Schule und Bildung: Es hat sich rein gar nichts geändert in den vergangenen 30 Jahren...

Da hörte ich vorhin auf der Autofahrt eine Sendung im schwedischen Radio, aus der Rubrik "Schulministerium".

Der Thementitel: "Wie geht es weiter mit dem Programmieren?".

Es wurde über eine neue Initiative des schwedischen Bildungsministeriums berichtet.
Beginnend mit der Grundschule soll nun das Programmieren auf dem Lehrplan stehen.

Zwar nicht als eigenes Fach, sondern als Bestandteil von Mathematik und Technik, aber immerhin. Eingeführt werden soll das Ganze ab dem kommenden Schuljahr 2019/2020. Lange Beratungen mit vielen Experten wurden durchgeführt und Pläne geschmiedet. Echt schwedisch eben.

Nachdem nun alles beschlossen worden ist, hat ein kleines aber nicht ganz unwesentlichen Detail die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Die Lehrerschaft besitzt - vornehm ausgedrückt - (noch) nicht die erforderlichen "Kompetenzen" um das neue Schulfach "Programmieren" lehren zu können.

Im Schnellverfahren werden nun Kurse und web-basierte Ausbildungen aufgelegt, um den LehrerInnen die Grundlagen des Programmierens beizubrigen. Angeblich in sehr praktischen Verfahren.

Eine der in der Sendung geschilderten Kurseinheiten hat mich besonders verzückt:

Um den unbedarften Lehrkräften die Funktionsweise eines Algorithmus näher zu bringen, bekommen sie einen "Marschplan" der sie durch ein überdimensionales Schachbrett-Labyrinth führen soll. Frei nach dem Motto "drei Schritte vor und zwei zurück“ und dann im 90-Grad-Winkel nach links abbiegen.


Und - oh Wunder - die Lehrkräfte im Interview haben sich ganz begeistert geäussert. Dem schwedischen Wirtschaftswunder durch die programmierende Jugend stünde nichts mehr im Wege.

Alles wird gut.

Nachdem das schwedische Bildungsministerium (Skolverket) zunächst an die grosse Glocke gehängt hat, das Schweden damit ein Vorreiter in der Europäischen Union sei, kam ans Tageslicht, dass die Briten den Lehrstoff schon seit 2014 in ihrem Schulsystem integriert hatten. Und aus dem Vereinigten Königreich liegen, wie sich inzwischen herausgestellt hat, auch schon die ersten Studien zur Einführung der neuen Unterrichtsgegenstände vor.

Kurz und gut:

Die Kinder und Jugendlichen von heute haben kein Interesse an dem Fach.

Zocken ja gerne, aber Programmieren?
Nein!!

Oder etwas mehr wissenschaftlich ausgedrückt:

Die Problemlösungskompetenz bei den SchülerInnen ist äusserst defizitär. Könnte aber auch daran liegen, dass der Unterricht im Wesentlichen daraus besteht, einige Zeilen Programmcode von der Tafel abschreiben zu müssen.

Darf ich die werten LeserInnen in die Zeitmaschine einladen?

Wir reisen zurück in das Jahr 1981. Damals war ich in der siebten Klasse und privat schon sehr begeistert von Computern.

Bei dem Event „Schüler experimentieren“ (das war der Ableger von "Jugend forscht" für die jüngeren Jahrgänge) waren wir gerade mit der "Simulation eines einfachen Nervensystemes mit Hilfe eines Mikrocomputers" an den Start gegangen.

Programmiert in der Sprache namens Pascal (weil das damals der einzige verfügbare und - vor allem - bezahlbare Compiler für den C64 war).

Zurück zur Schule.

Zu meiner Schulzeit war auch (schon) im Gespräch, „Informatik“ als Lehrfach einzuführen. Und auch damals schon wiesen die Lehrer (Lehrerinnen waren - zumindest an unserer Schule - am Fach Informatik nicht interessiert), gewisse "Kompetenzdefizite" auf.

Aus diesem Grund gab es für uns somit "nur" eine Informatik-AG (AG stand für Arbeitsgemeinschaft). Meine damalige Schule hatte richtig tief in die Tasche gegriffen und eigens dafür mehrere CBM 2001 ("PET 2001") bereit gestellt (über welchen Etat die Teile erworben worden waren, ist mir heute noch ein Rätsel).

Aufgrund meines Hintergrundwissens in Sachen Programmierung und der vorhandenen Defizite der Lehrerschaft kam es, dass ich zweimal die Woche - Dienstags und Donnerstags wenn ich mich recht entsinne - die - grösstenteils promovierten - Mathematik- und Physiklehrer in Informatik unterrichten durfte.

So war es eigentlich nicht gedacht!

Die teilnehmenden Schülerkollegen waren vom sehr langsamen Fortschritt in der AG gelangweilt und blieben einfach weg. Diese AG hatte natürlich einiges an Energie und Kraft gekostet. Deswegen durfte ich von den LehrerInnen in den mehr geisteswissenschaftlichen Fächern (beinahe alle ebenfalls promovierte und honorige Gestalten) üble Kritik einstecken.

Der geneigte Leser erahnt hoffentlich das nun aufgekommene Konfliktpotential.

Zum Ende des Schuljahres wurde das Projekt "Informatik" sang- und klaglos wieder beerdigt. In meinem damaligen Jahresendzeugnis fand sich übrigens immerhin der Satz "Hat eine Informatik AG geleitet" (ich stelle mir heute noch amüsiert vor mit welchem Widerwillen der Lateinlehrer diesen Satz ins Zeugnis geschrieben haben muss).

Ende der Zeitreise.

Schlussfolgerung:

In der Schulwelt hat sich leider rein gar nichts geändert. Obwohl wir schon lange Jahre im digitalen Zeitalter angekommen sind...