Unerwarteter Besuch in Lappland zum schwedischen Nationalfeiertag

Das Wetter hatte ein Einsehen mit dem heutigen schwedischen Nationalfeiertag - zumindest hier in Lappland. Eine temporäre Hitzewelle und viel Sonne.

Zur Feier des Tages gab es kein Spalier mit Winkelementen sondern unerwarteten Besuch in Form einer Herde Rentiere, die sich genüsslich durch den Blätterwald im Garten gefuttert hat. Und weil es ja Nationalfeiertag war, durften sie das dann auch tun.

Das zutrauliche Tier im Bild war übrigens nur ca. 1,5 Meter von den staunenden und kaffeschlürfenden Zuschauern entfernt.

Tentiere als Besuch in Lappland zum schwedischen Nationalfeiertag
Blick durch das Fenster der Veranda: Unerwarteter Besuch zum Nationaltag

neue serie: #lappland_diaries_may_2019

„Alles neu macht der Mai“ oder „Am 30. Mai ist der Weltuntergang“? Dankenswerterweise haben wir den Mai jedenfalls überstanden.

Der Mai ist immer ein besonderer Monat um den Polarkreis. Der Winter wird zum Frühling (und manchmal - nicht dieses Jahr - bereits zum Sommer). Schneefall, Schneematsch und Glätte mit bisweilen sehr kalten Frostnächten wechseln sich ab mit schönen, sonnigen Tagen und die Natur und Tierwelt explodieren förmlich wieder. Über die Wetterlage („Aprilwetter im Mai“)hatten wir kürzlich schon einmal geschrieben.

Und dann ist da vor einiger Zeit die alte Liebe zum legendären HP5 wieder erwacht.

Dem inneren Ruf zu einer Neuauflage der „Lappland Diaries“ zu widerstehen, war unmöglich. Daher gibt es jetzt eine neue Serie mit Bildern aus den Höhen und Tiefen des Monats Mai am Polarkreis (eine bunte Mischung von analogen und digitalen Bildern übrigens).

-> Zur Serie: #lappland_diaries_may_2019

neue serie: #lappland_diaries_may_2019

Nachlese zur Europawahl in Schweden - Stichwort: Geheime Wahl

Die OSZE hat gesprochen und Schweden hat gehört. Wie wir bereits im Jahre 2014 erstmals berichtet hatten, gab es Probleme mit dem Grundsatz der geheimen Wahl in Schweden. 2018 hatten wir das Thema nochmals aufgegriffen.

Das Problem hier in Schweden war - einfach gesagt - dass die Stimmzettel für die einzelnen Parteien in den Wahllokalen öffentlich sichtbar ausgelegt waren. Der Wähler nahm bislang den Stimmzettel einer bestimmten Partei, steckte diesen in ein Kuvert um das Kuvert dann in sie Wahlurne zu werfen. „Geheim“ war nur das Hineinlegen des Stimmzettels in das Wahlkuvert. Der Stimmzettel musste erst einmal gut sichtbar durch das halbe Wahllokal getragen werden. Und natürlich hatten die Zettel auch unterschiedliche Farben - je nach der jeweiligen Partei.

Das hatten OSZE und die EU im Jahre 2015 (zurecht) beanstandet.

Deswegen waren wir bei der heutigen Europawahl natürlich sehr gespannt, ob die neue Lage nach der Änderung der schwedischen Wahlvorschriften auch zu Änderungen in der Praxis geführt hat.

Dankenswerterweise war das Wahllokal zu der Zeit, zu der wir wählen waren, wie leer gefegt. Deswegen waren zwei schnelle Fotos möglich, welche die praktischen Veränderungen bildlich zeigen.

Jetzt war der Ablauf so:

Am Eingang zum Wahllokal erwartet den Wähler eine freundliche Wahlhelferin (nicht im Bild), die jedem Wähler sein (leeres) Wahlkuvert in die Hand drückt.

Der Ständer mit den Stimmzetteln ist in eine Art „kleine Wahlkabine“ (Bild Nr. 1, links im Bild) umgetopft worden, sodass der Wähler jetzt die Möglichkeit hat den gewünschten Stimmzettel im Geheimen zu nehmen (und sinnvollerweise auch gleich in den Wahlumschlag zu stecken, damit neugierige Augen den Zettel nicht beim Weg zur eigentlichen Wahlkabine (Bild Nr. 2, rechts im Bild) erkennen können). Ausserdem sind alle Stimmzettel jetzt in einheitlichem weiss gehalten, sodass man die politische Couleur bei der Abgabe der Wahlkuverts an der Urne nicht durch den weissen Umschlag hindurch sieht.

Schwedisches Wahllokal Europawahl 2019
Blick auf die neue Kabine mit den Stimmzetteln

Schwedisches Wahllokal Europawahl 2019
Blick auf die eigentlichen Wahlkabinen

Die Propaganda zur Europawahl

Eigentlich kommentieren wir aus Schweden die Innenpolitik anderer Länder (lies: Deutschland) nicht, aber zur aktuell in Deutschland laufenden Propagandakampagne sei doch etwas angemerkt.

Es ist so beruhigend, dass diese Wahl anscheinend - im Gegensatz zu anderen jüngsten Wahlen und Abstimmungen in der grossen weiten Welt - nicht von angeblichen russischen Trollen beeinflusst zu sein scheint.

Das waren die guten Nachrichten. Hoffentlich.

Die gestrige Aktuelle Kamera, sorry es war die Tagesschau, hat uns jedoch gelehrt:

Wahlpropaganda und Parteinahme der untersten Schublade wird jetzt von bezahlten YouTubern (sog. „Influencern“) gemacht und durch die - eigentlich zur Objektivität und Neutralität verpflichteten und aus Steuermitteln finanzierten - öffentlich-rechtlichen Medienanstalten publikumswiksam zur besten Sendezeit kostenlos verbreitet.

Wow!

Es ist unter den besagten Videos der Influencer nicht einmal das gesetzlich vorgeschriebenes Impressum und auch keine ladungsfähige Anschrift angegeben.

Ach! Dafür finden wir unter "Kontaktdaten" des besagten Propagandafilmchens die Firma tubeone.com (kein Link, denn denen möchten wir keinen Traffic bescheren). Bezahlte Kampagnen und Sponsoring. Gekaufte Werbung. Gekaufte Propaganda.

Wie meinte doch Herr Schäuble am 19. Mai dieses Jahres?

Es geht also um ein bezahltes Werbevideo, das da von den Medien verteilt wird (warum kommt mir da ausgerechnet das englische Zitat „When the shit hits the fan“ in den Sinn?).

Wenn die Oma um die Ecke ein Video zu ihrem legendären Napfkuchen macht und auf YouTube hochlädt, dann darf sie keinen Elektrolux-Küchenquirl zeigen. Das wäre nämlich verbotene Werbung. Bei einem bezahlten Propagandavideo ist das nicht so wichtig, wie bei der Oma Erna. Manche sind eben gleicher als andere.

Komisch auch, dass dies von all den vermeintlichen Faktencheckern und investigativen Journalisten nicht aufgegriffen wird. Sind drei Mausklicks denn schon zuviel verlangt auf der Suche nach den Hintergründen (lies: Wahrheit)?

Übrigens: Wer sich wirklich die Zeit nehmen, und besagtes Video bis ans Ende anschauen würde, der kann hören:

Zuerst wird die FDP extrem schlecht geredet, danach:
... wählt nicht die SPD,
... wählt nicht die CDU
... wählt nicht die CSU
... schon gar nicht die AfD
[...] wir können sowieso gar nichts ändern [...]

[...] Grüne und Linke sind eine Option [...]

Ende des Zwischenrufes.

Aber es soll ja noch einige Mitmenschen mit Medienkompetenz geben. Hoffentlich. Quo vadis Europa?

Gehabt Euch wohl.

PS 1: Bei uns in Schweden ist das alles ganz anders. Unser Ministerpräsident fährt extra nach Berlin um dort eine europäische deutsche Bratwurst zu essen. Seht selbst:



PS 2: Geht wählen! Bitte!

Christentum 4.0 - Auf dem Weg zur „Gott App“

Vorwort: Schweden ist das Land, in dem Skype und Spotify erfunden und entwickelt wurden. In Sachen Digitalisierung befindet sich Schweden in der europäischen Spitzengruppe.

Die schwedische Internetstiftung („Internetstiftelsen“) gibt jährlich einen Rapport zur aktuellen Lage der Internetanwendung heraus. Besonders interessant ist die nach Altersgruppen gestaffelte Statistik (Zusammenfassung hier). Der regelmässige Internet-Nutzungsgrad bei den zwischen 2000 und 2010 Geborenen liegt bei 100%.

Aus dem aktuellen ausführlichen Rapport (2018) geht hervor (Seite 61f), dass bereits 26% der Kleinkinder bis zum Alter von 12 Monaten das Internet anwenden. Bei den Einjährigen sind es 37%. Ende des Vorworts.

Laufen wir da am vergangenen Wochenende guter Dinge bei gerade einmal Null Grad Celsius und dem Mai-Schneegestöber trotzend durch die Hauptstrasse in Malå. Dabei passierten wir auch die Kirche und das Gemeindehaus der örtlichen Pfingstkirche. Ein Betonklotz aus den 70ern. Nicht unbedingt schön, zudem für die heutige Zahl an Gemeindegliedern hoffnungslos überdimensioniert. Ausserdem ist das Gebäude im Winter kaum noch zu beheizen, weil die Kosten zu hoch sind; von der daraus resultierenden Klimaschädigung einmal ganz zu schweigen.

Wir laufen also so die Strasse entlang und ich lasse meine Gedanken kreisen, als mein Blick unweigerlich auf das Hinweisschild, das direkt vor dem Eingang des Gemeindehauses steht, fällt.

Da steht doch tatsächlich „11 Uhr Gottesdienst, Web-TV“ zu lesen.

Das hat mir natürlich keine Ruhe gelassen und tatsächlich: Da werden Predigten für den Gottesdienst live gestreamt oder als Konserve vom entsprechenden YouTube Kanal der schwedischen Pfingstbewegung gezeigt.

Effektiv! Das liegt auf der Hand.

Der Pastor ist in solch einer Gemeinde schliesslich der Hauptkostenfaktor. Und für 20 Gemeindeglieder in einem Bunker, der für 250 Leute gebaut ist, werden die Finanzen schon eng.

Web-TV: Ein smarter Schachzug.

Ein ehrenamtlicher Musiker, eine Kaffeemaschine für den obligatorischen Kaffee nach der Kirche und die Organisation steht. Mehr braucht es in Schweden nicht. Und wenn die kalte Jahreszeit ansteht, kann man die Predigt auch zu Hause am Küchentisch (oder auf dem Sofa) hören und man muss nicht den ganzen Betonklotz unnötig heizen. Die Lebenslänge einer solchen Gemeinde dürfte sich damit verlängern, bis sie sprichwörtlich ausgestorben ist.

Meine Gedanken kreisen weiter und ich sehe weitere Vorteile vor meinem geistigen Auge:

- In der Zeit der Uploadfilter kann sicher gestellt werden, dass nur die gewünschte Lehre übertragen wird. Implementierte Linientreue. Nach Belieben veränderbar. Das digitale Predigtarchiv kann schliesslich jederzeit spurlos gelöscht werden. Auf Knopfdruck.

- Und über moderne digitale Werkzeuge kann auch immer gleich ein Faktencheck des Übertragenen (zudem nach wahlfreiem Masstab und dem jeweiligen „gesellschaftlichem Konsens“) durchgeführt werden. Am Bildschirmrand ist dann ein „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“ zu sehen. Das Klickvieh wird somit aktiv in die Staatsräson involviert.

- Zum Streamingangebot gibt es auch gleich noch eine Spenden App. Die App erspart die lästige Bargeldhantierung für den Klingelbeutel und der unliebsame Nachbar sieht auch nicht mehr, ob der Spender Schein oder Münze abgibt. Oder?.
Nein. So doch nicht! Wo kämen wir da hin?
Das Volk will doch Transparenz. Schreit doch regelmässig danach. Es ist für den Einzelnen bestimmt ein wohliges und sicheres Gefühl wenn die Spenden App einen automatischen Upload erstellt, und alle Spendenbeträge direkt auf den Profilen der spendenden Gemeindeglieder in einschlägigen sozialen Netzwerken veröffentlicht werden.
Mist. Dann weiss der Nachbar schon wieder wie viel von wem gespendet wurde!

- Und Gott ersetzen wir im gleichen Atemzug auch gleich mit einer App. Da soll es gerade günstig eine Vorlage von den Zeugen Jehovas geben. Sind nur ein paar kleinere Anpassungen erforderlich.

Merke:

Es gibt keine Zweifel am Fortschritt! Wehe dem, der der Vergangenheit nachtrauert! Wehe ihm!
Nur was ist, wenn ein Stromausfall das Land heimsucht? Wäre die Christenheit 4.0 dann hoffnungslos verloren?

Passender Videotipp 1: Datenpanne, das kann uns nie passieren

Passender Videotipp 2: Blick in die Zukunft - Kindertrickfilm von 1982


Sage bitte künftig niemand, er hätte es nicht gewusst!

Gehabt Euch wohl.

Christentum 4.0 - Predigt via Web-TV
Christentum 4.0 - Predigt via Web-TV


Lappland: Aprilwetter im Mai

Es gäbe so viel, worüber man schreiben könnte: die bevorstehende Europawahl, CO2, selbstfahrende Elektroautos und ungefähr 100 andere „heisse Themen“. Ich bleibe bei einem weniger heissen Thema, dem derzeitigen Wetter in Lappland.

Nach einer wirklich schönen und warmen zweiten Aprilhälfte mit ungewöhnlich hohen Tagestemperaturen um die plus 15, wurde zum ersten Mai punktgenau der Wetterschalter umgelegt. Es scheint, als ob der Winter zurück wäre. Zweistellige Minusgrade unter den Nächten und die Tagestemperaturen quälen sich um den Nullpunkt herum. Das Highlight heute: Beim ersten morgendlichen Blick durch das Fenster waren 5-10 cm Neuschnee zu sehen (und während ich diese Zeilen schreibe tanzen die Schneeflocken draussen umher).

Als Aprilwetter wird - gemäss Definition - umgangssprachlich „launisches“, wechselhaftes Wetter mit rascher Abfolge von Sonnenschein, Bewölkung und Regen (mitunter Schnee und Hagel) bezeichnet.

Es sei mal dahin gestellt, ob diese mitteleuropäische Defintion so ohne weiteres auf die Regionen um den Polarkreis übertragen werden kann. Auf Schwedisch spricht man jedenfalls auch von „aprilväder“ und die Definition in der schwedischen Wikipedia liest sich fast wortgleich wie das deutsche Gegenstück.

Also: Schon dem Begriff nach gehört das Aprilwetter in den April. Das Aprilwetter selbst scheint das aber nicht zu wissen, und hat sich eigenmächtig in den Mai verzogen. Glaubt man den Prognosen, soll es die nächsten beiden Wochen unser unerwünschter Gast sein.

Noch was. Der ungewöhnlich warme April hat in Südschweden schon zu den ersten grösseren Waldbränden geführt und der viel zu geringe Niederschlag im zweiten Jahr in Folge führt dazu, dass schwedische Behörden - allen voran das SMHI - bereits vor bevorstehendem Wassermangel in der Region um Stockholm und Uppsala warnen.

Belassen wir es dabei für heute. Könnte ein spannendes Jahr werden.

Lappland: Sonnenuntergang über einem See
Was fürs Herz: So schön war es vor einer Woche...