Stilfragen - Warum man auch "schlechte" Bilder archivieren sollte

Die aktuelle Anfrage eines Fotokunden soll Anlass sein, sich mit der Frage von "Bilderausschuss" zu beschäftigen.

Vergangene Woche meldete sich eine bekannte schwedische Autorin, die auf der Suche nach einem Bild für das Cover ihres demnächst erscheinenden neuen Buches ist. Sie hat genaue Vorstellungen und konnte das gesuchte Motiv und die Ausführung auch genau beschreiben. Sie war bislang aber nirgendwo fündig geworden. Es geht um ein sehr mystisches und unklares Bild, das keiner der üblichen Kategorien entspricht. Oder, rein fotografisch gesprochen, um ein Bild, das normalerweise direkt nach der ersten Sichtung in die virtuelle Tonne gewandert wäre.

Das gesuchte Motiv ist zudem auch noch unüblich und selten. Via Google hatte sie ein Bild, das "in die richtige Richtung" geht hier in einem sehr alten Blogeintrag gefunden (was - nebenbei bemerkt - durchaus erstaunlich ist). Natürlich war die im Blog gezeigte Version von der fotografischen Umsetzung gut. Sie wollte aber eine bewusst "unsaubere", "unscharfe" und - nach Mainstream-Massstäben - "schlechte" Version.

Und damit sind wir mitten im Thema:

Oft wird Fotografinnen und Fotografen empfohlen, nur die "Keeper", d.h. die besten Bilder - einerlei ob Einzelaufnahmen oder aus Serien - zu archivieren, und ansonsten erbarmungslos weg zu werfen. Es gibt auch gute Gründe für diese Argumentation. Zwar sind die Kosten für Speichermedien heutzutage beinahe vernachlässigbar geworden, aber die Katalogisierung und Verschlagwortung stellen doch einen nicht unerheblichen Aufwand dar.

Trotzdem bin ich - was den "Ausschuss" betrifft - anderer Meinung als der Mainstream. Das Problem liegt doch darin, die Kriterien für Ausschussbilder festzulegen. Denn welche Bilder ein Kunde in der Zukunft vielleicht einmal brauchen wird, lässt sich im Vorhinein nicht sagen.

Daher ermutige ich dazu, auch "ungelungene" Bilder ins Archiv zu nehmen. Vielleicht nicht alle Aufnahmen aus einer missglückten oder misslungenen Serie, aber jedenfalls einige. Der schöne Nebeneffekt davon ist auch, aus den im Archiv dokumentierten Fehlern lernen zu können.

Das führt auch gleich zum nächsten Punkt. Es wird in der Regel auch allgemein geraten, nur die besten Bilder zu zeigen und zu veröffentlichen. Im Prinzip stimmt das ja, aber auch hier stellt sich die Frage nach den Kriterien. Welche sind die besten Bilder? Ich denke es geht darum, was den individuellen und persönlichen Stil am besten zum Ausdruck bringt. Und das können (müssen?) dann durchaus auch Bilder sein, die nach der Meinung des fotografischen Mainstreams zu einem gewissen Zeitpunkt eben als "schlecht" gelten. Das ist ein Grundprinzip des Fortschritts, denn ansonsten würden wir immer nur auf der Stelle treten.

Zurück zum Bild für das Buchcover. Als kreativer „Jäger und Sammler" hatte ich auch einige - nach derzeitigen allgemeinen Massstäben - „missglückte“ Varianten aus der Bilderserie archiviert. Und darunter war auch genau das von der Kundin gesuchte Bild. Zeigen darf ich es hier im Zusammenhang leider nicht, aber das Buch wird Anfang 2015 erscheinen, und ich werde dann dezent darauf hinweisen.

Will ich meinen Namen als Fotograf mit diesem Bild in Verbindung gebracht haben? Selbstverständlich, denn es geht - wie gesagt - um den individuellen und persönlichen Stil!