Die Schweden und der Alkohol

Alkohol in Schweden - Balsam für die schwedische Seele?

Vorbemerkung: Dieser Artikel basiert auf allgemein zugänglichen Quellen, Statistiken sowie eigenen Wahrnehmungen aus den zurückliegenden zehn Jahren, in denen wir hier leben.  Wie bei allen empirischen und evidenzbasierten Aussagen kann kein Rückschluss auf einzelne Individuen gezogen werden. Es geht hier vielmehr um die Beschreibung des Zustandes der schwedischen Gesellschaft und die Tendenzen innerhalb derselben im Allgemeinen.

Das schwedische statistische Zentralbüro (SCB) hat kürzlich die Ergebnisse einer grossen Studie zum allgemeinen Gesundheitszustand der Einwohner Schwedens veröffentlicht. Die Studie wurde von 2013 bis 2016 in der Altersgruppe von 16 bis 84 Jahren durchgeführt. 

Ein Teil der Ergebnisse ist schockierend: 

Jeder fünfte Mann und jede achte Frau in Schweden sind Alkoholiker. In Västerbotten z. B. sind 14% der Männer und 12% der Frauen, in Norrbotten 18% der Männer und 12% der Frauen betroffen. Die meisten Alkoholiker gibt es - der Studie zufolge - in Stockholm und Uppsala.


I. Anlas genug, sich der Thematik hier einmal anzunehmen. Ausgangspunkt soll eine geschichtliche Betrachtung des Verhältnisses der Schweden zum Alkohol sein.

Probleme mit dem Alkohol gab es in Schweden bereits vor Jahrhunderten.

Nach langen und leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um das Pro und Contra erfolgte im Jahre 1766 durch König Adolf Fredrik ein Erlass, nach dem alle Beschränkungen im Zusammenhang mit der Produktion und dem Konsum alkoholhaltiger Getränke aufgehoben wurden. 

Ein Ergebnis der königlichen Verfügung war, dass schlagartig beinahe alle schwedischen Haushalte mit der Herstellung alkoholhaltiger Getränke begannen. Die Folgen zeigten sich u. a. in der Landwirtschaft, denn grosse Mengen an Getreide und Kartoffeln, die eigentlich als Viehfutter  gedacht waren, flossen jetzt in die Produktion der hochprozentigen Getränke.

Schätzungen zufolge gab es zum Beginn des 18. Jahrhunderts in Schweden ungefähr 175.000 private Schnapsbrennereien.  

Staatliche Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. 

Fünfzig Jahre später entstand in der Stadt Falun, in Darlana gelegen, eine erste Beschränkung. Es wurde das erste Alkhoholmonopol gegründet und war ganz im Sinne der staatlichen Interessenlage.

Die Stadtverwaltung hatte nämlich beschlossen, dass der Alkoholverkauf in der Stadt reguliert werden und „verantwortungsvoll“ erfolgen sollte.

Auf Reichsebene wurde es dann 1860 illegal, alkoholhaltige Getränke an Personen unter 18 Jahren zu verkaufen und eine neue Herstellungsverordnung verbot die seit 1766 legale Heimbrennerei.

Ebenfalls im Jahre 1860 öffnete in Göteborg die erste staatlich zugelassene Bar, die den Namen „AB Göteborgssystemet“ hatte. Die Regelungen sahen vor, dass angetrunkenen Personen die Bedienung verweigert und gekaufte Spirituosen nicht mitgenommen werden durften, sondern an Ort und Stelle verkonsumiert werden mussten. 

Dieses System setzte sich auf breiter Front durch und bald war das gesamte Land mit solchen staatlich reglementierten Bars überzogen. Nachdem das Konzept sich so schnell durchgesetzt hatte wurde 1870 beschlossen, dass die Gewinne aus den Bars an den Staat zu fallen hatten.

Während des ersten Weltkrieges war Alkohol in Schweden strikt rationiert. 

Seit  Beginn des 19. Jahrhunderts gab es zudem eine neue sund tarke gesellschaftlichen Kraft: Die so genannte „Nüchternheitsbewegung“ („Nykterhetsrörelsen“). 

Zahlreiche Vereine, Gemeinden und andere Organisationen engagierten sich gegen die Trunksucht in Schweden. Dadurch entstand eine breite Front, die zu einer der stärksten Einflüsse in der zeitgenössischen Politik wurde.

Um die gesellschaftlichen und individuellen Probleme mit dem Alkohol von staatlicher Seite aus in den Griff zu bekommen, wurde - zunächst in einigen Landesteilen lokal ab dem Jahre 1914 und landesweit ab 1917 - das System der „Alkoholbezugsbücher“ („Motbokskontrollen“) eingeführt. Das nun neu geborene System hörte auf den Namen „Brattsystemet“, benannt nach einem der Erfinder, dem Arzt Ivan Bratt.

Die Idee war einfach, aber effektiv: 

Ein individuelles Bezugsheft berechtigte zum Einkauf alkoholischer Produkte. Jeder Einkauf wurde im Heft mit Datum, sowie Art und Anzahl der gekauften Produkte vermerkt. Nicht alle Schweden hatten Zugang zu einem solchen Bezugsheft. Wer unter 21 Jahren alt war, oder bereits bekanntermassen Alkoholprobleme hatte, blieb beim Einkauf aussen vor. 

Im gleichen Jahr, 1917, wurde auch das „Aktiebolaget Spritcentralen“ gegründet (umgangssprachlich als „Vin & Sprit“ bezeichnet), das ein staatliches Monopol auf den Verkauf aller alkoholhaltigen Getränke erhielt.

Der Kampf um den Alkohol und die Trunksucht in Schweden hatte dann seinen Höhepunkt im Jahre 1922. 

Es kam zu einer landesweiten Volksabstimmung mit der Frage, ob der Verkauf alkoholhaltiger Getränke in Schweden generell verboten werden sollte. Das Ergebnis war so knapp, wie man es sich nur vorstellen kann.

Von insgesamt 3.302.483 Wahlberechtigten nahmen 1.820.452 (d.h, 55,1 %) an der Abstimmung teil (mehr Personen, als an der Reichstagswahl 1921 teilgenommen hatten, nämlich nur 54,2 %). 

Das Wahlergebnis über das Verbot vom Verkauf des Alkohols lautete:  
925.097 Nein-Stimmen (51 %) und 889.132 Ja- Stimmen (49 %). Insgesamt 6.223 Stimmen waren aus formellen Gründen ungültig. 

Die Gegner eines generelles Verbotes konnten sich also nur um Haaresbreite nicht durchsetzen. Nach der Volksabstimmung beschloss der Reichstag somit kein generelles Verbot, setzte aber die äusserst restriktive Alkoholpolitik fort. 

Die Alkoholbezugsbücher blieben infolge der restriktiven Politik bis 1955 erhalten. Ebenfalls 1955 wurde das staatliche Alkoholmonopol auf das heute immer noch existierende „Systembolaget“ übertragen. 

Die Anforderungen an das Recht zum Kauf alkoholhaltiger Getränke wurden verändert und hinzu kam, dass der Verkauf nicht erfolgen durfte, wenn damit zu rechnen sei, dass der Käufer die gekauften Waren an Dritte weiterverkaufen oder weitergeben würde.

Die Abschaffung der Bezugsbücher zeigte dennoch spontanen Erfolg: 

Der Verkauf von alkoholhaltigen Getränken stieg bereits im ersten Jahr nach der Abschaffung um 25 %. Um diesem neuen Trend entgegen steuern zu können wurden kurze Zeit später Steuererhöhungen auf alkoholhaltige Getränke und eine Ausweispflicht beim Kauf eingeführt.

1969 wurde das Mindestalter für den Einkauf auf 20 Jahre gesenkt.

Das Systembolaget ist noch heute die exklusive Bezugsquelle für alkoholhaltige Getränke (mit Ausnahme des sog. „Leichtbiers“ („Lättöl“), das maximal 2,25 Volumenprozent Alkohol enthalten darf). Sogar die Öffnungszeiten des Systembolaget sind staatlich geregelt. 

Sonntags ist stets geschlossen und an Samstagen ist nur bis zwischen 13 und 15 Uhr geöffnet (je nach der Grösse der Filiale).

1979 wurden neue, verschärfte Regeln für die Werbung für alkoholhaltige Getränke erlassen. Werbeanzeigen durften ab diesem Zeitpunkt nur noch in besonderen Fachzeitschriften veröffentlicht werden.

1995 wurde Schweden Mitglied der EU. 

Im Zuge dessen wurden auch die Regeln um den Alkoholverkauf angepasst. Nach einer Entscheidung des EuGH durfte das Monopol des Systembolagets beibehalten werden. Der  Direktimport alkoholhaltiger Getränke aus anderen EU-Staaten ist seitdem aber zulässig, weil sonst die unmittelbar aus dem EU-Vertrag folgende Waren- und Dienstleistungsfreiheit beeinträchtigt würde. 

Dasselbe gilt nach Ablauf der siebenjährigen Übergangsfrist im Jahre 2002 auch für die private Einfuhr alkoholhaltiger Getränke aus anderen EU-Ländern.

Soweit der geschichtliche Hintergrund.


II. Nun zu Empirie und Statistik.

1. Die Begrenzungen in Sachen Alkohol gelten u. a. auch in der Apotheke und bei Koch- und Backwaren. Der Hustensaft in Schweden ist alkoholfrei (was die interessierten Fragen einiger schwedischen Besucher erklärt, ob wir denn „deutschen Hustensaft“ für sie hätten). Gleiches gilt für eingelegte Kirschen oder Backaromen.

2. Die Anonymen Alkoholiker gibt es natürlich auch in Schweden. Sie hören hier auf den Namen „Länkarna“ und machen eine durchweg grundsolide Arbeit. Leider wird das meist segensreiche Wirken nicht allerorts erkannt. In einer Kommune ganz in der Nähe wurde z. B. im vergangenen Jahr der subventionierte Mietvertrag der kommunalen Grundstücks- und Wohnungsbaugesellschaft über das Vereinshaus der Länkarna mit der Begründung gekündigt, dass sich alle Betroffenen mit Alkoholproblemen doch einfach direkt an die Kommune wenden könnten. Unklar ist, an wen sie sich wenden sollen und welche Hilfe sie dort erhalten können. Von der Frage, dass die Betroffenen dann gleich kommunal aktenkundig sind einmal ganz abgesehen. So kann kein Vertrauen aufgebaut werden, dass die Grundlage jeder Veränderungsmöglichkeit ist.

3. Früher waren in Deutschland die „Butterfahrten“ populär. In Schweden geht es eher um „Alkoholfahrten“, will sagen: Günstige Städtereisen ins europäische Ausland erfreuen sich mit dem primären Ziel des preisgünstigen Alkoholkonsums äusserst grosser Beliebtheit. Drei Tage Berlin für 79 Euro (Busreise) sind an der Tagesordnung.

4. Das seit 1860 bestehende Verbot der Heimbrennerei wird noch heute systematisch unterlaufen. In vielen Dörfern weiss jeder Einwohner sehr genau, wer eine eigene Brennerei betreibt und unter der Hand Hochprozentiges feilhält.

5. Deutlich wird, dass Probleme mit dem Alkoholkonsum in Schweden seit Jahrhunderten bestehen. Die Erklärungsversuche, warum das so ist, sind mannigfaltig. Oft wird auf die langen Winter mit der ausgedehnten Dunkelheit verwiesen. Diese würden dazu führen, dass die Menschen eine Möglichkeit zur „Realitätsflucht“ benötigen würden. Ein Körnchen Wahrheit mag sich in dieser Theorie verbergen, aber andere Länder haben auch ihre spezifischen Probleme, die sie nicht systematisch „im Alkohol ertränken“. Zudem erhellt ein Blick auf die Landkarte, dass es die ausgeprägten Probleme mit der Dunkelheit eigentlich nur ab Sundsvall nordwärts geben dürfte.

Neue Studien zeigen zudem, dass der Alkoholkonsum in Schweden weiterhin stetig steigt (während er in vielen südeuropäischen Ländern sinkt).
Der Alkohol in Schweden ist also eine Art Mysterium. 

6. Eigene Ursachenforschungen und Befragungen in unserem Freundes- und Bekanntenkreis aus den zurückliegenden 10 Jahren ergeben ein interessantes Bild. 

Fast alle der befragten Schweden geben ein aufschlussreiches Trinkschema an: Getrunken wird meist in Gemeinschaft mit anderen. 

Das läuft so ab, dass bewusst ein Rahmen zum Trinken geschaffen und organisiert (Materialbeschaffung!) wird, innerhalb dessen dann in der Regel getrunken („gesoffen“ wäre wohl hier das treffendere Wort) wird bis zum sprichwörtlichen Abwinken. In der Gemeinschaft fällt die Hemmschwelle des ansonsten allgegenwärtigen gesellschaftlichen Tabus und wenn Schweden etwas tun, dann stets systematisch, wohl geordnet und bis zum bitteren Ende. 

Besonders problematisch ist es, dass das Durchschnittsalter dieser Trinkgelage statistisch gesehen fällt. Es ist heutzutage durchaus üblich, dass die Abgänger des Gymnasiums (Altersdurchschnitt: 16 Jahre) sich regelmässig ins Koma saufen -  und das gewiss nicht mit der Flasche aus dem Leichtbierregal!

Die Schweden und der Alkohol

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Geplante Obsoleszenz, Teil 4: Töpfe mit Henkel innen, und so

Heute mal wieder ein Beitrag aus der beliebten Serie zur geplanten Obsoleszenz. Diesmal von der gefährlicheren Sorte.

Es ist eine Sache, wenn die Kompaktkamera nach einer bestimmten Anzahl an Auslösungen geplant den Geist aufgibt. Als wir seinerzeit die statistischen Auffälligkeiten bei der Lebensdauer bestimmter Produkte aus dem fotografischen Umfeld erkannt hatten, sind wir erstmals auf das Thema aufmerksam geworden.

Die geplante Obsoleszenz begegnet uns im Alltag in vielfältigen Facetten und ist heutzutage omnipräsent. Ist ja irgendwie auch verständlich, denn Konsum und Wirtschaft müssen schliesslich am Laufen gehalten werden (Stichwort: Konsumismus).

Was aber, wenn sich das Phänomen in Bereichen zeigt, bei denen es zu ernsten, ja lebensbedrohlichen Gefahren führen kann? Und das ist nicht nur bei Herz-Lungen-Maschinen der Fall.

Was ist geschehen?

Vor einigen Tagen versammelte sich die Familie unerwartet und mehr oder weniger hungrig um den grossen Küchentisch. Ein Blick in den Kühlschrank führte zur Erkenntnis: Es gibt eine Suppe. Gesagt, getan.

Nach einigen Minuten köchelte eine Champignoncremesuppe beschaulich vor sich her. Der Einfachheit halber wollte ich den Suppentopf einfach in die Mitte des gedeckten Tisches stellen. Gar keine gute Idee. Denn als ich zu den Topflappen griff und den Topf vom Herd in Richtung Tisch transportierte gab es einen metallischen Knall und ich hatte den Topf mit einem Henkel in der rechten Hand, den anderen Henkel in der linken Hand und ungefähr zwei Liter Champignoncremesuppe flächendeckend um mich herum verteilt. Es grenzte an ein Wunder, dass niemand dabei eine grössere Portion abbekommen hat, denn die kochendheisse Suppe hätte zu gediegenen Verbrennungen führen können. Ich war stinksauer.

Abend grub ich in dem Ordner mit Kaufbelegen und tatsächlich: Die Quittung vom Kauf war noch vorhanden. Das Teil war ein Markentopf der preislichen Mittelklasse mit zwei Jahren Garantie (die Veröffentlichung des Herstellers behalte ich mir vor). Vor exakt zwei Jahren und drei Monaten gekauft.

Ich zeigte den Topf einem befreundeten Matallhandwerker, der nur kurz lächelte und mich sogleich auf die absolut mangelhafte Ausführung der Schweisstellen aufmerksam machte. Er meine sinngemäss es sei erstaunlich, dass die Henkel überhaupt so lange gehalten hätten. Es sei abzusehen gewesen, dass die Henkel nach einer bestimmbaren Anzahl von Nutzungen abbrechen würden.

Was soll ich sagen? Müssen wir künftig als Verbraucher - wenn wir denn solche von der „mündigen“ Sorte sein wollen - alle Produkte erst einmal fachmännisch auf Schwachstellen untersuchen lassen? Oder müssen (besser: sollen) wir jetzt alle Gegenstände und Geräte künftig einen Monat vor Ablauf der Garantiezeit einfach wegwerfen?

Beim Kochtopf geht es - im Gegensatz zum „elektronischen Spielzeug“ - immerhin um einen Gegenstand, dessen Versagen zu erheblichen Gesundheitsgefahren führen kann.

Bin etwas ratlos aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass da etwas gewaltig schief läuft.

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In eigener Sache: DANKE!

Ein Jubiläum in Lappland. Ist das ein Grund zum Feiern oder zum Trauern? Gute Frage. Jedenfalls haben wir gefeiert, denn "Mann" gönnt sich ja sonst nur wenig. Ein herzliches Dankeschön an die beste Ehefrau der Welt und an alle Gäste (ganz besonders an einen guten Freund der Familie).

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DANKE, DANKE, DANKE

Ich wusste, dass Ihr die Besten seid! Wir haben ein beschämend grosses Echo auf den Aufruf erhalten und viele (!!!) Kugelschreiber sind beim Empfänger gelandet und werden demnächst noch bei ihm landen. Ein riesengrosses Dankeschön an alle, die sich gemeldet und beigetragen haben. Ihr habt die Welt - zumindest die Welt eines kleinen Jungen - besser gemacht. DANKE!
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Aufruf: Bunte Kugelschreiber mit Werbeaufrduck gesucht

Heute brauchen wir die Hilfe aller Leserinnen und Leser. Vergangene Woche sind wir auf eine Kleinanzeige auf der schwedischen Plattform "Blocket" aufmerksam geworden.

Bildschirmfoto 2017-01-04 um 16.39.10


Dort bittet die Mutter eines 10-jährigen autistischen Jungen um Mithilfe.

Ihr Sohn hat nämlich ein Spezialinteresse: Er sammelt Kugelschreiber, am besten bunt und mit Werbeaufdruck. Seine Kugelschreibersammlung ist wohlsortiert und ist sein "Ein und Alles". Die Mutter sucht nun händeringend nach weiteren Kugelschreibern.

Deswegen unser Aufruf: Wer überflüssige Werbekugelschreiber in seinem Bestand hat (müssen nicht mehr funktionieren!), möge bitte per Mail Kontakt mit uns aufnehmen. Wir vermitteln dann den Kontakt. 

Danke schön!


kugelschreiber_01_2016

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2017

Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.


- Urheber umstritten

Deswegen belasse ich es vielleicht besser bei einem Rückblick auf das zurückliegende Jahr, als einen Ausblick auf das neue Jahr zu wagen.

Wie immer liegt der Fokus meines "Jahresendbeitrages" auf Schwedisch-Lappland um mich nicht in die Versuchung zu bringen, Gesellschaft und Politik im Allgemeinen zu kommentieren.

Nordschweden hat im alten Jahr unter deutlich grösserem Sparzwang gelitten, als in früheren Jahren. Spürbar wird was an mancherlei Stellen. Gespart wird z. B. am Unterhalt der öffentlichen Wege und der Schneeräumung. Auch die Wartezeiten im Gesundheitswesen sind weiter gestiegen. Von Angestellten im Gesundheitswesen und in der Altenpflege haben wir dieses Jahr katastrophale Berichte gehört. Ein Highlight in diesem Zusammenhang war die kollektive Eigenkündung fast aller Altenpflegerinnen in der Kommune Arjeplog. Genützt hat das freilich wenig, dort - wie auch in Skellefteå - stöhnen die Angestellten unter der Arbeitsbelastung. Neues Personal gibt es trotzdem nicht, denn in den öffentlichen Kassen ist Ebbe.


Zum Wetter: Der Winteranfang 2016 war völlig ungewöhnlich. Die vergangenen Wochen gab es immer wieder kürzere Perioden mit Temperaturen über dem Gefrierpunkt. Resultat: Es liegt exrem wenig Schnee und fast alle Strassen sind mit einer soliden Eisdecke versehen, die durch den beständigen Wind (auch sehr ungewöhnlich) abgeschliffen und fein poliert wird. Das Autofahren ist zur echten Herausforderung geworden.


Zu den "lieben" Einwanderern: 2016 sind so viele Einwanderer aus europäischen Ländern (zumeist Deutsche) in der Region aufgeschlagen, wie schon lange nicht mehr. Dazu fällt mir spontan eine Anekdote aus Kindertagen ein:

Beim Betrachten des Verhaltens deutscher Mitbürger an italienischen Stränden meinte mein Vater oft trocken "Da hat die Exportkontrolle wieder versagt". Viel mehr habe ich zu diesem Thema auch nicht zu sagen.

Oder doch?

Ich hoffe und bete, dass die Neueinwanderer nicht noch viel mehr verbrannte Erde schaffen und zurücklassen, wie viele ihrer Vorgänger. Das Phänomen ist leider auch aus anderen Einwanderungsländern bekannt. In einem Forum habe ich kürzlich den Spruch gelesen:

"Hüte Dich vor Sturm und Wind, und Deutschen, die im Ausland sind!"  

Daher der Tipp: Von ehemaligen Landsleuten hält man hier am besten gebührenden Sicherheitsabstand. Traurig, aber wahr.


Der Tourismus: Die Zahlen steigen. Mässig, aber beständig. Sehr schade ist, welches Bild von Lappland - insbesondere bei den Paketreisen - vermittelt wird, denn Lappland ist mehr als nur ein angebliches Paradies für Schlittenhundetouren in der Winterzeit. In diesem Zusammenhang der Hinweis: Bei vielen (nicht allen) Anbietern von Schlittenhundetouren führen die Hunde ein jämmerliches und erbärmliches Dasein. Der Blick hinter die Kulissen sei dringend empfohlen.


Die schwedische Wirtschaft: Die politischen Pläne für die Grossregion Nord sind dieses Jahr (wieder einmal) gescheitert. Viele hatten sich davon eine Stärkung der Wirtschaft in Nordschweden erhofft. Nun wird es wohl wieder einige Jahre bis zum nächsten Anlauf dauern. Ich finde das Scheitern nicht so dramatisch, denn bei jeder Zentralisierung gehen Eigenständigkeit und Bürgernähe verloren. Die kürzlich angekündigte neue Schwerverkehrsabgabe wird dafür sorgen, dass die Wirtschaft im Norden leiden wird. Denn hier sind alle Wege geografisch bedingt weiter, als in Südschweden. Preissteigerungen werden die Folge sein.

A propos Preissteigerungen: Die Inflationsrate in Schweden hält sich unter zwei Prozent. Subjektiv wahrgenommen ist die kontinuierliche Preissteigerung bei Gütern des täglichen Bedarfs aber deutlich spürbar und liegt bei - im begrenzten Portfolio gemessenen Bereich - eher bei fünf Prozent. 


Bildung und Ausbildung:
Schweden klagt nach wie vor über die sich verschlechternden PISA-Resultate. Die Diskussionen darüber werden heiss geführt (und ich will mich in der Sache gar nicht dazu äussern), aber seriösen Einwanderern mit schulpflichtigen Kindern sei ausdrücklich geraten, sich im Vorfeld schlau zu machen, in welchen Kommunen die Bildung besser funktioniert. Was mir in diesem Zusammenhang besonders auffällt ist die zunehmende Zahl an Kindern und Jugendlichen in Schweden, die mit schwerem ADHD diagnostiziert werden.

Der in Schweden sehr populäre Genderismus hinterlässt übrigens auch im Schulwesen deutliche Spuren. Es ist mittlerweile ein Benachteiligungsmerkmal, wenn man das "falsche Geschlecht" hat: Die schulischen Leistungen von Jungen sind im Vergleich zu denen von Mädchen auf einem historischen Tiefstand (Tendenz: Weiter fallend).

Bei alledem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auf mittelfristige Sicht auf eine gesellschaftliche Katastrophe zusteuern. 

Nun sind wir gespannt, was uns 2017 bringen wird. Wir hoffen das Beste.

Allen Leserinnen und Lesern eine guten Start in das neue Jahr!

2017 - Ungewisse Zukunft
Ungewisse Zukunft

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