Hilfe, die roden meinen Wald ab (mit praktischen Tipps, was Sie in Schweden dagegen tun können)

Neulich in Lappland. Zu nachtschlafener Zeit klingelt das Mobiltelefon. Eine mir spontan nicht bekannte Nummer erscheint auf dem Display. Ich hebe ab und melde mich. Eine verzweifelt klingende Stimme am anderen Ende der Leitung ruft: "Hilfe - die roden gerade meinen Wald ab". Ich erhole mich erst einmal von meinem inneren Dialog, der ungefähr so lautete: "Warum rufen die alle immer mich an?". Aber ich bin ja gerne hilfsbereit und das wird alles seinen Grund haben. Also weiter im Text. Was war geschehen?

Im Laufe des Gespräches ergab sich etwas Klarheit. Der Anrufer betreibt in Norrbotten einen kleinen Tourismusbetrieb, der für seine traumhafte Lage in einem Wald bekannt ist (mittlerweile: war). Die bezaubernde Waldlage ist ein Alleinstellungsmerkmal. Ohne den Wald sinkt der Wert des Anwesens beträchtlich, denn dann ist der Platz für Naturliebhaber quasi wertlos. Das weitere Gespräch erhellte auch, dass es natürlich nicht um den "eigenen" Wald, sondern um den in fremdem Eigentum stehenden Wald rund um das Anwesen ging. Und das führt zu ganz wichtigen Fragen für alle, die hier oben ein Anwesen mit "traumhafter Waldrandlage" haben. Dieser Blogbeitrag soll etwas Licht ins Dunkel bringen.

Über die - für deutsche Verhältnisse - "grossräumige" Waldwirtschaft hatten wir schon einmal hier ("Kahlschlag - Forstwirtschaft in Lappland") und hier ("Holzwirtschaft am Polarkreis, Teil 2: Zu Besuch bei Setra") ausführlich berichtet.

Was aber kann getan werden, wenn die grossen Erntemaschinen plötzlich anrollen und der benachbarte Wald gleich einem Rasen gemäht wird?

Ist es erst einmal soweit gekommen, ist meistens nur noch wenig zu machen. Wer also "seinen" Wald bewahrt haben möchte, sollte sich in regelmässigen Abständen um einige Dinge kümmern. Aber erst einmal zu den Grundlagen.

Manche Waldgebiete sind in Schweden bereits gesetzlich vor einer Abholzung geschützt. Vier Typen von geschütztem Wald werden dabei unterschieden: Nationalparks, Naturreservate, Naturmonumente und Habitat-Schutz. Daneben gibt es noch sog. Natura 2000 Waldgebiete, die direkt durch europäische Vorschriften geschützt werden. Die vom jeweiligen Schutz erfassten Bestände werden vom Länsstyrelsen (d.h. der jeweiligen Landesverwaltung) verzeichnet und verwaltet. Für den Erhalt des benachbarten Waldes ist ein solcher Schutz gut. Allerdings darf in den Schutzbegieten in aller Regel nicht gebaut werden (und auch sonst sind mit dem Schutz verschiedenen Einschränkungen in der Nutzung verbunden).

Sie sollten sich also über den Gebietscharakter des (eigenen und anrainenden) Waldes erkundigen. Sie müssen dazu nicht direkt beim Länsstyrelsen nachfragen; die Bauämter auf den Gemeindeverwaltungen haben über ein EDV-System Zugriff auf die Karten mit den geschützten Gebieten.

Jede geplante Abholzung, die mehr als 0,5 Hektar betrifft, muss beim Skogsstyrelsen ("Waldwirtschaftsbehörde") mindestens sechs Wochen vor Beginn angezeigt werden. Der Wald muss ausserdem ein bestimmtes Alter erreicht haben, bevor eine Abholzung stattfinden darf. Für Nadelwald liegt dieses Alter i.d.R. zwischen 45 und 100 Jahren.

Ein schwedisches Gesetz aus dem Jahre 1993 schreibt vor, dass bei Abholzungen Umweltaspekte und die Produktionsziele gegeneinander abzuwägen sind. Auch "soziale Aspekte" sollen dabei berücksichtigt werden. In der Praxis hat das aber praktisch so gut wie keine Beschränkungen zur Folge. Meist werden die Produktionsziele höher gewichtet. Das auch deswegen, weil der Skogsstyrelsen einen Waldbesitzer entschädigen muss, wenn die Rodung nicht gestattet wird.


Einen interessanter Film über das schwedische "Waldmanagement" (englisch)


Weite Teile des Waldes sind im Besitz einiger weniger sehr grosser Gesellschaften. Glücklich schätzen darf sich, wer von Abholzungsplänen von Svea Skog oder der Norra Skogsägarna betroffen sein könnte. Beide Gesellschaften haben sich selbst verpflichtet, über die gesetzlichen Vorschriften hinaus, einen Anteil des Waldes zur Erhaltung der Natur zu schützen. Allerdings steht es dabei im Ermessen der jeweiligen Gesellschaft festzulegen, welche Gebiete dem freiwilligen Schutz unterfallen. Dankenswerterweise sind beide Gesellschaften aber auf einen guten Dialog mit den Anrainern aus. Hier lohnt es sich auf jeden Fall, in der Planungsphase möglichst frühzeitig das Gespräch zu suchen. Die Norra skogsägarna sind zudem PEFC-certified. Das beinhaltet eine Verpflichtung zur sozialen Nachhaltigkeit.

Die Tipps und Empfehlungen für den Anrainer lauten also:

- Erkundigen Sie sich auf der Gemeinde oder beim Länsstyrelsen, ob die anrainenden Waldgebiete einem gesetzlichen Schutz unterstehen.

- Halten Sie Ausschau nach Markierungen, welche die Eingrenzung eines Abrodungsgebietes kennzeichnen. Entdecken Sie solche, ist höchste Eile geboten. Manchmal haben Sie noch Monate Zeit, manchmal aber auch nur Tage oder Stunden.

- Noch besser ist es, sich in regelmässigen Abständen (z. B. vierteljährlich) beim Skogsstyrelsen zu erkundigen, ob in der Nähe Ihres Anwesens grössere Abholzungen geplant sind.

- Falls Sie von einer geplanten Abholzung erfahren, suchen Sie umgehend den Dialog mit dem jeweiligen Waldeigentümer und legen Sie Ihre Position, d.h. warum Sie auf den Erhalt bestimmter Waldgebiete angewiesen sind (z. B. aus touristischen Gründen), dar.

Hilfe die roden meinen Wald ab
Nicht nur Biber und anderes Getier roden Wald...

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