Klara Nordin: Totenleuchten - Ein Lappland-Krimi

Einige Todesfälle, die zunächst und oberflächlich betrachtet in keinem Zusammenhang stehen, gipfeln in einem Mord der in seiner Ausführung einer traditionellen Rentierschlachtung ähnelt. Und das noch zur Zeit des Wintermarktes in Jokkmokk. Die örtliche Polizei steht vor einem grossen Rätsel. Trotz der eisigen Kälte, in welcher der jüngste Krimi von Klara Nordin spielt, entwickelt sich eine "heisse" Story.

Hauptkommissarin Linda Lundin, die sich selbst in einem recht turbulenten Lebensabschnitt befindet, muss mit allerlei Widrigkeiten kämpfen, bis sich die Lösung des Falles (und für die akuten Probleme ihres eigenen Lebens) auf den letzten Seiten des Buches vor ihr entfaltet.

Klara Nordin gelingt es, eine subtile Spannung aufzubauen, die faszinierend in ihren Bann zieht. Ein handwerklich äusserst gelungener Kriminalroman. Klara Nordin ist eine geübte und professionelle Autorin, die übrigens auch Kurse für angehende Autoren anbietet.

Aber das Buch geht über einen durch und durch gelungenen Krimi weit hinaus. Er ist nicht nur fesselnd, sondern zugleich ein brillantes Lehrstück der schwedischen Mentalität. Die Autorin hat sich tief in das Nordschwedische Wesen versenkt und gibt dem Leser wertvolle Einblicke in die Denkstrukturen der Norrländer. Eine beachtliche Leistung wenn man bedenkt, dass die Autorin selbst eine Einwandererin ist. Seien es die unterschwelligen Spannungen und Animositäten zwischen der schwedischen und der samischen Kultur und Lebensweise, oder die Einstellung zu Leben und Beruf: der Krimi ist ein wahres Lehrbuch über die nordschwedische Seele. Und in Kombination mit der spannenden Story wird all das beinahe unbewusst "mit vermittelt". 

Zudem ist es der Autorin gelungen, ein realistisches Abbild der gestreiften Region zu geben. Der ortskundige Leser kann sich manches Lächeln und Grinsen nicht verkneifen, wenn z. B. manche Details aus Jokkmokk geschildert werden.

Ich habe den Krimi am Stück verschlungen auf einem Flug von und nach Stockholm. Geschätzte Lesedauer für einen geübten Leser: ca. 3 bis 4 Stunden. Die Pointe am Schluss hat mich übrigens so laut auflachen lassen, dass sich viele verschlafene Passagiere der Abendmaschine von Stockholm nach Arvidsjaur befremdet zu mir umgedreht haben. Danke, Klara!

Prädikat: Äusserst empfehlenswert! Pflichtlektüre für alle Krimiliebhaber und selbstverständlich auch für alle, die tiefere Einblicke in die nordschwedische Denk- und Lebensweise haben sollen.

Totenleuchten ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch und hat 316 Seiten. Das Buch kostet 9,99 Euro und ist auch als Ebook erhältlich.

-> Mehr Infos und eine Bestellmöglichkeit gibt es auf der Homepage der Autorin: www.klaranordin.de


Klara Nordin: Totenleuchten - Ein Lappland-Krimi
Nach nur drei Stunden völlig „zerlesen“: Totenleuchten von Klara Nordin

Comments

Gedankensplitter aus Stockholm und der St.-Knuts-Tag / Knutdagen

Den berühmten IKEA-Werbespot zum St.-Knuts-Tag haben bestimmt die meisten der hiesigen Leser schon gesehen.

Der St.-Knuts-Tag ("tjugondedag jul", "tjugondag Knut" oder "Knutdagen") schliesst die Weihnachtszeit in Schweden ab. Er ist der 20. und letzte Tag der Weihnachtszeit und wird am 13. Januar gefeiert.

Am St.-Knuts-Tag werden nach alter schwedischer Tradition die Kerzen und der Schmuck von den Weihnachtsbäumen entfernt. Für die Kinder ist der traditionelle Abschluss der Weihnachtszeit auch deshalb besonders attraktiv, weil dann die verbleibenden Süssigkeiten, mit denen die Bäume geschmückt waren, "geplündert" werden dürfen. Daher heisst diese Tradition "julgransplundring".

Und danach kommt das, was im IKEA-Werbespot so eindrücklich zu sehen ist: Die Bäume werden aus der Wohnung entfernt und entsorgt.

Wie aber sieht das tatsächlich in einer schwedischen Grossstadt aus? Um der Sache auf den Grund zu gehen hat es sich gut ergeben, dass ich am 12./13. Januar in Stockholm war und die Sache selbst in Augenschein nehmen konnte. Und ich kann Entwarnung geben: Aus Fenstern auf die Strasse fliegende Bäume konnte ich keine erspähen.


Christbaumfriedhof in Stockholm am Knutdagen
Christbaumfriedhof in Stockholm am Knutdagen



Die Tradition lebt allerdings weiter. Am Zwölften und am Dreizehnten schleppten viele Bewohner ihre - für die Saison ausgedienten - Bäume auf die Strasse, wo sich an einer Stelle in jedem Viertel ein grosser Christbaumhaufen bildete. Ein ungewohntes Strassenbild. In Gebieten mit Hochhausbebauung ist der Weg zum Christbaumfriedhof länger und manche Anwohner haben sich einen Einkaufswagen "geborgt", um den geplünderten Weihnachtsbaum damit zur Entsorgung zu karren.


Clevere Entsorgungslösung
Clevere Entsorgungslösung



Auf der Rolltreppe in Stockholm

Stockholm pulsiert in einem hektischen Takt. Das verwundert mich immer wieder, denn Schweden ist ja eigentlich ein eher geruhsames Land. Trotzdem geht es im Nahverkehr oft geradezu chaotisch zu. Die langen Rolltreppen zu den U-Bahn-Stationen haben bereits eine hohe Geschwindigkeit. Trotzdem macht man sich überhaupt keine Freunde und wird beständig unfreundlich ermahnt, doch bitte rechts auf der Rolltreppe zu stehen, wenn man - unkonzentriert - etwas zu mittig auf einer Stufe steht. Denn die linke Hälfte der Rolltreppe ist für diejenigen Pendler reserviert, die im Laufschritt nach unten oder oben eilen wollen. Und das sind recht viele.


Mehr Steckdosen bitte!

Schweden ist bekanntlich eines der internetaffinsten Länder. Am Flughafen in Arlanda - wo die Umbauarbeiten an der Sky-City weitgehend abgeschlossen zu sein scheinen - gibt es jetzt bei fast allen Sitzgelegenheiten die mittlerweile geradezu obligatorischen Steckdosenleisten zum Aufladen von Smartphones. Auch ein anderer Trend ist mir aufgefallen: Brillenträger kennen das gute alte Brillenputztuch. Das scheint gerade wieder hoch im Kurs zu stehen. Allerdings nicht für die Brille, denn ein neues Ritual hat sich etabliert. Smartphone-Nutzer setzen sich an einen Warteplatz und packen zuerst das Smartphone und dann ein Brillenputztuch aus, um zunächst den Bildschirm zu polieren, bevor sie mit gebanntem Blick auf den Screen in die Datenwelt entschwinden.


“Out of order“ - fragt sich nur wie lange?
“Out of order“ - fragt sich nur wie lange?



Alles hat seine Zeit

Ein letztes Fundstück handelt von "interkultureller Kompetenz". Es geht um internationale Datumsformate. Am 14. Januar erspähte ich eine Rolltreppe, auf deren Hinweisschild zu lesen war (übersetzt): "Renovierung - fertig am 15-01-16". Da stellt sich die Frage, ob damit der darauf folgende Tag gemeint war, oder ob die Rolltreppe ein ganzes Jahr ausser Betrieb sein würde. Ersteres war wohl der Fall.

Comments