Lappland - Das liebe Wetter - Der liebe Winter

Heute wieder einmal - wegen der vielen Fragen, die uns dazu erreicht haben - ein Update zum Wetter. Wie sieht es aus dem Winteranfang in Lappland 2016?

Kurz gesagt: Es schneit und schneit. Im Langzeitvergleich ist der Winteranfang untypisch, denn es gibt viel zu viel Niederschlag (sprich: Schnee). Bislang gab es erst eine kurze richtige Kälteperiode (einige Tage bei minus 10 bis 20 Grad C). Ansonsten dümpeln die Temperaturen um den Gefrierpunkt herum, was die perfekte Voraussetzung für Schneefall von der übelsten Sorte ist: Richtig nasser und schwerer Schnee.

Das "Snöskottning" (schwedisch für Schneeräumen) wird dadurch zur echten Knochenarbeit. Die grossen Flächen lassen sich zwar mit der Schneefräse (Gott sei Dank für diese Erfindung!) räumen, der schwere Schnee macht aber auch das zur Schwerstarbeit. Und die kleinen Wege, die Ecken und die Kanten werden ohnehin - wie immer - von Hand geräumt.

Um es mit den Worten von Frau Lapplandbog zu sagen: Andere gehen ins Bodybuilding - wir räumen Schnee :)

Die Langzeit-Wetterprognosen (z. B. von The Weather Company) verheissen derzeit auch nichts Gutes. Dezember und Februar sollen kälter und schneereicher werden, als es dem statistischen Durchschnitt entspricht. Lediglich der Januar soll etwas wärmer als normal werden.

In Zentimetern gemessen liegen derzeit (Stand: 26.11.2016) im Inland von Västerbotten ca. 35-40 cm Schnee. Das ist ungefähr das Doppelte des Langzeit-Durschnitts.

Die ungewöhnlich starken Schneefälle haben bereits mehrfach zu erheblichen Infrastrukturproblemen (Verkehrschaos und Stromausfälle) geführt. Wir werden sehen, wie es weitergeht.

Tipp: Alle Norrlandurlauber seien ermahnt, gute Nerven und viel Zeit mitzubringen und auf Unvorhergesehenes vorbereitet zu sein.

Ich verweise auf unsere fünfteilige Beitragsserie zu den "Wintervorbereitungen in Lappland", die hier zu finden ist.


wetter_nov_2016_lappland
Lappland - Schön anzusehen, aber beschwerlich: Grosse Mengen Schnee

Zukunft im Spiegel (Future II)

Zukunft im Spiegel (Future II)
Fortsetzung von Teil 1

Über Künstler, Kunst und Skalierbarkeit [Nachtrag / Update 2016-11-13 und 2016-11-26]

Künstler erkennst du daran, dass sie etwas erschaffen das nicht skalierbar ist.

Henning Wüst, meinem lieben Freund Thomas S. gewidmet


Nachtrag / Update 2016-11-13:

Zu diesem Artikel kam - auf verschiedenen Kanälen - erstaunlich viel Feedback rein. Martin hat in den Kommentaren geschrieben und seinen Mut möchte ich „belohnen“ indem ich seine Frage hier hinein kopiere und zum Anlass nehme, das Thema noch etwas tiefer und breiter zu illustrieren.

Martin schrieb:

Hallo Henning,
inwiefern ist Kunst denn nicht skalierbar? Und klappt dann auch das konsequente Weiterdenken, wonach alles nicht Skalierbare zugleich Kunst wäre?
BG, Martin



Ausgangspunkt war meine Aussage: „Künstler erkennst du daran, dass sie etwas erschaffen das nicht skalierbar ist.“

Nähern wir uns dem Begriff der Skalierbarkeit. Ganz allgemein beschreibt beschreibt Skalierung eine Größenveränderung. Der Begriff wird von dem italienischen Wort „scalae“, was Treppe bedeutet, abgeleitet. Allgemein beschreibt Skalierung eine Größenveränderung. Im betriebswirtschaftlichen Sinne steht die Skalierbarkeit für eine spezielle Eigenschaft einer Geschäftsidee bzw. eines Geschäftsmodells. Die Definitionen des Begriffs ausserhalb der IT-Welt (wo er in einem rein technischen Sinne verwendet wird) sind nicht völlig einheitlich.
Im Kern geht es bei der Skalierbarkeit aber immer um die Expansionsfähigkeit eines Modells (oft eines Geschäftsmodells). Kann bei einem Geschäftsmodell z. B. der Umsatz signifikant gesteigert werden, ohne dass die Kosten überproportional mitwachsen, oder gar grössere Investitionen notwendig sind, dann ist es gut skalierbar. Die mittlerweile klassischen Beispiele aus der Betriebswirtschaft sind fast alle im Internethandel - insbesondere im Softwarevertrieb - zu finden.

Der Grundgedanke lässt sich aber ohne weiteres auch auf Bereiche ausserhalb der reinen Geschäftswelt übertragen.

Was bedeutet das für den Bereich der Kunst, insbesondere der Fotografie?


1. In der Fotografie spielt die Skalierbarkeit bereits bei der Auswahl der Fotomotive eine grosse Rolle. Skalierbar sind Allerweltsmotive. Oder etwas präziser formuliert: Alle Motive, die eine längere zeitliche Beständigkeit und Dauer haben. Der legendäre Half Dome im Yosemite Park zum Beispiel. Er ist zweifellos eine sehr hübsche Location. Aber eben eine der am meisten Fotografierten weltweit. Die Anzahl der möglichen Bilder vom Half Dome ist im Prinzip unbegrenzt. Das führt aber nicht dazu, dass irgendein künstlerischer „Return“ grösser würde. Das Gegenteil ist der Fall. Mit der Anzahl der Bilder sinkt der künstlerische „Return“ und die Masse der Bilder stechen künstlerisch nicht heraus. Anders mit nicht skalierbaren, vergänglichen Motiven, die es nur eine sehr kurze und begrenzte Zeit gibt.

Das stützt die von Martin als Frage aufgeworfene These, dass fehlende Skalierbarkeit ein Indiz für Kunst ist.


2. Das gilt übrigens ganz allgemein für alle Tätigkeiten. Nehmen wir einen begnadeten Frisör als Beispiel, der seinen Weg vom Lehrling über den Gesellen bis zum Meister absolviert hat. Die meisten Frisöre, die es so weit geschafft haben, bleiben auf dieser Stufe stehen. Ganz wenigen gelingt der Sprung über die nächste Klippe, d. h. zum Künstler. Worauf das genau beruht, ist eine andere Fragen. Die berühmten 10.000 Stunden von Malcolm Gladwell spielen bestimmt eine wichtige Rolle, aber auch andere Faktoren haben Einfluss. Der Künstler ist im Beispiel der einzelne Frisör selbst. Ganz praktisch am Beispiel des Frisörsalons heisst das: Da gibt es einen Menschen, einen Frisör, und der ist Künstler in seinem Fach. Alle die anderen Angestellten im Salon spiegeln nur seinen / ihren Abglanz und leben von seinem / ihrem Renommee. Da lässt sich auf der künstlerischen Seite nichts skalieren. Nimm den Künstler aus der Gleichung und der Salon bricht zusammen. Was auf der Kundenseite zieht ist die Möglichkeit zu eben diesem Salon zu gehen und sich so auch im Abglanz des Künstlers zu sonnen, ohne diesen oder diese dort aber auch nur jemals zu Gesicht bekommen zu haben.

Auch das stützt die von Martin als Frage aufgeworfene These, dass fehlende Skalierbarkeit ein Indiz für Kunst ist.

Nota bene: Das Beispiel des Frisörs ist ein geschäftliches Grunddilemma, das für alle Freiberufler gilt, einerlei ob Anwalt, Arzt, Dozent, usw.


3. Viele Medien in der Kunst sind als solche nicht skalierbar. Das ist eine der Erklärungen, warum viele Fotografen von der Renaissance der Analogfotografie so begeistert sind. Die fehlende (oder besser: systemimmanent begrenzte) Skalierbarkeit übt eine künstlerische Faszination aus. Denn sie rückt die Fotografie in die Ecke der Malerei. Ein gemaltes Bild ist ein Unikat. Ein Polaroidfoto ist ein Unikat. Das Negativ eines analogen Bildes ist ein Unikat, das zumindest in der Möglichkeit Abzüge zu erstellen so eingeschränkt ist, dass die Abzüge den Hauch der Nichtskalierbarkeit haben (deswegen auch die i. d. R. limitierte Anzahl an Abzügen).

Auch das stützt die von Martin als Frage aufgeworfene These, dass fehlende Skalierbarkeit ein Indiz für Kunst ist.

Für den Massenmarkt gibt es hier - analog zu dem oben als Beispiel angeführten Frisörsalon - den Abglanz des Künstlers in Form von Kunstdrucken und Reproduktionen. Aber selbst wenn diese qualitativ extrem hochwertig sind, so sind sie an und für sich eben eines nicht: Echte Kunst, denn die analoge Kunst ist eben nicht skalierbar.

So ist es mit dem Bildkünstler wie mit dem Frisörkünstler: Man kann eine eigene Welt um sie herum bauen um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zu geben, mit ihrem Abglanz in Kontakt zu kommen. Mehr aber eben auch nicht. Das macht auch den bezaubernden und beinahe unwiderstehlichen Charme der Kunstausstellung aus: Werden echte, d.h. nicht skalierbare Originale ausgestellt, ist die Ausstellung die einzige Möglichkeit dem Abglanz der Künstlers so nahe zu kommen, wie es eben geht.


4. Was uns zur finalen Frage führt: Wie sieht es mit der Digitalfotografie aus?

Was die Skalierbarkeit angeht, so sieht es ausgesprochen schlecht aus. Denn die Möglichkeit der unbegrenzten digitalen Kopierbarkeit des Endergebnisses stellt die künstlerische Natur per se in Frage. Warum gibt es viele Camera-Apps, die versuchen die Nichtskalierbarkeit nachzuahmen. Da muss geschüttelt werden, da ist das aufgenommene Bild erst nach Minuten oder gar Stunden, oder wenn ein virtueller Film vollgeknipst ist, sichtbar. Von manchen Apps wird auch der virtuelle „Kommissar Zufall“ in Form „zufällig“ hinein gerechneter Bildstörungen und Effekte bemüht. Alles vergeblich, denn selbst wenn man diesen „Krücken“ ihre Berechtigung im Erstellungsprozess zusprechen würde, so bleibt das digitale Endprodukt, das Bild, doch kopierbare Massenware (sprich im allerbesten Fall meisterhafte Gebrauchsfotografie aber keine Kunst).

Vielleicht müssen wir sogar den Schluss ziehen, dass die digitale Fotografie generell einfach bestenfalls nur meisterhaft, aber eben niemals wirklich künstlerisch sein kann?

Ich freue mich auf eine breitere Diskussion.


Nachtrag / Update 2016-11-26:

Eine Leserzuschrift, die mich sehr bewegt hat, möchte ich hier noch als Nachtrag anhängen. Don, seines Zeichens Pastor, schreibt mir (leicht gekürzt):

Du darfst die Vergänglichkeit als Kriterium nicht vergessen. Du hast das unter Punkt 1 schon angesprochen. Schliesslich geht es um eine ganz grunssätzliche Frage.

Die Bibel bringt das für mich am besten auf den Punkt. In Psalm 90 Vers 12 heisst es:

"Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Und genau darum geht es. Das der Vergänglichkeit unterworfen sein ist der Knackpunkt. Was machst Du, wenn Du Bilder machst? Du versucht, die Vergänglichkeit aufzuhalten. Den Augenblick "festzuhalten" und "einzufrieren". Das entspricht einem menschlichen Grundbedürfnis. Denn der Mensch weiss, dass er der Vergänglichkeit, d.h. dem Tod, anheim gegeben ist.

Warum werden Denkmäler errichtet, Potraits gemalt, Pyramiden gebaut und Familiendynastien gegründet? Um den Hauch der Unsterblichkeit zu erreichen. Um etwas zu schaffen, das über den Tod hinaus reicht. Um sich selbst, oder jemanden oder etwas, das man verehrt, zu "verewigen". Der Versuch ist aber von vornherein zum scheitern verurteilt, denn die Schöpfung und der Mensch sind der Vergänglichkeit unterworfen und da beisst keine Maus einen Faden ab. Die eigentliche Frage ist eine solche geistlicher Natur und härt auf den Namen "ewiges Leben". Und das gibt es nur bei Gott und nicht durch Denkmäler, Portraits, Dynastien oder Fotografien.


Eis - nicht skalierbare Kunst