“ muss geschaffen werden.

Sie erinnern sich an unser Beispiel mit Sizilien und Berlin? Da stellt sich natürlich noch eine andere Frage. Die der Sorten. Um den freien Waren- und Dienstleistungsverkehr zu gewährleisten (und natürlich für die Verbraucher) muss die sortenmässige Vergleichbarkeit von Eiskugeln hergestellt werden. Will sagen: Europaweit einheitliche Geschmacksrichtungen. So ungefähr 8-10 an der Zahl. Mehr darf nicht sein. Wo kämen wir denn auch hin, wenn sich einzelne Eisdielen (und/oder EisverkäuferInnen) Wettbewerbsvorteile durch eigene Kreativität verschaffen könnten?
Eine Frage mit viel weitreichenderen Folgen stellt sich im Zusammenhang mit der Volksgesundheit. Eis wird bekanntlich typischerweise in der wärmeren Jahreszeit verkauft. Die Keime freuen sich dann geradezu darauf, sich endlich vermehren zu dürfen. Warum dürfen also offen portionierte Eiskugeln überhaupt noch verkauft werden? Ich würde einen „Closed-Ice-Process“ vorschlagen. Der sieht ungefähr so aus: Kunde bestellt Eis. Verkäufer portioniert im Reinraum unter Schutzatmosphäre jede Kugel, die anschliessend in einen kleinen Plastikbeutel abgepackt werden muss. Das gleiche Procedere gilt auch für die Waffeln. Auf alle Verpackungseinheiten müssen folgerichtig Verpackungsdatum und Zeit unveränderbar aufgedruckt werden. Der Kunde erhält seine Bestellung auf einem Tablett und darf nun die einzelnen Bestandteile auspacken und in eigener Verantwortung zusammenfügen. So muss das sein!

Wenn Sie mich jetzt als Ex-Anwalt fragen würden, wie man diese Regelungen denn vielleicht möglicherweise umgehen könnte erhalten Sie folgende Antwort:
Haben Sie schon mal über Eiswürfel statt Eiskugeln nachgedacht?

Ich jedenfalls esse jetzt mein Schokoladeneis weiter. Schönen Tag noch.

Eiskugelportionierer - Warum gibt es noch keine EU-Norm für die Grösse von Eiskugeln?
Der Stein des Anstosses: Ein Eiskugelportionierer


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