Retro-Vintage-Hype

Ein Artikel, der kürzlich auf Jörg M. Colbergs Seite "Conscientious" erschienen ist, hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Es geht um ein Phänomen; eigentlich sogar um eine existentielle Frage in der Fotografie (und der Kunst ganz generell): Gibt es eine Entwicklung in der Fotografie als Kunst? Gibt es generell "neue" kreative Entwicklungen? Manches spricht dagegen.

Ich gehöre zu einer Generation, die noch mit echten Polaroidbildern aufgewachsen ist. Gerne denke ich zurück an die alte Polaroidkamera, die meine Tante in den 70er Jahren hatte. Wir Kinder durften zusehen, wie die Kamera (meistens jedenfalls, denn manche Filme haben "geklemmt") die Bilder ausspuckte und sich langsam die Details und Konturen abzeichneten. "Nicht anfassen und nicht pusten" lauteten die ermahnenden Worte. Nur das behutsam leichte Hin- und Herwedeln des Fotos war in dieser kritischen Phase erlaubt. Und wer eines der begehrten Bilder mitnehmen durfte wurde stets ermahnt, das Bild nicht aus seinem weissen Rahmen auszuschneiden wegen "der giftigen Chemikalienrückstände", die im Rahmen seien. Denke ich heute an den damaligen Polaroidstil wärmen mir diese Erinnerungen immer noch das Herz. (Echtes) Polaroid war (ist) die exemplarische Verkörperung der analogen Fotografie.

Nun gibt es in der digitalen Fotowelt seit geraumer Zeit einen Retro-Vintage-Hype. Apps bieten den Retrostil an und verschiedene Photoshop-Aktionen versprechen ein Ergebnis, das dem Original nahe kommen soll.

Die Krone der Bildbearbeitung im Polaroid-Stil ist das kleine Programm "Polaroid" (für Mac und PC), das den Entwicklungsvorgang sogar zeitlich nachbildet.

Vollständig echtes "Analog-Feel-Retro" sozusagen (Moment bitte; ich muss noch Schutzhelm, Handschuhe und den gepolsterter Overall anziehen, bevor ich weiter schreibe).

Beim Frühstück entspann sich gestern jedenfalls eine längere Diskussion über die Frage des "Retro-Vintage-Hype". Gibt es überhaupt so etwas wie "Retro". Leben wir nicht ständig im Gewohnten? Die Essenz der Diskussion:

1. Retro steht für Stabilität. Rein technisch müsste Retro eigentlich sogar für "analog" stehen. Wenn da nicht, ja, wenn da nicht die Bequemlichkeit wäre. Und die zunehmende Beschleunigung. "Dynaxity" nennt sich dieses Phänomen (das von dem 2008 verstorbenen Prof. Dr. Heijo Rieckmann ausführlich beschrieben wurde). Dynaxity ist ein Kunstwort aus den Bestandteilen "Dynamik" und "Komplexität". Beides nimmt stetig zu. Exponentiell, wie es den Anschein hat. Retro und Vintage wecken die Erinnerung und stillen die Sehnsucht nach der "guten alten Zeit", in der alles noch schöner, langsamer und überhaupt: besser, war.

Denn psychologisch gehören der Wunsch nach Sicherheit, Geborgenheit und Stabilität zu den menschlichen essentiellen Grundbedürfnissen. Je unstetiger, unsicherer und unwirtlicher das Umfeld wird, desto grösser die Sehnsucht und das Streben.

2. Kunsthistorisch - und hier ist Frau Lapplandblog sehr gut bewandert - ist es generell fraglich, inwieweit es kreative Neuerungen überhaupt noch gibt. Mit zunehmender philosophischer Sättigung schlägt die Gier nach dem Bestehenden, nach dem was "auf dem Silbertablett serviert wird" zu. Es ist schlicht viel einfacher und bequemer zu konsumieren oder allenfalls zu kopieren, als zu erschaffen.

3. Interessant ist allerdings, dass Bilder im Retro-Vintage-Style auch Teenager und Twens ansprechen. Eine Generation, die diese Bilder im analogen Stil eigentlich nicht mehr kennen dürfte. Zwei Erklärungsansätze bieten sich an:

- Gerade Bilder im Polaroid-Look basieren oft auf Schlichtheit. Häufig einfache, aber effektive Kompositionen. Diese Bilder sind oft gut und leicht verständlich und lesbar. Etwas, das eine Generation, die in einer extrem schnelllebigen Zeit aufgewachsen ist und lebt, per se ansprechen dürfte.

- Die Generation der Teens und Twens giert nach Neuem. Viele der heutigen Teens und Twens gehören der "Vollsättigungs-"Generation an. Immer mehr, immer schneller - so die Lebensdevise. Neue Trends werden gerne konsumiert (auch wenn es sich dabei eigentlich um Retro-Vintage handelt). Schliesslich schlummern auch (und vielleicht gerade) in den Seelen der Teens und Twens die oben schon erwähnten Wünsche und Sehnsüchte. Vielleicht bringen Retro-Vintage Bilder auch diese Seite zum Schwingen.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich aus alledem ziehen?

Mir geht es nicht darum, über Trends und Entwicklungen den Stab zu brechen.

Und - Hand aufs Herz - : Ganz persönlich mag ich den Retro-Vintage-Look auch ganz gerne leiden. Schauen wir mal, wie sich der Trend weiter entwickelt.

Eine ganz andere Sache ist die Frage nach dem Einsatz von Apps, die den Retro-Vintage-Look produzieren, für Reportageeinsätze. Das gehört in einem anderen Blogartikel.

Space-Invaders meet Polaroid
„Doppelter Vintage-Retro: Space-Invaders meet Polaroid“

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Unter der Veranda - Herbstboten in Lappland

Stürmische Winde. Sonnenschein. Behagliches Klima im Wintergarten bei einer guten Tasse Kaffee. Doch was ist das? Ist es wirklich wieder schon so weit?

Ein kleines, herbstlich braunes Blatt hat sich durch die Ritzen gemogelt...

Herbstboten in Lappland
„Unter der Veranda - Herbstboten in Lappland“

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Geplante Obsoleszenz - Kompaktkamera fails? Ein Erfahrungsbericht.

Entrümpelung im Kompaktkamera-Archiv bei einem verspäteten Frühjahrsputz (in Lappland sind die Jahreszeiten bekanntlich nach hinten verschoben). Da lagen also 13 Kompaktkameras aus den letzten fünf Jahren vor uns auf dem Tisch. Nummer 14 (eine Canon IXUS 950IS) fehlt, weil wir sie im vergangenen Jahr separat verschrottet haben.

Zuerst das Rätsel: Zwei davon funktionieren noch einwandfrei. Die Preisfrage ist, welche?

Kompaktkameras haben es bei uns im Haushalt zugegebenermassen nicht leicht. Sie begleiten uns immer und überall hin (auch wenn die grosse Ausrüstung im Einsatz ist). Oft geht es bei Wind, Wetter und tiefsten Temperaturen auf abenteuerliche Touren. Ein realistischer Dauertest sozusagen. 

Also liebe Kamerahersteller: Wenn Ihr unter harten realistischen Einsatzbedingungen testen wollt, nehmt bitte Kontakt mit uns auf!

Zurück zum Thema: Der traurige Befund ist nun, dass 12 von 14 in den vergangenen fünf Jahren von uns eingesetzten Kompaktkameras überhaupt nicht mehr, oder nur noch mangelhaft funktionieren.  

Die Ausfallrate und die Ausfallzeitpunkte sind allerdings manchmal sehr merkwürdig. Manche Kameras verabschieden sich nach relativ kurzer Zeit mit merkwürdigen Fehlermeldungen. In den kleinen Gehäusen steckt jede Menge Elektronik und Ausreisser kann es bekanntlich immer einmal geben. Deswegen habe ich alle Modelle mit den jeweiligen Fehlern auch gegoogelt und bin bei fast allen fündig geworden.  

Generalisiert würde ich sagen: Je neuer die Kamera, desto kürzer die Lebensdauer. Und das macht natürlich stutzig, denn eigentlich sollten Elektronik und Mechanik immer besser und zuverlässiger werden.

Mich beschleicht der Verdacht, dass bei manchen Produkten die sogenannte "geplante Obsoleszenz" im Spiel sein könnte. Um was geht es dabei? 

Wikipedia definiert das so: "Gemeint ist ... ein Teil einer Produktstrategie, bei der schon während des Herstellungsprozesses bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird und nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann."


So etwas scheint bei vielen Produkten - gerade in der Unterhaltungselektronik - heute üblich zu sein (und ist auch in verschiedenen Medien immer öfter nachzulesen), wie zum Beispiel hier.

Wer jetzt neugierig geworden ist, kann einfach zum Begriff "Geplante Obsoleszenz" sich im Netz auf die Suche machen und sich dann wundern. Allen, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, sei das Portal „MURKS? NEIN DANKE!“ empfohlen.

Wie sieht es konkret mit unseren Verschrottungskandidaten aus?

Eine Nikon L12 (gekauft 2007) hat das laut Suchergebnissen normale Stromversorgungsproblem. Neue Batterien oder Akkus? Beim Einschalten zeigt das Display "Akkukapazität erschöpft" und die Kamera schaltet sich wieder ab. Das gleiche Verhalten legt eine Pentax Optio WP an den Tag.

Eine Casio EX-V7 (die wir ansonsten sehr geschätzt haben) zeigt den laut Suchergebnissen sehr häufigen "Objektivfehler 2" und ist dadurch unbrauchbar.

Eine Sigma DP1 und eine Leica D-Lux 2 haben so grosse Staubpartikel im Objektiv, dass die Flecken praktisch nicht mehr zu retuschieren sind. Bereits beim Kauf waren jeweils mehrere winzige wie Sensorflecken aussehende Spots vorhanden. Mein Verdacht geht dahin, dass es sich um Abrieb aus der Objektivmechanik handelt.

Bei der Leica C-Lux 2 muss zur Ehrenrettung gesagt werden, dass sie einen schweren Sturz eingesteckt hat, bevor sich die äusseren Verschlusslamellen nicht mehr schlossen.

Relativ gut geschlagen haben sich die Canons: Die digitale Ur-IXUS (die immerhin 2,1 Megapixel liefert) funktioniert noch wie eh und je. Natürlich sind die Bilder im Prinzip für nichts mehr zu brauchen.

Eine Powershot A40 mochte nach einigen Jahren keine Energie mehr zu sich nehmen. Egal ob neue Akkus oder Batterien: Sie erwachte nicht mehr zum Leben.

Eine IXUS 950IS hat sich mit geschätzten 15.000 Auslösungen in drei Jahren tapfer geschlagen, bis die Objektivmechanik versagt hat.  

Viel schlechter hat eine IXUS 100IS abgeschnitten. Sie versagte bereits nach ca. 6 Monaten mit defekter Objektivmechanik.

Die Canon S95 funktioniert nach ca. 6 Monaten bislang noch einwandfrei.

Die beiden noch einwandfrei funktionierenden Modelle aus dem Konvolut kommen also beide aus dem Hause Canon.

Geplante Obsoleszenz - Kompaktkamera fails? Ein Erfahrungsbericht.

Geheimtipp: Den härtesten Belastungen sind die Kameras dann ausgesetzt, wenn sie in die Hände von Frau Lapplandblog geraten. Die Sterblichkeitsrate in diesem Falle ist statistisch deutlich erhöht. Frau Lapplandblog hat übrigens auch das schöne Kamera-Stilleben dekoriert. 





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*Cat-Content*

Heute überschreite ich wieder die Grenze: Es gibt echten „Cat Content“. Mit gutem Grund allerdings. Viele Freunde, Bekannte und nicht zuletzt Workshopteilnehmer haben sich nach dem Wohlergehen unserer „Blogkatze“ (auch unter dem Namen „Lappland Katze“ bekannt) erkundigt.

Ich konnte sie kürzlich zu einem Portrait überreden, während sie sich majestätisch auf dem Sofa räkelte :)

Cat Content aus Lappland: Unsere Blogkatze
„Mit den besten Empfehlungen von unserer Blogkatze aus Lappland“

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Twins revisited (one more time)

Orte mit magischer Ausstrahlung.
Magnetische Orte.
Sie ziehen Dich an.
Abgelegene Orte.
Sie sprechen zu Dir.
Scheinbar unbedeutende Dinge:
Zwei Steine am ausgetrockneten Flussbett.


Ich habe sie wieder einmal besucht,
meine Twins.

Twins revisited (one more time)
„Twins revisited (one more time)“

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