Im Betatest: Argent Film Simulator App für iOS

Vorbemerkung

Worauf der Charme von Bildern im Retro-Style, d.h. im Stil von klassischen Film- und Entwicklerkombinationen, oft veredelt mit Farbfiltern und getöntem Papier, beruht, wäre eine Frage an die Psychologen und Verhaltensforscher. Vielleicht gibt es eine Korrelation mit dem Alter der Fotografen und Betrachter? Oder vielleicht ist es einfach nur eine Alternative für alle, die der Dunkelkammer leid geworden sind? Ich weiss es nicht. Jedenfalls gehöre auch ich zur Gruppe der Retro-Fans und deswegen hat mich die Nachricht, die mich vor einigen Wochen erreichte, sehr neugierig gemacht: Die Entwicklung einer neuen und sehr vielversprechenden App für die Filmsimulation unter iOS geht in die Endphase.

Kritiker könnten argumentieren, dass es bereits hinreichend viele solche Apps gibt. Ja und Nein. Die neue App "Argent Film Simulator" hat das Zeug dazu, etwas Besonderes zu sein. Der Entwickler hinter der App ist Sean M Puckett, ein Urgestein in Sachen Filmsimulation. Er entwickelte bereits vor etlichen Jahren die legendären Plugins Andy (für V4) und Andrea (für V5) für den RAW-Konverter Bibble (den es bekanntlich seit 2011 leider nicht mehr gibt). Auch für den - wenig geglückten - Nachfolger von Bibble, AfterShot Pro, entwickelte Sean ein Plugin namens Nostalgia, den Nachfolger von Andy und Andrea. Viele Fotokünstler haben seinerzeit Bibble und AfterShot Pro gerade wegen der phänomenalen Plugins von Sean genutzt.


Die Neuigkeit

Vor einigen Wochen erfuhr ich, dass Sean an einer App (die auf den Namen "Argent Film Simulator" hört) arbeitet, die eine Weiterentwicklung seines klassischen Plugin-Konzeptes ist. Nach einem kurzen Mailaustausch habe ich die neue App seit geraumer Zeit als Betatester unter der Kur. Und um es für die eiligen Leserinnen und Leser kurz zu machen: Die App ist ein Volltreffer.


Das Konzept

Das Konzept der App ist pures WYSIWIG ("What You See Is What You Get", oder auf Deutsch: "Was du siehst, ist was du bekommst."). Alle Einstellungen und Änderungen werden direkt in der Preview dargestellt. Und die Preview ist charmanterweise immer als Hintergrundbild sichtbar. Die Einstellungen werden als Overlays dargestellt. Das ist unglaublich praktisch.

Sean hat sich dem Konzept "less is more" verschrieben und so sind die Bedienelemente und Menüs sehr aufgeräumt und übersichtlich.

Argent Film Simulator - Aufgeräumt und übersichtlich: Die Standardansicht
Aufgeräumt und übersichtlich: Die Standardansicht


Am unteren Bildschirmrand

Am unteren Bildschirmrand gibt es ein grosses Einstellrad für die Belichtungskorrektur (bei Autoexposure), bzw. die manuelle Einstellung der Belichtung. Nun zu den restlichen Bedienelementen an dieser Stelle.

Ganz links lässt sich die Vignette einstellen, daneben der Button, über den die Presets abgerufen werden (dazu später mehr). In der Mitte der grosse Auslöser, der durch die mittigen Halbkreise die Verschlussgeschwindigkeit und die Verwackelungsgefahr anzeigt (je mehr Halbkreise, desto längere Verschlusszeit). Rechts daneben der Button, der die Funktion des Autofokus festlegt und ganz rechts die Auswahl des Seitenverhältnisses (darunter auch einige eher unübliche Formate). Der Button für das Seitenverhältnisses gibt über Swipe zusätzlich den Zugriff auf verschiedene Hilfslinienmuster frei.

An Presets gibt es acht Bänke mit je sechs Presets. Das genügt auch einem weitgefächerten Bedürfnis nach individueller Auswahl.

Die Bedienerführung ist so einfach wie möglich. Die Buttons lassen sich durch klicken in ihrem Status weiterschalten. Einige können zusätzlich auch durch ein Swipe nach oben oder unten bedient werden.

Argent Film Simulator - Ein Klick auf das Symbol mit den drei Punkten gibt zusätzliche Bedienelemente frei
Ein Klick auf das Symbol mit den drei Punkten gibt zusätzliche Bedienelemente frei


Am oberen Bildschirmrand

Am oberen Bildschrimrand lassen sich durch einen Klick auf das Symbol mit den drei Punkten die Werkzeuge für den Belichtungsmodus (auto oder manuell), den Weissabgleich, die Fokusmethode, den Flip-Mode (180-Grad Rotation an oder aus), den Selbstauslöser und die Kameraauswahl (front oder rear) bedienen. Klingt viel komplizierter als es ist, und die meisten Einstellungen hier werden ohnehin eher selten benötigt (abgesehen vom Weissabgleich). Der Weissabgleich ermöglicht auch den Einsatz einer Graukarte, denn er lässt sich "locken". Für die schwarz/weissen Presets kann es sich empfehlen, den Weissabgleich fest auf Tageslicht einzustellen.

Argent Film Simulator - Bei der Auswahl eines Presets werden die Informationen dazu angezeigt
Bei der Auswahl eines Presets werden die Informationen dazu angezeigt


Zwischenstand

Nach drei Wochen mit der neuen App kann ich sagen, dass die Anordnung der Bedienelemente und die Bedienung selbst flüssig und organisch gut sind. Alles ist "an der richtigen Stelle" und die Bedienung geht nach sehr kurzer Eingewöhnung zügig von der Hand.

Argent Film Simulator - Mächtiges Werkzeug unter der Haube: Der Preset-Editor
Mächtiges Werkzeug unter der Haube: Der Preset-Editor


Verborgene Power: Der Preset-Editor

Bislang haben wir uns nur mit der Standardoberfläche befasst. Das Konzept hinter der App ist - wie schon gesagt - WYSIWYG. Alle Presets für die einzelnen Filmsimulationen - die bereits ab Werk mit geschmackvoller Auswahl belegt sind - lassen sich mit einem mächtigen Editor individuell bearbeiten. Nicht alle Standard-Presets mögen jedem Anwender gefallen und viele Anwender werden den Look einer speziellen Film- und Entwicklerkombination haben wollen. Hier kommt der mächtige Preset-Editor ins Spiel. Die einzelnen Filme sind aus Gründen des Copyright nicht immer exakt mit der Originalbezeichnung benannt (z. B. "Fuj Velvet 100"), aber der Kenner wird sofort erkennen, was jeweils gemeint ist.

Wer früher schon mit den Plugins von Sean gearbeitet hat, wird sich hier sofort heimisch fühlen. Für jeden Preset lässt sich eine individuelle Kombination aus Film, Papier (soweit nicht Slidefilm), Anpassungen und Tönung (bei s/w) festlegen. Zusätzlich lässt sich wählen, ob eine digitale, lineare Sättigungskurve oder eine filmtypische solche verwendet werden soll.

Im oberen Bereich des Editors findet sich die Auswahl einer Fülle von Filmen. Viele davon sind bekannte Klassiker, aber auch einige "Exoten" befinden sich darunter. Für jeden Geschmack dürften sich eine passende Auswahl finden.

Die blauen Symbole stehen für schwarz/weiss Filme, die grünen für Farbfilme. Die sich vom Look nahestehenden Filme sind durch hellere und dunklere Symbole hervorgehoben. Gefüllte Quadrate stehen für Sofortbildfilme, halbe Quadrate für Diafilme, gefüllte Kreise für Negativfilme und halbe Kreise für Positivfilme. Die gelbe Hervorhebung gibt an, welche Kombination gerade aktiv ist. Alle Änderungen werden stets sofort im Sucherbild im Hintergrund sichtbar. Sehr praktisch ist die Möglichkeit mit einem Finger langsam über die Auswahlbuttons zu streichen, und die Änderungen im Hintergrund live zu sehen.

Zusätzlich lassen sich noch Farbfilter und die Entwicklungszeit (Negativ und Papier) angeben. Ein nettes Feature aus den Desktop-Plugins findet sich auch hier: Alle Filme lassen sich erzwungenermassen als schwarz/weiss oder Farbfilm entwickeln, was in vielen Fällen interessante Effekte gibt.

Der Editor ist - wie schon gesagt - sehr mächtig. Die meisten User werden sich aber für Ihre "Favoriten" entscheiden. Die können dann in einer der Presetbänke gespeichert werden. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Ich alte es simpel: Meine Favoriten sind in logischer Folge (erst die Farb- dann die schwarz/weiss-Presets) in der ersten Presetbank gespeichert, und dadurch jederzeit in Griffweite.

Wer sich einen visuellen Eindruck der Fähigkeiten verschaffen möchte, kann auf Instagram dem Hashtag #ArgentFilmSim folgen.

Die neue App setzt iOS 9 (und damit mindestens ein iPhone 4S) voraus.

Sean hat mir heute mitgeteilt, dass die App gerade für die Veröffentlichung im App-Store eingereicht wurde. Sie dürfte ein ein bis zwei Wochen verfügbar sein. Es wird eine Freeware-Version geben, bei der es nicht möglich ist, Änderungen in den Presets zu speichern. Eine überaus faire und anwenderfreundliche Lösung, die es ermöglicht, die App ausfürhlich zu testen, bevor man die volle Funktionalität über einen In-App-Kauf freischalten möchte.

Mein Fazit: Sie drei Wochen benutze ich ausschliesslich fast nur noch Argent Fil Simulator und bin von den Ergebnissen sehr begeistert. Ein echter Geheimtipp.


UPDATE 2015-12-24: Kurz vor Weihnachten ist Argent Fim Simulator 1.0 nun im Apple AppStore gelandet.