Tow-Bars in Sweden: Die wunderbare Welt der Anhängerkupplungen

In den zurückliegenden sechs Monaten habe ich mich viel auf schwedischen Parkplätzen herumgetrieben, um einem eigentümlichen Phänomen auf den Grunde zu gehen.

Wir alle kennen die gute alte Anhängerkupplung. Sie ist ein nützliches technisches Detail in Sachen Fortbewegung und Transport. Aber sie ist anscheinend noch mehr. Wer achtet schon auf Anhängerkupplungen?

Wir alle wissen, dass die Kupplungskugel gut gefettet sein soll und deswegen sitzt auf ihr normalerweise ein schlichtes Käppchen.

Vor einem guten Jahr spazierte ich - in Gedanken versunken - über einen Parkplatz hier in Schweden, als mein Blick plötzlich gebannt von einer Anhängerkupplung angezogen wurde. Was war das? Ein Elch auf der Kupplungskugel? Und so begann ein mehrmonatiger Beobachtungsmarathon, der erstaunliche Ergebnisse zutage förderte. Es scheint Autobesitzer zu geben, für welche die Anhängerkupplung weit mehr als nur ein technisches Detail ist; ja geradezu ein Ausdruck ihrer jeweiligen individuellen Persönlichkeit (lies: Kunst).

Aus den Beobachtungen ist eine neue Bilderserie entsprungen „Tow-Bars“.

-> Zur Serie „Tow-Bars“

Tow-Bars in Sweden: Die wunderbare Welt der Anhängerkupplungen

Köttbullar: Der Kampf um die schwedischen Fleischbällchen hat begonnen

Heute widmen wir uns wieder einmal den aktuellen und wirklich wichtigen Problemen des schwedischen Daseins. Worum gehts?

Natürlich um Köttbullar.

Essen ist schliesslich sehr wichtig und was die Nationalgerichte angeht, verstehen wir Schweden überhaupt keinen Spass!

Es ist mittlerweile schon geradezu eine deutsche Tradition geworden:

Man geht bei IKEA einkaufen und zum Abschluss gibt es bei IKEA FOOD eine Portion Köttbullar. Damit stellt sich dann anscheinend ein Gefühl der Verbundenheit mit unserem geschätzten Land im Norden ein.

Nach Angaben der Süddeutschen Zeitung verkauft IKEA in Deutschland ca. eine Milliarde Köttbullar jährlich. Die Zahl muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Sie unterstreicht die tiefe kulinarische Verbundenheit der Deutschen mit uns Schweden.

Persönliches Zwischenwort

Kurze Zeitreise mit der Zeitmaschine: 45 Jahre rückwärts in der Zeit.

Ich erinnere mich gut an Geburtstagsfeiern bei einem Zweig der Verwandtschaft. Als Kind liebte ich diese Feiern. Nicht nur, weil es dort - aufgrund weiterer verwandtschaftlicher Beziehungen - immer Esszetschnitten (kennt die noch jemand?) für uns Kinder gab. Nein, das Highlight der Feier waren - jedenfalls für mich - die unübertrefflichen Hackfleischbällchen, die meine Tante immer in grösserer Stückzahl produziert hatte.

Wer weiss, vielleicht wurde ja damals schon gänzlich unbewusst die spätere Liebe zu Schweden geweckt? Natürlich war das lange vor der Zeit, in der IKEA populär war. Und niemand hat diese Hackfleichbällchen jemals als "Köttbullar" bezeichnet.

Bevor ich jetzt sentimental werde: zurück in das Hier und Heute!

"Köttbullar" bedeutet - direkt übersetzt - nichts weiter als "Fleischbällchen".

Ein Schatten ist auf das schöne Bild der schwedischen Idylle mit Köttbullar auf dem Essenstisch gefallen und eine ernste Krise wird am Horizont sichtbar, deren Folgen im Moment noch nicht absehbar sind. 

Am 28. April erdreistete sich der offizielle Twitteraccount des Landes Schweden zu einem folgenschweren Tweet (nachzulesen hier). Dort heisst es

„Swedish meatballs are actually based on a recipe King Charles XII brought home from Turkey in the early 18th century. Let‘s stick to the facts!“. 


Die Causa wiegt pikanterweise umso schwerer, als sogar das schwedische Ausseninisterium Mitbetreiber des fraglichen Twitteraccounts „Sweden.se“ ist.

Wie zu erwarten war verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer und schlug sich sogar in internationalen Blättern wie z. B.  der New York Times nieder (auch der Spiegel hatte berichtete).

Also wie bitte?

Das inoffizielle schwedische Nationalgericht soll auf einem im 18. Jahrhundert in der Türkei  geklauten Rezept beruhen?

Ungeheuerlich!!


Der Proteststurm war nur eine Frage der Zeit und die Welle des Protestes kam umgehend.

Diverse schwedische Zeitungen haben sogleich konsequent zum Gegenschlag ausgeholt. Die renommierte Zeitung Dagens Nyheter bemühte am 3. Mai einen auf Essenskultur spezialisierten Historiker (Richard Tellström von der Universität in Stockholm) zu einem Artikel über die Thematik. Tellström zeigte sich zutiefst erschüttert über die Aussage. Es seien überhaupt keine Quellen oder Beweise für die ungeheuerliche Behauptung angegeben worden und er stellt die Meldung auf eine Stufe mit den Behauptungen „russischer Trollfabriken“ um sogleich klar zu stellen, dass die Aussage selbstverständlich falsch sei.

Die erste Erwähnung des Begriffes „Köttbulle“ („Fleischbällchen“) stamme bereits aus einem Kochbuch im Jahre 1755. Damals sei allerdings erst der Begriff geprägt worden; die legendären Fleischbällchen seien bereits weit früher in der kulinarischen Geschichte Schwedens nachzuweisen, nämlich seit der Mitte des 16. Jahrhunderts. Und er legt auch gleich noch nach und unterstellt dem offiziellen Twitteraccount Schwedens „schlampige Recherche“ und „Effekthascherei“.

Sein Schlusssatz ist klar und deutlich:

Die Köttbullar seien ein durch und durch schwedisches Gericht und die schwedische Urheberschaft sei klar zu belegen (er räumt allerdings ein, dass Gerichte aus geformten Hackfleisch auch bereits frühzeitig in anderen Ländern zu finden gewesen seien). 


Mittlerweile hat auch die schwedischsprachige Wikipedia nachgezogen und bezeichnet die angeblich türkische Herkunft des schwedischen Nationalgerichtes als „Mythos“.
 
Jetzt sind wir alle froh und erleichtert, dass der Skandal geklärt ist und es bleibt zu hoffen, dass sich Wogen rasch wieder glätten.

PS: Ihr dürft jetzt alle wieder zu IKEA shoppen gehen und den Besuch mit Köttbullar abrunden.

PPS: Kein Bild zu diesem Beitrag, denn Köttbullar stehen bei uns seit mehreren Jahren nicht mehr auf unserem Speiseplan. Dafür bevorzugen wir hausgemachte Frikadellen! 

Köttbullar: Der Kampf um die schwedischen Fleischbällchen hat begonnen
“Rettet die schwedischen Köttbullar“

Wo werden sich die Menschen hinwenden, wenn ....

Spuren im Schnee, wohin?

Lappland: Mache es wie der Bär

Unerwartete Bescherung von oben - Lappland m April
Unerwartete Bescherung von oben - Lappland m April


Da schreiben wir den 24. April und wir haben bereits seit mehreren Wochen eine „Auftauphase“ rund um den Polarkreis. Auf freien Flächen liegt noch ein guter Meter Schnee, aber wir hatten schon etliche traumhafte Tage mit strahlendem Sonnenschein und guten Plusgraden. Diese Jahreszeit bietet die herrlichsten Tage im gesamten Jahreskreis. Sie haben aber auch ihre mitunter unerwarteten Tücken.

Ich befinde mich auf einer langen Wanderung mit dem Vierbeiner und geniesse wieder einmal im Bewusstsein, dass sich im Umkreis von mehreren Kilometern keine anderen Menschen befinden.

Der Weg hierher war schon befahrbar, denn er wurde vor einem Monat bereits wegen Flächenabrodungsarbeiten geräumt. Zwar war der Weg noch eine einzige Schlammpiste, aber mit langjähriger Erfahrung ist es ganz gut gegangen. Und wie das Auto nachher aussieht, spielt in dieser Region dankenswerterweise keine so grosse Rolle. Irgendwann regnet es wieder und dann werden Schlamm und Matsch wieder vom Lack abgewaschen. Der Himmel ist bedeckt und irgendwie fröstelt es mich, denn plötzlich kommen Winde auf.

Das Thermometer im Auto hat plus 6 angezeigt. Egal.

Nach zwei Stunden Fussmarsch ändert sich das Wetter dramatisch und eine Wolkenfront zieht wie eine Dampfwalze auf uns zu.

Die Temperatur fällt schlagartig und der Wind nimmt dramatisch Fahrt auf. Keine fünf Minuten später habe ich den Eindruck, ich stehe im Wald: Es schneit plötzlich dicke Flocken. „Der April macht‘s wie er will“ - heisst es so schön in einem Sprichwort. Morgens hatte ich noch mit alten Geschäftskontakten in Deutschland gesprochen und mir war von plus 26 Grad berichtet worden...

Da denke ich an die hiesigen Braunbären. Die haben einen cleveren Mechanismus. Wenn der Winter mit Kälte und Schnee anfängt, dann suchen oder bauen sie sich ein kuscheliges Plätzchen und gehen in den Winterschlaf. Dabei senken sie ihre Körpertemperatur ab und fahren den Stoffwechsel herunter. Bei Störungen können sie den Stoffwechsel in kürzester Zeit wieder hochfahren um eventuellen Gefahrensituationen zu begegnen. Es ist daher gar keine gute Idee sich einer vermuteten Winterschlafstelle (auf schwedisch „Ide“) zu nähern. Denn auch wenn der Bär nicht schnell genug wach ist, um eine Gefahr für Leib und Leben zu bilden, kann er durch den erhöhten Energieverbrauch später verhungern.

Dennoch scheint mir die Sache mit dem Winterschlaf irgendwie verlockend. Wenn ich ein Bär wäre und jetzt aufwachen müsste, dann würde ich bei diesem Wetter ganz schnell wieder den Kopf einziehen, mich einrollen und einfach weiter schlummern. Diese Alternative habe ich aber leider nicht, weswegen ich mich wieder auf den Rückweg zum Auto mache. Ein Tag im lappländischen April eben.

Schneeflocken im Sturzflug - Lappland m April
Schneeflocken im Sturzflug - Lappland m April


Der April-Schnee verwandelt sich umgehend in eine feuchte „Pampe“
Der April-Schnee verwandelt sich umgehend in eine feuchte „Pampe“

Outdoor-Kaffee „Made in Schweden“: Kochkaffee

Den Schweden zieht es in die Natur. Je einsamer und abgelegener der Ort, desto besser. Die ideale Sommerstuga liegt an einem abgelegenen See und hat - natürlich - weder fliessendes Wasser, noch Elektrizität.

Hinter oder neben der Sommerhütte steht ein Plumpsklo. Die Mahlzeiten werd auf einem Holzofen, der in einer kleinen Küchennische steht, gekocht.

Das perfekte Idyll?
Nicht ganz!

Denn völlig ohne Technik geht es freilich nicht:

Ein Schneemobil neuesten Baujahres parkt vor der Hütte. Und gutes Mobilnetz (mindestens 3G) ist ebenfalls obligatorisch. Etwas Luxus muss schon sein. 

Die Preise für solche Freizeithäuser sind astronomisch und übersteigen den Preis von Stadthäusern um ein Vielfaches. Zurück zum Idyll. 

Was kann es schöneres geben, als bei strahlendem Sonnenschein am Lagerfeuer am Ufer eines noch zugefrorenen Sees zu sitzen. Am besten nach einer langen Tour mit dem Schneemobil. Wer schweigen mag, schweigt, wer sich ins Gespräch vertiefen will, hat auch dafür die besten Voraussetzungen.

Geheimtipp für Unternehmer und Berater: Diese Atmosphäre bietet sich vorzüglich für schwierige oder festgefahrene Vertragsverhandlungen an. 

Und was verleiht der harmonischen Runde am Lagerfeuer den Ritterschlag?

Richtig! Ein auf dem offenen Feuer zubereiteter Kochkaffee.

Eine kleine schwedische Kaffeekunde hatten wir 2012 hier schon einmal gebloggt.

Heute wollen wir uns einmal dem „echten“ Kochkaffee („Kokkaffe“) zuwenden. Zubereitet wird er in einem Kaffeekessel - meistens aus Aluminium - über dem offenen Feuer. 

Auf der Feuerstelle wird zunächst Holz gestapelt. Am besten so über Kreuz, dass der Kessel später direkt auf das Feuer gestellt werden kann.

Ist das Feuer entfacht, wird der Kochkaffee in den Kessel gegeben. Der Profi bemisst die Menge in der Masseinheit „Handvoll“. Mit der leicht gekrümmten Handinnenfläche wird der gemahlene Kaffee abgemessen. Für den auf dem Foto zu sehenden Kessel z. B. sind vier Handvoll erforderlich. Der Schwede trinkt gerne gehaltvollen (d.h. starken) Kaffee.   

Dann wird der Kessel zu zwei Dritteln mit Wasser gefüllt und auf das Feuer gestellt, bis es in seinem Innern leicht zu blubbern beginnt. Darauf hebt man ihn sogleich etwas hoch damit er nicht überkocht (siehe Bild) und lässt in so ein oder zwei Minuten ziehen. Der Trick mit dem dünnen Holzscheit verhindert dabei ernste Verbrennungen (bitte vorher einmal üben wegen der richtigen Balance).

Danach wird der Kessel auf einen Stein am Rand der Feuerstelle gestellt und durch den Ausguss wird etwas kaltes Wasser eingegossen. Dadurch setzt sich der Kaffee schneller ab und er erreicht etwas  schneller die richtige Trinktemperatur. 

Nun kann der schwedische Outdoor-Kaffee genossen werden.

Dazu wird er vorsichtig in Tassen oder Becher gefüllt (nicht mehr als eine Vierteltasse). 

Den frischen Kaffee - der stets immer noch etwas Kaffeesatz enthält - derart zu schlürfen ist ein Genuss für Seele und Gaumen. Ist der Kaffee dann leer, werden - ohne den Kessel zu reinigen -  einfach eine neue Ladung Kaffee und Wasser nachgefüllt und die Kochzeremonie kann erneut beginnen.

Outdoor-Kaffee „Made in Schweden“: Kochkaffee

VERORDNUNG (EU) 2017/2158 DER KOMMISSION

VERORDNUNG (EU) 2017/2158 DER KOMMISSION

Das war wirklich knapp.

Frech hat sie mich angeschaut von ihrem Platz auf meinem Teller aus.

Verführerisch und gaumenschmeichelnd.

Gebräunt und knusprig, schön anzusehen.

Aber leider seit einigen Tagen illegal.

Sorry, meine Beste.

Mit den besten Grüssen von der EU und vom Einschlitztoaster.