20. August

Der 20. August ist am Polarkreis in dreifacher Hinsicht ein bedeutsames Datum:

- Schwalbenschwärme ziehen in akrobatischen Flugmanövern über unsere Köpfe. Unter ihnen auch die drei kleinen Schwälbchen, die in einem Nest am Dachbalken unserer Scheune in schwindelerregender Höhe geschlüpft sind. Es war ein Naturschauspiel, sie aufwachsen zu sehen und die ersten Flugversuche zu verfolgen. Das war vor acht Wochen. Und nun bereiten sie sich auf eine mehrere tausend Kilometer lange Reise vor. Eigentlich sollten sie sogar schon unterwegs sein, denn normalerweise ist der 20. August das „Abflugdatum“ der Schwalbenschwärme. Wegen des derzeit sonnigen Wetters wird sich das Datum dieses Jahr um einige Tage verschieben.

- Es lässt sich nun (leider) nicht mehr verleugnen, dass es bald wieder kalt werden wird am Polarkreis. Just am 20. August, zog der Gerätewagen im Auftrag des Vägverkets seines Weges, um die „Snöstängsel“ (Schneestangen) für die kommende Wintersaison in den Boden zu bohren. Ein komisches Gefühl bei - ungewöhnlichen - 20 Grad Tagestemperatur. In Västerbotten sind die Markierungsstäbe aus leuchtend rotem Plastik gefertigt und haben mehrere Markierungen aus Signaltape, wohingegen auf den Nebenstrassen in Norrbotten noch echte Holzstangen zum Einsatz kommen. Diese werden wegen ihrer besonders geraden Form eigens aus Russland importiert und dann an mehreren Stellen mit Signalfarbe lackiert.

- Schliesslich ist der 20. August der Tag, an dem in unserem beschaulichen kleinen Dorf die Strassenbeleuchtung wieder in Betrieb genommen wird. Vor sieben Wochen noch ging die Sonne gar nicht unter; nun ist es ab 22 Uhr schon so dämmrig, dass die Strassenlaternen wieder einige Stunden ihr Licht spenden.

Snöstängsel aus Västerbotten - von innen betrachtet
Snöstängsel aus Västerbotten - von innen betrachtet

Zwischenlandung

Zwischenlandungen sind zugleich Fix- und Fluchtpunkte des Lebens.



Zwischenlandung - Fundstück aus Arlanda
Zwischenlandung - Fundstück vom Stockholm Arlanda Airport

Strassenbau in Schweden

Eine längere Autofahrt hat uns am vergangenen Sonntag viele Kilometer über unbefestigte Wege geführt. Schweden ist ein weitläufiges Land und das Wegenetz umfasst 98.500 Km Staatsstrassen und 41.600 Km kommunale Strassen. Dazu kommen noch jede Menge privater Strassen, deren Unterhaltspflicht nicht bei der öffentlichen Hand liegt. Von den 98.500 Km Staatsstrassen fallen 72.100 Km in die Kategorie „sonstige Strassen“. Von diesen sind 19.300 Km, d. h. ungefähr 20% des Wegenetzes, „Schotterpisten“ (der grösste Teil davon in Nordschweden; Quelle: Trafikverket).

Das Wegenetz will unterhalten und im Winter auch geräumt werden. Eine herausfordernde Aufgabe, denn die langen und harten Winter führen dazu, dass Wege und Strassen wegen Frostschäden beinahe jährlich ausgebessert werden müssen. Manchmal scherzen wir auf Autofahrten wegen der Spurrillen, dass es jetzt an der Zeit wäre, die Kanus auszupacken um paddeln zu können.

Manchmal nimmt das skurrile Formen an, wie wir auf der besagten Fahrt am vergangenen Sonntag wieder einmal sehen durften. Ein Waldweg, der zu einem entlegenen Ortsteil führt, war vom Regen ausgespült und das Strassenbett hatte sich um ca. 20-30 cm gesetzt. Kratern gleich gab es Schlaglochfelder, die jeder Teststrecke für Autos Ehre gemacht hätten. Zwischen den Schlaglöchern ragten bedenklich hohe, einzelne Steinbrocken heraus. Hoch genug, um jeder PKW-Ölwanne ein jähes Ende bereiten zu können.

Ein findiger Kopf hatte das Problem auf eine sehr kreative - und farbenfrohe - Art und Weise gelöst, indem er (oder sie) alle herausragenden Steine mit roter Signalfarbe besprüht hat. Ob das eine vorbereitende Massnahme für die (hoffentlich) kommenden Unterhaltsarbeiten an dem Weg, oder nur als Hinweis für die Verkehrsteilnehmer gedacht war, war leider nicht heraus zu finden.

Unser Tipp an alle Schwedenreisenden und Urlauber: Das weit verzweigte Netz an unbefestigten (Wald-) Wegen führt oft zu bezaubernden Stellen. Hohe Aufmerksamkeit und angepasste Geschwindigkeit sind aber unbedingt anzuraten! Und mit dem Wohnmobil oder Wohnwagen bitte vernünftig bleiben und keine Risiken eingehen. Erfahrungsgemäss ist das Mobilfunknetz draussen an entlegenen Stellen im Wald immer dann nicht vorhanden, wenn es dringend gebraucht wird.

Strassenbau in Schweden
Strassenbau in Schweden

Zwischenstand zum arktischen Sommer 2015

Zwischenstand zum arktischen Sommer 2015; die Fortsetzung.

Die kurze Version: Regen, Regen, Regen

Die mittellange Version: Regen, Kälte, Regen, Kälte

Die ausführliche Version: Der Sommer in Schwedisch-Lappland hat sich bislang als Totalausfall erwiesen. Er hat schlicht und ergreifend bislang nicht stattgefunden. Zusammen genommen waren es nur ungefähr zwei Wochen mit sommerlichen Temperaturen und ohne Niederschlag. Und nach dem Wettergefühl der Einheimischen beginnt mit dem August bereits die herbstliche Zeit. Ganz so dramatisch sehen wir das nicht, denn wir hatten die letzten Jahre ab und an auch einmal einen richtig schönen und warmen August. Aber für viele Schweden war der Sommer eine Belastung. Die schwedische Ferienzeit neigt sich dem Ende zu und die Daheimgebliebenen hatten kaum eine Chance, die „inneren Akkus“ für den Winter zu füllen.

Prägend für den arktischen Sommer 2015 in Lappland: Regen
Prägend für den arktischen Sommer 2015 in Lappland: Regen


Auch für die kürzlich hier schon erwähnten kommerziellen Beerenpflücker, die zu einem grossen Teil eigens aus Thailand hierher fliegen, ist die Katastrophe voll im Gange. Normalerweise können sie in zwei Monaten Sommerarbeit in Schweden genug verdienen, um ihre Familie zu Hause den Rest des Jahres zu ernähren. Dieses Jahr sehen wir ausnahmslos verzweifelte Gesichter. Von den begehrten Hjortronbeeren ist dieses Jahr fast keine Spur zu finden. Wo normalerweise ertragreiche Gebiete sind, gibt es dieses Jahr nichts. Auch die spätere Blau- und Preiselbeerernte sind akut gefährdet. Für die Beerenpflücker ist das deswegen so dramatisch, weil sie zum überwiegenden Teil erfolgsbezogen vergütet werden. Keine Ernte ergibt also fast keinen Lohn. Und auch der geringe Garantielohn ist gefährdet, denn die auftraggebenden Unternehmen sind in einer so dramatisch schlechten Saison von Insolvenz bedroht. Die mit einer befristeten Arbeitserlaubnis ausgestatteten ausländischen Saisonarbeiter haben aber praktisch keine Chance, das im schwedischen Recht vorgesehene Konkursausfallgeld geltend zu machen und müssen dann mit leeren Taschen wieder nach Hause fliegen (die Reisekosten zahlen sie natürlich selbst). Die Tragödien lassen sich nur erahnen.

Auch die schwedische Landwirtschaft stellt sich auf grosse Ernteausfälle ein. Kartoffelbauern berichten, dass bis zu 90% der Ernte bereits jetzt unwiderruflich verloren sind.

Und auch für viele Touristen ist der Sommer trist. Wer ein festes Urlaubsdach über dem Kopf und die richtige Kleidung hat, kann auch dem trüben Sommer viele reizvolle Seiten abgewinnen. Die Campingplätze aber sind gähnend leer und viele Wohnmobilisten, mit denen wir gesprochen haben, haben ihren Urlaub abgebrochen und sich wieder auf die Heimreise gemacht.

Kraniche und Rentiere am Wegesrand
Die Tierwelt nimmt es etwas gelassener: Kraniche und Rentiere am Wegesrand