Marathon-Faces: Lapland Ultra Marathon 2012

Im beschaulichen Adak (Malå Kommun) in Schwedisch-Lappland findet alljährlich um Midsommar ein Sportereignis von Weltklasse statt: Lapland Ultra. Dahinter verbirgt sich ein Ultra-Marathon mit einer Laufstrecke von 100 Km. Daneben gibt es auch die Möglichkeit, verschiedene kürzere Distanzen zu laufen. Der Lauf ist neuerdings sogar für die Schwedischen Meisterschaften anerkannt.

Vom Start und von der Strecke hatten wir bereits berichtet (z. B. 2009 hier und hier).

Dieses Jahr hat mich sehr die Frage beschäftigt, wie sich die Läufer und Läuferinnen fühlen beim Zieleinlauf. 100 km am Stück zu laufen (und das in nur ca. 7,5-9 Stunden) ist für mich eine unvorstellbare Herausforderung. So entstand der Gedanke eine Fotostrecke unter dem Titel "Marathon Faces" zu machen.

Also ging es um vier Uhr morgens gen Zieleinlauf. Mit den ersten Finalisten wurde gegen 5 Uhr gerechnet. Relativ wenige Medienvertreter haben sich zu so frühmorgendlicher Zeit blicken lassen. Wahrscheinlich ist der Medienrummel bei der Preisverleihung um 11 Uhr grösser. Mir ging es aber darum, die Läuferinnen und Läufer direkt beim und nach dem Zieleinlauf abzulichten.

Die Rahmenbedingungen für den Lauf waren dieses Jahr übrigens nahezu perfekt: Sehr kühl (beim Zieleinlauf um die 12 Grad) und verregnet. Das ist deutlich besser als 25 Grad, Sonnenschein und Stechmücken in unbegrenzter Anzahl. So wurden denn dieses Jahr auch neue Streckenrekorde aufgestellt. Nachteil an dem kühlen Wetter ist das potentielle Risiko für Läuferinnen und Läufer. Nach mehreren Stunden Höchstleistung ist eine schnelle Auskühlung eine ernste Gesundheitsgefahr. So hüllen sich denn viele Teilnehmer nach dem Zieleinlauf sofort in dicke Decken und Daunenmützen.

Wie ist es nun mit den Finalisten? Mich hat erstaunt, wie fit sie dennoch sind. Aber sehen Sie selbst:

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-> Till bildspelet: Marathon-Faces: Lapland Ultra Marathon 2012


Marathon-Faces: Lapland Ultra Marathon 2012
„Vier Uhr dreissig auf der Zielgeraden - Die Ruhe vor dem Sturm“

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Schwedischer Fika-Kult: Kalles Kaviar aus der Tube

Heute widmen wir uns einem echten Highlight der schwedischen Essenskultur: Kalles Kaviar aus der Tube.

Die charakteristischen blauen Tuben (die es mit diversen Geschmacksrichtungen auch in anderen Farben gibt), dürfen auf keinem "Fikabord" (Pausentisch) in Schweden fehlen. Wer mit dem Begriff der Fika (noch) nichts anfangen kann, bitte zuerst den Artikel dazu lesen.

Der kultige Tubenkaviar wird seit 1954 von Abba Seafood hergestellt und vertrieben. Die Firma mit dem guten Riecher für die schwedischen Geschmacksnerven hatte das Rezept 1954 von einem reisenden Händler erworben. Kalles enthält Rogen vom Kabeljau und vom Dorsch (vom Köhlerfisch, einer Dorschart, um ganz genau zu sein), Zucker, Salz, Kartoffelmehl und Tomatenpüree. Die genauen Anteile und eventuelle weitere Inhaltsstoffe sind gut gehütetes Betriebsgeheimnis. Jedenfalls erwies sich der Brotaufstrich aus der Tube von Anfang an als Verkaufsschlager, insbesondere unter Kindern und Jugendlichen. 

Schwedischer Fika-Kult: Kalles Kaviar aus der Tube
„Hier die seltene Kalles-Minitube“


Kalles Kaviar hat übrigens auch eine fotografische Komponente: Zu Beginn des Vertriebs hatten die Tuben nur eine nüchterne Aufschrift. Ein Werbefachmann bestand 1955 darauf, dass ein Logo auf die Tube müsse. Ein blonder und blauäugiger Junge müsse es sein. Der damalige Geschäftsführer von Abba Seafood, Christian Ameln, hatte einen Sohn, der dem Wunschbild recht nahe kam. Also wurden kurzerhand die Familienalben gewälzt und so gelangte das Bild von Sohn Carl auf die Tube. Und bis zum heutigen Tage prangt es dort. Das Bild war übrigens von der Frau Mama aufgenommen worden. Fotografisches Fazit: Bilder sammeln. Man weiss ja nie...

Zurück zum Kaviar: Der Verkauf lief so gut, dass bereits im ersten Vertriebsjahr über eine Million Tuben verkauft wurden. Heute beläuft sich die verkaufte Menge auf ca. 2.600 Tonnen pro Jahr. 

Kalles hat übrigens auch eine sehr nette Homepage auf der man sich u.a. aus einem eigenen Passbild einen sog. "Kaviatar" (einen etwas anderen Avatar) erstellen kann. 

Im Laufe der Zeit hat Kalles auch in feineren Restaurants und Hotels Einzug gehalten. So staunte ich nicht schlecht, als ich vor einigen Tagen eine luxuriöse Ausführung des Tubenkaviars auf dem Frühstücksbuffet eines Hotels der - sagen wir mal - "gehobenen Kategorie" entdeckt habe.

Schwedischer Fika-Kult: Kalles Kaviar aus der Tube
„Die Luxusausführung für Hotels und Restaurants“


Schliesslich zum Geschmack. Was soll ich sagen? Er ist schwer zu beschreiben und ist - wie der Name schon sagt - eben eine Geschmackssache. Aus Einwandererperspektive würde ich - höflich formuliert - sagen: Die interkulturelle Kompetenz stösst bisweilen an ihre Grenzen, wenn es um die Geschmacksnerven geht. Zu lange wurden diese an bestimmte Geschmacksrichtungen gewöhnt. Aber ich möchte Sie trotzdem ermutigen: Wenn Sie die Gelegenheit haben, greifen Sie zu und probieren Sie selbst. Und als typisch schwedisches Reisemitbringsel ist Kalles auch ideal geeignet!

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Reportage: Mångkulturfest (Fest der Kulturen) in Malå

Im südlichen Lappland liegt die Kleinstadt Malå. Auf 1.727 Quadratkilometern leben derzeit (noch) ca. 3.300 Einwohner (Tendenz abnehmend). Das entspricht ungefähr 1,9 Einwohnern je Quadratkilometer. Erstaunlicherweise aber sind im kleinen Malå ca. 40 unterschiedliche Nationalitäten und Kulturen vertreten. 

Grund genug für die Stadtverwaltung, erstmalig ein "Mångkulturfest" (Fest der Kulturen) zu veranstalten. Drei Stunden lang wurde das Folkets Hus in Malå zum interkulturellen Sammelpunkt mit vielfältigen Angeboten. Leckere Gerichte aus vielen verschiedenen Ländern, kulturelle Einlagen und jede Menge Informationen zu den in Malå vertretenen Gruppen, bildeten das Programm. Der Andrang war erstaunlich gross und Jung und Alt nahmen die Gelegenheit zur Begegnung wahr. Wir haben eine Reportage fotografiert und eine kleine Bildstrecke zusammen gestellt.   

-> Zur Galerie: Fest der Kulturen am 16.6.2012 in Malå

-> Till bildspelet: Mångkulturfest i Malå 16/6

Reportage: Mångkulturfest (Fest der Kulturen) in Malå
„Interessierte Besucher beim Fest der Kulturen: Welches Land hat diese Flagge?“

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In den Wäldern Lapplands

Was tun an einem hoffnungslos trüben Sonntag, an dem es in einer einzigen Tour regnet? 
Irgendwo im Hinterkopf bringt sich die alte Weisheit in Erinnerung: "Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur die falsche Kleidung!". Ausserdem haben die Vierbeiner eine andere Einschätzung bezüglich des Wetters. Also ein Kompromiss: Es geht querfeldein in möglichst dichten Wald. Da kommt wenigstens nicht ganz so viel Regen durch.

Touren durch den unberührten Wald in Lappland sind immer eine spannende Sache (*Sicherheitshinweis und Tipp dazu siehe ganz unten!*). Wunderbare und merkwürdige Dinge sind dort zu finden. Zu meinen Favoriten gehören antike Autowracks. Erstaunlich viele Oldtimer fristen irgendwo dort draussen - oft schon eingewachsen in die Natur - ihr Dasein. Manchmal sind richtige Schätze zu finden, wie z.B. dieser 170er Mercedes, über den ich früher schon einmal gebloggt habe

Auf der heutigen Regen-Waldtour habe ich wieder einen neuen Oldtimer entdeckt. Um was genau es sich handelt kann ich noch nicht sicher sagen. Nur die Haube lugte aus dem im Moor wuchernden Gestrüpp heraus. Sobald es wieder einigermassen trocken ist, werde ich dort nochmals vorbei schauen und der Sache auf den Grund gehen. 

Oldtimerparadies Lappland - In den Wäldern verbergen sich wahre Schätze
„Oldtimerparadies Lappland - In den Wäldern verbergen sich wahre Schätze“



*Sicherheitshinweis / Tipp für Urlauber, Touristen und eventuelle Nachahmer: Touren querfeldein durch den Wald in Lappland bergen das erhebliche Risiko sich gnadenlos zu verirren. Ohne klare und deutliche Orientierungspunkte geht die Orientierung rasend schnell verloren. Das kann ernst, mitunter lebensbedrohlich werden. Denn die nächste menschliche Siedlung ist mitunter etliche Kilometer entfernt und gerade denn, wenn man es bräuchte, gibt es keinen Mobilfunkempfang. Das passiert übrigens oft auch Einheimischen, z. B. beim Pilzesammeln. Eine Such- und Rettungsaktion mit Polizei und Helikopter kann empfindlich teuer werden (und der Erfolg ist keinesfalls garantiert). Also bitte, bitte ein GPS mitnehmen und viele Routenpunkte setzen. Und bitte an Ersatzbatterien denken. Die geben nämlich immer dann den Geist auf, wenn man das Dingens dann wirklich benötigt...

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Waterball - Ein Bekenntnis

Wahrscheinlich verfällt Europa jetzt wieder in die Fussball-Starre. Der Traffic im Web nimmt ab und das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Die Mehrheit der Europäer starrt gebannt auf den Ball und das Tor. 

Dennoch mein Bekenntnis zur Fussball EM: Ich bin kein Fussballfan. Obwohl ich meine fotografische Karriere 1987 mit Fussball (Regionalliga und Kreisliga im Raum Heilbronn) begonnen habe. Richtig warm geworden bin ich mit dem Fussball nie.

Verfolgen tut er mich trotzdem. So auch in Stockholm. Ob für diesen pfiffigen Brunnen allerdings ein Fussball Pate gestanden hat, ist mit unbekannt. 

Waterball Stockholm (Ecke Vasagatan, Olof Palmes gata)
„Waterball Stockholm (Ecke Vasagatan, Olof Palmes gata)“


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Smartphones - Geliebt, gehasst, genutzt...

Im Artikel über meine Trendforschung in Stockholm hatte ich unter der Überschrift "Der Trend zur mobilen Fotografie" auch einen Absatz über Smartphones geschrieben (wörtlich schrieb ich über "iPhones und Androiden"). Auf meine kritischen Ausführungen hin habe ich auf verschiedenen Kanälen erstaunlich viel Feedback bekommen. Anlass genug, das Thema nochmals zu vertiefen.

Keine Sorge, ich führe die Grundsatzdiskussion zur Erforderlichkeit von Equipment (Stichwort: "Wer macht jetzt eigentlich die Fotos, der Fotograf oder die Kamera") jetzt nicht zum zehntausendstenmal. Und die tatsächliche Qualität der Bilder aus dem Smartphone ist von kompetenteren Stellen nun auch schon so oft untersucht worden, dass es langweilig wird.

Mir geht es zuerst mehr um die psychologischen Komponenten, die da z. B. wären: 

- Die Versuchung, einfach noch mehr zu knipsen, weil es mit dem allgegenwärtigen Smartphone ja noch einfacher ist;
- der Spagat zwischen dem "immer erreichbar und online sein" (Stichwort: Gleich auf Facebook & Co mit den Bildern) und der bizarrerweise daraus folgenden (!) kommunikativen Vereinsamung im nahen Umfeld;
- was einher geht, mit immer oberflächlicheren Beziehungen im Allgemeinen.
- usw, usf.

Was steckt dahinter? Die "Verführung durch die Technik". Für viele sind die technischen Errungenschaften letztlich eine Art von Droge. Und Drogen führen zu Abhängigkeiten. Deswegen auch der "immer mehr haben will"-Reflex. Nichts anderes als schlicht eine Abhängigkeit. Und genau das führt dann - meines Erachtens nach - auch zu den geschilderten negativen Auswirkungen.

Der Ausweg? Innere Distanz. Mache Dich frei: Ein Werkzeug ist ein Werkzeug. Nicht mehr. Nicht weniger. Selbstverständlich darf ich mich an einem guten Werkzeug freuen. Aber es bleibt ein Werkzeug. Das geschaffene Werk, d.h. das Bild, zählt. 

Und da sind wir plötzlich wieder mittendrin in der Diskussion über das Equipment. Das richtige Werkzeug für den richtigen Zweck. Und in der Tat sind Smartphones manchmal ein sehr geeignetes fotografisches Arbeitsmittel. Unauffällig und unverfänglich. Manchmal sind sie aber einfach auch fehl am Platz. Und bitte dran denken: Sie sind Werkzeuge und sollen nicht zur Droge werden.

Als Nachtrag und Zusatz hier Frau Lapplandblogs Kommentar zum Thema, nach einer eingehenden Diskussion auf dem heimischen Sofa: "Die Technik kann sich so schnell und hoch entwickeln, wie sie will; die Entwicklung des Menschen ist konnte leider nicht mit Schritt halten".

Selbstportrait mit dem iPhone in Stockholm
„Geliebt, gehasstm genutzt - Selbstportrait mit dem iPhone“

A propos: Aufgenommen im Schaufenster einer sehr bekannten Goldschmiede in Stockholm. Mit „grosser Kamera“ wäre ich hier wahrscheinlich unangenehm aufgefallen, arbeiten doch die Goldschmiede im Hintergrund an wertvollen Schmuckstücken.


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Kleine Hotelkunde (@Stockholm)

Ich muss noch etwas von Stockholm schwärmen. Heute geht es (nicht nur) um Hotelkunde. Und da habe ich zwei echte Geheimtipps. 

Tipp Nummer eins ist nicht nur aus der Hotelperspektive, sondern auch architektonisch ein Leckerbissen: Das Clarion Sign

Das Hotel liegt am Östra Järnvägsgatan und ist in ca. 2 Minuten Fussweg vom Hauptbahnhof aus zu erreichen. Eine perfekt zentrale Lage, sowohl für Übernachtungen, wie für Konferenzen. Das besondere Schmankerl aber sind die Architektur und das Interiör. Schlicht beeindruckend. Jedes Mal wenn ich dort zu Gast bin, bekomme ich ungeheuren Appetit darauf, masslos zu fotografieren. Das gesamte Hotel ist eine Erlebniswelt. Für alle Liebhaber schöner Architektur, schöner Gegenstände und guten Standards ein Muss. Übrigens auch kulinarisch exquisit!

Tipp Nummer zwei ist das Nordic Sea Hotel.

In unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs am Vasaplan gelegen. Die Lage am Hauptbahnhof ist ideal, weil der Arlanda-Express vom Flughafen Arlanda ebenfalls dort ankommt. Das Hotel bietet erstklassigen Service und hat hervorragendes Personal. Einer meiner persönlichen Favoriten für Übernachtungen in Stockholm.

Das Clarion Sign in Stockholm: Design-Erlebniswelt und architektonischer Leckerbissen
„Design-Erlebniswelt und architektonischer Leckerbissen: Das Clarion Sign“

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Trendforschung und ein persönliches Aha-Erlebnis

Fotografische Trendforschung und ein persönliches Aha-Erlebnis

Eine Bestandsaufnahme, Fragen und Schlussfolgerungen

Ich bin schwerpunktmässig in Sachen Tourismus-, Reportage- und Travel-Fotografie in Lappland tätig. Die Tourismusbranche ist sehr kurzlebig und ständig auf der Suche nach neuen Ideen und Konzepten. Immer besser, immer schöner und - vor allem - immer spektakulärer muss es sein. Up-to-date zu sein, ist also ein "Muss". Dazu ist Stockholm mein ganz persönlicher Tourismus-Barometer. Deswegen bin ich üblicherweise mehrere Male im Jahr dort um Kontakte zu pflegen, und aktuelle Trends und Entwicklungen zu verfolgen.

So war diese Woche wieder einmal Stockholm angesagt. Den touristischen Teil lasse ich hier einmal weg, aber die aktuellen Fototrends waren überdeutlich.

Vorab ein Disclaimer: Die Fakten, die ich nun schildere, sind meine eigene Wahrnehmung und die Prozentsätze sind mit Strichlisten an verschiedenen touristischen Brennpunkten in Stockholm von mir ermittelt worden. Ich nehme nicht in Anspruch, dass es sich um hundertprozentig repräsentative und statistisch belastbare Ziffern handelt, doch die Trends sind sehr deutlich und die Schlussfolgerungen mehr als naheliegend. Jetzt aber Butter bei die Fische.

Der klassische Tourist hat immer eine Kamera dabei. Ich rechne dabei mit (mindestens) einer Kamera "pro Familie". Familie kann sein ein (verheiratetes oder unverheiratetes) Paar oder eine grössere Familie mit Kindern.

Noch im vergangenen Jahr hat es sich überwiegend um Kompaktkameras aller möglicher Marken gehandelt. Dieses Jahr ist der Trend zu "grösseren Kameras" evident. Meine aktuelle Zählung in Stockholm diese Woche hat folgende Werte ergeben:

- ca. 50% der Kameras waren DSLRs;
- ca. 10% der Kameras waren spiegellose Systemkameras;
- ca. 40% der Kameras waren Kompaktkameras.

Von den DSLRs waren

- ca. 70% Einsteigergehäuse;
- ca. 20% "Prosumer"-Gehäuse;
- ca. 10% Profigehäuse.

Übrigens: Immerhin eine gute alte Analogkamera wurde gesichtet :)

Auch das touristische Fotoverhalten hat sich verändert. Früher, d.h. als noch mehr Touristen mit Kompaktkameras unterwegs waren, wurde weniger fotografiert (von den analogen Zeiten, als Filme noch richtig Geld gekostet haben, reden wir jetzt gar nicht). Die Nutzer von DSLRs und spiegellosen Kameras "knipsen" deutlich mehr. Selbst bei "einfachen Szenen", wie z. B. der Wachparade vor dem Königspalast hat sich die Szenerie - will sagen: das Kameragewitter - angehört, als ob ein Superstar über den Roten Teppich gehen würde. Mir wurde geradezu schummerig. Schwer zu sagen, wie viele zigtausend Bilder von Touristen während der Saison in Stockholm täglich geknipst werden. Das anfallende Datenvolumen ist unvorstellbar.

Zum Spass habe ich in Foto- und Elektronikgeschäften vor Ort nachgefragt und dort die Bestätigung erhalten: Nach Aussagen der Verkäufer hat sich der Verkauf von Speicherkarten an Touristen im Laufe der letzten Jahre vervielfacht.

Ich kann mir beim besten Willen partout nicht vorstellen, dass alle diese Millionen Bilder katalogisiert, archiviert oder gar ausgedruckt werden (an zeitintensive Nachbearbeitung will ich erst gar nicht denken).

Auch die Betrachtbarkeit "auf der Kamera" unterscheidet sich bei DSLRs und spiegellosen Systemkameras von der bei Kompaktkameras: Letztere werden gerne einmal herumgereicht, um die Bilder vom letzten Urlaub oder der besuchten Hochzeit herum zu zeigen. Bei einer grösseren und sperrigeren Kamera dürfte das nicht ohne weiteres so der Fall sein.

Anders herum gesagt: Es wird nicht mehr "gesehen", "wahrgenommen" und "erlebt", sondern schlicht "drauflosgeknipst". Der unbewusste Hintergedanke dabei ist wohl "Hauptsache geknipst", denn dann kann ja alles später noch "in Ruhe" betrachtet werden.

"Es kostet ja nichts, lieber einige Bilder zu viel zu machen", wie ein deutscher Tourist mir auf meine Nachfrage zu seinem Fotoverhalten wörtlich sagte.

Dazu kommt dann noch der Trend der mobilen Fotografie. Smartphones sind allgegenwärtig. Ohne Strichliste gezählt, wandeln in Stockholm ca. 50% der Menschen (Touristen wie Einheimische) mit einem iPhone umher; ca. 35% mit einem Androiden. Einige wenige (bedauernswerte) Menschen scheinen bislang (noch?) nicht im Besitz dieser technischen Errungenschaft zu sein.

Die Wortwahl "wandeln" ist übrigens mit Absicht gewählt. Früher einmal gingen Menschen umher und haben um sich geschaut. Manchmal haben sich sogar spontane Unterhaltungen ergeben. Heutzutage ist das nicht mehr der Fall. Die Mehrzahl der Menschen geht über das Smartphone gebeugt umher. Da werden Emails und SMS geschrieben, oder die lieben Tierchen im virtuellen "Pet Shop" gepflegt und gefüttert. ES IST NICHT AUSZUHALTEN! (oder vielleicht werde ich auch nur alt...).

Ja, und geknipst wird mit den Smartphones natürlich auch. In rauhen Mengen und im Snapshot-Party-Stil (und die Bilder landen in der überwiegenden Mehrzahl höchstwahrscheinlich direkt auf Facebook & Co.)

Hand aufs Herz: Ich bekenne mich auch schuldig, knipse ich doch auch ab und an mit dem iPhone. Ja, ich habe auch schon iPhone-Aufnahmen an Kunden verkauft und die Kunden waren sogar sehr zufrieden. Denn das Mobiltelefon ist fast immer zur Hand und bei Reportagen oft deutlich unverfänglicher als eine grössere Kamera. Denn wer hat schon etwas gegen ein Bild mit einem Mobiltelefon einzuwenden? Aber zurück zum Thema.

Was folgt aus alle dem?

- Weite Teile der klassischen Tourismusfotografie sind "tot". Vieles von dem, was vor 20 Jahren noch im "Merian" zu sehen war, gibt es heutzutage zehntausendfach auf Festplatten. Das haut keinen mehr vom Sockel.

- Die kreative Tourismusfotografie boomt nach wie vor. Denn Reiseanbieter, Agenturen und all die anderen Kunden im Bereich Tourismus wollen (jetzt erst recht) ihre Destinationen "bezaubernd" fotografiert wissen. Auf eine Art und Weise, die sich von den Knipsebildern der Touristen selbst deutlich abhebt. Schlüssige Konzepte und Storytelling stehen hoch im Kurs.

- Die klassischen "Hotel-", "Flugzeugaussteige-" und "Partyfotografen" werden überleben. Denn sie bieten Papierbilder an. Und die haben einen unschlagbaren Vorteil gegenüber den virtuellen Snapshots für Facebook. Tangibilität schlägt, denn Papierbilder sind anfassbar und vermitteln dadurch einen Wert in sich (in dieser Fallgruppe meistens völlig unabhängig von der fotografischen Qualität).

- Schliesslich, und auch wenn es mittlerweile schon beinahe "ausgeleiert" klingt:

Anders sein ist definitiv besser, als nur den allgegenwärtigen Mainstream perfektionieren zu wollen. Letzteres sieht sich grosser Konkurrenz ausgesetzt. Ersteres ist unnachahmlich, wenn es authentisch geschieht.


Mein Aha-Erlebnis dazu war ein Graffiti, das ich am letzten Tag in Stockholm auf dem Weg zu einem Termin im Vorbeigehen aus dem Augenwinkel entdeckt habe. Irgendein Sprayer hatte auf einer Baustellenwand den Satz "FIND YOUR OWN WAY" verewigt. Weil gerade in Eile, habe ich auf dem Absatz kehrt gemacht und zum iPhone gegriffen. Später habe ich realisiert, dass das quasi die Bestätigung der Antwort auf meine Fragen und Überlegungen war.

Die Sprayerei mit dem tiefen Wahrheitsgehalt hat mir übrigens so gut gefallen, dass ich das Bild auch gerade zum Startbild auf meiner Homepage erhoben habe :-)

Find your own way
„Writing on the wall - Graffiti aus Stockholm“

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