Umgekehrte „digitale Kompetenz“ im nordschwedischen Flachland - eine Rolle rückwärts bitte!

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an die ersten Schritte in Sachen „webbasierte Ausbildungen“. Das war im Jahre 2006; das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz war in Kraft getreten und ich hatte - zusammen mit Daniel Burchard - eines der ersten Bücher zum neuen Gesetz verfasst.

Seinerzeit war ich sehr aktiv im Ausbildungs- und Seminargeschäft tätig. Völlig „old school“ so mit Overheadprojektor und Flipchart und so. Heutzutage gibts ja Powerpoint-Präsentationen und Hologramme. Die beiden Letztgenannten sind zwar überaus praktisch (unter der Voraussetzung, dass die Technik mitspielt, was sie manchmal sogar macht), aber mit diesen Hilfsmitteln sind Seminare eben überhaupt nicht pädagogisch. Das soll hier aber kein Exkurs über die pädagogische Gestaltung von Seminaren und Präsentationen werden, sondern es soll um digitale Kompetenz gehen.

Kurz nach dem Erscheinen des Buches über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) wandten sich die ersten Anbieter von webbasierten Onlineschulungen an mich. Mit einem Anbieter von Onlineseminaren wurde ich einig und es begann eine intensive Zeit des Umdenkens und Umlernens. Die klassische an analoge Medien gebundene juristische Pädagogik war auf digital umzustellen. Ich gebe zu, dass die Umstellung bei mir ein paar Monate gedauert hat. Als das Produkt fertig war, war die Begeisterung beim Auftraggeber wie auch bei mir gross.

Heutzutage sind wir nicht nur 15 Jahre älter, sondern auch einen grossen „technologischen“ Schritt weiter gekommen, denn jetzt ist „digital“ das neue Ausgangsformat. Alles ist entweder schon digitalisiert worden, oder es wird in nächster Zukunft digital werden.

Schweden ist hier ein Vorreiter.

Ein Auto zulassen? Geht schon lange übers Web. Buchhaltungsunterlagen und Steuerklärung einreichen? Geht schon lange übers Web. Einen Arzt sprechen? Geht auch übers Web. Die Digitalisierung hat in Schweden systematisch alle Lebensbereiche durchzogen. Soweit so gut.

Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass ca. 98% der schwedischen Haushalte über einen Internetanschluss verfügen und dass ca. 95% der Bevölkerung regelmässige Internetanwender sind.

In der Gruppe der 66-75-jährigen 61% und bei den über 75-jährigen sind es 70%, die Internetanwender sind. Etwa eine Million der derzeit 10,23 Millionen Schweden nutzen das Internet täglich (ca. 10%) und unter denen, die das Internet nicht täglich anwenden, ist die Gruppe der 66+ Jährigen stark überrepräsentiert (ca. 74%).

Statistik klingt immer erst einmal wissenschaftlich und „gut“.

Die absoluten Zahlen sprechen aber ein anderes Bild. Man führe sich vor Augen, dass 5% der schwedischen Bevölkerung ungefähr 500.000 Menschen entsprechen. Bedeutet im Klartext, dass gerade unter älteren Mitbürgern (die Gruppe der 66+ Jährigen) immerhin mindestens 160.000 Menschen überhaupt kein Internet verwenden und damit auch von allen rein digital vorliegenden Informationen ausgeschlossen sind.

Nebenbei: Eigene Datenerhebungen (die freilich nicht auf wissenschaftlichem Niveau liegen) zeigen, dass ältere Mitmenschen hauptsächlich soziale Medien nutzen. Die Nutzung dient meist zur persönlichen Unterhaltung und Zerstreuung und um mit den Familienmitgliedern in Kontakt bleiben zu können. Dieser Umstand kommt im oben verlinkten Rapport zur Internetnutzung in Schweden übrigens geflissentlich nicht sehr deutlich zur Sprache.

Zurück zum Ausgangspunkt:

Wir dürfen konstatieren, dass ein - in absoluten Zahlen - grosser Teil der schwedischen Bevölkerung das Internet nicht verwendet. Nun liegen heutzutage beinahe alle Informationen - im Gegensatz zur Ausgangslage vor 15 Jahren - in erster Linie digital vor und müssen also den nicht digitalaffinen Einwohnern zu gleichen Bedingungen zugänglich gemacht werden. Eine digitale „Rolle rückwärts“ sozusagen. Und da hapert es ganz ordentlich.

Die Tage sind wir auf die gedruckte Version des Mitteilungsblattes der Gemeinde Malå aufmerksam geworden, die den Vogel abgeschossen hat. Bis vor Kurzem gab es das informative und umfangreiche Mitteilungsblatt auf Papier und wurde mit der Tagespost an alle Haushalte ausgeteilt. Nun hat man sich anders besonnen und auf digital umgestellt. Offenbar wurde dieses Projekt von jüngeren „digital natives“ umgesetzt, in deren Leben papiergebundene Informationen keine nennenswerte Rolle mehr spielen.

Denn in der neuen Papierausgabe des Mitteilungsblattes - die, nebenbei angemerkt, nicht mehr an alle Haushalte ausgeteilt wird, sondern nur noch an einigen wenigen ausgewählten Stellen im Zentralort zur Mitnahme ausliegt - hat sich ein fataler Fehler eingeschlichen, den nur „digital natives“ verbrochen haben können.

Es ist der umgekehrte Fehler, den "wir" zum Beginn der Digitalisierung begangen haben. Damals hatten wir die „papiergebundene“ Logik eins zu eins auf digitale Medien übertragen. Das war zwar nicht gut, aber keine Katastrophe, denn Informationen auf Papier waren noch der Standard und für jeden zugänglich.

Heutzutage ist der umgekehrte Fehler aber viel dramatischer.

Was hat die Gemeinde Malå also gemacht?

Man hat den Text der Onlinepublikation einfach kopiert, in ein Textverarbeitungsdokument eingefügt und ausgedruckt. Klingt ziemlich einfach, wird aber im Ergebnis ziemlich falsch. Denn die Onlineausgabe folgt mit Hyperlinks nämlich einer völlig anderen Logik. In einem Webtext weiss der Anwender, dass sich hinter einem - i.d.R. blauen - Text ein Hyperlink verbirgt, der mit einem Mausklick zur verlinkten Quelle führt.

An und für sich ein gutes Konzept, aber eben nur fürs Web.

In den zuständigen Stellen der Gemeinde Malå hat man nicht so weit gedacht und so finden sich in der Printausgabe jede Menge Stellen mit blauem Text, der anzuklicken wäre um an die jeweilige Quelle zu gelangen (und auch einige monsterlange ausgeschriebene Hyperlinks), die papiergebunden eben alle nicht funktionieren.

fingerdeut
Vielleicht eine Art E-Paper mit Touchscreen? Fehlanzeige.


Wir haben natürlich den Praxistest mit verschiedenen Szenarien gemacht (vielleicht hatte die Gemeinde ja einen revolutionären Ansatz für papiergebundene Hyperlinks gefunden und wir wissen nur nichts davon), konnten die Hyperlinks auf dem Papier leider trotz grosser Anstrengung nicht zum funktionieren bekommen.

mausdeut
Vielleicht mit der Maus? Ebenfalls Fehlanzeige.

hammer
Der letzte Versuch mit drastischeren Mitteln: Ebenfalls Fehlanzeige...


In Bezug auf die ausgeschriebenen Monsterlinks:

Liebe Gemeinde, ihr erwartet doch nicht im Ernst, dass man diese 80 Zeichen langen kryptischen Zeichenfolgen von Hand in die Browserleiste des Computers eintippen soll? Insbesondere wenn man über keinen Computer mit Internetzugang verfügt.

Im Ergebnis: Die Diskriminierung wird konsequent durchgezogen. Diesmal sind es diejenigen, die sich nicht im Internet bewegen (wollen oder können), in erster Linie ältere und behinderte Menschen.

Kümmert aber anscheinend keinen.

schriftgroesse
Vielleicht mit einem Elektronenmikroskop lesen?

Oh, und noch ein Detail ist ziemlich unverschämt:

In der Detailaufnahme sieht man die gewählte Textgrösse. Wer noch jung ist und gute Augen hat, kann 3 Millimeter Buchstabengrösse lesen. Für ältere Mitmenschen oder Menschen mit Sehschwäche wird es - auch mit Lesebrille - ein nicht ganz einfaches Unterfangen. Scheint aber auch keinen zu kümmern (s.o.).

Und diesen Fauxpas der Gemeinde Malå bezahlen wir auch noch mit unseren Steuergeldern.

Wer wählt sowas?